»ich« – meine stimme gewinnt an raum oder:
bei Betreten dieser Texte.
Ein paar Gedanken zu den Prosastücken von Reinhard Priessnitz
Ich habe also erzählerische Texte, wie ich sie verstanden habe, geschrieben.
Diese Aussage Thomas Klings gilt auch für die »5 Prosastücke« von Reinhard Priessnitz: weil diese den Erzählprozess offen halten und nicht zuletzt, weil Priessnitz einen Text explizit als »erzählung« ausgewiesen hat. Veröffentlicht wurden die Texte zuerst in den Protokollen (1970-1981), DIE EINGEBILDETEN ÄRZTE, PFLEGER, KRANKEN (FIGUREN IN DECKWEISS) – der letzte Text von Reinhard Priessnitz, den er vom Krankenhaus aus verfasste – erschien erstmals in der Prosasammlung, die zwar noch mit dem Autor abgesprochen war, aber erst nach seinem Tod erscheinen konnte. Wie alle Bände der Werkausgabe wird auch dieser Band immer wieder aufgelegt & ist verfügbar, mittlerweile im Droschl-Verlag.
Binnentextualität, Différance/Diskrimination, Verknüpfung von Poesie und Erkenntnis, Einbeziehung außerliterarischer Praktiken: die Prosastücke von Priessnitz weisen mitunter Parallelen zu seinen Gedichten auf, unterscheiden sich aber auch wesentlich, vielfach.
In einem Essay über H.C. Artmann vergleicht Priessnitz die Veränderung von »von ›anreiz‹ getragenen vokabeln nur« durch die Grammatik mit dem Filmschnitt. Dies ist ein wichtiges Indiz auch für seine Prosa: Überblendungen von Erzählen und Erzähltem (v.a. in SCHRAUBEN), Unterbrechungen, die das Erzählen nicht einfach dokumentarisch erscheinen (wie es ein Effekt von Montagetechniken sein kann), sondern zu einer eigenständigen Dokumentation werden lassen. Manchmal verhält sich ein Text wie die eigene Off-Stimme zum Geschehen, die aber vom Körper immer wieder eingeholt wird.
Mit sprachlich scheinbar einfachen Mitteln werden in dem Text LINZ, RINGL ETC. der Anlass (eine Lesung zu einer Ausstellungseröffnung) und die bereits inkludierte spätere Besprechung dieses Anlasses, die Anwesenden (Bekannte und für Priessnitz anonyme Gäste) heran- und weggezoomt. Davon ist auch der Text selbst, in dem das beschrieben wird, nicht ausgenommen. Der Blick auf das Geschehen ist zugleich retrospektiv und aktuell, erinnert an eine Kamera, an eine Person, die mitten durch die Anwesenden flaniert, an verschiedenen Stellen etwas aufschnappt, weitergeht, selbst von jemandem adressiert wird.
Darüberhinaus finden sich Verfremdungen (z.B. von Brecht in DER PROZESS: »erst das nötige . . . dann essen«), Parallelwahrnehmungen (LINZ, RINGL ETC.: »wir konsumierten; abgesehen von der landschaft, die mitgeliefert wurde«), er gibt ironische Hinweise auf die Kommunikationsproblematik in der Literatur/über die Literatur, wenn die Darstellung von Verständigungsproblemen selbst abbricht. Weder wird linear erzählt (was soweit bekannt ist), noch sind Querschnitte auszumachen, es ist komplizierter, v.a. komplexer: Um eine Aussage festmachen (d.h. offenlegen) zu können, muss der Gedanke offenbart werden, der ein Wort, einen Satz umreißt.
