Montag, 6. November 2006

Sommer 04 an der Schlei, Stefan Krohmer

Ja, von SIE HABEN KNUT hab ich gehört & alleine wegen des Titels mir vorgenommen, den Film zu sehen. Verpasst. Wie alle anderen Filme von Krohmer – die aber möglicherweise gar nicht in Österreich im Kino zu sehen waren … und nach dem Sommer 04 nehme ich an, tatsächlich etwas verpasst zu haben.
Miriam & André (als Eltern) verbringen mit dem 15-jährigen Sohn Nils den Urlaub, der wiederum bringt seine 12-jährige Freundin mit – für eine Zwölfjährige ist sie ganz schön reif, so Miriam zu ihrem Lebensgefährten, da beginnt es schon. Über der Geschichte, wie sie erzählt ist, was sie alles ausspart, liegt ein Suspense, eine Spannung, wie sie eigentlich in deutschen Filmen ungewöhnlich ist. Das liegt nicht nur an der Subtilität, es liegt sicher auch an einem Widerspruch, den ich ungefähr mit »Kammerspiel in den Weiten Schleswig-Holsteins« umschreiben würde.
Das Mädchen Livia »verguckt« sich in Bill, einen hübschen Holländer (Amerikaner) mit Segelboot & Sportwagen & Nachholbedarf, was Frauen mit Niveau anlangt (seine Worte). Miriam ist besorgt um die Wahrung der Grenzen (& reißt selber alle nieder); André gibt sich offen-locker, lediglich um den (unmännlichen) Habitus seines Sohnes besorgt: Die Geschichte zieht an ihm vorüber. Das ist nämlich ein Film über die beiden Frauen – Miriam & Livia –, nur nebenbei wird weniges über die Männer erzählt. Und bei Martina Gedeck als Miriam kriegt man nun (schön langsam, aber sehr sicher) – nach ihrer Performance in der Houellebecq-Verfilmung Elementarteilen – das gute Gefühl, da gibt es nach Langem wieder eine deutsche Schauspielerin, die richtig spannend ist, die mehr tut, als Figuren verkörpern, Dialoge sprechen, Typen darstellen. Vergleichbar einer Huppert: wie wenig auch passiert – da ist immer mehr & das lässt einen auch nervös werden als Zuschauer, die Erwartungen werden geschürt & mitunter ist man nicht sicher, in welche Richtung sie gelenkt werden, das ist diffus, das weitet sich über das Land aus wie Schilf im Wind. Das Bild beschreibt sehr gut die Stimmung des Filmes, die Emotionen Miriams. Außen tut sich viel, die Kamera fährt über den Schilfstreifen (es ist ja nur Schilf!, denkt sich die Zuschauerin, die auch weiß, dass dahinter niemand ermordet wird). Man kann sich aber nicht sicher sein, was sich da tut.
Die Affäre zwischen Miriam und Bill ist mehr als eine Affäre, so viel muss von Anfang an klar sein, Livias Weitsicht allerdings rührt zwar auch, ist dabei haarscharf konstruiert. Die totale Konzentration auf ein paar Wesentlichkeiten, die Reduzierung – sowohl was die Protagonisten als auch Handlung & Schauplätze betrifft –, das genaue Spiel an & mit der Oberfläche (Balance) machen den Film zu einem kleinen Meisterwerk. Voilà!

Trackback URL:
http://angelikaexpress.twoday.net/stories/2898195/modTrackback

suche

 

letzte beiträge

Nur sie
(Elle, L’Avenir, Grippewelle) Der Schädel...
agnesz - 2017.01.12, 15:30
An Ing. Lugar (Team Stronach,...
Sehr geehrter Herr Ing. Lugar, Sie haben am 3.11.2016...
agnesz - 2016.12.01, 15:26
Weekend
Ein schöner Morgen im Herbst. Nachdem Mann und...
agnesz - 2016.09.24, 16:35
Die Zeichnung (Quelle...
1. Perlen, rieseln, rinnen. Hat das Kind denn gefragt,...
agnesz - 2016.07.12, 10:49
Patti, Saga und ich
Seit ein paar Tagen liegt das Kind auf dem Sofa, manchmal...
agnesz - 2016.02.25, 13:24
Wochenende
Am Samstagvormittag läuft während eines längeren,...
agnesz - 2015.11.18, 10:33
What We Inherit
Excerpt from Angelika Reitzer, Wir Erben (Novel, 2014),...
agnesz - 2015.11.17, 08:49

links in popups öffnen

alle Links auf der aktuellen Seite in einem neuen Fenster öffnen 

Angelika Reitzer, Impressum
Prosa
Translations
Über Filme u. Drama
Über Texte
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren