sehr!

Christian Petzold, Gespenster

Mit Bach fängt es an, mit Bach hört es auf.
Einmal eine melancholische portugiesische Stimme, als Toni & Nina tanzen. »Der Regisseur« schaut ihnen zu dabei & das Lied aus den 70ern ist schon nicht mehr wahr.
Deshalb kommt sonst auch keine Filmmusik vor, denke ich mir, nachdem die Credits mich bestätigt haben. So ruhig war es lange nicht mehr in einem (deutschen) Film. Aber was ist schon wahr. Wahr scheint der Titel zu sein, er scheint sehr zu stimmen und dann liest man in einem Interview mit dem Regisseur Petzold, dass er schon »Die Innere Sicherheit« so betiteln wollte, damals (2000) war »Gespenster« aber nur Arbeitstitel. Und was ist schon ruhig. (Stille nach dem Schuß, möchte man flapsig hinschreiben, naja, kann es sich nicht verkneifen.) Schmauchspuren also, wenn alle schon tot sind?

gespenster_02

Zwei Mädchen finden sich, aber eigentlich findet die eine die andere, lässt eine sich finden, als sie bemerkt, dass sie es möchte, so vielleicht, gefunden werden. Vielleicht schließen sie eine Freundschaft, die nicht so lange halten wird, das ist den beiden schon anzusehen. Aber sie könnte ja für einen Augenblick intensiv sein?
Nina wirkt verloren und dann weiß sie wieder ziemlich genau, was sie will und was nicht. Bei Toni ist es auf eine unklare Weise umgekehrt, aber das kann ja nur scheinbar sein, dass sie bekommt, was sie will: sie ist meistens in Gefahr – oder glauben wir das nur, mit Nina? Es ist leicht oder notwendig, Angst um sie zu haben, denn das was sie bekommt, kann nicht sein, was sie sich wünscht (weil sie das gar nicht wissen kann).
Zwei Mädchen, das eine verloren gegangen schon im Alter von 3 Jahren in Frankreich, das jetzt in Berlin auftaucht; das andere wirft sich, scheint’s, hin, will auch gefunden werden.

gespenster_12

Auf einem Casting zeigen die beiden Figuren um so viel mehr als die beiden Mädchen, die sie darstellen. Natürlich gehört es dazu, eine Rolle zu spielen und zwar überzeugend. In dem Fall soll eine Geschichte erzählt werden, lebendig, lebhaft, sehr, von einer Freundschaft. Aber »Freundinnen« bleibt einerseits nur ein Wort auf einem T-Shirt und ist darüber hinaus viel zu klein für das, was in manchen Momenten von Nina und Toni wahrgenommen wird, sie sind sehr Freundinnen und können das eigentlich gar nicht. (Und immer sind die zwei auch eine prima Leinwand für die Anderen, »der Regisseur« wird für mich auch durch diesen Film mehr und mehr zu einem Lieblingstopos im Film. Die holen sich jedenfalls etwas von der einen und/oder anderen, so still könnten sie gar nicht sein.) In dem Vorsprechen für irgendeine Fernsehshow oder Talkshow nehmen die Mädchen nicht irgendeine Rolle ein, sie scheinen ihre Rollen zu tauschen und spielen dabei das, was sie ursprünglich immer schon gewesen sind. Das schüchterne Mädchen, das mit der Gewalt der anderen glaubt umgehen zu können, das scheue Mädchen, das zuschauen kann und mehr sieht als die Beobachtete.
Eine Frau in Berlin, Französin, auf der Suche nach ihrer Tochter. Dass Nina diese Tochter Marie sein soll, erfahren wir bald, dass sie aber nicht die erste ist, auf die die Merkmale scheinbar zutreffen, auch. Wie schön wäre das doch, wenn alle erlöst werden könnten. Die Mutter eine Tochter, die Tochter endlich eine Mutter, und ein Zuhause, bekäme. Und was bekommt Toni? Den Regisseur? (Dass sie mit ihm »zum Ficken weg ist«, wie dessen Frau Nina anschnauzt, lässt auch nicht gerade eine zärtlich aufkeimende Liaison vermuten.)

gespenster_15gespenster_dreh4sw

Die drei Frauen bleiben Gespenster von ihrem ersten Auftreten bis zuletzt. Nur die Frau des Regisseurs, die ihm eine echte Ohrfeige geben kann, eine so reale, ist ein Mensch. Jemanden schlagen ist vielleicht realer als jemanden küssen oder ihm bei einem Frühstück Mut zuzulächeln und keiner weiß, wofür man noch mutig sein kann, sein soll. Francoise scheint recht fröhlich darüber, dass ihre »neue« Tochter eine Ladendiebin ist, es scheint ihr zu gefallen. Es gefällt ihr so lange, bis Nina sich darauf einlässt und mitspielt. Aber man hätte doch so gerne, dass dieses »alleine« Mädchen eine Mutter bekommen könnte (nicht einsam ist sie, sondern sehr allein), eine Freundin, einen Menschen, der sie nicht beaufsichtigt.
Bei alledem bleibt »Gespenster« immer auf Distanz – und zwar zu allen. Erzählt von den dreien ohne Rührseligkeit, dafür umso genauer. Deshalb wohl auch die empfundene Wahrheit. Die ist nur dann möglich, wenn nicht in allen Details erzählt werden will, wie kam es jetzt dazu und was ist eigentlich dafür verantwortlich, dass jemand so ist wie er ist.
Johann Sebastian Bach, Ich hatte viel Bekümmernis. Das trifft auf Francoise, Toni, Nina so sehr zu. Ob Gespenster sich bekümmern können? Dass sie umhergehen können wie Lebende, unter den Menschen und Zeichen geben können wie Gespenster, Untote in Märchen? Wenigstens das soll wahr sein. Wir sehen es ja.

suche

 

letzte beiträge

Selmas Brief
Selma träumt wenig, beim Aufwachen denkt sie an...
agnesz - 2011.12.21, 23:12
among us (Excerpt)
unter uns, Angelika Reitzer (Auszug aus dem Roman,...
agnesz - 2011.09.12, 14:49
med nami (odlomek) -...
unter uns (Roman, Angelika Reitzer, Residenz Verlag...
agnesz - 2011.09.01, 15:26
Hybrid!
Yorick, Ein Mensch in Schwierigkeiten. Hybridroman...
agnesz - 2011.06.09, 11:10
Sommersachen
Ein Mann und eine Frau warteten im Schatten vor dem...
agnesz - 2011.05.26, 10:54
Wilhelm Genazino, Abschaffel...
Genazino lotet in seinen Romanen und Erzählungen...
agnesz - 2011.05.26, 10:39
Gisela Elsner, Die Riesenzwerge...
Schon nach seinem Erscheinen schrieben Kritiker wie...
agnesz - 2011.05.26, 10:38

links in popups öffnen

alle Links auf der aktuellen Seite in einem neuen Fenster öffnen 

Angelika Reitzer, Impressum
Prosa
Translations
Über Filme u. Drama
Über Texte
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren