Sommersachen
Ein Mann und eine Frau warteten im Schatten vor dem Haus auf den Makler. Grell war das Licht auf der anderen Straßenseite, wo ein ausgebleichtes kleines Cabrio einparkte, mit einem braungebrannten kleinen Mann hinter dem Steuer, der beschwingt die Fahrertür öffnete, Handy und Schlüsselbund in der einen, Zigarettenschachtel in der anderen Hand. Sonnenbrille die ganze Zeit über im Gesicht. Begrüßung mit Handschlag, Grinsen und Konversation über das Wetter. (Die Frau dachte, dass seine Bräune von Solariumsonne herstammen musste, dieser Sommer hatte doch noch gar nicht wirklich begonnen.) Hinter dem Makler stiegen sie in den zweiten Stock, den Schlüssel für den Lift konnte er nicht finden, es machte nichts. Vorzimmer, ach, die Fenster sind verhängt und der Strom ist jetzt nicht eingeschaltet. Da kommt bestimmt sehr viel Licht herein, schauen Sie: das Stiegenhaus ist ja besonders hell. Hier geht es in die Küche, die zeig ich Ihnen nachher, ein echtes Juwel; kommen Sie zuerst ins Wohnzimmer, hier geht noch eine Tür ab. Ja, der Boden, sehr alt. Sehr schön. Dahinter Ihr Schlafzimmer. Grinste er denn wirklich schon wieder? Er schritt den großen Raum ab und zeigte auf die französischen Fenster wie auf eine neuartige Erfindung. Extrem hell. Ja, sicher. Da muss schon etwas getan werden, aber da werden wir uns schon einig. Im Kabinett nannte er den Preis, der niedriger war als das Paar erwartet hatte, vielleicht eine falsche Erinnerung, ein zweckpessimistischer Irrtum, umso besser, sie erwähnten es nicht. Der Mann und die Frau standen in der Küche, die groß war und vollgerammelt mit abgegriffenen Möbeln, zusammengestellt in einem anderen Jahrzehnt, einer Zeit, die mit ihnen nur wenig zu tun hatte. Der Makler telefonierte im Wohnzimmer. Er hatte die Nase gerümpft und in allen Zimmern die Fenster aufgerissen. Wir können hier einen großen Tisch hereinstellen, die Küche ist ja riesig und dann kann das große Zimmer hinten das Kinderzimmer werden. Wir schlafen natürlich im Kabinett. In der Wohnung war es angenehm kühl und bemerkenswert ruhig.
*
Das Rauschen wurde nach Mitternacht noch einmal lauter. Vielleicht. Um das Licht, das an der Wand montiert war, flatterten Dutzende Falter, manche schienen an der grob verputzten Wand zu kleben, dann veränderten sie auf einmal ihre Position; es waren zu viele, um sie im Auge zu behalten. Sie hatten etwas Schmieriges, Abstoßendes. Die kleinen Kerzen in dem weißlackierten Windlicht waren erloschen. Auf der anderen Seite des Hauses saß Georg, trank sein Glas Ouzo aus. Ouzo. Marianne hatte erst abschätzig getan, aber den Ouzo, den ihnen Kostas hingestellt hatte, genommen und getrunken. Rupert auch. Rupert lag auf dem Bett auf der anderen Seite der Wand, wahrscheinlich las er. Marianne roch die Luft, hatte die bloßen Sohlen auf dem Steinboden der Terrasse, sie spürte den Sand, ihre Fersen waren rissig, das gefiel ihr. Am Nachmittag hatten sie sich von Georg das Schlauchboot geborgt, seine Tochter wollte mit, aber Rupert vertröstete sie auf den nächsten Tag. Für einen Augenblick war ihr die Enttäuschung anzusehen und Daria marschierte zum Haus hinauf. Sie war das einzige Kind unter vier Paaren, wollte meistens lieber mit den Freunden ihrer Eltern sein als mit anderen Kindern spielen, die sie nicht kannte. Marianne verstand die Fünfjährige. Sie war witzig und charmant. Ruperts kleine Muskeln waren gut zu erkennen, er ruderte die Strecke allein, hinter dem Felsen öffnete er Mariannes Bikini und als sie miteinander schliefen, schwappte Wasser ins Boot, das fühlte sich angenehm an und lästig zugleich.
