[>>]

Samstag, 8. November 2008

Explosionen, Feuerwerke

In dem experimentellen Kurzfilm 24/7 - was kann das Licht, wie schnell ist das Meer und wo ist der Himmel et vice versa - kommen nur Licht, Landschaft und Kamera vor, ist das Filmemachen selbst Thema und also meine Wahrnehmung oder die Konstruktion davon. Gedreht wurde 24/7 in Griechenland. Und dann: Ich fahre aufs Land und sehe in einer Mehrzweckhalle Z wieder. Costa-Gavras erzählt von Sonntagnachmittagen auf dem Land mit Simone Signoret und Yves Montand, von ihren diskursiven Feuerwerken, von seiner cinematografischen Rückkehr nach Griechenland, 50 Jahre, nachdem er sein Geburtsland verlassen hat.

dropping-pg

Alles bricht auseinander, und zwar auf wunderbare Weise wie in Dropping Furniture, die Möbel fallen (wie) vom Himmel ins Zimmer, inklusive Zeitungsständer und Aquarium: alles, was man braucht zum Leben oder wenigstens Wohnen; es ist nichts mehr auszurichten. Filme wie dieser oder 12 Explosionen zeigen kurz und bündig, was das Kino kann, wie wir in unseren Erwartungen und in dem, was wir kennen und erkennen, uns immer wieder überraschen und vor allem natürlich täuschen lassen wollen.

In den Filmen von Miguel Gomes werden die Feuerwerke von Menschen bestaunt oder ignoriert, sind Teil einer grandiosen Anarchie, als die sich seine Filme - vor allem der aktuelle Film Aquele querido mês de agosto - gebärden und aufbäumen. Fuchs und Hühner in nebeneinanderliegenden Käfigen; einen Moment der Irritation gibt es fast immer, und plötzlich ist nichts mehr, wie es sich eben noch dargestellt hat.

aqma2

Aber was, wenn man den falschen Weg wählt? "Das Gesicht, das man verdient" steigert die Angst von einem, der in sein 30. Jahr geht, ins Lächerliche, Karnevaleske, Märchenhafte. Die Antwort scheint hinter dem Spiegel zu liegen, an Spielregeln - und dass man eine Wahl hat - wird also noch geglaubt. "Kannst du dir eine Welt ohne alles, ohne Dunkelheit und ohne Farben vorstellen?" So fragt nur, wer sich noch als Mittelpunkt des großen Ganzen wahrnimmt.

Im August kommen die Exilportugiesen nach Hause, sie feiern und singen - vor allem Schlager. Aus den Couplets und Vignetten aus Gomes' erstem Film sind echte Lieder und dokumentarisch anmutende Tableaux vivants geworden. Alles wie im richtigen Leben. Wie im Leben? Die Grenzen zwischen dokumentarischen und fiktiven Elementen sind schwer zu bestimmen, Gomes erzählt komplex und unübersichtlich, und er tritt selbst auf, der Film, den wir sehen, ist noch ein Ziegelstein von einem Drehbuch, der Produzent verzweifelt. Zuerst sieht man Umzüge, Volksfeste, die Menschen eines Landstriches erzählen ihre Geschichten, setzen sich in Szene, um wieder zu verschwinden oder in der Spielfilmhandlung, die den zweiten Teil des Filmes ausmacht, aufzugehen.

AQMA_027

Zwei Darsteller, die wir die ganze Zeit über nur von hinten sehen, unterhalten sich da über das Auftreten im Film. Diese Reflexion verbindet die beiden Teile, eine alte Frau begrüßt die Männer - und den Kameramenschen, also uns. Explosionen der alltäglichen Existenz und mittendrin Kino in Reinkultur.

In der Mehrzweckhalle wird Pasolini als Drehbuchautor zitiert: "Wir schreiben auf brennendes Papier." Neben mir der Dichter nickt. Aber er meint anderes als der Filmtheoretiker auf dem Podium, dem es um die Nützlichkeit, um die Vergänglichkeit des geschriebenen Wortes für die Bilder und für die Bewegung geht. Es geht um Licht, ums Brennen, im Kino wie im Leben: um explosiven Stoff.

aqma3

(zuerst in : DER STANDARD/Printausgabe, 28.10.2008)

Trackback URL:
http://angelikaexpress.twoday.net/stories/5308185/modTrackback

archiv

November 2008
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 
 1 
 2 
 7 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
 

user status

Du bist nicht angemeldet.

suche