Das Priessnitz’sche »ich« wird in Anführungszeichen gesetzt. In dem Prosastück DER PROZESS steht allerdings auch der Autorname unter Anführungszeichen, »priessnitz«. Das ist beides gleichermaßen konstituierend, konstruiert und existenziell zu verstehen, möglicherweise auch so gemeint. Hineinspielt für mich die fortwährende Bescheidenheit des Dichters Priessnitz, die wohl Hinweis ist für eine tiefe Skepsis gegenüber der eigenen Existenz, auch der literarisch-schöpfenden. Das apostrophierte Ich ist aber bei aller theoretischen Einsicht in den Tod des Autors kein Indiz für den Tod des schreibenden Subjekts. Im Gegenteil. Wie spielerisch/verspielt Priessnitz mit dem Problem aber auch umgeht, zeigt eine Passage aus dem Radioessay »esels ohr«:
»ich – das heisst ich. ich heisse reinhard priessnitz, meine stimme gewinnt an raum und inklusive dieser sind das drei mitteilungen, und ich lese, was hier steht, auch wenn das ich meine stimme ist, die es ausdrückt. ja auch diesen satz im äther – wie man oft gesagt hat. ich wurde 1945 in wien geboren und das ist amtlich, wenn auch über funk, ja. ich bin tatsächlich ich, träger meiner stimme, informant meiner nachricht, auch wenn es nicht meine stimme ist, welche ich das sagen lasse, sondern eine, die gleichfalls behaupten kann, sie sei meine. wie geschrieben, ich wurde in wien geboren etcetera, etcetera, oder, um es anders auszudrücken:
ich heisse reinhard priessnitz undsoweiter undsofort wien ist mein geburtsort etcetera etcetera wohnort undsoweiter undsoweiter fort.«
Der Erzähler Priessnitz liefert in seinem Prosastück LINZ, RINGL ETC. einen Beweis dafür, »daß das ganze wahr war«: Das Erzähler-»ich« betritt nicht nur am Bahnhof, weil sie zu früh dran sind für die Rückfahrt nach Wien, den Fotoautomaten, es legt die Passbilder dem Text auch bei. Durchbricht die Textebene durch die eingefügte Kopie der Automatenfotos & bringt einmal mehr ein Indiz für jene Zweifelhaftigkeit des Ichs (des erzählenden, vielleicht auch des Erzählten), aber auch der Wirklichkeit.
Weg mit der Statik! lautet ein Anspruch/Ausspruch von Reinhard Priessnitz die Literatur betreffend. In seinen Prosastücken findet sich aber ein statisches Moment – der Raum – immer wieder: »sprache erfüllt den raum, sprache erfüllt die seite hier. mir scheint, die erfüllt überhaupt alles.« (SCHRAUBEN). Räume und Sprache vermischen sich kontinuierlich: »wie alle galerien war auch diese sehr licht – im gegensatz zu den eher gedämpft klingenden bemerkungen.» (LINZ, RINGL ETC.) Der Text selbst ebenso wie der beschriebene PROZESS setzen sich aus Schichten zusammen – immer ist sich Priessnitz der Möglichkeiten und der anderen Voraussetzungen erzählerischer Texte gegenüber der Lyrik bewusst und vermeidet vorausgesetzte Inhalte bzw. das unbewusste Gestalten derselben, um sich, wie eine handschriftliche Notiz aus dem Jahr 1977 mit dem »Muster nicht zu identifizieren«.
»der saal ist gerammelt ichvoll, sein licht trüb. (trübsaal).«: neben und mit diesen Raum-Wörtern-Sätzen bereitet Priessnitz mit dem sehr poetischen Text SCHRAUBEN seine Sprache aus, konstriuiert darauf eine Bühne, die natürlich gleichzeitig auch Welt ist (»sprache – haus des seins.«) Das Anagramm »erde/rede« aus diesem Prosastück ist grundlegend für die meisten Texte und taucht in verschiedenen Formaten/Formulierungen immer wieder auf: »gute alte erde. vertausche zwei buchstaben, und du bist, wo du sein wolltest: rede!«, das Reden ist hier ein »vorgebirge jeglichen verständnisses«; in LINZ, RINGL ETC. betritt das »ich« die Galerieräume wie Sätze: wenn es nur einen kurzen Blick hineinwirft, lesen wir auch nur »usw. usf.«
Im Nacherzählen und im Erzählen von Reinhard Priessnitz überhaupt ist die Raummetapher – die sich immer ausdehnen und alles ausfüllen (offen halten) kann – nicht statisch. Ist überhaupt kein Fall für die Statik! Denn es hat mit dem assoziativeren Denken des Autors zu tun, mit dem Gleiten der Priessnitz’schen Texte, mit der permanent sich bewegenden Beobachtung (der Beobachtung) und dem im Raum und der Welt präsenten Erzähler- und Autor-Ich, dass diese Prosastücke dynamisch sind – und offene Textzimmer, die man immer wieder betreten möchte.
