Donnerstag, 26. Mai 2011

Gisela Elsner, Die Riesenzwerge (1964/2002)

Schon nach seinem Erscheinen schrieben Kritiker wie Reich-Ranicki den Erfolg von Elsner satirischem Roman „Die Riesenzwerge“ dem Aussehen der Autorin zu, das vom Rowohlt-Verlag geschickt eingesetzt worden wäre. Elsner, die für ihr Debut den renommierten Formentor-Literaturpreis erhielt, war bei Erscheinen des Buches 27 Jahre alt. Gerade noch bzw. damals umso mehr ein Fräuleinwunder – jene Rezeptionskategorie, die nicht erst seit den Neunzigern und Judith Herrmann besteht. An den anfänglichen Erfolg konnte sie nie mehr anschließen.
Jener Rezeptionsmechanismus, den Schriftstellerinnen viel häufiger zu spüren bekommen als männliche Kollegen – autobiographische Versatzstücke in der Literatur, Alkohol- und Tablettenkonsum, eine gewisse Exzentrik in der Persönlichkeit –, wird im Nachwort der Neuauflage von Hermann Kinder verantwortlich gemacht für das „radikale Vergessen“ dieser Autorin (Evelyne Polt-Heinzl). Ingeborg Bachmann verliehen gerade diese „Attribute“ und Zuschreibungen – zumal nach ihrem gewaltsamen Tod – eine gewisse mythische Aura, die jedenfalls der Rezeption nicht hinderlich war.

„Die Riesenzwerge“ ist ein strenges Sittenbild des bundesdeutschen Kleinbürgertums. Als „Humorist des Monströsen“ bezeichnete Enzensberger die Autorin und der kleine Lothar Leinlein, aus dessen Perspektive erzählt wird, wurde immer wieder mit dem Grass’schen Oskar Matzerath verglichen.
In einzelnen Bildern (Das Essen, Der Knopf, Die Proszession …) stellt Elsner das Kleinbürgerdasein nach dem 2. Weltkrieg aus. Distanziert und kalt ist ihr Blick, der sich auch dann nicht abwendet, wenn es unerträglich wird. Die Machtphantasien eines Kriegsveteranen (der Krüppel Kecker), die er tyrannisch auslebt, das Essen als wiedererlangte Normalität nach dem Krieg & der in sich hineinschlingende Vater als Mittelpunkt-Instanz, die bigotte und gleichsam blasphemische Großmutter, die verhuschte Mutter, die nur halbe Sätze sagen kann & an einem Knopf scheitert, den sie ihrem Mann in morgendlicher Eile (& als immer wiederkehrendes Ritual) an den Leib (resp. ans Hemd, das er dafür nicht ablegt) nähen soll: Elsner protokollisiert den Alltag in seiner grausamen Banalität bzw. banalen Monströsität. In seiner Gesamtheit entsteht vor der Leserin ein Sittenbild eines George Grosz oder Hieronymus Bosch. Vermittelt aber wird das durch die Kind-Muttersohn-Augen, deren Träger durch seinen Blick zugleich sehr klein, aber nicht weniger bedrohlich ist als die Ausgestellten. (Das hört auch da nicht auf, wo der kleine Junge vom Bandwurm besetzt wird & droht, von innen ausgehölt zu werden – wenn seine Umgebung seine Schmächtigkeit hervorhebt als einen praktischen Vorteil, wird der Bedrohte selbst zu einer Bedrohung für seine Umgebung, die damit nicht umzugehen weiß.)

„Mit erschreckender Akribie werden wie im Nouveau Roman die beobachteten Details aneinandergereiht, ohne Kommentar, ohne Wertung und ohne kausale Verbindungen, doch die Zielrichtung ist evident: Es geht um die Bloßlegung von Herrschafts- und Gewaltsverhältnissen.“ (Zeitlos, Evelyne Polt-Heinzl)

Groteske, präzise Beobachtung und ein bitterböser Blick: Elsners Riesenzwerge sind sperrig – aber das war ja nicht zu allen Zeiten die übelste Einschätzung, die einem Text passieren kann. Das realistische Schreiben hat auch mittlerweile eine ganz andere Gangart eingelegt, der Hyperrealismus der sechziger Jahre hatte schon im darauf folgenden Jahrzehnt kein leichtes Standbein mehr in der Rezeption.
In allen Kritiken, Nachrufen, Statements zu Gisela Elsner wird verwundert darauf hingewiesen, dass sie von der feministischen Literaturkritik übersehen oder übergangen oder schlicht nicht beachtet wurde. Argumentiert wird mit das mit dem Fehlen von Identifaktionsangeboten bzw. fehlender „erbaulicher Authenzität“ (Jutta Sommerbauerl, Context XXI). Elsner hat – auch in ihren konventionelleren Werken – auf ganz eigene Art quergeschrieben: In der „Zähmung“ (1970, vom Verbrecher Verlag 2002 wieder aufgelegt) erzeugt der Rollentausch innerhalb einer Künstlerehe nicht subversives Potenzial noch entsteht daraus eine Geschlechterposse. Elsners Literatur löst Unbehagen aus.

Katharina Rutschky schrieb in der Frankfurter Rundschau:

„Ist Gisela Elsner mit ihrer ungebändigten Lust an der Groteske und ihrem Insistieren auf einem apsychologischen Konstruktivismus nicht eine ältere Schwester von Elfriede Jelinek, die mit dieser Methode und teilweise vergleichbaren Inhalten bis heute erfolgreich ist?“ (Perlentaucher)

Im April 2006 erscheint ebenfalls im Verbrecher Verlag eine Neuauflage von Elsners „Das Berührungsverbot“. Der Ankündigungstext lässt jedenfalls auch ein wenig an Michel Houellebecqs Beschreibungen des postmodernen Beziehungselends denken:

In dem Roman „Das Berührungsverbot“, der erstmals 1970 erschien, widmete sich Gisela Elsner, diese genaue Beschreiberin der deutschen Verhältnisse, einem Modethema: der sexuellen Befreiung. In ihrem „Anti-Porno“ (Emma) wollen mehrere Paare sich im so genannten Gruppensex üben, um der Spießigkeit ihres bisherigen Lebens zu entfliehen. Doch der Ausbruch, der nie einer war, endet nur in einem Akt unglaublicher Rohheit, die versuchte Befreiung von der bürgerlichen Enge wird zur Gewalttat. (Verbrecher Verlag)

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