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Montag, 19. September 2005

Dürfen die das?!

Ein paar Gedanken zur Diskussion »Autorinnen und große Themen«

Ein Thema!!
»Frauen und erzählende Literatur« ist Titel eines Aufsatzes von Virgina Woolf. Sie schreibt über die absichtliche Doppelsinnigkeit (»denn wo es um Frauen als Schriftstellerinnen geht, ist so viel Elastizität wie möglich wünschenswert«): der Titel „kann sich auf Frauen beziehen und die Romane, die sie schreiben, oder auf Frauen und die Romane, die über sie geschrieben werden“. So war das ja auch immer wieder mit dem Topos Frauenliteratur an sich. Literatur von Frauen, Literatur über Frauen. Ausschlaggebend ist die Subjekt- oder Objektrolle, die verliehen oder eingenommen wird.
Da frage ich mich, »Autorinnen und große Themen«: Lässt sich dieser Titel, diese Frage ebenso doppelsinnig interpretieren wie Woolfs Aufsatz aus dem Jahr 1929? Als Bezug auf die großen Themen, mit denen Frauen sich beschäftigen, aber eben auch als Reflexion über jene großen Geschichten, die (von den Männern?) über Frauen erzählt werden.
Die Antwort, vielleicht war sie auch schon vor der Frage anwesend, lautet nein.
Wir reden davon, wie sich die schreibenden Frauen einbringen können, nennen einige Schlagwörter (Globalisierung, Terror, Krieg, Armut etc.), dann folgt unmittelbar die Reflexion über die Außenwahrnehmung: was wird den Autorinnen (von wem – von anderen Frauen, von der Gesellschaft, die dann doch wieder eher nur aus Männern/Literaturkritikern/Verlegern besteht?) zugetraut, sowohl was die inhaltliche als auch die künstlerische/literarische Umsetzung betrifft.
Immer wieder nahm sich ein Autor eine weibliche Protagonistin, stellen Autorinnen Männer in den Mittelpunkt ihrer Texte (Gesine Cresspahl, Madame Bovary); interessant kann nur die subjektive Rolle sein, die schreibende Frauen einnehmen. Objekt waren auch sie lange genug, sind sie immer noch, immer wieder. Und wird nicht in und mit dieser Fragestellung wiederum eine eher passive Position eingenommen? Folgende Indizien seien genannt: Bedeutet nicht schon die Konzentration, der Fokus auf die Frage nach sog. großen Themen a priori eine Einschränkung?
Unterstellt die Kombination von „Autorinnen“ und „großen Themen“ nicht eine potenzielle bzw. sicher angenommen Distanz zwischen beiden?
Was war Ausgangspunkt für dieses Thema: Etwa die herkömmlichen, bekannten »Frauenthemen« (jene, die auch Woolf den Autorinnen des 18. und 19. Jahrhunderts unterstellte, als sie hoffnungsfroh voraussah, dass der Roman nicht weiterhin ein »Abladeplatz für die persönlichen Gefühle« sein werde?), die klein, unwichtig, persönlich und privat sind?
Das Bewusstsein darüber, Autorinnen schrieben nicht über große Themen? Ich nenne an der Stelle Margerite Duras/Hiroshima mon amour, Ilse Aichinger/Die größere Hoffnung, Christa Wolf/Der geteilte Himmel, Kathrin Röggla/really ground zero.
Die Liste lässt sich natürlich chronologisch und inhaltlich fortsetzen. Angedeutet werden sollte auch nur, dass sich Autorinnen immer schon mit angeblich großen Themen (Krieg, Terror etc.) literarisch auseinandergesetzt haben, es weiterhin tun, ich nehme an, Tendenz steigend.
Impliziert unser Thema, dass endlich zum großen Thema übergegangen werden soll und: gemeinsam überlegen wir uns, wie das gehen kann. Was große Themen sein mögen, wie wir an sie herankommen, wie wir uns mit ihnen und über sie behaupten. Es erinnert mich ein wenig an die immer wieder aufkeimende Diskussion, die deutschsprachige Literatur sei zu wenig erzählend (im Vergleich v.a. mit der amerikanischen, auch englischen). Und ich frage mich: Was ist das anderes als ein Verkaufsargument? Auch lässt sich eine Paralelle ziehen nach dem Ruf (des Feuilletons) der letzten 15 Jahre nach dem deutsch-deutschen oder auch dem großen deutschen Roman? Die geschrieben wurden und sich damit auseinandersetzten, haben aber nicht automatisch – weil nach der Wiedervereinigung gefragt – auch eine große LeserInnenschaft nach sich gezogen, die Meinungen über Qualität und Relevanz gehen naturgemäß auch dabei in verschiedene Richtungen.
Und: katapultiert uns unsere Frage nicht zurück in eine Zeit, in der sich Frauen für ihr Schreiben und ihr Thema, ihre Themen rechtfertigen mussten? In der sie zwischen »Frauenideal« & »Autorenstatus« standen und neben der äußeren nicht zuletzt auch die innere Zensur ihr Schreiben behindert hat: (Frauen-)Literaturgeschichten oder eine Autorin wie Woolf berichten von der Schwierigkeit, der Unvereinbarkeit, gleichzeitig Autorin und Frau zu sein – Woolf nennt dieses Phänomen den »Engel im Haus«: voll inniger Einfühlsamkeit, unendlich liebenswürdig, gänzlich selbstlos, aufopfernd, immer mit den Wünschen anderer übereinstimmen wollend (vgl. Woolf, Berufe für Frauen).
Und doch: »Frauen sind Frauen, das ist eine unumstößliche tautologische Wahrheit. Sie müssen es sich nicht erstreiten, daß sie sie selber sein dürfen, im Gegenteil, sie dürfen nichts anderes als sie selber sein. Aber dieses Sein ist gleichzeitig eine Enteignung um sich selbst, eine Verweigerung, und zwar nicht nur eine um Geld, um Räume, um Möglichkeiten aufzutreten, sondern die Verweigerung von allem, was über dieses bloße Sein hinausgehen könnte. Es kommt mir so vor, als müßten die Frauen sogar, immer und immer wieder, ihre eigene Enteignung erstreiten, die immerhin auch ein Ereignis ist, wenn auch ein negatives, denn sie müssen sich ja erstreiten, als Frauen überhaupt ihrer selbst gewiß sein zu dürfen, und sie müssen sich dann erstreiten, irgendwo dazugehören zu dürfen, ein Irgendwo, das, und das ist das Äußerste, auch nicht viel mehr als ihre eigene Existenz als Frau ist.« (Elfriede Jelinek, Frauen)

