Donnerstag, 15. November 2012

In der Au

Zu Florian Flickers Grenzgängern



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In dem Film „Jerichow“ zeigt Christian Petzold, mein Lieblingschroniker der deutschen Um- und Zustände drei Menschen, die mit ihrer Schuld und ihrer Heimatlosigkeit zu leben versuchen: Ali, der in Deutschland aufgewachsen ist und über populäre türkische Musik so etwas wie Heimatsehnsucht entwickeln will; Thomas, der nach Afghanistan und Neustart zurück ins Haus seiner Mutter kommt, und Laura, die davon überzeugt ist, dass man sich ohne Geld nicht lieben kann. Einsamkeitsinseln in dieser strukturschwachen, ehemaligen Zone, dem Berliner Umland. Wie viel Leben ist möglich? Petzold erspart einem in seinen Filmen jeden überflüssigen Kommentar, die Stoffe sind allerdings präzis recherchiert und komplex dargestellt. Für mich ist das eine gute Art zu erzählen: Über Arbeitslosigkeit und Abwanderungszahlen Bescheid wissen und dann alles über den Blick einer wunderschönen Frau erzählen. Das deutsche oder auch das deutsch-deutsche Thema erzählt Petzold mittlerweile schon über mehrere Filme hinweg, setzt immer wieder an einer anderen Stelle in der Zeit und am ungefähr selben Ort dazu ein. Es kann kein Zufall sein, dass der Titel einen Schauplatz eines der wichtigsten deutschen Bücher zur Nachkriegs- und also eben auch BRD-DDR-Geschichte zitiert, nämlich Uwe Johnsons monumentalen Roman aus den 70ern, „Jahrestage“. Johnson, der ostdeutsche Autor ist selbst einmal in den Zug nach Berlin gestiegen und nicht zurückgekommen in die DDR, die ihn nicht wollte. Von Mecklenburg, der Seenplatte, von den schattingen Alleen aber kam er nie los. Heimatlosigkeit und Schuld sind die roten Fäden im Werk von Johnson. „Wir träumten grau und weiß und gelb, den wuchtig bewölkten Himmel, die Ähren, die Stoppeln, die festen Sandwege.“ Selbst als er in der Weltstadt New York lebt, kennt Johnson nur eine Heimat: Die Provinz.

Die Bilder in Viscontis „Ossessione“ prägen vor allem weite Landstraßen. Zwar hat man mittlerweile auch Tankstellen an den Straßenrand gebaut (nur mit dem Wissen von heute könnte eine solche Tankstelle aus Unort betrachtet werden, auch wenn die Räume meistens verdunkelt sind, wenn nach dem großen Geschäft die Stühle umgeworfen und überall Mist zwischen den Tischen auf dem großen Platz herumliegt) und es braucht nur eine Musikkapelle, schon strömen die Gäste zur Tür des dazugehörenden Gasthofs herein. In Ferarra, mitten unter all den Menschen auf den Straßen, in den Cafés, im Auto, sind der Mann (Gino) und die Frau (Giovanna) dennoch allein, allein mit ihrer Schuld, allein mit ihrem Wunsch nach Glück und einem besseren Leben. Mitten auf einem belebten Platz können sie sich anschweigen, anschreien, ihr Geheimnis laut vor sich hertragen. Lediglich wenn Gino zuschlägt, laufen die Menschen zusammen – auch, wenn sich nichts daraus ergibt.


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(Wie ein Western von Kameramann M. Gschlacht gefilmt.)

