Dienstag, 12. Juli 2016

Die Zeichnung (Quelle oder Münder)

1.
Perlen, rieseln, rinnen. Hat das Kind denn gefragt, oder war es, als es wissen wollte, wie eigentlich Tropfen entstehen, bereits ruhig? Ein Tropfen bezeichnet eine auf der einen Seite kugelförmige und auf der anderen spitz zulaufende Form, außerdem einen meist kleinen, flüssigen Körper, Wassertropfen zum Beispiel. Wasser kann in einzelnen Tropfen herabfallen, an etwas herunterrollen, kann herab- oder heruntertropfen, kann triefen, tröpfeln. (So geht es los: Ist tröpfeln nicht ein Sommerwort und deshalb eines aus der Kindheit? Ernstzunehmende, ewig währende Sommer kann nur dieser immer schon lange zurückliegende Abschnitt eines Lebens aufweisen, das versteht sich von selbst.)
Der Bach, der das Grundstück der Eltern auf der nördlichen Seite begrenzt, trägt ein paar Kilometer lang den Namen des Ortes, aber die Rede ist immer nur vom Bach. Er entspringt keine 400 Meter entfernt in einem Mischwald, wie er für die Gegend üblich ist, das heißt, der Laub- ist größer als der Nadelwaldanteil. An den meisten Stellen ist er nicht breiter als einen oder eineinhalb Meter, meist auch nicht sehr tief, man kann in ihn hineinsteigen, auf große aalglatte oder moosige Steine treten, die im Schatten der Laubbäume liegen. Die Steine sind dunkelbraun und dunkelgolden, dunkelgrün und dunkelgelb. Sie schauen aus dem Wasser heraus, sie bilden Wege und Überleitungen, Landschaften halb im und unter Wasser. Der Wald ist nicht sehr alt (wie kann das sein?), es gibt wenige Lichtungen, der Bach mäandert dahin (und wie die Entdeckung des Wortes mäandern eine neue Zeit eingeläutet hat im Leben der jungen Studentin, die das Kind später werden sollte, muss gleich notiert werden), er schlängelt sich meistens unspektaktulär durch diesen freundlichen Wald, bis er an der Stelle neben dem Elternhaus ganz ans Tageslicht tritt. Hier ist der Bach nach Regen bis zu einem Meter tief, und kurz nach der tiefsten Stelle führt ein schmales Brett auf die andere Seite, wo auf einer kleinen Böschung ein grüner Maschendrahtzaun das Grundstück der Nachbarn begrenzt. (Es sind jene Nachbarn, mit denen sich die Familie des Kindes Fernsehen und Telefonanschluss teilt: Ruft für die Nachbarin jemand an, so rennt einer, meist das Kind, denn es ist ein Mädchen und oft in der Nähe des Hauses, wenn nicht in der Küche beschäftigt, über den Bach zur Nachbarin um ihr etwas zu bestellen oder sie an den Apparat zu holen. In diesem Fall erfolgt wenige Minuten später ein neuerlicher Anruf. Im Ausgleich dazu gibt es Fernsehzeit, die aber eher die älteren Brüder des Mädchens nützen, weil abends die Jüngsten zuhause bleiben sollen.) Die Brücke, dieses schmale Brett, hält viele Jahre. Zwanzig Meter bachaufwärts spielt das Kind mit den beiden Nachbarmädchen in ihrem gemeinsamen Haus. Ein breites Uferstück mit verwachsenem Baum auf der Nachbarseite ist Küche, Wohnzimmer, Garten. Spiele, die mit Haushalt, mit Kochen, mit Waschen und Sachen erledigen zu tun haben, wichtigstes Spielaccessoire ist eine blecherne Espressokanne, die die Nachbarin ausmustert, als sie ihre erste Filterkaffeemaschine bekommt. Schule spielen die Mädchen beim ehemaligen Stallgebäude im Schatten. Die Gemüsekisten aus Holz sind ideale Bänke und Tische. Im Garten der Nachbarmädchen steht ein Plastikswimmingpool, von Jahr zu Jahr oder doch alle zwei Jahre erneuert wird bzw. durch einen größeren und stabileren ersetzt. Sie schwimmen, planschen, üben Synchronfiguren im Wasser, spielen Poolpartys und Diskothek (bei geschlossenen Vorhängen im Wohnzimmer).
