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für einen Monat Tagebuch also und gestern bekam ich fünf Notizbücher geschenkt. Wer hätte das gedacht, bin natürlich ein bisschen gerührt über die Einschätzung, dass ich ab dem 37. Geburtstag also eher schreiben als lesen soll (fertige Literatur bekam ich schon auch), oder einfach so: die Lieben wollen, dass ich weiterschreibe und ich kann das in versch. Varianten angehen, mit oder ohne Einband, groß, klein – aber immer blanko, unliniert (begonnen im roten, auch mit dem Vorsatz, das Tagebuch eben – wie ganz früher – per Hand zu schreiben). Den Briefwechsel Celan-Bachmann in die Hand genommen (auch der wurde gestern hereingeweht, zusammen mit Olivenöl und Schampus) und mit ein bisschen Wehmut denk ich an die Briefzeit, an jenes stete Adressieren und Abholen von Briefen und bin auch verwundert, wie viel Zeit dafür zur Verfügung stand, ja natürlich. Dann las ich Celans Allerseelen-Gedicht, Findlinge, Sterne, Schwarz und voll Sprache – jedes Jahr wieder denke ich an meine Kinderfron mit Chrysanthemen und Urnen und elterlich forciertem Schulschwänzen und dieses Außerhalb-Stehen von allem, weil ich nie dazugehörte – auch nicht zu den Chrysanthemenverkäufern – Plastikspielzeug u. Windräder gehörten da dazu. Eine Friedhofsgängerin bin ich auch nie wirklich geworden, obwohl: vor ein paar Tagen war ich in Lenzburg auf einem Friedhof, es regnete leicht und regnete immer weiter und zwei junge Friedhofsgärtner waren ganz in Gummiregenzeug und es kam gar kein Friedhofgedanke auf und die Namen interessierten mich nicht, nur die moderne graue Betonsiedlung gegenüber vom Friedhof gefiel mir und da bin ich wieder in das Städtchen hinunter, hab mir ein Notizbuch gekauft (das jetzt aber am Schreibtisch im Bureau liegt, für Notizen vor Ort, die großen Ringe stören eigentlich eher) und eine NZZ und bin in den Zug gestiegen, auf der Fahrt dann dicke weiße Flocken.
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immer wieder dies langsame Beginnen. Ich war unterwegs, ich war krank und schon datiert die letzte Arbeit (das letzte Öffnen des Dokuments) an der Kellerpassage von vor zwei Wochen (und dabei ist in Wahrheit noch wenig begonnen. Die Hinweise, die mir Heiz gab, seine sehr klugen Fragen, seine schlichte Interpretation bewirkten sehr wohl ein längeres Nachdenken, obgleich: ich las auf einer Neuerscheinung eines ehem. Verlagskollegen Zitate von Klagenfurter Jurorinnen und dass der Autor seinem Auftritt beim Bachmannwettbewerb im Jahr 2002 irre viel verdankt, ohne den dieses Buch nicht hätte schreiben können. Sechs Jahre ist das her und man fragt sich, was gewesen wäre, wenn der nicht aufgetreten wäre und will das Buch sicher nicht lesen).
Wie lange die Befindlichkeiten von Juroren noch nachgebetet und -gekaut werden; konfrontiert wird man eh immer mit den Negativaussagen (die sind viel haltbarer, ganz offenbar), aber vielleicht wollen Journalisten ja einfach abklopfen, wie beschädigt man (ich) aus der ganzen Sache hervorgegangen ist. Und da ich darüber nachdenke: ist das bereits eine Beschädigung oder nur Zeitverschwendung?!
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Waltz with Bashir gesehen. Ein Film – so Horst nach dem Film (es fiel uns erst einmal schwer, darüber zu sprechen) für F. Ja, F. ist als Kind mit seiner Familie aus dem Libanon geflüchtet, Anfang der 80er, also während des Libanon-Krieges, wieder besondere Situation, weil er einer christlichen Familie entstammt. Animierter Aufarbeitungsfilm über das Massaker von Sabra und Shantilla, Sept. 1982 (wurde wohl von manchen als Rachefeldzug nach der Ermordung des libanesischen Präsidenten Bashir Gemayel verstanden). Der Regisseur war selbst sog. einfacher Soldat und stellt eines Tages (nachts, in einer Bar, ein Freund erzählt ihm von einem grauenvollen Hundetraum, einem Albtraum, der immer wieder kommt) fest, dass er sich – offenbar völlig traumatisiert – an nichts davon erinnern kann. F. kam leider nicht zur Lesung in Lenzburg, ich habe ihn lange nicht gesehen, wenn er in Wien ist, meldet er sich entweder ganz knapp oder gar nicht. Nachmittags schrieb er mir, dass er sich schwach fühle (hat gar das Wort schwächeln verwendet) – und das mir, ich war ja mit Angina und Bindehautentzündung seit einigen Tagen unterwegs und ziemlich bedient, aber meine Unerbittlichkeit hat wohl etwas nachgelassen (früher hätte ich F. vom Flughafen aus angerufen und ihm gedroht oder ihn gezwungen, zu erscheinen oder ich hätte ihn tags darauf in Zürich auf- u. heimgesucht – vielleicht, denke ich jetzt, wäre er dann eh gekommen, wollte nur besonders gebeten werden, aber was weiß ich, heute ist mir das zu mühsam und wirr). So habe ich nur mit Horst gemeinsam länger an F. gedacht, über ihn geredet. Über seinen Rückzug, über seine Abstinenz von der Welt, die er neuerdings durch das Sammeln von alten Stichen noch unterstreicht, scheint mir.
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der Verlag will den nächsten Roman fixieren, vertraglich, das gefällt mir natürlich, aber es ist auch wundersam, noch ist so wenig da, was könnte da Gegenstand sein – die Tatsache an sich, ja, komisch.
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X im Jelinek getroffen, wir tauschen unsere Bücher, tauschen uns aus (wobei ich meine Neugierde offensichtlich nicht so rauslasse wie andere. Ist mir schon im Waldviertel aufgefallen, Fragen nach dem Geldverdienen [lebe von den Sparbüchern meiner Oma in ihrer Mietwohnung mit altem Vertrag] sind natürlich legitim und realistisch, kommen mir nie so leicht oder selbstverständlich über die Lippen). Wie viele Lesungen, wie zufrieden/oder nicht mit dem Verlag etc. X hat die Theorie, Lesen vor Publikum korrumpiere einen, weil man natürlich geliebt werden will und je mehr man versteht, wo die Leute lachen, desto gezielter schreibe man darauf hin. Peter z.B., der doch die meisten (viele jedenfalls) seiner Texte unmittelbar vor Lesungen verfasst, scheint komplett auf diese Lacher hinzuschreiben. Bei unseren ersten Lesungen hatte ich immer Angst, dass nach all der Heiterkeit für ihn keine Aufmerksamkeit für mich mehr übrigbleibe, dass das Gefälle (zu meinen damals doch noch viel ernsteren oder auch trockenen Texten) allzu arg sein könnte. Ergebnis war damals, dass Peter meist als zweiter las und dann so lange, bis die Zuhörer auf ihren Sitzen einschliefen oder umfielen oder er selber nach mehreren Bieren einsah, dass es dann doch jetzt genug sein könnte. An meine Sachen konnte sich da schon seit Stunden niemand mehr erinnern. So ungefähr. Heute ist es anders und als ich nach unserer letzten Lesung in Linz Peter sagte, seine Texte seien mitunter redundant, man merke ihnen die Geschwindigkeit an, aber eher als Vorbeirauschen, da gefiel es ihm gar nicht, dass ich ihn überhaupt kritisiere, ist der Grund, warum ich seine Texte nie mehr zu lesen bekomme – u. ja, gelacht wurde auch diesmal. Dass Peter derart um die Sympathien buhlen könnte, war mir lange nicht bewusst. (Und ist es ihm vielleicht auch nicht.)
