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Mittwoch, 3. August 2005

das fest

in dem moment, als ich aus dem zug klettere, läutet mein handy. der bahnsteig ist voll, während ich von den menschen mehr geschoben werde als dass ich selber gehe, krame ich in der tasche, das ist immer das gleiche, ich finde das telefon nicht. ich ärgere mich im gehen (geschoben werden), denn wer in diesem augenblick anruft, das weiß ich schon. dann finde ich das telefon, das nicht mehr läutet, in einem buch, ganz unten in der tasche & meine die ahnung wird bestätigt. mir fällt die tasche hinunter, knallt auf den bahnsteig, ich ziehe sie hoch, bin zornig, mein freund, mein begleiter schmunzelt vielleicht oder runzelt die stirn, ich will es gar nicht sehen.
am bahnsteig steht der anrufer, mein ältester bruder, wir haben uns gut zwei jahre nicht gesehen, begrüßen uns mit einem handschlag. erstaunt sagt er : du sieht ja richtig gut aus, bin ja richtig stolz auf meine schwester.
ich ärgere mich : dieses permanente ausweichen auf die telefonische leitung. auf den ständigen kontakt, ohne sich zu berühren, auf dieses kontrollorgan, das es geworden ist (das telefon immer schon war, nur seine reichweite wurde um mehreres, um ein vielfaches vergrößert). auf der anderen seite, auf der es eben nie klingelt, demonstriert es : wer aller nicht anruft und sich kümmert. die mutter (andere mütter melden sich täglich oder jedenfalls regelmäßig oder zumindest : zu oft), der vater, der dich nicht erkennt am telefon; der aber, wenn du da bist, ständig mit dem telefon in der hand herumrennt (sieh her : es ist nicht so, dass ich gar nicht kommunizier).

direkt vom bahnhof fahren wir zu einem weiteren bruder : wir lassen uns alle auf ein foto pressen. das ist von langer hand geplant und soll eine überraschung werden, ein geschenk für einen runden geburtstag, natürlich wird sich unsere mutter, die beschenkte, darüber freuen. so hat sie uns auf einem bild versammelt, kann uns in die küche, ins wohnzimmer, an die wand hängen, anschauen, wann immer sie möchte. während ich im badezimmer meines bruders II und seiner frau ein wenig make-up auflege, warten die anderen im vorraum. direkt vor der badezimmertür warten sie & mache blöde witze, darüber, wie lange das dauern könnte, darüber, wie wenig das helfen wird undsoweiter. immer war ich die andere. ich habe vier brüder, bin das einzige mädchen. bin in die schule gegangen, hab ein paar jahre auf der uni verbracht, jetzt stapeln bücher in meinen zimmern. anders genug, um dafür zur rechenschaft gezogen zu werden. natürlich, es sind alles nur witze, die gemacht werden & ich bin meistens die einzige, die das nicht verträgt. (außenstehende sehen das vielleicht anders. Die brüder lachen, ein freund von bruder I übersetzt es für sich so : die bringen dich grade in misskredit.) so scherze, die darauf aus sind, die integrität und die schale des anderen ein wenig anzukratzen. nicht zuviel, denn wir möchten uns alle nicht wirklich miteinander auseinandersetzen. wir möchten nicht so ein streitgespräch führen, dass am ende eine annäherung oder so etwas wie ein auseinanderbrechen steht. immer nur an der oberfläche, keinesfalls darunter.

reitzerkinder

die elterneinheit hält sich da meistens heraus, nur der vater lacht manchmal auf, wenn es gegen die tochter geht, die schon wieder so empfindlich (auf alles) reagiert.
Er tritt aber auch aus dieser einheit heraus : humpelnd, wenn er zu wenig aufmerksamkeit bekommt, polternd, wenn er bedient werden will und das gefühl hat, die anderen haben seine autorität vergessen, gekränkt, auf einem bein hüpfend, wenn er meint, er ist der kleine bub im mittelpunkt, auf den alle zu achten haben.
gespräche, die in ein feld leuchten, das von außen nicht sichtbar ist, finden zwischen diesen geschwistern (uns) nicht statt, hin und wieder flunkert so eine taschenlampe mit schwacher batterie/frage in die richtung, in den seltensten fällen wird darauf eingegangen.