Im Ruhezustand ist der Tropfen eine Kugel. Nur wenn er sich von einem größeren flüssigen Körper ablöst, befindet er sich in Tropfenform. Der Tropfen ist nur im Moment seines Entstehens, der Tropfenbildung, für einen Augenblick er selbst, die reine (seine) Form. Es ist ein instabiler Zustand, er währt nur kurz.
Die Katze holt Fische aus dem Wasser, manchmal.
Da das Wasser im Winter nicht besonders tief ist, macht es nichts, wenn man beim Schneerutschen mit dem strohgefüllten Sack nicht zum Bremsen kommt und in den Bach fällt. Doch. Es ist kalt und man wird geschimpft, weil man krank werden könnte. Selten ist das Eis so dick, dass man nicht einbrechen würde.
Im Sommer ist es anders. Die schönen großen, hier aber auch viele kleine Steine werden leicht vom Wasser umspült, das kühl und weich zugleich ist. Die vom Sonnenlicht gemalten Farben der Steine sind mehr als Kompliment oder Schöntuerei an das Schauen, sie tun den Augen gut, aber auch den Fingern, den Handinnenflächen und den Fußsohlen. (Die dunkelroten und gesprenkelten Steine sind für die Fersen.) Man kann die Steine berühren, man kann sie angreifen. Einen festen Stand haben. Manchmal spielt Moos eine Rolle, am Bachufer, am Wasserrand, an dem ungefestigten Anstieg, kein willkommenes Material für das Kind. Erst später und in anderen Landschaften denkt es manchmal: Aha, Moos. Verstehe. Das Wasser fließt sehr langsam und fast genauso langsam werden die Füße, die das Kind hineinhält, kälter und kälter. Ein Vorgang, der immer wiederholt, aber nie ganz begriffen wird. Kommt die Kälte von innen oder außen? Denn anders verhält es sich mit der Kühle des Elements, das versteht jedes Kind.
Manchmal bleibt das Kind am Bach und vergisst, die Freundinnen zu besuchen.
Manchmal vergisst es die letzten zwanzig Meter nachhause zu laufen. Jemand wird nach ihr rufen, wenn es dunkel wird.

Niederfall. Regen versickert im Untergrund, in der Erde, ins Grundwasser. Verschwindet und versintert.
Ein Jahr lang werden auf dem landwirtschaftlich genutzten Grundstück der Eltern überall große Gräben ausgehoben. Es wird drainagiert. Dafür wird aufgegraben, werden massive Rohre in der Erde verlegt, um durch das Ableiten von überschüssigem Bodenwasser die Erträge zu steigern. Aus Grünland soll fruchtbares Ackerland werden, das die mittlerweile große Familie auch ernähren kann. Das Befahren der Felder und die Bewirtschaftung überhaupt soll erleichtert werden. Die Eltern des Kindes reden davon, als würden sie sich über etwas Religiöses unterhalten, ein Wunder, das sie erwarten, das ihnen aber auch zusteht. Das Kind hört nicht die technischen Gespräche, die auch geführt werden, vernimmt nur die vorsichtig und wütend ausgestoßenen Sätze, wenn Vater und Mutter unter sich sind, oder den staunenden (zweifelnden?) Landwirten aus der Umgebung gegenüber: Dass die Böden nun wunderbar und unglaublich ergiebig werden, fruchtbringend und ertragreich, rentabel, fett und gedeihlich sein werden. (Das meinen sie. Die Eltern sagen: Dass es endlich wächst!) Aber schon im dritten Jahr sind sie enttäuscht, verbittert. Als hätte man sie wieder betrogen. Und das Kind, das nie nachfragt, worum es sich bei der ganzen Geschichte wirklich handelt, versteht nur, dass man die Böden zu wenig gut trainiert habe und deshalb das Wasser immer noch mit den Böden mache, was es wolle.
Das Kind ist bereits ein Teenager, als neben der Zufahrt ein kleiner Teich ausgehoben wird. Reservewasser für die Bewässerung der Felder, denn Trockenheit ist ein permanentes Problem. (Überschwemmungen waren es früher, in einer Zeit, an die sich das Kind nur anhand von Fotos, also nicht erinnern kann: Weggespülte Flächen und darauf verwirrt umher scharrende, unscharfe Hühner oder ein Vater in dunkelblauer, lose herabhängender Arbeitskleidung und Gummistiefeln.) Der Teich wird aus dem Grundwasser gespeist und misst vielleicht fünfzehn mal vier oder fünf Meter. Es gibt einen Steg, Fische werden ausgesetzt, und die Böschung bepflanzt sich fast von selber. Zwischen Arbeiten im Haushalt und Lektüre, wenn sich das Mädchen davonstiehlt und hinter den dunkelbraunen Balkonbrettern im ersten Stock des Wohnhauses verschanzt, könnte sie hier zu einer regelmäßigen Schwimmerin werden. (Der Gedanke gefällt ihr.) Sie war noch nicht am Meer und Seen gibt es in diesem Landstrich keine. Das Schwimmbad im Ort natürlich, aber dafür muss man den ganzen oder doch halben Tag frei bekommen von der zugeteilten Arbeit. Schon im zweiten Sommer nimmt der Algenbewuchs stark zu. Berührt man den Boden oder wirbelt man das Wasser ein bisschen durch, färbt sich das trübe Wasser braun. Der Zufluss besteht aus einem kleinen schwarzen Plastikrohr. Der Abfluss ist durch Versickern selbst geregelt. Für das Gießen der Äcker wird dieses Wasser bald doch nicht mehr verwendet. Die anderen Familienmitglieder ekeln sich, wenn sie das Mädchen im Wasser sehen und die Nachbarsmädchen baden mittlerweile ohne sie in ihrem Pool. Nachts schreien die Frösche, die sich sagenhaft vermehren, aber tagsüber unsichtbar sind, so laut und so ausdauernd, dass der Teich zugeschüttet wird. Es ist dieser Lärm den Nachbarn und niemanden sonst zuzumuten. In der Familie ist man erleichtert. Wenn man heute die Adresse des Elternhauses in Google Maps eingibt, ist der Teich ganz deutlich zu erkennen: Neben der Zufahrt, ein wenig unterhalb des Transformatorhäuschens, das nicht eingezeichnet ist. Wie kann es sein, dass dieses Gewässer, das nur wenige Jahre eines war, das von seinen Erbauern bald nur mehr als lästig, ganz und gar unbrauchbar für seinen Zweck empfunden wurde und von seinen Anrainern als Plage, hier weiterexistiert, als gäbe es den Teich wirklich? Nein: Als hätte es den Teich je gegeben.

Wenn es Zeit ist, die Äcker mit künstlichem Regen zu bewässern, zu beregnen, müssen alle mithelfen, die Rohre auszulegen. Die kleinen Kinder können die schweren, mindestens sechs Meter langen Rohre natürlich nicht stemmen, aber sie können die Verschlüsse, die Bogenstücke und die Übergänge hinterhertragen. Der ausgetrocknete Boden ist manchmal so brüchig und bröckelig, dass man sich die kleinen Sohlen verletzt. (Im Sommer immer barfuß. Immer.) Schöner ist es, wenn nach dem Eggen oder Pflügen das Feld schwitzt, und man über satte dunkle Erdplatten rennen kann. Am kolossalsten aber, an einem besonders heißen Sommertag durch das spritzende Wasser der Beregnungsanlage zu laufen. Die Regner drehen sich im Kreis herum, sie sprengen, besprühen oder berieseln junge Pflanzen in äußerst kritischem Zustand, ausgewachsenes Gemüse wenige Tage vor der Ernte und die jubelnden Kinder; das Geräusch des Antriebs für die nächste kleine Kreisbewegung und des ausgestossenen Wassers ist schmatzend und ziehend. Erfrischt sehr. Setzt kurz nach dem Auslegen der Rohre ein Gewitter ein, sind die Erwachsenen unsicher, ob sie sich über die Wasserersparnis freuen oder wegen der vergeblichen Kraftanstrengung ärgern sollen.


2.
Obere Donau, Schwarzwald. Kurz nachdem sich Briglach und Breg zur Donau vereinigt haben, versickert der zweitgrößte Fluss Europas an etwa 150 Tagen im Jahr in wasserdurchlässigem Karstgestein. Eigentlich wird das Wort Versinkung gegenüber Versickerung bevorzugt, denn das Wasser verteilt sich nicht im Erdreich, es versickert nicht, sondern fließt in unterirdische Hohlräume ab. Durch Dolinen und Schlucklöcher verschwindet es in der Erde und das Bett der Donau trocknet vollkommen aus. Sie verlässt ihren Lauf nach Osten und fließt durch unterirdische Höhlen eine Strecke von zirka zwölf Kilometern in Richtung Süden, strömt von der Aachquelle (eig. Aachtopf) aus in den Bodensee, vereinigt sich mit dem Rhein und macht sich auf den Weg zur Nordsee. Zeigerpflanzen wie Weiden und Schilf weisen auf das unterirdische Wasser hin. Profi- und Amateur-Höhlenforscher suchen hier seit Jahrzehnten das vielleicht größte Höhlensystem Deutschlands. Ihre Tauchgänge enden wegen eingestürzter Höhlendecken nach ein paar hundert Metern. Sie bohren senkrechte Schächte, sie tauchen und graben immer weiter. Schließlich finden sie in über einhundert Metern Tiefe einen verborgenen Fluss, den sie die Schwarze Donau nennen. Sie bauen Gerätschaften wie Hebesäcke, um Erde und Schutt nach oben zu schaffen, und spezielle Bohrmaschinen, die unter Wasser eingesetzt werden können, ohne dass man nach kurzer Zeit wieder auftauchen muss. Sie suchen auf Bergrücken nach möglichen Einstiegen in die Höhlen. Es gibt einen Luftzug, dem muss man nachspüren. Sie wollen dem verschwindenden Fluss auf die Spur kommen und unternehmen dafür waghalsige, gefährliche Tauchgänge, denn die unterirdische Weite, ihre Hoffnung, bedeutet eine wirkliche Lebensgefahr. Man weiß nicht, wo es hingeht. Wissenschaftler untersuchen, ob die Donau einen Beitrag zur Fischfauna des Bodensees leistet, und untersuchen das Wasser und seine Lebewesen, zum Beispiel Groppen, Fische, die sehen können, was in einem unterirdischen Höhlensystem eigentlich nicht notwendig ist.
Die erste vollständige Versinkung wurde im Jahr 1874 festgestellt, seither nimmt die Anzahl der Tage, an denen die Donau vollständig verschwunden ist, kontinuierlich zu. Auch wenn die weitere Verkarstung und Versinkung nicht exakt vorhergesagt werden kann, so muss man doch davon ausgehen, dass die Donau, nachdem sie hier Millionen Jahre Richtung Osten geflossen ist, in ein-, zweitausend Jahren vollständig mit dem Rhein nach Norden fließen wird.

Untere Donau, Duino-Aurisina. Im ersten Buch der Aeneis erwähnt Vergil neun Timavoquellen, die mit gewaltigem Brausen aus der Erde strömen. Polybios schreibt, dass sich in diesem Adriawinkel ein berühmtes Heiligtum des Diomedes befindet, Hafen, Tempelhain und sieben süße Quellen, die sich sofort mit dem Meer verbinden und von denen alle bis auf eine salziges Wasser führen, weshalb sie von den Einheimischen Quelle und Mutter des Meeres genannt werden. Von einem Erdschlund ist bei Poseidonios zu lesen, und dass der Timavus 130 Stadien unterirdirsch fließe, bevor er sich am Meer seinen Abfluss verschaffe. Plinius d. Ä. gab beiden Chronisten Recht: Bei niedrigem Seestand seien die Quellen süß, bei hohem dringe das Seewasser durch unterirdische Verbindungsspalten in die Quellen ein und mache diese (außer einer) brackig.
Ister, so nennt man in der Antike den unteren Donaufluss und bis ins 4. Jahrhundert der Kaiserzeit herrscht unter Geografen die Vorstellung, dass die Donau hier in Istrien einen Ausfluss hat. Hier sollen die Argonauten des Jason und die Gefährten des Aenaes auf ihrer Flucht von Troja gelandet sein. In einer Ausgabe der Gartenlaube aus dem Jahr 1874 ist zu lesen, dass der Timavo aus drei Spalten des Karstgebirges quillt, in ebensoviel Armen eine knapp einen Kilometer lange Strecke durchfließt und sich dann als breiter Strom in den Meerbusen von Monfalcone ergießt.
Mit seinen zwei Kilometern gilt der Timavo in Istrien als einer der kürzesten Flüsse der Welt. Sein Wasser ist aber jenes der Reka (slowenisch für Fluss), die in Kroatien nahe der Grenze zu Slowenien entspringt, durch die Orte Illirska Bistrica, Topolc und Prem bis Škocjan fließt. 54 Kilometer legt der Fluss oberirdisch zurück, bevor er in Schwinden, wie man Schlucklöcher auch nennen kann, versinkt, und über Wasserfälle und durch Klüfte in die Škocjan-Höhlen fließt, wo er in 160 Meter Tiefe in einem Höhlensee verschwindet. Der weitere unterirdische Verlauf ist unbekannt. Nach gut dreißig Kilometern entspringt er als Timavo bei San Giovanni di Duino in der Provinz Triest als Karstquelle und mündet nach zwei Kilometern im Hafenkanal von Monfalcone ins Meer. Alle Beschreibungen dieses heiligen und erinnerungsreichen Karst-Ortes lesen sich idyllisch bis majestätisch, auf jeden Fall feierlich. Zypressen, Pappeln und Platanen; die Votivkapelle eines Unbekannten soll an die Timavo-Verehrung erinnern, ein frühgeschichtlicher Kult, wahrscheinlich venetischen Ursprungs und der Wald und die kleine Gedächtniskapelle, die Diomedes als Gründer der Stadt und homerischem Held gewidmet ist, außerdem Gedenksteine zur Saturn-Verehrung, Klöster, Tempel undsoweiter. Das Wort Tuba der frühchristlichen und byzantinischen Kirche San Giovanni in Tuba stammt von Tubatura/Rohrleitung, auch das ein alter Gebetsort, der bereits von Vergil beschrieben wurde.
Dies alles liegt an der SS14, die von Venedig nach Triest führt und dann weiter bis nach Slowenien. Direkt an einer Kreuzung zur SR55 nimmt man den gegenüberliegenden abschüssigen Weg zu einem Fischerdorf, parkt das Auto an der Straße und ist gleich bei den ersten beiden Quellen. Einige Beschreibungen warnen vor der Kraft des Wassers. Das Wasser der dritten Quelle fließt unter einem Felsen hervor. Blüteneschen, Hopfenbuchen, verwilderte Feigenbäume, Eichen und wilde Rosen wurzeln in den Felsenspalten. Manches ist immer noch zu erkennen. Saftiges Gras, Veilchen, Schlüsselblumen und goldgelbe Aurikeln, aber diese Floras ist schon seit Dekaden Geschichte. Einmal sprießt es wie aus einer Zauberleitung heraus, das andere Mal ist nur ein Rinnsal zu sehen und das prächtige türkis-grüne Becken ist ausgetrocknet und es ist schwer, sehr schwer, sich ein paar der Geschichten, die dieser Ort birgt, vorzustellen. Und doch ist jede der drei verbliebenen Quellen, auch die fast versiegte, ein unaufhörlich redender, dichtender Mund. Ergießt sich alles Erzählte ins grüne Wasser, auch wenn das Becken nicht tief ist und die Quelle keine brausende wütende Kraft hat.


3.