Beim Lesen vor Publikum kann man ja tatsächlich zu Erkenntnissen über den eigenen Text gelangen, wie das beim Selberlesen offenbar nicht möglich ist. Es gibt einen elementaren Unterschied zwischen dem ersten Lesen nach vielen Überarbeitungs- und Korrekturphasen und dem Lesen vor Publikum, kann’s nicht präzisieren, bin aber davon überzeugt.
Mit Ćosić und Özdamar (in Lenzburg) redeten wir über die Erkenntis und das Lachen, das ist jetzt natürlich etwas anderes. Die beiden sind sehr erzählerische AutorInnen, mit lange gespannten Bögen mitunter. Özdamar, die ja auch Schauspielerin ist, verzog beim Lesen witziger Stellen immer ihre Lippen – wenn das Lachen einsetzte – und erinnerte mich dabei viel eher an eine japanische Geisha (ich hab zwar keine Erfahrungen mit ihnen, auf die sich die Erinnerung, diese Katze E. stützen könnte, aber…), die grimassierend sich dennoch an ein strenges Ritual hält, diszipliniert. War auch gleich verliebt, das hat mir so gut gefallen. Und da war es eben so, dass ich mich freute über die Lacher, die ich (auch) hatte und was heißt das dann? Ich denke, sind es gute Lacher, könnte etwas hängen bleiben im Zuhörer, das nachwirkt. Und bei mir: ich bin unkorrumpierbar, das schon u. natürlich will ich geliebt werden. Alles zusammen geht nicht, deshalb wird’s bei vereinzelten Lachern bleiben.
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Nun doch die Herzzeit – Briefwechsel Bachmann-Celan (doch – war ich skeptisch oder habe ich nur einfach, ohne sehr darüber nachzudenken, Jessica zugestimmt, dass man so viel Pathos nun wirklich nicht mehr brauche?) bis zum Ende gelesen, Kommentare und Nachwörter sind ja ebenso ausführlich wie der Briefwechsel selbst. Natürlich (naturgemäß) ist vieles enigmatisch, es hat mich auch ganz eingehüllt die Lektüre (in kalten, trüben Tagen mit wenige Muße und viel Kränkeln), so vertraut all die Gedichtzitate, auch die Umstände des Lebens und Schreibens – und das dann all ZU vertraut. Wie enggeführt auch die herausgeberische Interpretation sein mag oder doch eher ist und wie wahr auch: in mir sträubt sich doch das Meiste, es ist ja nicht einfach Pathos (das auch, aber das liegt auch an der Entstehungszeit), das mich abschreckt, es ist v.a. dies immer wieder sich im gleichen Kreis bewegen und zwar auf germanistische Art und Weise, das ich gar nicht mehr mag. Eine Germanistin war ich eh nie (wollte ich nicht sein, das sah ich aber erst später), aber auch keine Jüngerin, ich kann es nicht, kann auf Zeit in einer Literatur mich aufhalten und die Haltung dahinter wahrnehmen, das ja; aber einem Autor/einer Autorin verfallen für immer?!) Es wird auch das stets Gleiche abgeweidet, abgegrast, ohne die Gesellschaft von Neuem, so in der Art. Die Kreise (aber das liegt höchstwahrscheinlich einfach in meiner Wahrnehmung) werden nicht weiter, es bleibt immer Bachmann, Bernhard, Stifter und ein bisschen Améry. (Nicht bös sein HH, ich bewundere es dennoch.)
Auf dem Geburtstagsfest von Alexandra (viele Germanistinnen, viele mir Unbekannte, ein paar Kolleginnen) ist alles nett und lustig und nur traurig, dass der Wirt keine Kerzen für die Torte hat; der Juror raucht Zigarre und hat wohl beschlossen, mich demonstrativ zu ignorieren – dass er kindisch ist, okay, seine Sache und abgehackt, wöchentlich in seiner kindischen Befindlichkeitskolumne nachzulesen, soll sein, aber so eine minimale Professionalität, ach (vielleicht ist er einfach kurzsichtigst).
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auf dem Grund, auf dem der Turnertempel stand (eines der fast 50 jüdischen Gebetshäuser in Wien, die niedergefackelt wurden), fand heute eine Gedenkveranstaltung statt. Da ist nur ein kleines Stück Wiese, eine Straßenecke Turnergasse/Dingelstedt. Klasnic als Präsidentin des sog. österr. Zukunftsfonds erinnert mich an irgendwelche weinerlichen Pfarrer (hab doch so viele von ihnen gehört), es kommt natürlich nur (Polit-)Schaum, alles ultraweichgespült, blablabla, aus ihrem Mund, sie missbraucht die spielenden Kinder, (mich als) anwesende Mütter/Jungeltern, für ihr Geplänkel, das natürlich Hoffnung heißt. Redet von „bitterer Zeit“ und bittet um Verzeihen. Die Worte Schuld und Täter und Opfer fallen aber nicht, es graust mir und gleichzeitig habe ich ein schlechtes Gefühl auf dem Grund des ehem. Turnertempels. (Dass sie in manchen – wie vielen? – vielen? – Schulen zwar irgendwas vom Zweiten Weltkrieg lernen, aber nicht, was mit den Juden passiert ist, dass es Jugendliche gibt mit Schulabschluss, die noch nie das Wort Holocaust gehört haben, das hat genau damit zu tun. „Bittere Zeit“: da muss ich an Schicksal denken ¬– Subtext: die Hoffnung/Zukunft besteht für diese Leute doch in Wahrheit einfach darin, dass „es“ vorbei sein möge.)
In der Herklotzgasse 21 haben sie eine Ausstellung organisiert, es gab Führungen durch das unbekannte jüdische Viertel, in dem auch der Storchentempel lag (die orthodoxe Storchenschul – in einem Interview sagt die Tochter des letzten Rabbiners Weiss: „Wir waren orthodoxe Juden, natürlich, wir haben uns an alle Gesetze gehalten, aber wir waren natürlich auch modern, nicht so wie heute. Wir haben in Wien gelebt, wir sind ins Theater …“), zwei Häuser neben unserem Bäcker, dem sie vor ein paar Jahren die Autos angezündet haben. Der Storchentempel ist in der Hand von Spekulanten (Kultusgemeinde hat ihn vor einigen Jahren verkauft) und verfällt. Seit ein paar Wochen hängt ein Plakat mit der nicht funktionierenden Internetadresse einer Baugesellschaft an der Fassade, bin neugierig, ob sie endlich etwas damit machen. (Sehr detailliert der entsprechende Wikipedia-Eintrag.)
Das Brick-5-Gebäude, in dem sich die Turnhalle des jüd. Turnvereins Makabi XV (bis 1938) befindet (auch ein Waisenheim war untergebracht, ein Kindergarten – der erste Montessori-Kindergarten in Wien – und eine Ausspeisung), ist seit Jahren einer der wenigen Orte hier im Kiez (bin ja schon lange nicht mehr in Berlin, wenn das auch eines meiner Lieblingsworte, auch aktiv, ist) vulgo Grätzel, an denen konsequent unterschiedliche Kunst und Kultur stattfindet (Horst hatte eine Ausstellung da, früher versuchte Ruth Horak eine Fotogalerie zu installieren, jetzt mit Salon 5 Theater usw.) und ich freue mich jedes Mal wieder aufs Neue.
Danach sind wir (Familie) noch in eine aufgelassene Spenglerei in der Kranzgasse, Ausstellung im Fotomonat von Akademieabsolventinnen. Richtiger Off-Space, wow. Der Raum ist so großartig, dass er fast in allen Beiträgen direkt vorkommt, am neugierigsten machte mich der Text einer Künstlerin über das Beginnen in der Mitte (ja sicher, das ist ja auch mein Plan, ich behauptete es letztens, beim aktuellen Erzählprojekt finge ich einfach in der Mitte an – das ist irgendwie nicht ganz wahr, weil ich nicht weiß im Moment, wo Anfang Mitte Ende sein werden bzw. sind). Die Reflexion der eigenen Position fand statt auf einer Leiter stehend, die Künstlerin, die den Text spricht, der der Text zuzurechnen ist, fotografiert einen Hut, der auf dem Boden liegt, und einen Schirm. Muss noch den Namen eruieren. Beim Titel bin ich nicht so entschieden, wie gut der ist: Weit in der Mitte. (Doch. Eher gut.) Ob gentrifiziert oder nicht. So ein guter Nachmittag. Hier lebe ich.