Petzolds „Jerichow“ nennt Regisseur Florian Flicker ebenso wie „Ossessione“, wenn es um Verwandtschaften geht, Gemeinsamkeiten oder zumindest um jene Gegend, in der man seinen neuen Spielfilm „Der Grenzgänger“ verorten könnte. Beides Filme, die mit dem Stoff der Mutter aller Kino-Dreiecksgeschichten, „The Postman always rings twice“, umgehen. Aber wie sie in der Zeit, in der sie gedreht wurden und die sie repräsentieren, aufgehen! Wie zeitgenössisch, heutig. Immer geht es um viel mehr als alles (Liebe, Verrat). Um die Perspektive in einer schwierigen Zeit, um das Nachhausekommen oder um Heimatlosigkeit. Und dann. „Der Weibsteufel“, populäres Volkstheater von Karl Schönherr, Uraufführung 1915! Allein schon der Titel macht einen doch nervös. Eine in den Alpen angesiedelte Dreiecksgeschichte als Vorlage für den Film eines österreichischen Regisseurs? Schreiben wir das Jahr 2012? Nicht genug, dass der rustikale Volkstheaterstoff immer wieder für die Bühne neu inszeniert wird: Der Mann, das Weib und ein Grenzjäger; daraus macht man eine „Dreiecksgeschichte von archaischer Wucht“ (Die Welt über die sich zwischen Baumstämmen auf der Bühne des Wiener Burgtheaters räkelnden Protagonisten und eine gefeierte Schauspielerin) und schon hat man: Liebe, Leidenschaft, Verrat, Verbrechen. Es kommt dann aber alles ganz anders. Musik, der etwas Flirrendes, Unruhiges innewohnt, begleitet einen beim Anflug in die March-Auen, einer wilden, nicht sehr bekannten Landschaft an der Grenze zur Slowakei. Und Anflug meint tatsächlich, dass man meistens das Gefühl hat, diese Gegend auf dem Fußweg vielleicht gar nicht erreichen zu können. Das ist ein aus der Welt gefallener Ort, wild, ja, vielleicht sogar archaisch, stünde da nicht dieses verfallene Häuschen, ein „Gasthaus in der Au“ – womit die meisten Referenzen an Schönherrs Theaterstück bzw. die Zeit, aus der es stammt, schon erledigt sein dürften. Dass diese feuchte und sumpfige Kulisse immer der Ort von Hans, dem Au-Fischer und Menschenschmuggler gewesen ist und bleiben wird, verstärkt die Rahmenhandlung. Nach zehn Jahren, die er für den Mord (vielleicht Totschlag) am Liebhaber seiner Frau im Gefängnis verbracht hat, ist er wieder da, wie ein anderer Fischer hundertprozent emotionslos kommentiert. Da, wo er immer gewesen ist und so, wie er immer gewesen ist: Hans hat Visionen, weil das wahrscheinlich dazugehört zum heruntergekommenen Ausflugslokal, in das sich nicht besonders oft jemand verirrt und den wenigen Gästen er entgegen allen Marketingstrategien mit auf den Weg gibt, dass sie dann ausbauen, dass sie nächstes Jahr um die Zeit wahrscheinlich Gästezimmer haben werden usw. Die wilden March-Auen mit diesem Gasthaus, das es so natürlich geben könnte und das gleichzeitig im Wortsinn schon nicht mehr wahr ist, ist auch ein Bild für das Leben, das Hans und Jana führen. Das bessere Leben, die größere Investition: Aus dem Mund dieses an der Grenze lebenden Au-Fischers sind das Fremdwörter oder Floskeln, die durch seine Aussprache nicht lebendig werden können; dass ein besseres Leben nicht möglich ist, ist eigentlich klar. Es kann mit seiner Schlampigkeit zu tun haben, viel mehr aber, so denke ich, mit der Existenz an der Grenze. Viele Jahre lebt man am Eisernen Vorhang, dann werden die Grenzen geöffnet, aber durchlässig werden sie deshalb noch nicht – bis dahin gilt es durchzuhalten. Er bringt nicht nur Aale nach Hause, die Menschen, denen er übers Wasser, über die Grenze hilft, verstecken er oder