Ein paar Gedanken zu den Prosastücken von Reinhard Priessnitz
Ich habe also erzählerische Texte, wie ich sie verstanden habe, geschrieben.
Diese Aussage Thomas Klings gilt auch für die »5 Prosastücke« von Reinhard Priessnitz: weil diese den Erzählprozess offen halten und nicht zuletzt, weil Priessnitz einen Text explizit als »erzählung« ausgewiesen hat. Veröffentlicht wurden die Texte zuerst in den Protokollen (1970-1981), DIE EINGEBILDETEN ÄRZTE, PFLEGER, KRANKEN (FIGUREN IN DECKWEISS) – der letzte Text von Reinhard Priessnitz, den er vom Krankenhaus aus verfasste – erschien erstmals in der Prosasammlung, die zwar noch mit dem Autor abgesprochen war, aber erst nach seinem Tod erscheinen konnte. Wie alle Bände der Werkausgabe wird auch dieser Band immer wieder aufgelegt & ist verfügbar, mittlerweile im Droschl-Verlag.
Binnentextualität, Différance/Diskrimination, Verknüpfung von Poesie und Erkenntnis, Einbeziehung außerliterarischer Praktiken: die Prosastücke von Priessnitz weisen mitunter Parallelen zu seinen Gedichten auf, unterscheiden sich aber auch wesentlich, vielfach.
In einem Essay über H.C. Artmann vergleicht Priessnitz die Veränderung von »von ›anreiz‹ getragenen vokabeln nur« durch die Grammatik mit dem Filmschnitt. Dies ist ein wichtiges Indiz auch für seine Prosa: Überblendungen von Erzählen und Erzähltem (v.a. in SCHRAUBEN), Unterbrechungen, die das Erzählen nicht einfach dokumentarisch erscheinen (wie es ein Effekt von Montagetechniken sein kann), sondern zu einer eigenständigen Dokumentation werden lassen. Manchmal verhält sich ein Text wie die eigene Off-Stimme zum Geschehen, die aber vom Körper immer wieder eingeholt wird.
Mit sprachlich scheinbar einfachen Mitteln werden in dem Text LINZ, RINGL ETC. der Anlass (eine Lesung zu einer Ausstellungseröffnung) und die bereits inkludierte spätere Besprechung dieses Anlasses, die Anwesenden (Bekannte und für Priessnitz anonyme Gäste) heran- und weggezoomt. Davon ist auch der Text selbst, in dem das beschrieben wird, nicht ausgenommen. Der Blick auf das Geschehen ist zugleich retrospektiv und aktuell, erinnert an eine Kamera, an eine Person, die mitten durch die Anwesenden flaniert, an verschiedenen Stellen etwas aufschnappt, weitergeht, selbst von jemandem adressiert wird.
Darüberhinaus finden sich Verfremdungen (z.B. von Brecht in DER PROZESS: »erst das nötige . . . dann essen«), Parallelwahrnehmungen (LINZ, RINGL ETC.: »wir konsumierten; abgesehen von der landschaft, die mitgeliefert wurde«), er gibt ironische Hinweise auf die Kommunikationsproblematik in der Literatur/über die Literatur, wenn die Darstellung von Verständigungsproblemen selbst abbricht. Weder wird linear erzählt (was soweit bekannt ist), noch sind Querschnitte auszumachen, es ist komplizierter, v.a. komplexer: Um eine Aussage festmachen (d.h. offenlegen) zu können, muss der Gedanke offenbart werden, der ein Wort, einen Satz umreißt.