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Lesezirkel. Eine Frau beginnt mit den Worten: Ich habe auch Germanistik studiert …, die nach ihr: ich habe natürlich nicht Germanistik studiert. Sind sich (wir uns) einig, dass Trojanow zu viel recherchiert hat und zu wenig literarisiert. Wie immer gediegene, freundliche Damen, die wohlwollend kluge Sätze sagen bzw. manche kommen wirklich, weil sie plaudern wollen. Leider sind die wenigsten wirklich exzentrisch, immer wieder gibt’s die eine oder andere mit einer gewissen Tendenz dazu. Der Bibliothekar stellt mich als eine der erfolgreichsten österreichischen Autorinnen vor (nachdem er in medias res ging und ich ihn unterbrach, um mich und readme.cc kurz vorzustellen), ein bisschen peinlich. Mir sind aber die gutsituierten Bildungsbürgerinnen lieber als die scheinbar so intensiven, die nicht literarische, sondern generell-naiv Fragen stellen, in den Raum hinein. Immer wieder gibt’s ja dieses Mutter-, vielleicht auch Großmutterphänomen, die tun dann so, als sei ich ein junges Mädchen, dem man ein bisschen was aus dem Leben erzählen kann. Einmal sagte eine in der Runde: Ich verstehe schon, was Sie meinen. Meine Tochter sieht das auch so! (Aber es ging um Geschichte und darum, wie sehr man die österreichische Geschichte des 20. Jahrhunderts ad acta legen kann.)
Den halben Tag als Sekretärin und Touristikerin zugebracht. Wie schön, dass die Taghelle Gegend auf Kroatisch erscheint, aber nach Pula zu kommen ohne daraus eine insg. viertägige Reise werden zu lassen und die Kosten fürs Kulturforum erträglich zu halten, gestaltet sich echt aufwändig. Klar redeten sie im Sommer von einer mehrteiligen Lesereise, davon sind die Präsentation und ein Pressefrühstück, beides in Pula, übriggeblieben.
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nach dem Abendessen im Mill singt M den ganzen Weg zum Bus (und im Bus dann einigermaßen leise: Ottos Mops kotzt, ogottogott; er kann nicht erfassen, wie sich die Episode im öffentlichen Tagebuch seiner Autorinnenmutter liest, die eigentlich dachte, sie wegzulassen – das ist schließlich so was von aufgelegt, zu viel des Guten etc. – aber dann: wenn das nicht den Weg hier hereinfindet, was dann?) das „neue“ Laternenlied, unterhält die Passanten, zuhause schreit er das Martinslied so halbwegs ins Telefon, seinem Onkel (der jetzt schon eine geraume Zeit der heilige Martin ist) entgegen (quasi Namenstagsgeschenk). Nur beim Laternenfest selber überkommt ihn wie fast alle Kinder so eine plötzliche Schüchternheit, alle singen ganz leise und die verstimmte Gitarre der Pädagogin hilft da auch nicht sehr.
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amphibisch durch den Keller, aber ich kann mich nicht verkriechen in diesem Text, es ist nicht angenehm, nimmt Gestalt an – und es „gefällt“ mir gar nicht, was natürlich nicht der Punkt ist. Bemerke einen Hang zum Mich-Abschwächen im Schreiben, wieder die Frage nach dem Radikalen. Wie sehr kann, wage ich es, das, worum es mir wirklich geht, anderen zuzumuten. Meistens war ich ja viel zu dezent, da fanden sich für die meisten noch einige Auswege, genug jedenfalls. Das hier soll anders werden.
(In einer Erschöpfungspause dann nach Ferienhäusern im Internet gesucht und ein mittelgroßes Jahrhundertwendehaus eine Minute von unserem Lieblingswirt entfernt gefunden. Der Gedanke der Vorfreude ist wahrscheinlich das Beste daran. Ich komme mir gleich viel erwachsener vor, wenn ich mir vorstelle, ein Ferienhaus zu besitzen.)
14, Z.
es hat sichtbar heruntergeschneit, der Tag trüb, war mit M am Vormittag in der Stadt einkaufen, alles ganz unspektakulär gemütlich, keine Touristen auf den Straßen, das ist ganz eigenartig. Den halben Nachmittag geschlafen, den restlichen mit Zeitungen verbracht, M hat Spaß mit den Großeltern, lässt sich wie jedesmal Socken und – diesmal auch – einen Pullunder von der Großmutter stricken (in der Schweiz nannten sie den „dépardeur“ [hab jetzt nachgeschaut, stimmt: Pullunder, aber auch „Schauermann“, was immer das ist], aber von den Romanisten kennt niemand das Wort, M hat ja schon ein paar, kein schlechter Bestand für einen noch nicht Dreijährigen. Man sieht, während M Apfelspalten isst, Lego spielt oder den Opa durch das ganze Haus jagt, den dépardeur wachsen, was friedlich wirkt).
15, Z.
W hatte gestern Abend seine Buchpräsentation (Innergebirg), waren fast alle Autorenkollegen aus dem Innergebirg da, jedenfalls die Netten, geselliger Abend, im Anschluss dann aber: der Musikredakteur E redet und redet und redet zu viel – wie auch der junge Wirt, der ein Philosophiestudium absolviert hat, aber der kann sich zumindest zwischendurch einmal zurücknehmen. Wir reden über Zeitschriften, der Wirt hat verschiedene Abos, kannte aber – wie die anderen Salzburger auch – das Datum nicht, und: nein, kein Zeit-Abo, so der Wirt ganz strikt, aus Neid: schließlich habe er selber keine Zeit für die Zeit, also gönnt er sie auch nicht seinen Angestellten und Gästen, fand ich keinen unsympathischen Ansatz.
Jetzt trifft schon die restliche Familie ein und es ist grade nicht besonders freundlich, hab mich nach oben zurückgezogen (und M malt jetzt auf der rechten Seite des Tagebuchs bzw. hat er sich schmollend verzogen und W versucht ihn zu versöhnen – dabei ist unser Sohn naturgemäß der Familien-kompatibelste, sehr kommunikativ und offen); und werde jetzt noch die letzte Erzählung aus Die durchsichtigen Hände von Xaver Bayer fertig lesen.
(Ein paar Seiten später.) Die Texte haben mich ja in ihrer Einfach- und Klarheit einigermaßen überrascht, ein paar ragen wirklich heraus, ich mag die Beiläufigkeit, das philosoph. Konstrukt hat mich meistens weniger interessiert und ein bisschen enttäuscht bin ich auch darüber, dass mir die meisten Erzählungen so ähnlich konstruiert scheinen – das ist zwar nicht ungewöhnlich (hat mich diesen Sommer auch bei Miranda July enttäuscht, deren Texte mir grundsätzlich sehr gefallen haben – der Blick auf die Welt schräger, auch sehr im Alltag verhaftet, was ich ja sehr mag), stört mich aber dennoch, wenn zu offenbar. Gar nicht mochte ich die Sci-Fi-artige Geschichte, die hab ich auch schlicht nicht verstanden und am schönsten fand ich die Höhenstraßengespräche (beginnt schon beim Titel). Bayer ist aber, anders als July – die eigentlich sehr negativ – ziemlich neutral, was mich fast überrascht, aber – um mit Sperl zu sprechen – das Zen, eine totale Neutralität wird dennoch nicht erreicht, was diese Erzählungen aber, so glaub ich, doch wollen.