Jana in der Räucherkammer, bis sie der deutsche Fischlieferant in seinem Kleinlaster abholt. Das Wort Schlepper möchte man nicht anwenden auf diesen Verzweifelten, Wortkargen, aber er ist es, und die Dollars sammelt er in einer Tupperwaredose im Wasserschiff des alten Herdes. Alleine für die Abwesenheit jeglicher moralischer Bewertung oder auch nur Spekulationen darüber kann man den Film lieben. Menschen über die Grenze zu schaffen, hat hier damit zu tun, dass alles Notwendige vorhanden ist: Die Grenze, die Menschen, die sie überwinden wollen, ein Fischer, der sich auskennt. Das einzige, was fehlt, ist Geld. Hans ist deshalb kein besserer Mensch, er ist aber auch kein schlechterer. Er ist Fischer und er kennt sich aus in der Au. Hans hat eine Frau, Jana, die auch über die Grenze kam und vielleicht ist es ja auch sie, die diese Visionen, diese Ideen für ein besseres Leben in ihm auslöst, denn es ist Liebe im Spiel, eine unspektakuläre, verschworene Art zusammenzuleben. Jana, die Slowakin in Österreich, Akademikerin (Deutsch und Russisch!), die als Erntehelferin kam und bald mit der Gefahr konfrontiert war, in die Prostitution abzurutschen: Ihre Vergangenheit stellt mit einemmal auch die gemeinsame Gegenwart in Frage. Solange es läuft (die Geschäfte, der Trott, die überschaubaren Träume), wirkt das Setting stabil, der junge Soldat Ronnie auf seinem Pferd (was für ein schönes, anachronistisches Bild für einen Prinzen, der endlich die Prinzessin holen kommt) aber kann schnell das scheinbare Gleichgewicht stören. Das heruntergekommene, aus der Zeit gefallene Haus, die wilde, sumpfige Natur, die unwirsche schweigsame Art von Hans und diese unbestimmte Klarheit im Blick Janas, auch die Selbstverständlichkeit des Paares im Umgang miteinander: All das stellt einen sich ergänzenden Widerspruch dar und bereitet den Boden für eine existentielle Tatsache. Wer sich wirklich in Gefahr begibt, wenn sie einen Wunsch für sich formuliert, ist Jana, ist die Frau in dem Dreieck. Sie kann: Sich aussetzen, sich dem Spiel aussetzen und sie kann sich aus dem Spiel nehmen. Was sie aber erst tut, wenn es bereits entglitten ist. Jana ist diejenige in der Geschichte, die keinen Ort hat. Ihre ehemalige Heimat (Zuhause) kommt für sie nicht mehr infrage, die Übergangslösungen (Erntehelferin, Prostitution) nicht und das Gasthaus in der Au natürlich auch nicht, denn es ist der Ort ihres Mannes; Ronnie wird sie nach Wien nicht mitnehmen, so ernst gemeint war das alles jetzt auch wieder nicht. Liebe und Leidenschaft haben zwar eine große Strahlkraft in diesem Film, sie strahlen aber eher nach innen. Von dorther leuchtet (irrlichtert) auch die Landschaft, die zwar außen sichtbar ist, aber auch durch diesen Hans sich ausbreitet, obwohl er gar nichts davon hergeben will. Verrat, so ein k.k.-Wort, das man heute im Kino in erster Linie in ausfinanzierten Großprojekten antrifft, begehen wahrscheinlich alle drei Figuren, es hat hier etwas mit der Selbstliebe zu tun, um die es eventuell nicht sehr weit her ist, und weswegen sich die Protagonisten, wie man so schön sagt, vor allem selbst verraten. Alle drei (der Schmuggler, die Frau, der junge Soldat, der als Spitzel eingesetzt werden soll, was er zwar ausführt, aber dann auch wieder nicht so ganz und mehr auf den eigenen Genuss achtend als auf die ausgesetzte Belohnung, nach Wien zurück und weg von diesem surrealen Auftrag an der Grenze!) handeln im Rahmen ihrer Möglichkeiten und plötzlich: Großes Kino, heutig.