Das Priessnitz’sche »ich« wird in Anführungszeichen gesetzt. In dem Prosastück DER PROZESS steht allerdings auch der Autorname unter Anführungszeichen, »priessnitz«. Das ist beides gleichermaßen konstituierend, konstruiert und existenziell zu verstehen, möglicherweise auch so gemeint. Hineinspielt für mich die fortwährende Bescheidenheit des Dichters Priessnitz, die wohl Hinweis ist für eine tiefe Skepsis gegenüber der eigenen Existenz, auch der literarisch-schöpfenden. Das apostrophierte Ich ist aber bei aller theoretischen Einsicht in den Tod des Autors kein Indiz für den Tod des schreibenden Subjekts. Im Gegenteil. Wie spielerisch/verspielt Priessnitz mit dem Problem aber auch umgeht, zeigt eine Passage aus dem Radioessay »esels ohr«:
»ich – das heisst ich. ich heisse reinhard priessnitz, meine stimme gewinnt an raum und inklusive dieser sind das drei mitteilungen, und ich lese, was hier steht, auch wenn das ich meine stimme ist, die es ausdrückt. ja auch diesen satz im äther – wie man oft gesagt hat. ich wurde 1945 in wien geboren und das ist amtlich, wenn auch über funk, ja. ich bin tatsächlich ich, träger meiner stimme, informant meiner nachricht, auch wenn es nicht meine stimme ist, welche ich das sagen lasse, sondern eine, die gleichfalls behaupten kann, sie sei meine. wie geschrieben, ich wurde in wien geboren etcetera, etcetera, oder, um es anders auszudrücken:
ich heisse reinhard priessnitz undsoweiter undsofort wien ist mein geburtsort etcetera etcetera wohnort undsoweiter undsoweiter fort.«
Der Erzähler Priessnitz liefert in seinem Prosastück LINZ, RINGL ETC. einen Beweis dafür, »daß das ganze wahr war«: Das Erzähler-»ich« betritt nicht nur am Bahnhof, weil sie zu früh dran sind für die Rückfahrt nach Wien, den Fotoautomaten, es legt die Passbilder dem Text auch bei. Durchbricht die Textebene durch die eingefügte Kopie der Automatenfotos & bringt einmal mehr ein Indiz für jene Zweifelhaftigkeit des Ichs (des erzählenden, vielleicht auch des Erzählten), aber auch der Wirklichkeit.
Weg mit der Statik! lautet ein Anspruch/Ausspruch von Reinhard Priessnitz die Literatur betreffend. In seinen Prosastücken findet sich aber ein statisches Moment – der Raum – immer wieder: »sprache erfüllt den raum, sprache erfüllt die seite hier. mir scheint, die erfüllt überhaupt alles.« (SCHRAUBEN). Räume und Sprache vermischen sich kontinuierlich: »wie alle galerien war auch diese sehr licht – im gegensatz zu den eher gedämpft klingenden bemerkungen.» (LINZ, RINGL ETC.) Der Text selbst ebenso wie der beschriebene PROZESS setzen sich aus Schichten zusammen – immer ist sich Priessnitz der Möglichkeiten und der anderen Voraussetzungen erzählerischer Texte gegenüber der Lyrik bewusst und vermeidet vorausgesetzte Inhalte bzw. das unbewusste Gestalten derselben, um sich, wie eine handschriftliche Notiz aus dem Jahr 1977 mit dem »Muster nicht zu identifizieren«.
»der saal ist gerammelt ichvoll, sein licht trüb. (trübsaal).«: neben und mit diesen Raum-Wörtern-Sätzen bereitet Priessnitz mit dem sehr poetischen Text SCHRAUBEN seine Sprache aus, konstriuiert darauf eine Bühne, die natürlich gleichzeitig auch Welt ist (»sprache – haus des seins.«) Das Anagramm »erde/rede« aus diesem Prosastück ist grundlegend für die meisten Texte und taucht in verschiedenen Formaten/Formulierungen immer wieder auf: »gute alte erde. vertausche zwei buchstaben, und du bist, wo du sein wolltest: rede!«, das Reden ist hier ein »vorgebirge jeglichen verständnisses«; in LINZ, RINGL ETC. betritt das »ich« die Galerieräume wie Sätze: wenn es nur einen kurzen Blick hineinwirft, lesen wir auch nur »usw. usf.«
Im Nacherzählen und im Erzählen von Reinhard Priessnitz überhaupt ist die Raummetapher – die sich immer ausdehnen und alles ausfüllen (offen halten) kann – nicht statisch. Ist überhaupt kein Fall für die Statik! Denn es hat mit dem assoziativeren Denken des Autors zu tun, mit dem Gleiten der Priessnitz’schen Texte, mit der permanent sich bewegenden Beobachtung (der Beobachtung) und dem im Raum und der Welt präsenten Erzähler- und Autor-Ich, dass diese Prosastücke dynamisch sind – und offene Textzimmer, die man immer wieder betreten möchte.
agnesz - 2006.01.31, 21:19
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