Ich stelle immer wieder fest, wie erstaunt ich bin über fast jede andere Lebenswelt, -erfahrung usw. Auch die „Milieus“ der sog. Kollegen (sollte es nicht besser heißen: über die sog. Milieus der Kollegen?!) überraschen mich immer wieder. Und ich, ich denke ja gerade über die Tatsache des immergleichen Textes nach, des Immerbekannten, das in meinen Sachen auftaucht, (aber hingeschrieben stimmt es schon wieder nicht, es liegt nur daran, dass ich einfach langsam bin, in allem. Mein Interesse selber ist ja nicht langsam, aber die Beschäftigung mit diesem und jenem dauert und so vergeht Zeit und eine andere hätte schon mehreres abgehandelt, in der Zeit, so in der Art). Klar, mein Selbstbewusstsein ist diesbezüglich nicht so gut ausgeprägt und ich plage mich öfters damit, dass ich keine Berechtigung habe oder dass es sich eigentlich nur um einen Irrtum, ein Versehen handeln kann, dass ich es bin, die da schreibt, die auf sehr unterschiedliche Arten darin verstärkt wird und ja auch unterstützt. Nur wenn mich mein Vater wie letztens fragt, ob ich wahrscheinlich eher nicht eine Anstellung anstrebe, in der nächsten Zeit – dass ich gerade das dreijährige Musilstipendium erhalten hab diesen Sommer, daran wird er sich in dem Moment wahrscheinlich nicht erinnern usw. –, dann empört mich das. War aber doch auch immer so, dass ich im Durchsetzen und -kämpfen (v.a. ihm gegenüber) am klarsten wusste, was ich will kann muss. In der Verteidigung des Geistes gegenüber der Gleichgültigkeit, dem Analphabetismus, dem Stummen hab ich immer meine Worte gefunden, musste sie gar nicht suchen. (Und jetzt sitze ich hier und die „andere“ Familie schweigt unten miteinander, findet auch keine Worte füreinander, da weht es eisig herauf ins Zimmer mit bester Aussicht auf den See, es ist das Arbeitszimmer des Hausherrn. Nur mit dem Enkelkind funktioniert’s, der Rest hat und ward aufgegeben.)
16, wieder in Wien
am Irrsee vorbeigefahren, es hätte Material abgeholt werden sollen für die kommende Buchmesse, aber Thomas war, wie er abends dann am Telefon sagte, „heute nicht wach“. Kommt also alles mit der Post (hoffentlich). Dieser Rest an Organisation, an Krimskrams, der bleibt mir, ich schaffe es immer, mich irgendwo einzuklinken (einklinken zu lassen), so dass das reine In-den-Tag-Schreiben nie lange möglich ist (es ist nicht ganz wahr, weil ich mich im rechten Moment dann schon wieder herausnehme, aber nicht eben im Umfeld des Schreibens, während des langen Hinstrebens, Anfangens). Hinzu kommt mein Automatismus zum Sparen im Projektbereich, da bin ich programmiert. Mir gelingt – außer wenn’s ums Feiern oder Trinken geht und mit meinem Geld – Verschwenden einfach nicht bzw. ist das, was ich mache, sowieso weit weg davon. Mehr Aufwand, weil vordergründig Geld gespart werden könnte. Aber dass meine Zeit ja auch in Geld verrechnet werden könnte, vergesse ich meist.
Auf der Autofahrt vom Text geträumt, ein paar Momente lang wirkte es, als hätte sich etwas aufgetan/geklärt – auch diese Bewegung bringt etwas, sogar motorisiert? Bin erstaunt.
Die Berlin-Träume aus/in Z. hatte ich zwischenzeitlich schon wieder vergessen, bleiben Fragmente vom ehemals besetzten Haus und seinen Kita-Räumen. Mir werfen sie vor, darin zu rauchen (wir sind da untergebracht), das empört mich. Außerhalb des Hauses ist aber eine mediterrane Idylle, barocke Plätze fast und Christoph, der Fotograf, führt mich touristisch durch Berlin. Das Ziel ist eine Art Albert-Speer-Disneyworld im Westen (Moabit? Wedding?), aber wir haben die anderen verloren und müssen aus dem Bus aussteigen. Unser kleines Auto ist ein Mittelding zwischen Kinderwagengestell und Roller, es sieht so lächerlich aus, dass ich mich sogar vor den ehemaligen Hausbesetzern dafür schäme (vielleicht gerade vor denen …). Man kann es zusammenklagen und im Bus mitnehmen, was mir irgendwie zu denken gibt, ich nehme mir vor, W nach dem Aufwachen vorzuschlagen, doch ein größeres Auto zu kaufen.
18
Days like this. Dabei ist eh noch alles okay, geschlafen bis halb neun, aber da ich mit Kindergartenbringen dran war, saß ich erst gegen halb elf am Schreibtisch, okay. Hab jetzt einfach einen Seitenausgang (aus dem Keller) genommen, in eine Höhle, an die frische Luft jedenfalls, egal wie hoch die Feuchtigkeit darin auch sein mag. (Ist eine Short story gworden/Die Berghaltung.) Fragmente eines halbtheoretischen, ganz stark alltagsbezogenen Textes für Zintzens Salon literaire entstehen, da mag auch mit Cavell- und Rinck-Lektüre zu tun haben (und mit dem Aufschlagen eines Priessnitz-Bandes, wie immer). Nur dann: für die Messe (morgen Aufbau) sollte ich ein Stehtischchen und einen Laptop auftreiben, was Stau und Checkerei bedeutete und der Laptop kommt angeblich zu Mittag und es sind eh alle zuverlässig, aber die Sache mit dem letzten Moment, die find ich mühsam und gar nicht so lässig oder cool.
Taschenbuch-Vorschau kam heute und parallel dazu die kroatische Ausgabe der Taghellen Gegend. Hurra! Den ganzen Abend mit Post verbracht (natürlich: E-Mail). Ich erwarte mir ja auch oft etwas Besonderes, trifft natürlich selten ein, trotzdem muss ich meistens gleich nach dem Nachhausekommen schauen, ob Post da ist. (Ein verspäteter Aprilscherz von meinem Serverteam ging cirka so: da es doch so mühsam sei, permanent auf der Lauer, immer bereit sein zu müssen bzw. für manche einfach auch störend, hätten sie sich entschlossen, E-Mails ab nun nur mehr zweimal täglich zuzustellen. Ich las das und konnte es nicht recht fassen, ging davon aus, irgendetwas daran einfach nicht verstanden zu haben. Andere regten sich total auf bis zur Panik ging das – na ja, war schon ein guter Scherz. Und ist ja auch wahr. Immer auf der Lauer liegen ist eh blöd. Die meisten wirklich guten Nachrichten kommen per Telefon.)
Alle Kreise, die M zurzeit malt, sind „für die kleine Selina“, er hängt so ein Bild dann auch zuhause auf, aber dennoch.
Bin wieder in die Morawische Nacht zurückgekehrt, bin da gut aufgehoben.
G schrieb mir heute, dass es ihn so „zerreiße“, er habe erst heute kapiert, dass Sabine Achleitner gestorben ist und Fredi Kolleritsch im Wachkoma liege. Das letzte Mal am Telefon hatte Alfred von dem Routine-Eingriff gesprochen, weswegen er auch nicht zum Schmidt-Dengler-Begräbnis kommen könne. (Wir blödelten eigentlich, weil er nicht auf den Friedhof könne, sondern ins Krankenhaus und dass das die richtige Reihenfolge sei usw.) Dann las ich seinen Namen im Literaturhausprogramm und beschloss einfach, dass es ihm wieder gut gehe. Das half aber nicht so viel. Ich wollte ihn längst anrufen, sollte ihn von Hans Eichhorn grüßen, jetzt erreicht der Gruß eher nur die Antwortmaschine, was hilft das jetzt. Kolleritsch ist so alt wie mein Vater, aber der hat nie etwas zu mir gesagt wie: es ist gut, was du tust, mach unbedingt weiter. Und mich mal angerufen, einfach so und nachgefragt: schreibst du eh? Gs Dilemma (Trauma) mit Kolleritsch kann ich zwar verstehen, es wird sich wohl nie auflösen. Es ist auch im Entferntesten nicht vergleichbar mit dem, was danach kam. Ich traf ja zum Beispiel im Sommer in Stockholm Brigitte, die mich als eine Nach-Nach-Nachfolgerin von G. im Forum unmöglich machte, die mir totale Unfähigkeit und so weiter vorwarf, das war ja nicht besonders nett. Aber nach relativ kurzer Zeit war mir schon klar, dass sie eher zufällig auf mich loshaute, ihre Attacken viel mehr mit ihrer unglücklichen Situation auf der Uni (Mobbing und Frauendiskriminierung, Katschnig-Fasch) zu tun hatten als mit mir. Wir trafen uns und konnten eigentlich ganz normal miteinander reden. Aber gut, ich war zwar fertig, als ich aus Graz abhaute, aber traumatisiert wohl nicht.