Am ersten oder zweiten Tag nach ihrer Ankunft im Haus am See notiert die Schreibende: Die Luft hier. Und wenn ich eine Zigarette rauche, liegt leichter Nebel über dem See. Sie denkt an ihren Sohn und schaut auf die andere Hälfte vom Haus, wo noch Licht brennt, wie bei ihr, im ersten Stock. Die Ruhe, die Ruhe, und was sie zu dem alten Mann sagt, bei einer eventuellen Vorstellung, man ist ja jetzt Nachbar, wenn auch nur für wenige Wochen, dann denkt sie aber gleich wieder: Warum sollte man sich vorstellen, was gehen wir einander an! Sie denkt daran, dass ihr Vorgänger den alten Mann und seine Frau um drei Uhr nachts mit dem Staubsauger geweckt hatte und wie sie sagen würde: In zwei Wochen kommt dann mein kleiner Sohn. Sie verbringt den Vormittag auf dem Balkon und liest auf Englisch Artikel über Menschen, die wohnen. Die Hauptfigur ihres nächsten Romans hat sich nicht gemeldet, seit sie sich an den See verpflanzt hat, was sie versteht, aber nicht gutheißen kann. Sie hört auf zu warten. Der alte Mann von nebenan schaut wie sie auf die drei Männer, die ganz oben in einem Baum die Äste beschneiden, sie sind angeseilt. Ganz feiner Staub, Pollen und Haare flattern von diesem Baum zu ihr herüber, einiges davon auch in den Tee. Die Spatzen oder Sperlinge sind laut, sie tummeln sich in kleinen Büschen und schreien dabei so laut es geht.
Sie läuft eine Stunde durch das kalte klare und strahlende Winterwetter in Richtung F.-Station, nimmt den Weg über Hinterberg oder wie es heißt, dabei wollte sie nach Hombrechtikon. Frau Rossi sagt: Neuwark haben wir, New York, und dann geht es nach Hongkong, wir sagen Hongkong zu Hombrechtikon. Sie findet das wirklich witzig, und fragt: Haben Sie schon den Weiler gesehen?Ja habe ich. Frau Rossi ist eine strenge, schöne Frau, so groß wie die Schreibende es auch gerne wäre. Früher war sie Weinbäurin hier im Ort, heute wohnt sie in Küssnacht und macht Energiearbeit.
Während die Schreibende liest, wird nebenan vom alten Mann die Schweizer Fahne eingezogen. Auf die fast leere Seite eines endenden Abschnittes der Frequenzen von Setz schreibt sie: Auch irre. Während ich das lese, wird nebenan vom alten Mann die Schweizer Fahne undsoweiter. Und sie fragt sich, warum macht er das? Weil Freitag ist? Keine Fahne am Wochenende? Oder weil eine riesengroße fette Wolke über dem See aufgeht und winterliches Schneefallgewitter zu erwarten ist? Oder fährt er mit seiner Frau weg übers Wochenende? Seine Frau hat sie noch nie gesehen und von ihrer Existenz weiß sie nur aus der Erzählung Frau Rossis. Ist die Fahne nur gehisst bei Anwesenheit? Wie bei Königshäusern! Ja, es ist so banal. Sonntagabend, unmittelbar nach der Rückkehr der beiden, weht das weiße Kreuz wieder am Seeufer. Der Nachbar hat etwas von einem Seebären, könnte in einer Fischstäbchenwerbung auftreten, vielleicht die rote Nase überschminkt. Seine Frau wird nach der Lesung in der Kapelle zu ihr sagen: Haben Sie das nebenan geschrieben? Nach einem Nicken eine einmütige Pause. Sie sagt: Das mit den Tulpen, das ist genau so. Sehr bestimmt, die kleine Frau, dann wieder weich und verwundert: Hübschheit.
Das Plätschern des Wassers, das Krächzen der Möwen, Enten, die am Wasser landen. Jugendliche unterhalten sich in der Nähe. Zwitschern, Autos, die braunen Blätter von Bäumen, die nicht in ihrem Garten stehen, und über die Wiese rascheln. Krokusse und Maiglöckchen. Sie beschließt, darüber ihr nächstes Gedicht zu schreiben, ähnlich vielleicht Mirrador, das von den Pflasterern in Granada inspiriert war. Es soll ein Gedicht für den Herausgeber einer alten Literaturzeitschreift werden, der ja und die ja für sie schon lange der einzige denkbare Grund wären, Lyrik zu verfassen. Außer Liebesgedichten, die könnte man immer schreiben, wenn man könnte. Ein Gedicht vom See und der Frequenzen-Lektüre, ein Text über die waghalsigen Anfänge des Schreibens oder wohl eher Schreibenwollens sollte es werden. Dafür und überhaupt notiert sie die Geräusche, die vom See und von der Straße her kommen, was sie sieht, wenn sie über die Weinberge rennt, dass sie dieses Rennen in den Augen der Nachbarschaft rehabilitiert. Für den Briefträger und die Hauswartin bin ich morgens nicht zugänglich, schreibt sie auf einen Kassenzettel, und das löst bei ihr schlechtes Gewissen aus, ändert aber nichts daran, dass sie schläft, bis sie von selbst aufwacht, dass sie vergisst, aufs Wasser zu schauen. Daran, dass sie nichts mehr überprüft, wenn sie aus dem Fenster auf den See blickt.
