Montag, 16. November 2015

Halbzeit

Das Problem mit den Geburtstagen in meiner Kindheit und Jugend hat mich nie ganz losgelassen. Wenn ich an mich als Kind denke, sehe ich ein altkluges Kind, das in der Familie alleinstand und in der Schule nicht besonders beliebt war. Immer zwischen den Stühlen. In der Volksschule war ich in der Klasse der Bauernkinder, der B-Klasse. Nur Sabine, die mit ihrer Familie später nach Autal gezogen ist, wahrscheinlich kurz, bevor die erste Klasse losging, war ein Mädchen aus einer Angestelltenfamilie und sie hat auch im Anschluss das Gymnasium besucht. (Auf dem Feuerwehrfest, das ich mit Mann und Sohn vor ein paar Jahren besuchte – mitten in einem Kukuruzfeld und Heuballen sind auch die Sitzgelegenheiten, ein Woazockerfest – habe ich sie nach rund 30 Jahren wiedergetroffen: eine freundliche, lebenslustige, leicht übergewichtige Angestellte mit einem Kind, die immer noch in Autal lebt.) In der Erinnerung war sie die Einzige die mich so nahm, wie ich sein wollte, nicht, was die anderen in mir sahen, teilweise forciert von gemeinen Volksschullehrerinnen, die ihr Urteil über die Kinder schon vor dem Schuleintritt getroffen hatten. Für die meisten Kinder war ich nervend, weil ich ziemlich wissbegierig war, hatte viel aufzuholen, keine Bücher, wenig Aufmerksamkeit bis zu meinem 7. Lebensjahr. Die Freundinnen/Nachbarinnen eine Zweckgemeinschaft. In der Hauptschule war es dann ähnlich, aber da gab es Freunde, Freundinnen.
Es war so, dass die Eltern meistens unsere Geburtstage vergaßen. Manchmal konnte ich schon am Abend vorher kaum einschlafen, weil ich so derart voller Selbstmitleid darüber war. Zumindest eine Geburtstagstorte, aber die bekam niemand in unserer Familie – auch wenn gratuliert wurde, zuviel Arbeit, gar nicht in Betracht genommen. Anders war es mit den Geburtstagen der Eltern, die waren immer wichtig, ich bastelte, überlegte, dichtete. Der Vater tat sich immer schwer damit (auch heute noch), ein Geschenk anzunehmen, manchmal musste man ihn nach Stunden daran erinnern/ihn bitten, dass er es öffnen sollte. Wann das Bewusstsein darüber einsetzte, weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich eben in der Volksschule, als auf einmal Geburtstagsfeiern anstanden. Ich war nicht besonders oft zu einer eingeladen – die andern Bauernkinder feierten wahrscheinlich auch nicht alle, es war gar nicht allgemein verbreitet, in der Hauptschule dann schon eher. Alles problematisch: Ein Geschenk zu kaufen – wer gab einem das Geld dafür? Die Eltern sahen das ja eigentlich nicht ein, dass sie für ein fremdes Kind Geld ausgeben sollten. Und selbst eine Party schmeißen, wenn man noch nie auf einer war, von den Eltern (der Mutter) keinerlei Unterstützung zu haben ist, und man selbst nicht weiß wie: Es ist ein bisschen wie Sex, dann funktioniert es schon, auch beim ersten Mal. Man muss aber halt auch wollen, mögen, Lust haben. Die Angst, dass zu wenige Kinder kommen und man weiß dann nichts miteinander anzufangen. Dass sich die Eingeladenen langweilen. Dass sich irgendwer in der Familie unangemessen aufführt, dass die Gäste mitbekommen, dass wir nicht einfach eine normale Familie sind, dass immer etwas sein kann. Dass den anderen die Einrichtung schräg vorkommt (das Haus war ja über ein Jahrzehnt nicht fertig), dass es draußen dreckig ist, dass man selbst irgendwie nicht souverän genug ist. Ein Spaß war es nie, das bleibt.

27.10.15

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