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die Herkunft der Texte liegt öfter im Peripheren, man weiß ja nicht immer, warum man etwas schreibt, man weiß vor allem zuerst nicht, was man schreibt. Zum Beispiel Fragmentierung: Sennett beschreibt in einigen Büchern Mechanismen, die auch in meinen Erzählungen vorkommen (oder deren Ergebnisse, Folgen werden aufgezeigt, dargestellt, spielen eine Rolle) – aber ich schreibe ja nicht den Soziologen nach, sondern stelle so eine Übereinstimmung erst später fest, die Thematiken berühren sich; der Verlust einer durchgehenden Biografie, einer lesbaren Bio ist prägend – parallel dazu könnte man die Art und Weise, wie ich erzähle, sehen. Auch wenn es nur ein Teil, v.a. eben der nacherzählbare, ist.
Wie die Gedanken entstehen im Gehirn – und in welcher Umgebung dieses Gehirn zu existieren hat – das geht gegen Stumm- und Stumpfheit, wird ausgedehnt (das Bild des Räumlichen, der weiten Ebene, als die ein Text anfangen kann und dann erst, im Laufe der Erzählung schälen sich Wege heraus) auf Wahrnehmung, Erinnerung, Raum + Zeit (also auch Ortlosigkeit).
Fragmente bzw. eine konsequent stark strukturierte Form der Fragmentierung einerseits und Maßlosigkeit und Unbändigkeit/Ausufern andererseits. So viele reden vom großen Roman, aber der ist abgeschlossen nach allen Seiten, alles zu und eng in Wirklichkeit. Meine Figuren lassen sich gar nicht einsperren. Die tauchen plötzlich wieder auf in einem Text und man kann gar nicht sicher sein, ob oder wie sehr sie die gleichen sind, wirken plötzlich anders, oder verstellen sich.
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Zwei Lesungen in zwei Tagen, wie so oft zwei Welten.
Gestern eingebettet in ein geschmeidig-intelligentes Gespräch mit Alexandra Millner in der Schmiede, sie stellte Fragen zu Raum und Figuren, zum Textuniversum (die exakte „Antwort“ finde ich erst Stunden später – und vorher: die Figuren wandern in meinen Texten aus und ein wie es ihnen gefällt. Sie gehen umher jedenfalls, weil es mir um offene Texträume geht, weil die Offenheit komplett gewahrt werden soll, evt. könnte man an das Esterházy’sche Erzählsystem denken, gibt’s da eine entfernte Verwandtschaft. Weiterhin uninteressant bleiben: vorgeblich große Storys, Romane/Stoffe, die in Wahrheit abgeschlossen sind in diesem schlechten Sinn, hermetisch (das Wort stimmt nicht), so eng und scheuklapprig, quasi kleinster Raum total vollgeräumt – streben, wenn dann ein Äquivalent an, ich war mir während des Redens nicht mehr sicher, ob Tableau vivant, wie es mir vor einer Weile für einige Erzählungen passend erschien und erwähnte es nicht; die Lesesituation (obwohl bei mir als Vierter in der Reihe am wenigsten Leute waren, viele in die ungewohnt gemütliche Schmiede-Bar abgetrieben wurden) sehr konzentriert, gut. Das musste nachher auch noch nachgeholt werden, mit Andrea Grill und Klemens Renoldner bis drei in einer Bar in der Köllnerhofgasse, weil das Altwien um zwei schon zumachte, erschütternd (früher war alles besser). Renoldners sonore Stimme betörte (zu geschmeidig?), sein Buch gleich bei den Folio-Verlegern bestellt. Christine Pitzke ist zurzeit in Wien und kam extra wegen mir in die Schmiede, ging dann aber während der ersten Lesung (Palla) und während der zweiten (Flor) schaute sie noch einmal herein und war dann endgültig weg. Schien es irgendwie nicht auszuhalten. Bemerkenswert fand ich ja, das Verleger Krüger bei „seinem“ Autor Palla zuhört, um dann bei „seiner“ Autorin Flor abzuhauen. Beide sind bei Zsolnay. In der Literaturzentrale in der Grünangergasse gute Stimmung, schöne Atmosphäre (na ja, eigentlich total verstaubt, arbeiten würde ich dort nicht wollen, aber mit einer Bar drinnen sieht doch alles gleich anders aus), Valerie Besl kredenzt Schnaps, mein Programmleiter Hasibeder darf schlafen gehen. Ich muss jetzt meistens nach der Lesung in dieser Ich-mag-noch-nicht-nachhause-Stimmung an die große (großartige) Emine Özdamar denken, wie sie mir immer wieder Weißwein einschenkte und an ihre Worte. „Trink! Trink! Ich muss nach dem Lesen immer trinken!“ Wie froh mich das gemacht hat und deshalb – Andrea Grill erkannte das richtig – bin ich da ganz streng, wenn ich sage: lasst uns jetzt noch ins Altwien! Wir können doch nicht nach der Lesung nachhause gehen!
Heute in Wartholz (inmitten von all dem Deko-Wahnsinn, aber wenn man dann da ist, sagt man auch nicht zu den Schlossleuten oder ihrem Adlaten, dass man diesen Kitsch ja keinesfalls aushält, sondern ist freundlich, weil sie sind es ja auch, und sagt nur: das Haus sieht man ja schon vom Ort aus! Und sie sagen dann: ja, ist doch gut, oder?). Aber die Wortlosigkeit nach meiner Lesung hat mich einigermaßen befremdet ins Auto steigen lassen. (Reinhard Winkler würde wahrscheinlich „wunderlich“ sagen.) Wenn gar keine Reaktion kommt, fühle ich mich auch wunderlich und leer. Selten ist aber dieses Gefühl, die Zuhörer während der Lesung gar nicht zu spüren, als würde ich gegen einen Wand anlesen. (Vielleicht wars aber einfach nur der Restalkohol oder mein Vorurteil Frauen mit ondulierten Haaren gegenüber. Hm.)
Wem die neue Wiener Messe etwas bringt, ist noch nicht klar. Wahrscheinlich den Schlenderern, weil es mehr Platz gibt als im Rathaus und weil auch Verleger da sind, nicht nur Bücher (überhaupt die alle auf einem Haufen, das hat mir schon gefallen, hab auch beim Rausgehen gestern Mittag zwei Stunden gebraucht, weil einem ständig jemand übern Weg gelaufen ist). Hab die Lesungen auf der Messe direkt in der Halle einmal mehr als das Deprimierendste im Autorinnendasein empfunden und beschlossen nie mehr auf einer Messe zu lesen (okay, im Dezember in Pula). Wie ich überhaupt mich als Autorin – außer vielleicht beim vereinbarten Termin am Haymon-Stand – gleich wieder völlig überflüssig, jedenfalls komplett fehl am Platz fühlte. Dagegen kein Problem, für readme.cc ein bisschen „Standdienst“ zu machen.
