Mittwoch, 26. August 2009

Wahrscheinlich oder : über die Frauenfrage im Literaturbetrieb

Sich einschreiben in diese Welt. In Hinterzimmer und öffentliche Plätze sich hineinschreiben, in ehemals besetzte Häuser, aus denen mittlerweile Wellness- oder Wohlfühloasen in urbanem Schick geworden sind, in Kriegsschauplätze und Kriegswegschauräume, dahin, dorthin, wo überall es möglich ist oder notwendig : sich eingravieren, die Kurve kratzen, eine Spur hinterlassen, der Welt, der sogenannten großen und weiten, politisch-öffentlichen und der Seitenblicke-Scheinwelt, den Zwischenräumen nummerierter Weltwirklichkeiten den eigenen Stempel aufdrücken und auf der eigenen Perspektive beharren. Und sei es vom Rand her!
Es lassen sich diese Fragen – mich überkommt ein Unbehagen dabei, das sich nicht auf strukturelle Benachteiligung von Autorinnen im wahrscheinlich chauvinistischen Literaturbetrieb und die darauffolgenden Reflexe zurückführen, mitnichten darauf reduzieren lässt – nicht so einfach beantworten, wie sie sich scheinbar stellen. Bin versucht, ein »Ja, wahrscheinlich« hinzuwerfen, aber das wäre (unhöflich, das ist aber nur das Eine) nicht richtig. Ich verweigere auch die Aufzählung bekannter Fakten. Gibt es mehr Verleger als -innen? Ja, wahrscheinlich. Mehr Bestellerautoren? Mehr Preisträger usw. usf.? Wird wohl so sein.

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Bei der Preisverleihung zum Marianne-von-Willemer-Preis, den mir die Stadt Linz, genauer gesagt das Frauenbüro der Stadt Linz vor wenigen Wochen verliehen hat, wurde die Namenspatronin in einer szenischen Lesung vorgestellt. Denn das war nötig, für die zahlreich erschienenen Gäste ebenso wie für die Preisträgerin. Goethe-Korrespondenzpartnerin, wusste ich ungefähr. Vorbild für eine Figur im west-östlichen Diwan? Da endete mein Wissen, bevor es eigentlich begonnen hatte. Nach der szenischen Lesung sollte ich wissen, dass Frau von Willemer, die von ihrer Mutter (Schauspielerin wie sie selber) an einen Frankfurter Kaufmann verschachert wurde, Geliebte und Freundin Goethes war und ein Leben lang nicht verwinden konnte, dass er sie nach zwei Sommern fallen ließ. Dass einige (nicht wenige!) Gedichte im west-östlichen Diwan von ihr stammen – Goethe hat Willemer nicht zitiert, er hat ihre Texte (Gedichte in Liebesbriefen an ihn, fruchtbarer Dialog) einfach genommen/gestohlen/verwendet – und die Urheberin bewahrte dieses Geheimnis gut auf, irgendwo in ihrem gekränkten Herzen. Schmerz reimte sich wieder auf Herz, aber ein paar aussagekräftige Zeilen der Dichterin von Willemer bekamen wir leider nicht zu Gehör an diesem Abend, der doch darauf hinweisen sollte, dass es Frauen im Literaturbetrieb immer noch um einiges schwerer haben als ihre männlichen Kollegen. So lange sich eine Institution, die sich für die Gleichberechtigung von Frauen einsetzt als ihre ureigenste Aufgabe, so unfassbar schwer tut mit der weiblichen Stimme, mit Autorinnenschaft – was sollen wir da über den männlichen Literaturbetrieb reden und uns selber darin hinten anstellen, bemitleiden, beklagen!?

Mich interessiert die Deckung nicht, die Defensive nicht, weil die Rollen offensichtlich und offenbar zugeteilt, die Positionen also vergeben sind. Die Arbeitsbedingungen sind hart, das Literaturgeschäft ist schwierig, wenn man es als Geschäft betrachtet (aber das ist ja die Aufgabe von Verlegern und Verlegerinnen), die Autorinnen und Autoren haben zu schreiben (wenn sie etwas zu sagen haben), ohne sich um das Geschäft zu kümmern. Ich habe ja immer nur meine Texte, an denen ich mich orientieren kann. Ich kann nicht vergleichen, wie es einem Mann ginge mit meiner Literatur, auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass ein Autor mit meinen Texten erfolgreicher wäre wie ich. Aber wer weiß? Es gibt gute Literatur, es gibt notwendige Literatur und innerhalb aller möglichen Zuschreibungen eine Unzahl von Zwischenräumen.
Attackieren, angehen, ausgreifen, hinweisen, aussagen, verschweigen, totreden, niedermachen. Schreiben. Einen Dreck daraufgeben, wie das jetzt aussieht. Fuckfinger und/oder Poesie. Poetische Statements hinterlassen wie ökologische Fußabdrücke. Ihr Ding durchziehen. Wie auch immer es aussieht. Mit oder ohne Lippenstift. Modestrecke. Ungeschminkt. Schreien. Wer sich korrumpieren lässt, ist selbst schuld. Wahrscheinlich?

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