Zirka vierundzwanzig Stunden später liegt alles, auch alle Geräusche, unter einer dicken Schneedecke, nur die Möwen lassen sich nicht einschneien, ihr Krächzen ist seltener und widerspenstiger (widerständiger?) geworden. Und natürlich die Wellen, die an die Steine schlagen, dieses laute, alles und jeden vergessende Schmatzen. Ein Bus fährt und das Schlagen der Wellen wird später, wenn sie oben unter dem Dach im Bett liegt, so stark, dass es klingt wie Bretter, die aneinanderschlagen, vielleicht ist es das Boot in seinem kleinen Haus, das gegen die Wände knallt. Es sind die Wellen. Es ist die Ruhe des Sees, die in all ihrer Gewalt auf sie eindringt.
Vor dem großen Schneefall kommt Frau Rossi, um die Weinreben, die sich über den schmiedeeisernen Balkon schmiegen, zu schneiden, und die Schreibende besucht sie mit Zigaretten auf dem Balkon, die sie miteinander rauchen. Frau Rossi reißt in einem scheinbar unbemerkten Moment den Filter der Zigarette ab und sie sprechen über die nötige Distanz von Kindern und Eltern und da beginnt es ein bisschen zu schneien und drüben beschneiden wieder die drei Männer den Baum, ganz oben stehen sie und die Äste fallen in den kleinen Kanal, jeder mit lautem Platsch.
Frau Rossi ist sehr froh, dass die Schreibende eine Raucherin ist, auf eine rührende Weise beruhigt sie das und nimmt sie für sie ein. Die Schreibende weiß, dass ihr Mund, wie er an der Zigarette zieht, noch viel mehr erzählt als die Geschichten, die sie hierher gebracht haben und die Frau Rossi gerne liest. Sie kennt den Irrtum, aber sie klärt die andere nicht auf. Abends kommt eine E-Mail von Frau Rossi, in der sie schlechten Gewissens nachfragt, ob es der Schreibenden auch wirklich gut gehe. So allein.Ja, Frau Rossi. Ich genieße das Alleinsein, ich genieße die Ruhe, ich bin froh, dass ich tagelang mit keinem reden muss, auch wenn es heute nett war. Es war nett, aber sie ist gekommen, um eine Geschichte zu Ende zu bringen und dann zu dichten.
Wenn man das Haus, das in der Jahreszeit, in der es nicht für den Tourismus verwendbar ist, als Schreibatelier vergeben wird, betritt, lässt man unmittelbar alles hinter sich, den Weg von der S-Bahn, die stark befahrene Seestraße, die man queren musste, den Geruch des Geldes. Nichts verstellt einem den Blick auf das Wesentliche: See oder was innen ist, denn man möchte ja arbeiten, am Text. Staunen über das Ausmaß von Stille und Stimmung am See, das in Überwältigung überginge, wenn man darüber nachdächte (später), aber diese Gefühlsregung hat mit Landschaftlyrik nichts zu tun.
