Nur sie

(Elle, L’Avenir, Grippewelle)

Der Schädel wummert, wenn ich nicht von Freunden gehört hätte, dass auch ihre Grippe von starkem Kopfschmerz begleitet ist, würde ich mich noch um einiges stärker der Angst hingeben, diesmal ist es doch ein kleiner Gehirntumor. Das Fieber steigt und sinkt wieder, ist fast nur mehr erhöhte Temperatur, nachdem ich genug gelesen habe, ziehe ich mir zuerst den grade bei mit Golden Globes ausgezeichneten »Screwball-Thriller« (keine Ahnung, woher ich das habe, besonders absurde Genrebezeichnung, die ich gerne einfließen lassen wollte) ELLE von Paul Verhoeven rein, und tags darauf den im selben, dem soeben vergangenen Jahr erschienen L’AVENIR (ALLES WAS KOMMT) der jungen Französin Mia Hansen-Løve, die so ruhige, zarte Filme macht, wenn man wollte, könnte man sie für eine Rohmer-Regisseurin des 21. Jahrhunderts halten.
In beiden Filmen spielt Isabelle Huppert eine Frau mit erwachsenen Kindern, sie ist Philosophielehrerin und Autorin für philosophische Schulbücher (L’Avenir) und Unternehmerin (Elle), leitet eine Firma, die Videogames entwickelt.

Frauen ab 40 kann man ja bekanntlich in die Tonne schmeißen, so die Philosophielehrerin Nathalie zu ihrem ehemaligen Schüler, als sie ihm erzählt, dass ihr Mann sie nach 25 Jahren für eine andere verlässt. Ihr Verlag macht ihr deutlich, dass weder die Aufmachung ihrer Bücher noch deren pädagogische Ausrichtung noch zeitgemäß seien. Die große Trauer über das Ende einer glücklichen Ehe spielt sich in einzelnen Aktionen ab, vor allem aber innen, Huppert/Nathalie lässt das nur ahnen. Einer der wenigen Sätze, die sie darüber verliert: »Ich dachte, du würdest mich für immer lieben.« Sie ist eine stolze, kontrollierte Frau. Als sich der Kontakt zu einem ehemaligen Schüler intensiviert, kommen Fragen, ihr bürgerliches Leben betreffend (sie), die Bereitschaft zu Anarchie und Gewalt (er und seine Freunde, mit denen er in den französischen Alpen einen alten Bauernhof gekauft hat und die alternativen deutsche Verleger) auf. Revolution, so die immer noch sehr engagierte Lehrerin, sei nicht ihr Lebensziel, sie wolle Kindern beibringen, ihren eigenen Kopf zu benutzen. Während sie ihr neues, unerwartetes Leben lebt (das nicht klischiert oder stereotyp gezeigt wird, sie hat keinen jugendlichen Lover und erfindet sich auch nicht neu), wird sie Großmutter und ihre eigene Mutter, eine irgendwie manisch-depressive, ehemalige Schönheit, die die Tochter sehr beansprucht, stirbt.
Der Film kommt scheinbar ohne dramatische Höhepunkte aus, folgt einfach (ha!) dieser Frau (auch visuell, oft sieht man ihre Schultern, sie von der Seite, von hinten) ein Stück. Huppert macht darin, was sie meistens macht: Scheinbar wenig und das mit maximalem Effekt, aber die kontrollierte Frau berührt mich, sogar in ihrer Effizienz. Sie kümmert sich sehr um die Mutter, ohne sich vollends aufzuopfern, geht liebevoll mit ihr um, zeigt, wenn sie genervt ist. Aber erst, als der Priester in der Verabschiedung über die Tote spricht, von deren Stolz darüber, dass ihre Tochter anders als sie selbst etwas gelernt hat in ihrem Leben, ist tiefe Zuneigung zu spüren.

Elle, Film von Paul Verhoeven

ELLE, über deren Hauptfigur Michelle Hupperts Kollegin Sandra Hüller sagt, sie komme ihr wie eine Superheldin vor, ist anders, von anderem Kaliber. Michelle wird vergewaltigt, aber sie verweigert die Opferrolle nicht nur, sie hat weiterhin Lust an ihrer Sexualität, die sich nicht an Normen, auch nicht an andere Festschreibungen im Verhältnis von Männern und Frauen, aber auch unter Freunden hält. Sie tut so konsequent, was sie will, dass es einen schaudern lässt, erstaunlich, wow! Auch dieser Film spielt in einem bürgerlichen Milieu, aber das Setting, dem seine Hauptfigur entstammt, ist um einiges abgefahrener als die Geisteswissenschaftler in L’Avenir. Michelles Vater ist ein Serien- bzw. eher Massenmörder. Die Presse zeigte aber auch die zehnjährige Tochter als Mittäterin, Mitwisserin, zeigte sie jedenfalls und nicht als unschuldiges Kind. Obwohl es in den 60er-Jahren noch kein Internet gab, hat das Foto von dem zehnjährigen Mädchen, das dem irren Vater dabei geholfen hat, im Haus alles mögliche abzufackeln, überlebt: als Tochter des Psychopathen, als »Aschenmädchen«. Ein Bild, das bleibt und das die erwachsene Michelle immer wieder von sich weisen muss. An dieser Front kämpft sie, als Opfer gesehen zu werden – aber nur in der öffentlichen Wahrnehmung. Ihrem toten Vater, den sie schließlich doch besucht, zischt sie ins Gesicht, dass allein die Ankündigung ihres Besuches ihn umgebracht habe.
Michelles Mutter, durch unzählige Gesichtskorrekturen und an der Hand ihres nicht einmal halb so alten Toyboys dargestellt, nervt. Das Verhältnis der beiden ist vielleicht ein zynisches, einer von Michelles letzten Sätze vor dem Herzinfarkt der Mutter ist ziemlich gemein. Für die Mutter war ihr Mann, der lebenslang hinter Gittern ist, »mehr als ein Mann«, wie immer man das interpretieren möge.

L'Avenir, Film von Mia Hansen-Love

In beiden Filmen spielt die Mutter der Hauptfigur eine besondere Rolle. Eigenwillige Frauen, für die die eigene (vergangene, wie sie es empfinden) Schönheit von existenzieller Wichtigkeit und deren eigenes Leben auf je andere Art leer ist. Sie haben beide nicht die Macht über ihre Tochter wie es in Jelineks/Hanekes KLAVIERSPIELERIN der Fall ist. Vielleicht fällt es nur mir schwer, in dahinter liegenden Schichten die vielen anderen Rollen nicht mitzulesen, zumal Huppert doch in jedem Film jede Frauenfigur neu interpretiert. Und Huppert wird zweimal Großmutter: Nathalies Tochter bringt ein Kind zur Welt, hier ist alles in Ordnung, Michelles Sohn wird auch Vater, will aber nicht wahrhaben, dass dieses Baby eher nicht von ihm stammen kann.

Bemerkenswert, dass der eine Film von einem Mann und der andere von einer 30-jährigen Frau stammt, aber schön. Beide wälzen eigentlich verdammt viel Stoff und beiden Filmen sieht man die Dichte beim ersten Mal nicht an, da kommt noch mehr. Natürlich ist Huppert großartige Besetzung, vielleicht wurden die Filme auch für sie geschrieben. Aber die Filme sind nicht nur von der Darstellerin seiner Hauptfigur abhängig, Isabelle scheint mit immer noch größer werdender Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit die besten Rollen für sich herauszugreifen.
Immer noch kränklich, das Wummern im Schädel ist weniger geworden, wenn auch noch nicht vorbei. Die paar Stunden mit Isabelle haben gut getan. Merci.

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