Dienstag, 23. Juni 2015

Index 4 (Arbeiten)

Holz aus dem Keller holen und die Milch vom Nachbarbauern.
Meine Lieblingstante schenkt mir ein kleines Waschbrett. Manchmal wasche ich damit die Kleidung meiner Puppe. Nach dem Umbau des Elternhauses wird im Keller ein Waschraum eingerichtet; ich lege das Waschbrett neben die neue Waschmaschine.
Den Arbeiterinnen Most, später Most mit Wasser oder gespritzten Weißwein, schließlich nur mehr Mineralwasser aufs Feld bringen.
Den Traktor in der Spur halten, damit die Arbeiterinnen von der angehängten Maschine aus die Pflanzen in die Erde stecken können.
Vor der Schule bei der Salaternte helfen.
Statt der Schule vor Allerheiligen Chrysanthemen auf den Friedhöfen verkaufen helfen.
Am Markt Gemüse verkaufen. Ich bin elf und habe kurze Haare. Die meisten Kunden halten mich für einen Buben, was mir einerseits gut gefällt, weil ich so ernstgenommen werden will wie meine Brüder, gleichzeitig kränkt es mich. Ich bin ein Mädchen. Das Marktcafé Färber ist schon in der Früh ziemlich verraucht. Ich trinke Kaffee und esse ein Reingerl zum Frühstück, manchmal eine Käsesemmel vom Milchstand und im Sommer immer ein Cornetto Vanille auf der Fahrt nachhause. In der Mittagshitze fahren wir mit offenen Seitenfenstern.
Den großen Ofen einheizen, damit es im ganzen Haus warm wird.
Regelmäßig nachheizen.
Um dem samstäglichen Hausputz zu entkommen, den ich gemeinsam mit meiner Mutter zu erledigen habe, engagiere ich mich in der Katholischen Jungschar, zuerst als Kind, später als Leiterin einer Gruppe. Bin sogenannte Führerin. Die Treffen sind jeden zweiten Samstag um drei, vorbereiten muss man auch einiges.
Ein paar Sommer lang um neun Uhr die Jause, um halb eins das Mittagessen und abends um sechs wieder eine Jause für die Arbeiterinnen zubereiten. Es gibt drei oder vier verschiedene Suppen, immer Fleisch und am Freitag gebackenen Fisch, Scheiterhaufen oder Reisauflauf mit Kompott. Die Vormittagsjause wird nach Jahren abgeschafft.
Einen Sommer lang ist der Geschirrspüler kaputt und obwohl ich zwei- bis dreimal täglich Geschirr für zehn bis vierzehn Leute abwasche, abtrockne, ein- und ausräume, schwimme ich so viel wie nie im Freibad, das es heute nicht mehr gibt.
Ich möchte meiner Mutter gerne sagen, dass sie hin und wieder die Massen an Zeitungen, Zeitschriften und Werbeprospekten verräumen könnte, weil ich mich vor meinen Freundinnen für die Unordnung in der Küche geniere.
Hemden und T-Shirts bügeln.
Schuhe putzen vor der Messe am Sonntag.
Mit dem Geld meines ersten richtigen Ferienjobs kaufe ich mir teure weinrote Schnallenschuhe (600 öS). Eine Gruppe von jungen Frauen in kitschigen Dirndlkleidern verteilt Werbegeschenke auf Wahlveranstaltungen der ÖVP Steiermark. Ich bin die einzige Schülerin, die anderen studieren alle bereits. Wir fahren in Kleinbussen durch das Land, einmal besuchen wir die ehemalige Fastschwiegermutter bei Schladming. Schnaps. Die Tochter des Spitzenkanditaten ist auch dabei, sie ist schwanger. Sie ist lustig und zuversichtlich. Ihr Leben kann ich mir nicht vorstellen. Ich schäme mich jeden Tag ein bisschen mehr und am Ende des Sommers kann ich die neuen Schuhe nicht tragen.
Weil es viel länger dauert als angenommen, bis ich mein Stipendium bekomme, fange ich in der zweiten Woche meines Studiums im McDrive zu arbeiten an. Sie haben mich sofort genommen. Studentinnen werden besser behandelt als Ausländer und Ausländerinnen. Kurz vor Mitternacht radle ich in mein frisch bezogenes Untermietzimmer. Nach jedem Dienst liege ich mindestens zwei Stunden wach. Der Geruch, die Beleuchtung, die Beine tun mir weh. Auf der Weihnachtsfeier werden die Angestellten gerügt, weil sie angeblich Rohfleisch essen, und weil es in den Umkleidekabinen immer unordentlich sei. Die Frauen bekommen gefälschte Louis-Vuitton-Handtaschen geschenkt. Der Name sagt mir nichts, ich nehme meine nicht mit nachhause.
Umfragen zur Zufriedenheit im Einkaufszentrum.
Messen.
