Patti, Saga und ich

Seit ein paar Tagen liegt das Kind auf dem Sofa, manchmal im Bett der Eltern, früh am Abend wieder in seinem eigenen. Es hat Fieber, hustet, wenn es aufsteht, überkommt ihn ein Schwindelgefühl. Das Kind ist krank zuhause und zuerst, weil W. unterwegs ist, bin auch ich die ganze Zeit da. In diesen Tagen wechselt das Wetter zwischen normal kalt und besonders warm, was ich aber nur über den Wetterbericht im Mittagsjournal mitbekomme und das eine Mal, als ich Essen besorge. Auch sonst verlasse ich die Wohnung nicht besonders häufig, nur um einzukaufen, meine Position in Richtung Kaffeehaus zu variieren, eine Runde durch das Arsenal zu drehen. Aber es ist anders, wenn die Klause unfreiwillig nicht verlassen werden kann.
Als das Fieber steigt und W. beim Kind ist, laufe ich eine lange Runde am Donaukanal zur Stadionbrücke und wieder zurück nachhause.

Patti Smith, photographed at her regular corner table in the now closed Cafe Ino, Greenwich Village, by Claire Alexandra Hatfield.

Patti Smith erzählt mir in M Train davon, wie sie immer ins Café Ino frühstücken geht, aber auch Erinnerungen an Eric Sonic Smith, ihren Ehemann und Lebenspartner, der schon vor vielen Jahren gestorben ist. Sie berichtet von ihrem Vortrag beim der Continental Drift Club, einer exklusiven Gesellschaft, die sich mit Alfred Wegener, dem deutschen Geologen, der die Kontinentalverschiebung entdeckte. Bevor sie sich auf die Reise nach Berlin zu dem Treffen des CDC (die Einladung kam handschriftlich in einem braunen Kuvert) macht, ihre Packlisten schreibt (was sie immer macht, auch schon früher), denkt sie an all die Kaffeehäuser in der Welt, in denen sie noch nie war. Café Josefinum in Wien z.B. ist mir gar nicht bekannt, aber ich denke gleich ans Josephinum der Medizinischen Fakultät, und das würde natürlich zu Patti Smith sehr gut passen. Aber das Café Zoo im Berliner Bahnhof, wo sie einige Zeit später auch sitzen wird, als einzige. Als sie ihre Bekannten fragt, ob es denn renoviert oder umgebaut wird, wissen die gar nicht, dass es überhaupt noch existierte. Das ist ja das Pressecafé*) und ich krame ein bisschen und finde…

Auf dem Rückflug hält sie in London, zieht sich in ein Hotel zurück, um tagelang Krimis zu schauen, eine neue Leidenschaft offenbar. Bei der Gelegenheit erinnert sie sich daran, wie sie zuerst The Killing gesehen hat, das amerikanische Remake der großen Kommissarin Lund-Serie. Eine der ersten Serien, die auch ich vor vielleicht sieben Jahren, sie war noch ziemlich neu, gesehen habe. (Ich schaue Serien, aber bei weitem nicht so viele wie die meisten meiner Bekannten und Freunde.)

Sarah Lund (Sofie Gråbøl)

Mit Sarah Lund in ihrem Norwegerpulli, der Einzelgängerin und manischen Polizistin ging los, was mittlerweile mit Saga Noren – Kommissarin auf der anderen Seite des Wassers, in Malmö – in Die Brücke weitergeht. Patti Smith beschreibt, wie sie sich jede Woche (sie ist ein bisschen älter als ich und schaut sich Serien offenbar ganz old school mäßig im Fernsehen an) auf die nächste Folge gefreut und gleichzeitig irrsinnig davor gefürchtet hat, wie es sein wird, wenn die Kommissarin einmal nicht wiederkommen wird. Ob Smith das dänische Original kennt, weiß ich nicht, aber kann es ihr nur wünschen. Nicht nur, dass die amerikanische Serie bereits nach der ersten (oder gingen doch zwei?) Staffel abgesetzt wurde, weil das natürlich zu grausam ist für die amerikanische TV-Realität, ist das Original natürlich unerreicht.