Private Zimmer
Der Ruf nach sogenannten großen Themen löst bei mir die Frage auf, wie sehr die Dichotomie öffentlich-privat (die sowohl als Zuschreibung von Räumlichkeit wirkt als auch räumliche Praktiken begründet wie die Konzentration von Frauen auf das Haus/von Autorinnen auf private oder kleine und der Autoren auf die wesentlichen, großen Themen) immer noch aufbrechen muss. Dabei dachten doch einige von uns, das sei ein alter Hut, oder? »Also das Offene bleibt sowieso verweigert, denn die Frau ist zu dem, was sich im öffentlichen Raum abspielt, nicht zugehörig, daher muß sie immer auf sich verweisen, indem sie dauernd an s ich selbst zurückverwiesen wird, vielleicht kann man sagen zurückgeworfen. Im Fall des Raums, den sie da bekommen und schon wieder beinahe genommen bekommen hat, wenn nicht ein Wunder geschieht, kann man auch sagen: hinausgeworfen, enteignet.« (Elfriede Jelinek, Frauen)
In der feministen Geschichtsschrebung sind öffentlich und privat zwei Grundkategorien für die dichotome Konstruktion von Gesellschaft und – darin eingeschrieben – von Männlichkeit und Weiblichkeit im 19. und 20. Jahrhundert, mit einer großen Formkraft, einer weit reichenden Mächtigkeit. Die Fragestellung große Themen/kleine Themen perpeutiert das Verständnis von Öffentlichkeit und Privatheit weiterhin als zwei quasi natürlich und getrennt. Die Frauen sollen sich endlich »auch« um große Themen kümmern (wie es die Männer schon die ganze Zeit tun)! Es gab aber immer wieder eine Vielzahl von miteinander konkurrierenden Öffentlichkeiten und: Frauen und Männer bewegten sich als historische Akteurinnen und Akteure immer auch zwischen den durch Dichotomien und Klassifikationen gesetzten Grenzen. Frauen kämpften mannigfach gegen ihren Ausschluß aus den politisch-rechtlichen und ökonomischen »Öffentlichkeiten« des modernen Staates, der freien Marktwirtschaft und Produktion an. Die Beziehungen zwischen »Öffentlichkeit« und »Privatheit« sind komplexe, sich wandelnde; der Grenzbereich dazwischen sollte, verstärkt als identitätsformierender Ort erkannt werden (vgl. Leonore Davidoff, Alte Hüte, in L’Homme 2/1993). Große Themen, kleine Themen: Wie privat und also klein ist die Biografie einer Textilarbeiterin in China oder die private und gleichzeitig berufliche Krise eine westeuropäischen Akademikers. Wie eindeutig können in allen Bereichen dies Zuschreibungen getroffen werden? Wie uninteressant kann dagegen große Geschichte als Literatur sein… Das Spannungsfeld zwischen den Bereichen wird auch ein Thema der Literatur sein, identitätsstiftend sind auch hier eher die Ränder als die Zentren.
Sicherheiten über große und kleine Themen gibt es nicht – ebensowenig wie eine Garantie für private und öffentliche Genres (das Liebeslied/-gedicht, das politische Gedicht etc.): „Die Liebe zur Lyrik im Osten ist kein schöner Mythos. Sie ist aus Angst entstanden. Gebrauchslyrik im engsten Sinn des Wortes.“ (Herta Müller, Und noch erstickt unser Herz) Es gibt gute Literatur, es gibt notwendige Literatur und innerhalb aller möglichen Zuschreibungen eine Unzahl von Zwischenräumen.

