Donnerstag, 26. Mai 2011

Bei den Bieresch, Klaus Hoffer

(urspr. 1979: Halbwegs; 1983: Der große Potlatsch)

So meint die Tante zu Hans:
„Auf uns liegt der Fluch seit dem allerersten Tag! Jede Zeile, jedes einzelne Wort in unseren Schriften verflucht den Bieresch. – Heimweh gibt es nur zuhause, sagen wir, weil wir nicht fort können von hier, weil wir auf ewig ins Labyrinth unserer unglücklichen Biereschgeschichte eingesperrt sind. Wir haben Heimweh nach uns selber, weil keiner sein kann, wie er ist, jeder bloß die Eigenschaft seiner Umgebung spiegelt.“

Rund 25 Jahre nach Erscheinen des „Kultbuchs“ von Klaus Hoffer gibt der Literaturverlag Droschl den Doppelroman „Bei den Bieresch“ wieder heraus: Hans wird zum Stellvertreter seines verstorbenen Onkels – dafür reist er nach Zick, einem Dorf im „Osten des Reiches“, wie es heißt, das irgendwo im Südburgenland zu verorten ist, in einer pusztaähnlichen Landschaft gelegen, zum Volk der Bieresch. Hans muss dessen Identität annehmen, zieht in sein Haus, arbeitet als Briefträger. Das ist schon fast alles, was man über die Handlung dieses Doppelromans sagen kann, denn die Bieresch leben ihr Leben nicht, sie versuchen, es zu erklären: „Jeder Bieresch ist ein zänkischer, bessserwisserischer Philosoph.“ (P. Handke in einer Spiegel-Rezension Anfang der 1980er Jahre) und: „Nichts war einfach, alles hatte Bedeutung.“ Hans erfährt von den Göds in sieben wichtigen Gespräche, die Monologe und sich im Großen wie im Kleinen widersprechenden Belehrungen die Geschichte der Bieresch und ihr Schicksal, soll so seiner Bestimmung zugeführt werden. Diese Diskurse über die eigene Vergangenheit und ihre Regeln bestimmen den Roman: Die Monologe, Geschichten, Fabeln, Mythen und Legenden verstehen diese besessenen Erzähler („die zu keiner bindenden Identität finden, obwohl sie sich doch in einer Art Sisyphusarbeit unaufhörlich selbst befragen, als Verfluchte der Zeit“ P. Landerl) oft selber nicht.
Am Ende des ersten Teils erhält Hans einen sprechenden Namen („Halbwegs“): das ist ein Zeichen zugleich der Anerkennung und der Ausweglosigkeit.
Ein Jahr lang haben die Bieresch – sie sind so was wie vage Anarchisten – die Erlaubnis, dem Stellvertreter alles zu nehmen: gesetzlich legitimierter Diebstahl, um den Urfrevel (Landbesitz und also Besitz überhaupt) zu sühnen – der große und der kleine „Potlatsch“, den Indianern entlehnt …

Wie in Kafkas „Prozess“ ist „Bei den Bieresch“ eine latente Schuld spürbar, mitunter scheinen die Grenzen zw. Opfern, Angeklagten und Anklägern fließend, wie im „Schloß“ ist das Neue für Hans/Halbwegs nur auf den ersten Blick vertraut, erforscht einer die Rituale, die ominöse Bürokratie – aber das hat keinen wissenschaftlichen, sondern für den Fremden (Hans, K.) einen existenziellen Grund. Der letzte Satz ist ein Schlüssel zum Verständnis des Romans: Nichts zeigt sich so, wie es ist. Oder, wie das Motto zu „Der große Potlatsch“ zu erklären versucht: „Unsere Geschichte ist der Knoten, der sich knüpft, wenn man ihn löst."

Die absolute Liebe zum Paradoxen und zum Absurden: jetzt neu aufgelegt. Ein hilfreiches Inhaltsverzeichnis und eine Rezension von Heinz Schaffroth ergänzen die schöne Droschl-Ausgabe. Unbedingte (Wieder-)Leseempfehlung!!

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