M sagte gestern, als ich zur Lesung aufbrach: „Ich will nicht immer zuhause bleiben.“ Heute, als Linda zum Babysitten kam, war das dann kein Thema, mit ihr wollte er doch lieber Lego spielen. In der Kindergartengarderobe meinte er am Nachmittag: Vinzenz ist meine Freundin. – Ich: Dein Freund oder deine Freundin? – Meine Freundin! (Aber zu W: Du bist nicht meine Freundin, du bist mein Papa.) Dran denken, den Satz auf dem Nachhauseweg (M. saß auf meinen Schultern und hatte die Hände auf meinem Kopf: „Ich halte dich fest, damit du nicht umfällst.“) im großen Buch festzuhalten.
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Kurzbesuch von SE auf, sie konferierte in Wien zur Barrierefreiheit im Netz (mittlerweile eine Koryphäe auf dem Gebiet). SE hat sich kaum verändert, alte Wunden sind geblieben und immer existente Freund-/Feindschaften auch. Ihre Fröhlichkeit, ihr ausuferndes schallendes Lachen und diese Grundtraurigkeit, gepaart mit exzessiver Theoriegläubigkeit, alles sofort da. Dass sie aber in den drei oder vier Stunden gar nicht fragte, wie es mir so geht mit diesem und jenem, hat mich denn doch irritiert. Aber auch das war immer so.
Flöss/Dürre Jahre in einem Zug gelesen. Gut und großteils schwer zu ertragen die Anorexia-nervosa-Thematik, aber funktioniert durch die Klar- und Knappheit in der Sprache gut. Hat natürlich nichts von dem Schwelgen über die blassen Fräuleins (oder Gören oder Vamps), für die Männer vor allem schwärmen. Die Melancholie (die ja auch etwas – historisch – mit der Hysterie zu tun hat) ist dabei ja ein großes Thema, aber Magersucht ist halt kein so schönes literarisches (romantisches) Thema allein.
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den ganzen Tag mit M auf dem Sofa verbracht, nachdem er gestern, als im Alten Fassl die Hauptspeise serviert wurde (vorher!), das ganze Essen wieder hergab, das er noch gar nicht zu sich genommen hatte (aber er schaffte es noch aufs Klo), heute früh leichtes Fieber, der Magen erholt sich nur langsam. Waren mit R und A zum Abendessen (W und M fuhren im Taxi nachhause), das war sehr (wie sagt man) flüssig. Mit den beiden ist es meistens lustig und spannend gleichzeitig, nach Ms Abgang überlegten sie immer wieder, ob es an ihnen liegen könnte, er sich bei A angesteckt habe (aber sie hat einfach nur Schnupfen), an dem Saft, den er als Aperitif in der Wohnung von ihnen bekam usw. Wenn wir zusammenkommen, immer das Gefühl, es gibt Unmengen zu besprechen, ich mag die anwesende Offenheit – wir kennen uns schließlich nicht so gut, es gibt aber keinen Grund, etwas (sich) darzustellen, manchmal darüber unsicher, ob Naivität in Sachen Karriere oder besser „späte Karriere“ Reinhards vorherrscht, ich weiß es nicht. Viel über die Psychoanalyse und über Herkunft gesprochen (Salzburger Bauernfamilie, A bekam mit 18 ihre Tochter; der instrumentalisierte Akademikersohn, der die Stelle des Vaters an der Seite der Mutter einnehmen sollte und die seit Rs Psychoanalyse-Beginn höllische Angst hat); der Gedanke, über A. einen Film zu machen bzw. meine Idee von ihr als eine meiner Lieblingsheldinnen bleibt. Sie ist so bezaubernd, aber auch so real und alltäglich, pragmatisch, hat ihren Laden/ihr Handwerk, verschlingt die Bücher, lebt voller Genuss und liebt die Kultur vollends, lebt ein sehr daseinsbezogenes, intensives bildungsbürgerliches Leben (aber eigentlich noch viel mehr. Auch ihr Kulturkonsum ist wohltuend im Sinne von: auf jeden Theaterbesuch bereitet sie sich intensiv vor – liest Žižek, bevor sie sich Pollesch anschaut etc.) und spricht dann wieder ernsthaft von sich als einfachem Menschen.
Wir haben den halben Tag geschlafen, hab nur die Zeitung gelesen und ein Mail von Susanne aus Zürich mit dem Aufsatzentwurf zur Stimme/Cavell. Schon im Frühling zieht sie nach Berlin und nachdem sich ihr Mann aus Verzweiflung oder Perspektivlosigkeit vor ein paar Wochen abgesetzt hat, sind sie jetzt wieder neu verliebt. Eh schön. (Aber die Wochen als Alleinerzieherin eines Kindes, das mit dreieinhalb nicht sprechen mag oder eben ganz spät anfängt und das deshalb für die meisten Kindergartenpädagoginnen eine Überforderung ist und keine Fremdbetreuung genießt – vielleicht ist auch Susanne diejenige, die sich da nicht wirklich lösen kann, mag wohl hinzukommen –, diese Wochen kann ich mir ganz und gar nicht vorstellen. Sie hat einige Stunden an der Uni, als ich sie besuchte, war ihr Vater da um auszuhelfen, auch eine schwierige Situation. Sie sagte: ich muss jetzt eigentlich in den nächsten paar Tagen eine vollständige Betreuung organisieren, ich weiß gar nicht, wie ich das machen werde. Ihr Mann rechnet es sich wahrscheinlich schon sehr hoch an, dass er mit ihr mitgegangen ist, dass er seine Anstellung bei den Ungarndeutschen in Budapest aufgegeben hat ohne eine neue zu haben. Aber er wollte das ja und – umgekehrt ist es eher unwahrscheinlich, nämlich dass eine Frau (Susanne) nach einer Weile sagen würde: ich finde hier einfach nichts, ich werde noch wahnsinnig, den ganzen Tag in der Wohnung, ich geh jetzt nach Berlin, lass dich und das Kind allein, schau du nur, wie du zurecht kommst.
Am frühen Abend kamen Conny und Elisabeth, später noch Peter. Krankenbesuche, die teils stoisch, teils mit glühenden Backen ertragen werden, abends dann sogar ein bisschen Suppe, geht wohl bergan.
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der zweite Tag auf dem Sofa macht mich dann schon etwas mürbe; sicher auch erleichtert, weil M schon wieder halbwegs gut zusammen; hatte nur am Vormittag zwei Stunden und nach Krimskrams blieb wenig Zeit, Katschnig-Fasch/Das ganz alltägliche Elend, weiterzulesen. Meine Protagonistin ist ja auch so eine, die verschwindet von der organisierten Oberfläche der Arbeitswelt und Gesellschaft (im ersten Teil), ihren Raum, ihren Platz verliert. Sie zieht sich vollends zurück – aber dann gibt’s ja noch die David-Lynch’sche Wende hin zu der Frau zu ebener Erd.
In der FAZ erscheint der „neue Bernhard“ als Vorabdruck; so ein Sachbuch-Sonderling (einer von der Sorte: fragt dich, was du machst, dann fragt er dich nach deinem Namen und dann nervt er dich damit, dass er dich nicht kennt und du willst auch nur sagen, dass es so ja eh viel besser ist und hast aber noch einen Rest Grundfreundlichkeit und also hört er nicht auf, dich zu nerven und du wirst sie schwer los) nötigte mir letzte Woche in der Literaturzentrale (Potyka heute im Kulturjournal zur Messe befragt: „sind überwältigt vom Erfolg“ – es wird wohl weitergehen, die großen deutschen Verlage, auf die sie alle so scharf sind, werden kommen/richtig mit eigenem Stand oder ganz wegbleiben – ein Gemeinschaftsstand sei verpönt) zwei FAZ-Schnipsel auf. Heute las ich den wie erwartet witzigen Auftakt (Bernhard geht wenige Stunden vor der Preisverleihung noch einen Anzug kaufen und trifft dann seinen Lebensmenschen, der den Anzug, vor allem die Qualität der Wolle, für gut befindet, und dann mit dem Sir-Anthony-Sackerl mit den alten Sachen in die Preisverleihung), aber bei der zweiten (also vierten) Folge war ich mir plötzlich nicht sicher, ob nicht irgendein Oberbernhard, so ein übereifriger Lektor o.ä. ein paar Notizen aus dem Nachlass genommen und einfach ausformuliert hat auf besonders Bernhard’sche Art, weil Suhrkamp jetzt wieder einmal eine „Sensation“ braucht, als Antwort auf den Celan-Bachmann-Briefwechsel bei Piper vielleicht, wer weiß.