Saga Noren (Sofia Helian) Photo: BBC/ZDF/Carolina Romare

Ihre Freude/Sorge hat sofort jenes Gefühl in mir wieder hervorgerufen, dass ich in der vergangenen Woche hatte, als ich mir die dritte Staffel von der Brücke reinzog. Das ZDF strahlte die Serie in Doppelfolgen aus, vorab gab es schon alles in der Mediathek. Ich war so berührt wie lange nicht von der Beziehung, die sich zwischen Saga und ihrem neuen Kollegen aus Dänemark entwickelt, der nicht ganz so autistisch (Asperger?) ist wie die scharfsichtige Ermittlerin im alten Porsche, aber doch auch einen ziemlichen Rucksack zu tragen hat. Wie kann einem eine Figur derart ans Herz wachsen. Bin mir unsicher, ob ich mir noch eine weitere Staffel Saga Noren wünsche – die Wahrscheinlichkeit, dass es noch besser ist, kann ja nicht sehr groß sein. Und die Figur kenne ich ja bereits, das ist viel. Aber ich habe noch einige Kapitel M Train von Patti Smith vor mir, von der ich tatsächlich nicht vermutet hätte, dass wir uns (auch) bei dänischen Krimiserien in abgedunkelten Hotelzimmern treffen würden. Schön.**)

25.2.2016
*) Das Einzige, das ihnen bleiben wird (wahrscheinlich), ist das Bild, das der hagere Schwarze mit der Zigarre im Mund von ihnen zeichnet: auf Papier, das er im Blumenladen geholt hat. Es ist vier Uhr morgens, ich sitze im Pressecafé am Bahnhof, warte darauf, dass endlich ein Zug mich zu dir bringt. Nachrichten in den Fernsehapparaten in allen Ecken zeigen mittlere Katastrofen, Frank Sinatra singt Yesterday als Soundtrack für die stummen Bildschirme. Das Café ist fast leer. Hinten sitzt so ein verträumtes wackeliges Pärchen, ein Müllwagen müsste vorbeifahren oder einer für die Straßenreinigung, wünsche ich mir, weil ich ein bisschen müde bin und in Bildern denke, die ich schon kenne, aber dafür ists eine Stunde zu früh. Außerdem fehlt gutes Wetter, dies ist einer der letzten kalten Tage dieses Winters, soviel ist bereits abzusehen. Die Morgenstunde ist sich noch ziemlich fremd. Keine Zärtlichkeit, die verirrt zwischen uns auf der Couch sitzt, türkis im Gesicht wie der Anzug des Arabers, der seit einer kleinen Ewigkeit auf einen der Kellner einredet.
Der Zigarrenrauch des Schwarzen fliegt mir zu.

Pressecafe im Bahnhof Zoo Foto Jim Cooper

Du sollst nicht andere Paare beobachten.
This is a gift for you raschelt das Papier. Er portraitiert sie mit Kugelschreiber aus ihrer Handtasche und sie wird die Zeichnung haben und der Abend wird schöner gewesen sein als in Wirklichkeit. Das Bild zeigt vor allem ihre Augenbrauen vor allem. Ich frage mich, ob der hagere Schwarze ihr Wackeln zeichnen kann und ob der Mann, der so knapp neben ihr sitzt, froh darüber ist, seine Müdigkeit zu bemerken. Er sieht sie jetzt schon, nicht später, am Papier. Sein Gähnen wirkt so gutgelaunt.
Ganz hinten bei den Spielern rasselts einmal ganz lange und ich hätte auch mal wieder gern ein richtig großes Glück mit Münzen und Moneten. Der Kellner hat mich vergessen und der Tee wird kalt, bevor er ihn gebracht hat.
Ich gehe in den Blumenladen, hole Papier, grünes oder pinkes, egal was sie da haben, muss an den anderen Tisch, nach dem Kugelschreiber fragen. Ich schaue ihr ins Gesicht und ihm auch, ehe jeder in seinen Zug steigt oder in ein Taxi, das in Richtung Flughafen unterwegs ist. Die kleinen Koffer neben dem Tisch warten geduldig. Morgen wird sie nicht mehr wissen, wie er hieß. Je länger die Striche des Schwarzen über das Papier fauchen, desto müder wird die Gegend um ihre Augen herum, ich glaube, sogar Weinen wäre ihr jetzt zu mühsam.

A gift for my girlfriend werde ich dem hageren Schwarzen sagen und erklären, dass die Blumen die lange Reise nicht überstehen können bei der Kälte; er soll auch mein Gesicht zeichen, ein Bild von mir, der Gedanke gefällt mir, das werde ich ihm sagen. Der Mann kommt aus Madagaskar, sieht aus wie hundert und hat noch nie ihm Leben ein Bild gemalt, sehe ich, noch auf dem Weg zu ihm. Er ist ein Jazzsänger auf dem Weg in die Provinz und das Einzige, was bleiben wird von diesem Morgen im Pressecafé am Zoo, ist Kugelschreiber auf Papier, in die ich die Blumen einwickeln würde, wenn ich dir morgen welche schenkte.

Cafe Zoo

**) Ob mit Café Zoo und Pressecafé im Bahnhof Zoo wirklich identische Lokale gemeint sind, weiß ich ehrlich gestanden nicht.

Und nein, Sie sollen das Buch von Patti Smith, nicht sofort bei amazon bestellen, sondern beim Verlag direkt, Ihrer Buchhandlung oder warten, bis die deutsche Übersetzung erscheint!

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