Einmal, kurz vor halb sechs Uhr abends, holt sie das Licht, ein paar Sonnenflecken auf der Wand des Nachbarhauses auf den Balkon. Manchmal, nach vielen Stunden des Lesens oder zwischendurch auch, überkommt sie das Gefühl, dem See und seinen Lichtstimmungen nicht die notwendige Aufmerksamkeit zu widmen. (Ein bisschen so, wie sie immer wieder bemerkt, dass sie beim Zugfahren zu wenig aus dem Fenster schaut. War das früher anders? Ja! Die Erinnerung bestätigt dies auf jeden Fall. Früher gab es aber auch weniger Schallschutzmauern an den Bahngleisen. Früher konnte man aus Zugfensterblicken ganze Passagen für potentielle Romane bauen. Aber was heißt zu wenig? Sie schaut eben nicht hinaus. Weil sie die Zeit aufsaugt? Gier ist es auch, aber nicht alles lässt sich immer stillen. Vielleicht liegt es an der vermehrten Zeitungslektüre. Bei Zeitungen muss man nicht so oft aus dem Fenster schauen, vielleicht will man es auch gar nicht zwischendurch. Wenn man mit einem Buch reist, muss man einfach den Kopf heben, wer weiß.) Sie wird noch, am Ende ihres Aufenthalts, mit dem Ruderboot auf den See hinausfahren, auf eine Insel sogar. Sie wird keine Gedichte schreiben (nicht in diesem Schreibatelier und auch später kaum noch). Und nie werden die Geräusche des Sees deutlicher ihren Platz in der Erinnerung einnehmen, nachdem eine dichte Schneedecke alles, alles zugedeckt hat.

Einmal will die Schreibende wieder an den Bach gehen. Sie will eigentlich den Bach entlanggehen. Wie ein Bild, nein, eine Zeichnung, bei der das letzte Stück fehlt und das doch aus der Erinnerung angefügt werden kann. Es ist ihr Bach und der Weg von der Stelle, an der das Kind mit ihren Freundinnen spielte oder auch von jenem Platz, an dem sie mit dem kleineren Bruder ein einfaches Baumhaus baute, bis zur nahen Quelle ist überschaubar und war sie nicht als Kind öfter da entlangspaziert, -balanciert und gerannt so schnell es ging? Bis da hin, wo der Bach aus der Erde tritt, dem bis zum Ursprung des Bachs bildendem Wasser. Quelle. Wo es sprießt, entspringt, alles seinen Ursprung hat, woraus sich was?, alles! erklären lässt. Sie geht los (aber das liegt schon hinter uns, ein Bruder, der mit dem Motorrad in den Bach fällt, die Espressokanne der Nachbarin und dass der Steg über den Bach auf einmal weggenommen wurde etc.). Der Wald ist dichter geworden. Die Abzweigung zum K.-Haus ist nicht mehr gruselig, weil die Erwachsene weiß, welch arme Leute die zwei Alten gewesen sind. (Sie weiß nicht, warum sie so denunziert wurden.) Es sind nur wenige Meter. Ein paar Striche. Sie hat die breite Brücke aus Holz vergessen, über die der Bauer mit dem Traktor fährt. Am Bach entlang, es ist alles zugewachsen, hier geht niemand mehr. Im Wasser auch, es ist kalt, aber das tut gut. Wie kaltes klares Wasser immer das Beste ist, auch, wenn es vom Himmel fällt oder in kleinen Tropfen die Haut kühlt. Auf einmal ist der Bach zuende, ohne dass sie die Quelle erreicht hätte. Eine Wand, die vor ihr liegt wie dichte schwarze Folie über den Bach gespannt. Es ist nichts zu sehen. Das Blatt vor ihr. Schwarzes Gekritzel, Geschmiere? Nein, das sind einzelne Tropfen Kondenswassers auf der schwitzenden Folie, was darunter liegt? Nicht einmal eine Ahnung. Gegen die Fließrichtung sind die Versuche, den Verlauf des unterirdischen Wassers zu kontrollieren, nicht möglich. Ist es ein Unglück, nicht den eigenen Brunnen graben, besteigen und nötigenfalls trocken legen zu können? Sie hätte ein chemisches Experiment durchführen können, wie jener Natur- und Höhlenforscher bei der Schwarzen Donau, der fluoriszierende Flüssigkeit in großer Menge mit versickern ließ und über das grellgelb leuchtende Wasser in der Aachquelle beglückt waren. Oder wie im vorletzten Jahrhundert bei Duino, wo man Korkstöpseln bei San Canziano ins Wasser warf, die bei den Bocche del Timavo wieder ans Tageslicht kamen.

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