Donnerstag, 26. Mai 2011

Herzzeit

„Für mich stellt sich nicht die Frage nach der Rolle der Frau, sondern nach dem Phänomen der Liebe – wie geliebt wird. (…) Liebe ist ein Kunstwerk, und ich glaube nicht, dass es sehr viele Menschen können.“
So Ingeborg Bachmann in einem Interview 1971. Das Briefgespräch zwischen ihr und Paul Celan ist da längst verstummt, bereits Anfang der 1960er Jahre verdunkelten die sog. Goll-Affäre (Plagiatsvorwürfe der Witwe Claire Goll an Celan) und eine als antisemitisch empfundene und eine existenzbedrohende Krise auslösende Rezension des Gedichtbandes Sprachgitter im Berliner Tagesspiegel das Verhältnis zwischen Celan und Bachmann, im April 1970 wählte Celan den Freitod in der Seine.
Der Briefwechsel – lange gesperrt und nun früher als angekündigt veröffentlicht und sehr sorgfältig kommentiert und ediert – kann als Einübung und Nachempfinden dieses Kunstwerks Liebe gesehen werden. Freundschaft, Distanz, Missverständnisse, existentielle Enttäuschungen – die Stationen dieser Beziehung sind naturgemäß nicht scharf voneinander abzugrenzen, oftmals ging das eine ins andere über, existierte mehreres gleichzeitig. Es ist ein symptomatisches Gespräch, nicht nur für eine exemplarische Liebe der deutschen Nachkriegslyriker, sondern auch ein dramatisches Stück Literatur- und ein eindrückliches Beispiel Nachkriegsgeschichte – wird doch der Beginn und die Parallelität von Dichtung und Leben gezeigt: Bachmann, die junge Künstlerin aus der österreichischen Provinz mit ehemaligen NSDAP-Mitglied als Vater und Celan, der staatenlose Juden aus der Bukowina, der seine Familie im KZ verloren hat. Schwere und Schuld, Schweigen sind denn auch Schlüsselwörter ihres Gesprächs und ihrer Beziehung.
Biographisch ist die Entwicklung, die die Bachmann im Laufe dieser Briefwechsels durchlaufen hat, die erstaunlichere: Sie möchte der sein, der „sie geworden ist“. Sie ist diejenige, die den Freund und Geliebten unterstützt und fördert, für ihn sogar auch praktische Dinge wie eine Anreise zum Treffen der Gruppe 47 mitorganisiert; seine „Opfer-Rolle“ allerdings ist sie letzten Endes nicht bereit zu akzeptieren.
„Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken“, so das Traum-Ich in Bachmanns Roman Malina, und: „er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben“. Im poetologischen Nachwort sprechen die Herausgeber vom „Briefgeheimnis der Gedichte“, deren Spuren zeichnen sie wunderbar nach und es entspinnt sich wirklich ein neuer Roman, in dem nun beide Stimmen gemeinsam zu hören sind; zusammen mit den Briefen Max Frischs an Celan und Gisèle Celan-Lestranges an Bachmann interessanter und eindrücklicher, vor allem aber so vielstimmig-berührend wie es nicht zu vermuten war nach all den Jahren.


Bachmann, Ingeborg / Celan, Paul
Herzzeit
Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel
(Beiträge von Frisch, Max / Celan-Lestrange, Gisèle. Herausgegeben von Badiou, Bertrand / Höller, Hans / Stoll, Andrea / Wiedemann, Barbara), Suhrkamp 2008.

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