im mittelpunkt steht immer: das essen.
in abständen zwischen zehn minuten und einer viertestunde wird gefragt : magst du was, hast du hunger, nimm dir noch, nimm nach, schmeckt es dir etwa nicht, willst du was trinken etcetera.
gleichzeitig wird geschlungen, das mittagessen mit zwar nur einem gang, aber vielen verschiedenen salaten und beilagen dauert knapp zwanzig minuten. nach einer guten stunde haben dann alle auch schon torte und kaffee hinter sich.
der vater verbringt die meiste zeit an seinem immergleichen platz am küchentisch sitzend. am kopf des tisches, das versteht sich von selber. strategisch gut, will er den radioapparat ein und ausschalten, keiner sitzt mittlerweile mehr neben ihn (früher war ich das oft, niemand wollte neben ihm sitzen, er hat sich ausgebreitet auf der sowieso schon schmalen stirnseite des tisches). er dirigiert herum, das salz! mutter. (mir tut so ein satz, in diesem widerlichen befehlston ausgesprochen, immer noch weh, sie sieht scheinbar darüer hinweg). er redet. es mischt sich neid auf die großkopferten und totale hörigkeit gegenüber der partei, dieser nachfolgepartei der austrofaschisten, gegenüber dem parteivorsitzenden.
er kann keine ganzen sätze. zu ende sprechen. es gibt keine einleitungen oder erklärungen, wovon oder von wem er redet. er redet. da steht gelesenes, im fernsehen gehörtes neben selbst erlebtem (wenn auch : selbst erlebtes, das wird selten erzählt, manchmal ist es von weit her in der zeit), er redet über bekannte von ihm, als müssten alle sie kennen, der freund des bruders I, der überhaupt zum ersten mal in diesem land, und also auch in dieser familie ist, wird mit geschichten von nachbarskindern konfrontiert. die kennt er zwar nicht, aber es macht vielleicht nichts : er hat auch gröbere probleme mit dem dialekt. (natürlich kommt hier auch neid durch : denn er erzählt vom großartigen talent eines nachbarsbuben als schlosser und die tochter bemerkt mit bedauern, dass über sie so nie gesprochen wird, über ihren ausgezeichneten erfolg im studium, über ihre stelle als geschäftsführerin, über ihren landespreis, nichts.)
er duldet keinen widerspruch gegen : die partei, die eigene gemeinde, das eigene gemüse. mitten im essen lobt er plötzlich bruder IV & also sich selbst, dass die erdäpfel großartig schmecken. eigenlob ist an der tagesordnung, es kann sich über das gemüse hinausgehend auch noch auf zwei, drei seiner söhne beziehen, auf die politische arbeit (seiner partei), auf ausgewanderte politiker und muskelmänner, auf alle, die der bundeskanzler verteidigt, auf irgendwelche neffen, von denen man im augenblick nicht ganz genau weiß, wer jetzt gemeint ist, auf großkapitalisten, die im land investieren wollen. den papst. eine skifahrerin. denn das ist des vaters neuestes hobby : stunden verbringt er vor dem fernsehapparat, schaut sich alle bewerbe an, bei denen österreicher gewinnen oder gute chancen haben. das erzählen darüber wird ständig eingestreut, in welches gespräch auch immer.
verlässt jemand den raum, wird sofort nachgefragt, wohin er denn geht. abwesenheit muss erklärt werden, gerechtfertigt. besucht man die eltern, hat man da zu sein. wenn ich mitunter (früher mehr als jetzt) während des aufenthalts dort auch freunde besuchte, wurde dies als affront aufgefasst, sozusagen als eine spezialgemeinheit, zu ihnen zu kommen und dann nicht die ganze zeit bei ihnen zu sein. von einem essen hantelt man sich zum nächsten, freiräume, in denen sich jemand „zurückzieht“, sind schwer zu denken. sich hinlegen, weil man müde ist, das ja. aber ohne anlass nicht in der küche sein, oder sich nicht vor den fernseher zu setzen, das ist, ja das ist irgendwie nicht okay.