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gestern mit K in Football under Cover (Titel na ja), unterhaltsam und berührend der Film über eine Berliner Frauenfußballmannschaft (! Fußballfrauschaft? Frauenmannschaft geht eigentlich überhaupt gar nicht, aber bitte) aus Kreuzberg, die sich (oder eine der Spielerinnen oder ein befreundeter iranischer Filmemacher) das Ziel setzt, gegen die iranische Frauennationalelf zu spielen – weil die noch nie gegen jemand gespielt hat. Also noch gar nie nämlich, was natürlich schon sehr traurig ist, eine Mannschaft, die nie spielt, sondern immer nur trainiert. Auf wie vielen Ebenen da Themen angesprochen werden, obwohl es fast ständig „nur“ um das Kopftuch geht, quasi ohne dokumentarischen Fingerzeig, gefiel mir. Da taucht die Mutter einer Spielerin auf, eine riesige dicke Matrone, die erzählt vom Training, dass mit Chomeinis Islamischer Republik natürlich eingestellt wurde, und sie kickt auch ein bisschen mit der Tochter, die jetzt eben im Nationalteam trainiert. Da gibt’s Probleme für eine der iranischen Spielerinnen, die unter fadenscheinigen Gründen letzten Endes nicht mitspielen darf (sie sei zu dünn und schwach!), was möglicherweise mit den Interviews zu tun hat, die sie für den Film im Vorfeld gab. Beim Spiel in einem ziemlich heruntergekommenen Teheraner Stadion, für das nur Zuschauerinnen zugelassen sind – auch der Berliner „Präsident“ türkischer Herkunft, der mit seinen Fußballerinnen mitgereist ist, darf nicht hinein –, sind Sittenwächterinnen anwesend und die Frauen beschweren sich ordentlich, dass man ihnen alles verbietet, was männlichen Anhängern selbstverständlich ist. Bisschen wehmütig an das Training in dem Park in Prenzlauer Berg gedacht mit Konstanze und Dagmara und Simone und den andern. Damals wollte mich der Trainer für das Team anwerben, aber leider … Hier in Wien hab ich nur so Gruppen mit recht eigenwilligen Namen gefunden (Ballerinas zum Beispiel), alle haben eine bestimmte ideologische, politische Ausrichtung. Ich hätte aber gerne nur einfach eine Frauenmannschaft (sic!), die Fußball spielt. Wer weiß, ob das noch jemals etwas wird..
Wie viele Freunde in den letzten Wochen Geld verloren haben, wird mir erst nach und nach klar (weil sie es auch erst nach und nach erzählen). Unterschiedlich geerntet als Erbe oder heftige Arbeit-Spar-Kombinationen, verursacht das Finanzloch zwar schlaflose Nächte oder Aufschrecken zumindest, aber totale Verzweiflung hab ich nicht beobachtet. Bin jetzt in dem alltäglichen Elend angekommen, interessante Geschichten, die gleich zu neuem führen. Oft ist es nur ein Satz oder Bild, wie die Verkäuferinnen nach Kassenschluss in einer H&M-Filiale (wahrscheinlich) alle Klamotten durch die Luft fliegen lassen (schmeißen), schweben; oder: „Der Chef hat angerufen. Super Umsatz. Kauft euch ein Eis.“ Das muss man sich einmal vorstellen.
Bayer hat die Frauen in Vasen kritisiert, einiges gefällt ihm, aber Klammern sind ihm zu ambitioniert, so was in der Art. Bin recht fröhlich darüber – in Wahrheit kommt ja so gut wie keine Kritik direkt, macht fast keiner (und auch ich habe ihm nur zu dem einen Text geschrieben, der mir gefällt, Auseinandersetzung findet schon statt, aber man möchte doch immer mehr. Es muss auch nicht jede Befindlichkeit mitgeteilt werden und viele Menschen gibt’s auch nicht, auf deren Meinung man sehr großen Wert legt, ich würde mich über mehr differenzierte Kritik schon freuen, finde das gut. Vielleicht reiß ich mich auch selber mehr zusammen, Höflichkeit ist da echt mühsam).
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jetzt geht dieser halböffentliche Tagebuchmonat seinem (öffentlichen) Ende entgegen. Und für mich war/ist ja – Blogzeit hin und her – es gerade wichtig, das Tagebuch eben nicht am Computer zu verfassen, sondern handschriftlich. Oft abends geschrieben, im Bett, da muss ich an meine Tagebuchanfänge denken, die jetzt auch schon weit zurückliegen, sagen wir ein Vierteljahrhundert (tatsächlich das erste von Muttern geschenkt bekommen. Ganz stilgerecht mit Schloss, auch wenn ich den kleinen Schlüssel nie um den Hals getragen hab); später habe ich Einträge unter dem Verdacht verfasst, dass mitgelesen würde, derartige Erschütterungen sind ja nicht gerade positiv für Mutter-Kind-Verhältnis. Zwischendurch war ich selber erbost über mich u. derartige Unterstellungen, heute weiß ich, dass sie wohl gestimmt haben. Weil ich vorhin beim Wäscheaufhängen Cohens Suzanne hörte, kam ich wohl darauf. Es gab (Cohens Song, so Frau Schmidtkunz, ist auch schon 40 Jahre alt) diese pathetische Phase (zog sich ein paar Jahre dahin), da ging’s ja meistens um Leben und Tod und jeder Eintrag hätte der letzte sein können, schwer war das Leben hmhm.
Im Oktober 1989 erstand ich in irgendeiner tschechischen Kleinstadt nahe der Burg Karlstein ein dickes Heft mit ganz dünnem Papier und schrieb auch über die Stimmung, wir hatten mit dem Schulchor im Museum am Wenzelsplatz ein Konzert gegeben und waren in Gastfamilien untergebracht. Birgit u. ich in einer Plattenbausiedlung, bei unserer Ankunft weit nah Mitternacht sollten wir Schnitzel essen, in rauhen Mengen. Über die vielen amerikanischen Flaggen war ich irritiert, mit denen die enge Wohnung über und über beflaggt war – jede einzelne wurde ja mit einem gewissen Stolz präsentiert; und ganz in der Nähe, hieß es, sei die Villa von Karel Gott.
Ein Jahr später schon war das dicke Heft voll geschrieben, war ein heftiges Jahr, die Maturaklasse mit Heidrun-Entführung und meiner ersten ernsthaften Liebesgeschichte, die ja versehentlich begann, aber mit Sartre’schem Engagement zu Ende ausgetragen wurde, und ich bastelte mir ein neues großes Tagebuch, das etwas länger vorhielt, aber die Tragik nahm in der Zeit nicht ab. Cirka 94/95 hörte ich dann mit dieser sehr wortwörtlichen Form des Tagebuchschreibens auf.
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heute wollte ich mir die Herklotzgassen-Ausstellung zu Ende anschauen, nachdem ich gestern zwei Stunden da war, evt. Horst treffen, nachmittags in ein Symposium Feminismus und Medien (aus Anlass 25 Jahre an.schläge) gehen. Horst traf ich gleich auf dem Weg vom Kindergarten, okay, wir saßen länger als vorgehabt im Sperl, wenig über Projekte, mehr über dies und das und über Trennungen und Privatfehden gesprochen, jedenfalls rief mittags der Kindergarten an, M habe Durchfall und Husten. Zuhause war von Krankheit im engeren Sinn dann keine Spur, ein weiterer Nachmittag im Umkreis der Couch (habe Conny, die M abholen wollte, damit ich ins Symposion kann, abgesagt; W in Linz bei Stifter), es wurde viel geschnitten, gestempelt, Lieder gehört, ein paar Seiten Katschnig-Fasch gelesen, immerhin. Nicht ungemütlich zwar, aber so gemütlich müsste es echt nicht sein im Moment. Conny kam zum Tee und blieb zum Abendessen.