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Wie Petzold hat Florian Flicker ein Thema, das immer wieder in seinen Filmprojekten auftaucht, das ihn nicht loslässt und das von unterschiedlichen Seiten beleuchtet wird. Migration und der Wunsch auf ein würdevolleres Leben zählt bestimmt zu einem der wesentlichen Motive, die unser (und das meint eigentlich: unser aller) soziales Miteinander determinieren. Grenzen und Fluchten in das oder aus dem Leben, das man für sich eingerichtet vorfindet. Die Exklusion verschiedener gesellschaftlicher und nationaler Gruppen und die Bestimmtheit, mit der die inneren Grenzen (und Werte) verteidigt werden, obwohl sie doch gar nicht eingenommen, sondern meistens vor allem überwunden werden wollen. Wie eine „Suzie Washington“ (1998) ist auch Jana eine Figur, die weder als Weibsteufel bezeichnet werden noch aus einem ähnlichen holzschnittartigen Volksstück stammen könnte. Es ist nicht leicht vorstellbar, konkret, an welchen Ort sie am Ende dieser Geschichte gelangt sein könnte und das ist natürlich ein weiterer Aspekt dieser Erzählung, der einen platt macht oder zu denken gibt, je nachdem. Kein Wort zu viel, keine Geste, die in die falsche Richtung weist oder so unbestimmt wäre, das etwas zurückgenommen wird. Und die Blicke Janas, die in ihrer Aussagekraft bei gleichzeitiger Zurückgenommenheit mich an die junge Deneuve und Nina Hoss denken lassen. Wie Visconti stellt „Der Grenzgänger“ einen magischen Unort aus, an den man gelangen möchte, und den man hinter sich lassen will, den man aber nicht lassen kann. Einmal ist es die Tankstelle, das andere Mal der Gasthof in der Au, vor dem in wucherndem Gras Tierfiguren verloren herumstehen und Pfeil und Bogen an den Wänden hängen als Hinweis darauf, dass es immer schon Ideen gab, Visionen, Träume, aber daran gearbeit wird (nicht gelebt). Großes Kino kann ein Stoff wie dieser nur sein, wenn er mit dem Leben, aus dem heraus er entstanden ist und entwickelt wurde, immer noch etwas zu tun hat, existentiell verbunden ist. In diesem Fall ist es der absurde Assistenzeinsatz des Bundesheeres, die Abgeschiedenheit einer ehemaligen Zonenregion am Eisernen Vorhang, die sog. illegalen Grenzübertritte an der Blauen Grenze, wie die March in diesem Grenzabschnitt genannt wird. Die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Aber auch technische Errungenschaften wie der I-Pod, dessen historische Bedeutung trefflich zum Charakter des jungen Soldaten Ronnie passt. Auf die Frage Janas, wie er denn leben wolle, was er denn in seinem Leben anders machen wolle, antwortet er sehr österreichisch mit „Eh alles“. Wie überhaupt nicht gezögert wurde, Leidenschaft und den Konjunktiv von großer Liebe zu vermischen, die auch ein Irrtum sein kann, dem beide Liebenden aufsitzen bzw. verfallen. Dass Gefühl und der Wunsch danach manchmal identisch scheinen. Den Hintergrund für diese scheinbare große Liebe und Untergrund für diesen bröckelnden Heimatbegriff, wie er über der Szenerie schwebt, als Unheil, natürlich, ist die feuchte, unberechenbare Au. Provinz auch, ganz und gar, vergessene oder versunkene Landschaften, innen wie außen. Alles, was einen hinunterzieht, dabei wollen die Grenzgängerin Jana und die beiden Grenzgänger Ronni und Hans doch darüber hinweg.

zuerst veröffentlicht in: kolik film, Sonderheft 18/2012

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