Donnerstag, 12. Februar 2015

In der Mitte

Spätnachts sitzen ein paar Jugendliche in der Nähe des Ententeichs. Einer von ihnen, schüchterne Koteletten im Gesicht und hohe Stimme, der viel liest und Comics liebt, ist ein zukünftiger Versicherungsmann. Shakespeare mag er nicht, wie ich es gerne hätte, anderes, ich weiß nicht mehr was.
Er ist siebzehn, wie die anderen auch.
Meine Freundin M. ist da, wie immer in Schwarz (dicker Kajalstrich, Kleidung, große Männerschuhe), ihr Haar ist rot gefärbt und lang, wie alles an ihr: Nase, Arme, der nach vorn drängende Oberkörper. Sie redet wenig, und was sie anderen erzählt, kommt mir fremd und angestrengt vor. Bald ist sie weg.
Wir haben Heimweh nach uns selber, weil keiner sein kann, wie er ist, jeder bloß die Eigenschaft seiner Umgebung spiegelt.
S. lebt in der Betonsiedlung in St. Peter, was sie ebenso interessant macht wie ihre Herkunft und ihr Schlafzimmerblick. Sie könnte Architektin werden oder Kleider entwerfen.
Manchmal schleiche ich mich zu dem verfallenden Häuschen, wo die Dichter wohnen. (Schneeflockenbaum, Blumen-Hartriegel, Kornelkirsche, Gemeiner Perückenstrauch, a virtually unknown figure. Es ist dunkel, die Dichter sind ausgezogen, dabei hatte einer vor kurzem gerade noch erklärt: „Das ist einer der entscheidenden Texte der Gegenwart.“)
Die Jugendlichen am Ententeich verbindet in der Nachlässigkeit des Parks, dass sie jung sind, das reicht natürlich. Nur träge und in Zeitlupe gebildete Wörter dringen zu mir durch. „Hinter der hohen Mauer befindet sich ein wunderschöner, echt geheimnisvoller Garten.“ An der Stelle gerne eine Pause. Vielleicht kichert irgendwer, das kommt vom Kiffen.

Kurtine (frz.) ist ein schönes Wort für den Weiler aus dem 9. Jh.v.Chr., Freiraum mitten in der Stadt, Wall zwischen zwei Bastionen etc.
Nicht erst seit heute weiß ich, dass der sogenannte Pfauengarten als Parkplatz von den Landesbediensteten genutzt wird. Wenn ich mit meinem Bruder (Abt. III oder IV) morgens in die Stadt fahre, nehme ich den Umweg über Pfauengarten, Burgtor und Glacis in die Schule, um nicht zu früh zu kommen.
Da es keine toten Winkel gibt, eignet sich das Glacis nicht als Deckung für die Angreifer.
Nicht lange her, da wäre nie in diese Richtung, immer nur: Milchstand (führt auch Eis), Gleisdorfergasse, mit der Mutter ins Kleidergeschäft der Schwestern. In den Park nie, der lag schon außerhalb des selbst gesteckten Radius’; weder Sinn noch Anleitung für kultivierte Natur.
Ulmengewächse aus dem Kaukasus, Rosskastanien, Amerikanischer Tulpenbaum aus der Familie der Magnoliengewächse, Gingko, herzförmige Blätter des Blauglockenbaumes, natürlich Zaubernussgewächse: die Grazer Gruppe.
Der Ententeich ist ein Bumerang.
(Als ich das Forum endlich betrete, ist es nicht wiederzuerkennen: viel Glas, weiße Wände und eine große Terrasse. Die Funktionäre und Referenten haben alle gewechselt, auch wird jetzt nicht mehr geschrieben und gelesen, sondern Konzepte in den Raum gestellt; ein Mehrspartenhaus. Einmal fällt der Satzteil Der schönste Arbeitsplatz der Stadt aus mir heraus. Den Irrtum bemerke ich bald, dann wird das Jahr – 12 Monate, die Woche zu 3 ½ Tagen – mit Paketband verschnürt und verräumt.)

Tagsüber sitze ich am Ententeich (eig. Schanzgraben) unter Müttern mit Kindern, zwei oder drei Vätern. Die Stadt hat die Kurtine freilegen lassen, will Wohnungen und Büros bauen, an einer Mauer fragt ein Transparent in den Stadtpark hinein: Wessen Recht auf Stadt?!
Junge Leute, die so aussehen wie wir damals, nur in den Klamotten von heute, lagern auf den Wiesen. Sie sind ausgestattet mit Fahrrädern, Gitarre, Slackline, Bier, Jausenbroten, Decken, Sonnenbrillen, Jonglierzeugs, Dreadlocks und Feuerzugen mit Aufdruck (Der Standard), Tätowierungen, die man schon gut herzeigen kann an einem warmen Aprilnachmittag. Zukünftige Versicherungsleute, Designerinnen, Freizeitpädagogen.
Nein, die Dauer war ein Gefühl,/ das flüchtigste aller Gefühle.
Manche wickeln ihre Geschäfte am Telefon ab.
Nur ein Mädchen M. wird wieder weggehen und nicht zurückkehren, nie.
Warten, dem Zorn der Zeit/ mit Gegenzorn begegnen.
Jemand hat auf die weiße, nicht mehr ganz saubere Wand des Forums geschrieben: Denkt selbst.


(Mit Zitaten von Klaus Hoffer,Gunter Falk, Peter Handke, Alfred Kolleritsch und Franz Hanselmayer.)

In: Österreich-Atlas. Mit Fotografien von
Anton Kiefer. Hrsg. von Anna und Jochen Jung. Jung und Jung, Salzburg, 2014.

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