In den letzten Wochen treffe ich in der Stadt (vor allem im 4. Bezirk, Naschmarkt) den erfolgreichen Autor K – aber er kennt mich ja gar nicht, das heißt also, ich sehe ihn öfters. Im Sommer habe ich mir sein Opus magnum als Hörbuch reingezogen (warum eigentlich? Wollte einmal was von ihm lesen, aber das ging dann doch nicht und dann hab ich angefangen, es zu hören und in der Zeit war ich ja auch regelmäßig im Fitnessstudio und das alles hat dafür gesorgt, dass Eisenhuber mich für halbwegs unzurechnungsfähig erklärt hat – jedes für sich, und beides zusammen ist denn doch zu viel für eine edle Seele wie ihn. Aber er weiß, denkt gar nicht, dass ich keine solche bin, sondern ein wildes Gewächs, das in alle Richtungen ausufern, austreiben kann), jedenfalls wurde ich von mehreren Seiten gescholten – und sie haben ja Recht! Das ist schlechter Stil und würde man derweil auch schreiben, so ist die Gefahr ziemlich groß, dass das abfärbt, dass sich da was drüberschmiert über die eigenen edlen Sätze, sicher. Dann hab ich aber auch noch ein Taschenbuch von K., das ich vom Verlag bekam, gelesen und das ist wirklich schlecht und jedesmal, wenn ich ihm jetzt über den Weg laufe: das Gefühl, ihn ja einigermaßen zu kennen, gut sogar, will beinahe schon grüßen und dann ist mir immer so, als sei dies Aufeinandertreffen eine Bestrafung für mich (mich braucht niemand schelten, das besorg ich schon am besten selber).
Nach fünf am Markt – eine Lieblingszeit; über der Brücke bei der U-Bahn Margaretengürtel der Himmel knallrot und knallorange, das passiert mir an der Stelle relativ häufig, ein Aufeinandertreffen von knalligen Himmelsfarben, wenn die Sonne verschwunden ist (Dunkelheit, komm!) und diese Stelle, Brache, Wienfluss, der Burgerking usw. ist ein guter Ort, aus beiden Richtungen kommend, bunt die Mischung von Menschen, immer viel Verkehr und dann auch gleich der Park. Ich mag es hier.
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Toussaint, Der Fotoapparat gelesen. Begeistert wie schon beim Badezimmer. Das Gute: die Kombination aus schlichtem Plot und absurdem Verlauf der Geschichte, wobei: sie verläuft eigentlich gar nicht. Einer betritt eine Fahrschule, will sich zum Führerscheinunterricht anmelden. Gleich hat er alles beisammen, außer Passfotos. Schon am nächsten Tag quartiert er sich quasi ein in der Fahrschule ein, eine symbiotische Beziehung zwischen ihm und der jungen Frau entsteht (später werden sie ein Paar), die Kommentare (mitunter) in Klammer, aber immer beiläufig, sind nie fehl am Platz und erstaunlicherweise gar nicht so frontal wie sie aufgrund von Anrede (manchmal) und Aussage (meistens) sein könnten. Erst als er – auf einer Fährenüberfahrt von England nach Frankreich – einen Fotoapparat findet und mitnimmt, ist er in der Lage, die Passfotos zu machen. Es geht dabei recht exemplarisch um Wirklichkeit bzw. um die Abbildung (die ja auch eine Vergewisserung von Wirklichkeit ist) derselben. Der Ich-Erzähler sucht regelmäßig und auch rücksichtslos (Rückzugs-)Orte auf, um zu denken. Man weiß sowieso nicht, welcher Profession er nachgeht, aber er streunt plötzlich beruflich durch Venedig und plagt sich mit einem Schuh, der ihn drückt. Er setzt sich auf einer Tankstelle z.B. zum Nachdenken aufs Klo, obwohl er und die Fahrschulangestellte (die immer friert) eigentlich eine Gaskartusche kaufen wollten; auch in der Kabine, in der man selber via Automat Fotos von sich machen lässt, lässt er erst einmal den Gedanken freien Lauf. Surreale Momente hier wie da (weniger vielleicht als im Badezimmer) und eine unerwartete „Pointe“, möchte man fast sagen. Zum Schluss zieht er sich nämlich in einen Telefonzelle zurück, Pascale, die Fahrschulangestellte, ruft nicht zurück. Er ist irgendwo in der Provinz, nachts, sie meldet sich wohl deshalb nicht, weil sie wahrscheinlich gleich wieder eingeschlafen ist (was sie fast immer tut – bei ihr wechseln lebendige Betriebsamkeit und unmittelbares, totales Schlafbedürfnis ab) und er übernachtet da. Und stellt am nächsten Morgen erleichtert fest, dass er am Leben ist. Da wird dann also diese Versuchsanordnung Wirklichkeit/Realität zu einer über das Leben. Fast zu sinnvoll, dieser Schluss.
Und dann: Toussaint, Sich lieben. Von einigen Kritikern als sein bestes Buch bewertet (das mag ich, konzertiert an zwei Tagen zwei Romane eines Autors) – es ist jedenfalls das mit der stringentesten Story, auch mit der am einfachsten nachvollziehbaren. Ein Paar trennt sich, sie tun das in Tokio, wo die Frau eine Ausstellung und Modeschau vorbereitet, der Ich-Erzähler kommentiert das so: als sich mich fragte mitzukommen, dachte ich, sie will wirklich unsere letzten Liebesreserven verheizen. Das offensichtlich melancholischste Buch Toussaints, denn hier ist ja der Grund das Ende einer Liebe. Und ja: wunderbar gemacht, diese letzte Explosion, Jetlag, ein leichtes Beben und ein schwereres Nachbeben und dann fängt es auch noch zu schneien an. Die beiden Liebenden/Trennenden irren frühmorgens wie Narren durch die Umgebung ihres Hotels (Stadtautobahn, bald Animierlokale und Nachtbars, japanische Hausmannskost etc.), sind nur mit Hotelschlappen und Hose und T-Shirt gewandet (er), bzw. in eine nachtblaue Robe mit Dekolleté und ausladend usw. aus ihrer Luxuskollektion (sie). Musste doch das eine oder andere Mal an moderne, zeitgenössische Unterhaltungsfilme (S. Coppola) denken, Japan als die denkbar beste Kulisse, so ein passendes Ambiente für den postmodernen Menschen. Etwas Grell-Bizarres im Zusammenspiel zu dem Fremden, das vorausgesetzt wird, wenn etwas in Japan situiert ist. Aber weil eben der Grund der Geschichte so offen da liegt, ist es eben auch vorhersehbar, nachvollziehbarer, banaler, finde ich. Da gefällt mir eben der nicht wirklich explizite Vorsatz, ab nun in der Badewanne sein Leben zu verbringen (auch wenn der gar nicht durchgehalten wird), noch besser. Dennoch mochte ich die Stimmung, sehr vergnüglich, sehr melancholisch.
Abends dann bei Thomas und Sabine (wo es in einem Quasi-Vegetarier-Haushalt einen großartigen Schweinsbraten gab), plötzlich ein Schreck, als hätten wir auf den Adventkalender vergessen, der wird morgen geliefert, das geht sich noch aus für den 1. Dezember und jetzt ist der Tagebuchnovember schon zu Ende, ich denke, ich suche mir ein neues Begleitprojekt (oder schreibe einfach weiter), denn es hat Lust gemacht (und sehr regelmäßig bin ich von dem roten Tagebuchheft ins andere, ins blaue hinübergeschwenkt und hab die Notizen für den Keller weitergeführt und den Computer eingeschaltet und paar Sätze verfasst, die wo hinführen, mich vor allem, scheint’s, in die Geschichte hinein, in den Text, der jetzt zu schreiben ist).
agnesz - 2009.02.16, 09:28
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