[>>]

Freitag, 13. Juni 2008

Dass es rockt.

Dieser Tag begann für mich vor fünfzehn Stunden in S., als mir jemand am Telefon sagte : steig in ein Taxi. Und fahr zum Flughafen. (Cécile sieht ein bisschen aus wie P.J. Harvey.) In ihrem schmalen hellblauen Kleid wirkt sie schick, ein wenig scheu und etwas unsicher mit dem Pokal in der Hand : wer wäre es nicht in ihrer Situation?
Du kannst : heranzoomen und wieder weg/flanieren, mittendrin, solche Sachen. (Manchmal ist nur ein Ich anwesend und alles wird unscharf; was ist dieses Ich, in einem Text, einer Ebene oder irgendwo im Weiten, der engen Kammer etc.) In ihm ein- und ausgehen, das magst du.

Da war es sehr angenehm, auf dem Weg hierher schon die Bilder herzustellen, wie das sein wird. Also ich habe die komplette Story schon gedreht : auf dem roten Teppich, die Fotografen, all die Sachen. Wie sich das anfühlen wird. (Manchmal ist Cécile ein bisschen Mondrian, umgeben von klaren Formen, selber Form und Klarheit und dann sagt sie blumige Sachen, kommen bunte Farben aus ihrem Mund.)
Manchmal willst du : Bilder aufnehmen, um zu überprüfen, was die Oberfläche kann. (Verdecken oder abdecken und gleichzeitig für Projektionen herhalten. Ist sie fragil, hat sie ein Ende?) Du könntest dich aufraffen, hinaus auf die Straße, die schon wieder trocken ist, nur auf dem Spielplatz steht das Wasser noch in kleinen Seen, darin schwimmt Papier, wahrscheinlich Gratiszeitungen. Du kennst die Menschen, die um diese Zeit aus dem Supermarkt kommen, ihre Hunde ausführen, vor dem Haus herumstehen. Die stehen da und schauen ungefähr an dir vorbei. Denn das ist der Unterschied zwischen dir und Cécile. Würde sie hier wohnen, dann würde sie nicht nur den kalten Rauch aus der Wohnung der fahlen dürren Frau aus dem dritten Stock kennen, wenn die mit ihrem rotblonden Hund ins Stiegenhaus tritt. Sie würde wissen, warum die Frau nicht mehr im Videoverleih arbeitet und sie hätte auch eine Theorie, warum sich solche Läden in Gegenden wie dieser nicht halten.

Was ich zeigen will, ist diese komplizierte spezifische Wahrheit, so dass du weißt : es ist echt. Leben, wie es sich für mich anfühlt. (Dann wieder sieht sie aus wie deine erste Lehrerin, wenn die sich mit den Hippies solidarisiert und Schuhe mit hohen Absätzen getragen hätte. Bei Cécile ist alles gleich auf ihrer MySpace-Seite archiviert und hängt ein paar Monate später in einer Einzelausstellung in Detroit oder Istanbul.)
Du könntest Wahrnehmungs- und Realitätsschichten durchqueren oder freilegen. Erzählen und Erzähltes überblenden vielleicht. Überhaupt alles, was da ist und da sein könnte. (Trotzdem fühlt sich es so an wie Stillstand). Weil es kein Nacheinander gibt, nur die Ebenen des Möglichen und deren Auswirkungen auf die Sprache (ach, wäre sie : weder verbraucht noch vorgefunden, poetisch und präzise).
Du solltest zu einem öffentlichen Raum der Wahrnehmung und Artikulation werden.
Alles, was ich machen wollte, ist ein Archiv unwichtiger Dinge. (Du wärst so gerne wie sie. Sie ist die einzig Befugte im Umgang mit Pathos. Die Menschen lieben sie, filmen sie und veröffentlichen die verwackelten Videos dann in ihren Blogs oder auf YouTube. Sie hängen an ihren Lippen, und Frauenzeitschriften, Feuilleton und Jugendsender sagen über sie : alles an ihr ist zart und frei und cool und auch noch anarchisch. Sie sagt bei der Präsentation ihres ersten Buches über ihr Liebesleben : it rocks.)
Dich aussetzen oder die anderen aufreißen. Ich sag es ungern : du musst dich jetzt bald einmal entscheiden. Du kannst dich auch hinstellen/darstellen/einstellen auf alles, was drumherum ist, ach, nein : mach das nicht.

Sie wissen wahrscheinlich alle, worüber ich spreche.
Du könntest dich mit den Schlafwandlern beschäftigen, die ein bisschen verwundert sind über das, was ihnen passiert. Die sind voller Angst, völlig passiv, wenn man sie zuerst sieht, aber in Wahrheit entwickeln sie sich/auf ihre Art und unternehmen waghalsige Dinge, ohne zu wissen, dass sie dazu imstande sind. Verwegene Charaktere. Sie kommen vom Rand her, du kennst sie/Ränder. (Cécile steht neben einem Filmemacher und Dichter, er trägt eine Sonnenbrille. Sie ist eine darstellende Künstlerin, sie ist eine Intellektuelle, eine Autorin. Cécile ist schön. Sie ist quasi perfekt.)

Du weißt nichts über Pathos, bewirkst nichts, dein Archiv ist lückenhaft und deine Sexszenen sind dürftig. Und überhaupt : fühlst du dich wie das Leben an?
Darüber solltest du einmal nachdenken.
Über das richtige oder falsche, aber eigentlich über das bloße Leben (und was darüber hinausgeht). Verfremdungen, Parallelwahrnehmungen, Assoziationen, über das Schweigen und den Ton der Welt/diese Sachen.
Du beginnst immer wieder von vorne. Und heute hast du beschlossen, dass die anderen wahrscheinlich wissen, was du meinst. Da bist du wie Cécile.

archiv

Juni 2008
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
14
15
16
17
19
20
21
22
24
25
26
27
28
29
30
 
 
 
 
 
 
 

user status

Du bist nicht angemeldet.

suche