schreibers

wir sind ja gekommen, alle, weil die mutter ihren geburtstag feiert. das fest ist ein überraschungsfest. auch für den vater. denn der hatte viel dagegen im vorfeld; ist es eifersucht, ist es neid? jedenfalls spart er sich geld, organisation (er spart sich eigentlich nur das delegieren, denn er selber organisiert nichts für seine familie, hat er nie, zu keinem zeitpunkt), kann genauso überrascht sein wie die mutter, was gut für ihn ist, weil so steht er nicht ganz außerhalb des rampenlichts.
alle geschwister mit anhang der elterngeneration sind gekommen, mein lieblingsonkel liegt im krankenhaus, 3 sind schon gestorben : die beiden jüngsten an krebs, einer hat sich hat sich vergiftet.
was oder wer fehlt auf diesen festen (deshalb funktionieren auch familienfeste im engsten kreis seit einer weile nicht/und vorher gab es sie gar nicht), sind die enkelkinder. über dieses fehlen machen die anderen (tanten und onkel) witze. aber wie witzig ist das wirklich. dass wir alle keine kinder in die welt setzen, keine familien gründen wollen, höchstens paare. die weigerung daran zu glauben, dass eine familie eine gute geschichte ist. die brüder haben viel gearbeitet, ihnen wurde allesamt gesagt, was sie zu werden hätten (haben sich alle daran gehalten), sie wurden geschlagen (aber daran erinnern sie sich nicht mehr so richtig bzw. weisen sie mich darauf hin, dass ich es gar nicht wissen kann), haben immer wieder bemerken müssen, wie der vater die schlagende lehrerin, die auch schon einmal mit stühlen nach seinen söhnen wirft, verteitigt, weil er davon ausgeht, dass sie schon einen grund gehabt haben wird. eine freundin, einen freund mit nachhause zu bringen, war quasi unmöglich, zumindest hat das keiner, keine getan. die eltern, die vielleicht gar nicht so unglücklich darüber waren, dass so lange keine enkelkinder bekommen haben, keine konkurrenz in dem spiel, wer sind die kinder, wer sind die erwachsenen. das fehlen der dritten generation macht alle zusammentreffen ähnlich, es ist keine veränderung zu erwarten (außer dass sich jemand den schnauzer abrasiert, zu- oder abgenommen, das rauchen aufgegeben hat). was nicht so spannend ist wie kinder, die zur welt kommen, aufwachsen.
also bleiben die beiden generationen unter sich, bleiben die kinder mehr kinder deshalb?
in einer rede, die bruder II für die mutter zusammengestellt hat, kommen die kinder nur mit ihren krankheiten, groben verfehlungen, unfällen vor. es geht darum zu zeigen, was die mutter alles mitgemacht hat. aber ist es nicht auch ein zeichen dafür, dass die kinder darin die einzige chance sahen, ins bewusstsein der eltern zu gelangen und zwar für etwas länger, sorge, fürsorge, mitleid inklusive sogar. bin ich jemand, der sich für meine mutter dadurch auszeichnet, dass ich vom dachboden gefallen bin? in der rede wird das anderssein (sie war ja das einzige mädchen) zwar erwähnt, aber es wird nicht darauf eingegangen, nicht gelobt, nicht kritisiert. sind wir eine familie, die davon zusammengehalten wird, dass der rettungswagen für alle (kinder) immer wieder denselben weg gefahren ist? dass es alle irgendwie überlebt haben. dass alle ihre kindheit, ihre jugend irgendwie überlebt haben. ist das also das resumé einer rund 40 jahre alten familie.

der abschied am tag nach dem fest ist gut organisiert (bruder IV bringt bruder I & schwester zum flughaben bzw. nachhause und leiht sich dafür von bruder 3 das größte, beste auto für weitere strecken). autotausch und hilfen in praktischen dingen (handwerk, elektrik, gemüse) funktionieren. der abschied ist immer schon ein bisschen abgestanden, wenn er dann endlich vollzogen wird, aber das – ist in vielen familien so.

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