Exkurs: Dürfen die das?
Die Auseinandersetzung und Auffassung von Kunst als einem Raum sozialen Austauschs und politischer Artikulation ist – ein Paradigmenwechsel in der bildenden Kunst, in den neuen Medien – setzte sich nach den KünstlerInnen und TheoretikerInnen in den neunziger Jahren auch in maßgeblichen Institutionen durch. Angesichts verschärfter Lebensbedingungen nach 89 sollten auch mit den Mitteln der Kunst Analsysen formuliert werden und aktiv an gesellschaftlichen Auseinandersetzungen teilgenommen werden. Es geht dabei, so Stella Rollig und Eva Sturm, um »einen verstärkten Dialog zwischen Kunst und Öffentlichkeit, eine Vermittlung der künstlerischen Intention, auch als legitimatorischer Reflex angesichts der eigenen drohenden Marginalisierung« (Rollig/Sturm, Dürfen die das?).
Wenn es auch in der Literatur ähnliche Tendenzen gibt, von einzelnen AutorInnen viel stärker, konsequenter als vom schreibenden Rest, so ist auf jeden Fall das Bewusstsein von Schreibenden und RezipientInnen in der Literatur weniger ausgeprägt als in anderen Künsten.
Aber wir sind ja bei »großen Themen». Ich möchte einen Vergleich anführen: Die deutschen KollegInnen nennen immer wieder Günter Grass, wenn es um einen außergewöhnlich großen epischen Bogen gehen soll – wahrscheinlich, weil er Literaturnobelpreisträger ist, aber ist Grass als Autor nicht ein Mann-Mann, der sich um die Politik kümmert, und die wird immer noch von Männern gemacht. Also erzählt er so und aus dieser Perspektive. Aufzeigen, was ist (wie es gewesen ist) – in der Geschichtsforschung nennt man dies Historismus. Wie gut haben es da wir österreichische AutorInnen und LiteraturwissenschaftlerInnen, können wir doch an der Stelle Jelinek nennen – gestehe ich natürlich auch allen deutschen KollegInnen zu, die ein Vorbild suchen…
Ich erinnere an die unglaublichen Jelinek-Beschimpfungen aus Anlass der Verleihung des Literaturnobelpreises – allen voran der Spiegel (eine Analyse der Unterstellungen und Anfeindungen würde die Erfolge in der Frauenfrage gehörig ins rechte Licht stellen) –, Jelineks Literatur sei zu österreichisch, zu regional, zu sehr Frauenliteratur (oder, wollen wir doch zitieren, dieses geifernde Ressentiment: »Quoten-Nobelpreis … Kaschmirschal-Alpen-Antifaschismus … austriakische Sentenzen, in denen Alpinisten, Faschisten und Geschlechtsorgane durcheinander purzeln … schwer verdauliche Sado-Maso-Schinken, … pornographische Edelschocker …« oder schlicht »degenerativ« nannte es die Zeitung des Vatitkan) undsoweiter. In der Begründung der Nobeljury heißt es dagegen (u.a.): »Für den musikalischen Fluß von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen.«
Bei Jelinek ist die Perspektive der Protagonistinnen nicht eine leidende, die anrührt und traurig macht, sondern die Zumutungen werden in der vollumfänglichen Perversion be- und geschrieben. Nicht eingeschrieben, sondern in der Schrift aufgefasst und erfasst. Dazu ist eine weibliche Perspektive in der Lage – wenn auch nicht immer in der Jelinek’schen Genialität und grausamen Präszision.

