Dienstag, 17. November 2015

Rauch

Wie ich, nachdem mein Mann eine Nachricht vom Flughafen geschrieben hat, dass er bereits auf die S-Bahn warte, die in einer Viertelstunde abfahren werde, ihn anrufe um ihn zu fragen, ob er nicht mit einem Car-2-go nachhause fahren könne um schneller da zu sein, wir würden mit dem Essen auf ihn warten, er aber sagt, dass er seine Karte gar nicht dabei habe, es dauere eben noch ein bisschen, bis er da sein werde, ich auflege, dann zu unserem Sohn sage, wir essen gleich, es werde zu spät, halb neun, bis W. daheim sei, er aber überredet mich zu warten, möchte bis dahin ein Spiel am Handy spielen, woraufhin ich ihm sage, was er in der verbleibenden Zeit zu tun habe: Mir die Bettwäsche geben, die ich in den Kasten im Vorzimmer verräume, auf der Leiter stehend; dann seine neuen T-Shirts von den Preisschildern befreien und in seinen Kasten räumen, aufdecken (was ich dann selbst mache), und gute Musik machen. Der Sohn stellt auf dem IPod Dylan ein, nimmt sich das Handy, setzt sich vor den Ofen, den ich doch noch einmal eingeheizt habe, freut sich über ein Update eines bestimmten Spieles („Halloween-Update! Mit Kürbissen und Totenköpfen!“), singt lauthals If Dog runs free … u.a. Lieder mit, während ich in die Küche gehe, wo mir wieder einfällt, dass ich schon am Vormittag Lust hatte, eine Zigarette zu rauchen, was ich dann wieder vergaß, wahrscheinlich war die Lust doch nicht so groß. Ich schenke mir ein Glas Bier ein, öffne das französiche Fenster in der Küche und zünde mir eine Zigarette an. Ich habe seit ein paar Wochen, zuletzt in Venedig, keine Zigarette mehr geraucht, auch in der Zeit davor wenige (Marathon), jetzt schmecken die ersten Züge fast so wie ganz am Anfang, als ich nach der Maturareise auf dem Balkon des elterlichen Hauses stand und rauchte – gut, bitter, ein bisschen stinkig, aber ich weiß schon, dass ich es mag, wenn ich mich daran gewöhnt haben werde. Wie meistens und durch die paar Schlucke Bier noch verstärkt, steigt mir die Zigarette zu Kopf, mir ist ein bisschen schwindlig, ich fühle mich gut und freue mich, dass drüben mein Sohn zu Bob Dylan singt und gleich mein Mann nach Hause kommen wird, der drei Tage in einer deutschen Kleinstadt auf einer Tagung war. Ich habe ihn nicht vermisst, aber jetzt freue ich mich so sehr auf ihn wie am Anfang unserer Beziehung, als wir noch in zwei verschiedenen Städten lebten und die Sehnsucht eine viel stärkere Wirkung hatte als die Zigarette in der kalten Luft des Herbst 2015.

5.11.2015

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