Ich nehme an einer Informationsveranstaltung über Schabenbekämpfung in Thailand teil. Ob nichts daraus geworden ist oder mir der Gedanke, als Schädlingsbekämpferin nach Asien zu fahren, auf einmal doch zu absurd erschien, weiß ich nicht mehr. Ich fahre nicht nach Asien.
Einen Sommer lang arbeite ich in einer Hausbar eines Familienressorts an einem Kärntner See. Weißbier und weiße Spritzer, Künstler, Neureiche, altkluge Kinder. Die geräucherten Fische sind besonders gut, alle männlichen Einheimischen über vierzig halte ich für Nazis. Ich rudere mit dem Boot hinaus, um meine Ruhe zu haben. Noch reichen meine Lateinkenntnisse, um Kindern von Gästen Nachhilfe zu geben, das wird nicht extra bezahlt. Ich schlafe im Zimmer der Wirtstochter, die im Wohnzimmer übernachtet, als sie ihren Vater besucht. Der Wirt baggert mich an, neben meiner ehemaligen Lehrerin, die seine Freundin ist und mir den Job vermittelt hat. Kochen muss ich auf einmal auch. Kaiserschmarrn am Seeufer.
Deutschunterricht für vier polnische Klosterschwestern. Ich fahre per Autostopp zur Arbeit, manchmal ist es knapp, aber ich schaffe es immer rechtzeitig zu Unterrichtsbeginn.
Den historischen Buchbestand der Germanistischen Bibliothek aufnehmen.
Führungen auf der Bayerischen Landessaustellung.
Karten verkaufen.
Am Telefon Auskünfte erteilen.
Mein Schreibtisch ist mitten in einem Szenelokal. An ein paar Abenden spiele ich mit dem Gast aus Berlin im selben Raum eine Partie Billard. Mit den Künstlern Tequila trinken (In der Vorstadt.) Die Teambesprechungen sind morgens um neun, ich stehe kurz nach halb auf, dusche kurz und lege den Weg durch die Altstadt im Laufschritt zurück. Im zweiten Festivalsommer meckert der Intendant, dass ich mit den kurzrasierten Haaren kein angenehmer Anblick bin.
Ein blinder Mann diktiert mir Gedichte und seine Lebensgeschichte.
Wie viele Jobs ich vergessen habe.
Wir sind zu dritt in dem winzigen Zimmer, es gibt drei Telefonapparate, manchmal stehen Filmkisten herum, einmal fahre ich mit einem Regisseur durch mehrere deutsche Städte. Um mir die Arbeit in der Verleihfirma leisten zu können, führe ich Filme vor. An den 35-mm-Projektoren werde ich halbwegs eingeschult. Während einer Vorstellung für eine Kindergartengruppe, bei der die Filmrollen knapp zuvor angeliefert wurden, bemerke ich schon während der Film läuft, dass die letzte Rolle und somit der Schluss fehlt. Ich stelle mich vor die empörten Kinder, lehne den Vorschlag einer Kindergärtnerin ab. Sie will gleich aufbrechen, erfreut über etwas gewonnene Zeit. Ich erzähle den Kindern den Film zu Ende, entlasse sie erst dann. Weil der 16-mm-Projektor eine undurchsichtige Apparatur für mich ist, zerstöre ich an einer der letzten Kopien von Bergmanns Das Schweigen ungefähr fünf Minuten. Immer wieder reißt der Film. Zuschauer entern den Vorführraum, um sich zu beschweren. Ich erreiche niemanden telefonisch, der mir helfen könnte. Ich mache immer weiter. Es hätte nur ein Rädchen umgelegt werden müssen. In stundenlanger Arbeit rette ich zwei Minuten vom Anfang. Immer wieder Time of the Gypsies, Underground und Arizona Dream. Was macht eigentlich Emir Kusturica heute? Am öftesten Der Himmel über Berlin von Wim Wenders. Touristen und Menschen, die allein ins Kino gehen. Natürlich auch Karten und Eis, Bier und Cola verkaufen, die Leute einlassen, zusperren.
Ein Büro in der Altstadt. Ich weiß wirklich nicht, worin meine Aufgaben bestehen. Ich erledige sie, ich pendle aus Berlin ein, ich bekomme ein Mobiltelefon, damit ich einen halben Tag später kommen kann. Wenn das Telefon auf dem Beifahrersitz liegt, habe ich das Gefühl, es strahlt zu mir herüber. Ich nehme es immer wieder in die Hand, um nachzuschauen, ob ich den Anruf meines Chefs verpasst habe. Weeping Song von Nick Cave, die abgetragene Bikerjacke meines kleinen Bruders. Ich bin weg.
Als ich zum ersten Mal in meinem Leben arbeitslos bin, fahre ich nach Montpellier, um einen Französischkurs zu machen, und nach Marseille, um endlich zu schreiben. Stattdessen lese ich Johnsons Jahrestage.

Zuerst veröffentlicht in der Grazer Literaturzeitschrift Lichtungen.

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