Perspektiven
In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts sagte Virgina Woolf: »Wir nähern uns einer Zeit, falls sie noch nicht erreicht ist, da ihr Werk [das der schreibenden Frau] nahezu oder gänzlich frei von fremdem Einfluß ist, der es trübt. Sie wird imstande sein, sich ohne äußere Ablenkung auf das von ihr geschaute Bild zu konzentrieren« (Woolf, Frauen und erzählende Literatur).
Das größte Thema für schreibende Frauen, die Sache, mit der sie sich auseinandersetzen sollen, ist für mich die Perspektive, die uns zu interessieren hat, vorrangig!
Nämlich in einem wörtlichen Sinn. Immer noch ist in Texten von Frauen der Blick ein männlich-verstellter, ebenso bestechlich wie lauernd auf die Geschlechtsgenossinnen und die Männer gerichtet wie von männlicher Seite. Dass Frauen anders lesen und anders schreiben, gilt heute als Konsens. »Frauen sind Frauen, das ist eine unumstößliche tautologische Wahrheit. Sie müssen es sich nicht erstreiten, daß sie sie selber sein dürfen, im Gegenteil, sie dürfen nichts anderes als sie selber sein.« (Jelinek, Frauenraum) Es kommt also darauf an, sowohl sein Selbstbwusstsein als schreibende Frau, Autorin zu stärken und dann auch wieder darauf zu pfeifen, sich nicht beschränken lassen, einsperren, in diesen Frauenraum, zurückwerfen lassen auf die innere Zensur, weil die immer noch leichter möglich ist.
Meiner Meinung nach wird dies weiterhin zu wenig selbstbewusst vollzogen: weil Kolleginnen (eine nachvollziehbare?) Angst davor haben, als „schreibende“ „Frau“ wahrgenommen und diffamiert zu werden. Was passiert und auch weiterhin passieren wird. Aus der selbstbewussten weiblichen Perspektive kann denn auch natürlich jedes Thema beleuchtet werden, wie groß oder klein es angeblich sein mag.

„Ich habe eine Perspektive“ bezieht sich auf die Möglichkeit, das Wissen darum, wie es weitergeht (oder anfängt). Ich weiß, was ich will, ich weiß, wie ich das erlangen kann. Ich bin mir bewusst, dass es Schwierigkeiten, gläserne Decken, scheinbar unüberwindbar gibt. Hier, finde ich, sollte auch ein Forum für Autorinnen ansetzen: Ist-Zustände hinterfragen. Perspektiven entwickeln. Aus der gleichzeitig schwachen und starken Position heraus, die aber nicht zusätzlich von uns Autorinnen geschwächt, heruntergemacht, auf den kleinen, privaten Raum beschränkt werden darf. Was ich immer wieder als sehr große Herausforderung empfinde

Siehe http://www.autorinnenforum.de/

Literatur
Elfriede Jelinek: Frauen; Frauenräume http://ourworld.compuserve.com/homepages/elfriede/.
Hiltrud Gnüg/Renate Möhrmann (Hg.): Schreibende Frauen. Frauen – Literatur – Geschichte, Frankfurt 1989.
Herta Müller: Hunger und Seide, Essays, Reinbeck 1997.
Ilma Rakusa: Farbband und Randfigur, Graz 1994.
Stella Rollig/Eva Sturm (Hg.): Dürfen die das? Wien 2002.
Virgina Woolf: Frauen und Literatur, Essays, Frankfurt 1992.

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