Donnerstag, 3. April 2008

Durchleuchtung!

Ein neuer, wilder Roman des Dichters Ferdinand Schmatz: DURCHLEUCHTUNG. Klar, denkt man als in Österreich Aufgewachsene gleich ans „Durchleuchten-Gehen“, wie es die Älteren (die Eltern) im familiären Umkreis formulierten, wenn sie zum Röntgen mussten, wenn sie gar in die Röhre geschoben wurden, wenn das Inwendige nach außen befördert wurde; wahrscheinlich tun sie es heute noch. (Und als gelernte Österreicherin denkt man auch an die „Durchlaucht“ und das ist auch eine adelige Seele, dieser Künstler!) Ein wilder Roman aus Danja und Franz: hinein-, ganz durch- und durch(ge)leuchtet und dann kommt ein wilder Roman heraus?! Die Mischverhältnisse der Figuren Franz (der zu durchleuchtende Künstler), Danja (die Frau an Franz’ Seite – vielleicht eine anagrammatische Nadja, auf jeden Fall Inspiration und Rätsel ohne nur Muse zu sein/„der Name war schon vergeben...“) und Pokisa (Arzt und Analytiker, der Durchleuchter-Instanz, die sogar räumlich ein Stockwerk über des Künstlers Krankenzimmer residiert) stimmen, die Stimmen gehen ineinander über wie auch das Denken und das Reden, ohne dass dabei auf das Erzählen verzichtet wird. Und sie bestimmen auch das Tempo. Vielleicht sind es drei Stimmen einer Figur, des Erzähler (Ferdinand). Der redet: rasant und sinnlich, unbändig assoziierend und ist dabei immer sprach-reflexiv. Der Roman setzt ein mit der Krise/möglicherweise Krankheit des Künstlers Franz, aber nie wird gekränkelt (vulgo papieren theoretisiert), das liegt auch daran, dass eine Ironie durch das Buch schwebt, nein: fegt. Das liegt daran, dass der Erzähler auf eine offenherzig-subversive Art im Roman ein- und ausgeht, seine Figuren dabei meist trifft und manchmal eben nicht („aber davon später mehr“), und vor allem liegt es daran, das DURCHLEUCHTUNG im Adorno’schen, also im wahren Sinne, ein Künstlerroman ist und der kann: glaubhaft vorführen, wie alles miteinander verknüpft ist, welche Metaphern zu finden sind für eine Sprache (der Gefühle etwa, der Liebe natürlich und über die Sprache/das Sprechen und zeitgenössische Kunsttheorien) – und Erkenntnisse auch. Es überlagern sich dabei die Räume und die Zeit – alles ist vielleicht nur ein Augenblick. Am Ende (J. Drews vergleicht Danjas Dialog mit Franz mit dem Monolog der Molly als Penelope aus Joyces „Ulysses“!) aber steht nicht die Diagnose des Arztes, sondern die Selbstvergewisserung des Künstlers im Anblick eines Bildes von Lorenzo Lotto, einem Mann mit der Löwenpranke.


Ferdinand Schmatz: Durchleuchtung. Ein wilder Roman aus Danja und Franz, Haymon Verlag, Innsbruck/Wien 2007.

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