Donnerstag, 26. Mai 2011

Wild!

Constantin Göttfert: In dieser Wildnis
Erzählungen

Constantin Göttfert eröffnet seinen Erzählband mit einer langen Kamerafahrt, die an einen Western erinnert: Er zoomt von bekannten Österreich-Bildern über eine Wahrheit des Erzähler-Ichs – „was ich meine Heimat nenne, eine flachgedrückte Ebene“ – und eine einsame Zugstation (sicher kein Bahnhof!) zu unendlichen Sonnenblumenfeldern; er lässt eine Medikamentendose über ein Kanalgitter rollen, lässt den Wind wehen (man hört die Mundharmonika und spürt den Staub in den Augenwinkeln), gelangt endlich in ein Elternhaus hinein, es wird eng, geht im Laufe der Geschichte in den Keller, wohin sonst: „In den Wänden“. Göttfert zeigt ein absurd-abstraktes Österreich, das aus Provinzen und Rändern besteht, auch wenn die Orte Innsbruck oder Graz, Ebensee oder Semmering heißen. Es ist aber zweitrangig, dass man das Meiste verorten kann. Und eine flachgedrückte Ebene hat auch nichts mit Weite und Offenheit zu tun.

Wenn eine Figur stundenlang in einem Bahnhofscafé sitzt oder eine andere eine fragwürdige Kommune in der Nähe von Görlitz besucht, flirrt eine subtile Dramatik zwischen den Zeilen umher, dass es immer wieder unklar ist (oder bleibt), ob die Figuren Welten zurücklegen und dabei auf der Stelle treten oder umgekehrt. Sie bewegen sich (oder bleiben) allesamt auf gefährlichem Terrain. Alles verloren, aber es kann noch schlimmer werden – und grausamer.

Das Verwilderte, Devastierte, Heruntergekommene ist bei Göttfert vor allem inwendig; sichtbar gemacht wird es auch an Äußerlichkeiten. Es gelingt ihm zum Beispiel, lediglich mit der Anbringung eines Plakates zum sogenannten Ausländervolksbegehren der FPÖ bzw. dessen Existenz noch Jahre später, präzise Auskunft über einen Ort und seine Bewohner und über deren Verfasstheit, zu vermitteln, ohne es ausführlich beschreiben zu müssen. Sie sind immer (noch da), sie haben keine Zukunft, sie haben keine Chance; was hinter ihnen liegt und auf ihnen bürdet, ist eine Zumutung.

Die wildeste Wildnis ist naturgemäß die Familie, davon erzählt Göttfert in beunruhigenden Bildern und Szenen, in denen die Grenzen zwischen Realität und Vorstellung verwischen; wenn sich seine Figuren auf den Weg machen, ist aber ein Ziel nicht in Sicht. Eltern und Kinder belauern sich gegenseitig, Sätze werden wie Formeln wiederholt, die zu keinem Ergebnis führen werden. Die Grausamkeiten eines misshandelnden Vaters, der über seine Familie (und darüber hinaus) herrscht, sind nie auf einen Täter und seine Opfer beschränkt, längst haben sie sich ausgebreitet. Die Unverschämtheit der eigenen Existenz zeigt sich als Schamlosigkeit, die als Gewalt oder Gleichgültigkeit zwischen den Menschen an den Tag tritt. Von dieser Verantwortung wird auch der Misshandelte nicht ausgenommen und so schildert einer, wie die (ebenso misshandelte) Mutter junge Katzen langsam zu Tode quält –nicht einmal das, er fragt sich: „Und wie lange noch war ich dort gestanden, versteckt hinter der Stallmauer, und hatte entsetzt mit ansehen müssen, dass Mutter einfach gegangen war und die Halbtoten mit zerquetschten Leibern und gebrochenen Knochen einfach am Leben ließ?“

Die Figurenkonstellationen in diesen Erzählungen lassen einen an eine Familienaufstellung denken, jemand muss weggehen, um seine Position (seine Beziehung) zum anderen orten zu können. In der Erzählung „Keine Katastrophe“ etwa fahren Vater und Sohn in ein Überschwemmungsgebiet, lediglich, so scheint es, um von dort aus die Mutter wieder und wieder anzurufen. Wenn sie nach kürzester Zeit zu ihr nachhause zurückkehren, ist gleichzeitig vollkommen klar und unklar, worauf sich diese Katastrophe, die angeblich keine ist, bezieht, dies aber zu benennen, kommt für den Erzähler nicht in Frage. Das erinnert mitunter an die surrealen Techniken eines David Lynch und sorgt für jenen Sog, der einen ratlos und rastlos weiterlesen lässt.

In Kleinverlagen erschienen vor „In dieser Wildnis“ bereits zwei Kurzprosabände des 1979 in Wien geborenen Göttfert, der nach einem Germanistikstudium gerade seinen Abschluss am Leipziger Literaturinstitut macht. Und auf alles, was von ihm noch kommt, kann man sehr gespannt sein!

Leipzig: poetenladen, 2010
121 Seiten, geb., Euro 16,80
ISBN: 978-3-940691-15-6

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