Als Marianne aus dem Apartment über ihnen derbes Husten hörte, stellte sie sich ans Geländer, schaute auf das Licht, das der Mond auf die Wasseroberfläche warf, löschte die Terrassenbeleuchtung und ging ins Zimmer. Rupert war am ganzen Rücken zerstochen, manchmal kratzte er sich und fluchte im Halbschlaf. Sie las in dem Buch, das verkehrt neben ihrem schlafenden Freund lag. Las von der aufgeschlagenen Seite an weiter, das zweite Abenteuer des Don Quixote. Am nächsten oder übernächsten Tag würde sie Rupert daraus vorlesen und sich unterbrechen und nach einer Pause (Daria rief nach ihrer Mutter, als die nicht antwortete, nach Georg; eine Liege wurde über den Steinboden gezogen) sagen: wir werden nie wissen, ob unser Kind im Meer oder am Meer gezeugt worden ist. Es fühlte sich ganz selbstverständlich an, keine außergewöhn-liche Tat, diese Entscheidung für eine neues Leben, ein anderes. Sie gab das Lesebändchen zwischen die Seiten und drehte sich zu Rupert. Fing an, ihn um seinen Nabel herum zu streicheln. Rupert wachte sofort auf. Auf seinem Nachtkästchen lag eine ungeöffnete Kondomschachtel. Über ihnen surrte eine Gelse. Rupert drehte sich auf dem sandigen Leintuch zu ihr, griff Marianne zwischen die Beine, sie lachte laut und spürte, wie in ihr das Meer noch immer wogte. Ihr fiel der Streit ein, den Georg mit seiner Frau gehabt hatte und wischte ihn auf der Stelle weg, es war ihr nicht bewusst, dass sie dabei dumme Kuh murmelte, Rupert hörte es nicht. Später stieß Rupert mit dem Kopf an das Nachtkästchen, er hatte seine Hände auf ihrem Hintern, sie kam zuerst und lachte wieder (das hatte sie früher nie gemacht), es war ein heiseres Lachen und tief. Er schrie auf und sie hielt ihm lachend den Mund zu, da biss er sie. Fest. Später kam Rupert aus dem Bad, seine Brust glänzte vom Wasser, das er sich über das Gesicht geschüttet hatte, eine Wasserflasche für sie hatte er in der linken, eine brennende Zigarette in der rechten Hand, die rauchten sie gemeinsam, quer auf dem Bett liegend. Bevor er auf die Terrassentür trat um die Fensterläden zu schließen, war Marianne schon eingeschlafen, sie wiegte sich mit den Wellen, hinter ihrer Stirn, so träumte sie, lärmten die ganze Nacht die Zikaden.
*
Räume ausgeschritten, so und so viele Meter lang und breit und hoch, über weiteren Raum, der zu schaffen ist, staunend. Marianne verspachtelte geschätzte 200 Quadratmeter Wand, Quadratzentimeter für Quadratzentimeter, Innenspachtel fein, Gips, Spachtelmasse, Fugenfein, je nachdem, was gerade verfügbar war. Das ging so dahin, morgens schlüpfte sie in alte Sportsocken und eine Hose und ein Leiberl mit Farbflecken aus dem Jahre Schnee (das war noch in einer anderen Stadt, die Flecken wahrscheinlich von der Renovierung anderer Woh¬nun¬gen, es waren doch über all die Jahre so viele), spachteln, Radio Ö1, spachteln, FM 4, Stille, Spachtelmasse neu anmi¬schen, die drei Meter hohe Leiter hinauf, hinunter und schon war eine Woche vergangen, vielleicht auch zwei.
Leitungen stemmen, um Licht und Wärme und den Geräten für kabellose Verbindungen die Wege zu weisen. Mobiliar aus den letzten zwanzig oder dreißig Jahren entsorgen. Ausgleichs¬masse, Natur¬stein und Platten zweiter Wahl. Ausflüge an die Peripherie und immer wieder an die wahren Schau¬plätze der Realitätsausstatter (Baumärkte oder: es gibt immer was zu tun). Irgend¬wann, es waren schon ein paar Wochen vergangen, fing sie an, die Überreste des Boden¬untergrundes im Kinderzimmer zu beseitigen. Rote Krähe und Stechbeitel als Hilfsmittel, es verging eine weitere Woche, mittlerweile hatte sie neue Muskel an Oberarmen und -schen¬keln entdeckt. Der Bankbe¬amte, der für die Kreditvergabe zuständig hätte sein können, war ein Top¬berater (so stand es auf seiner Visitenkarte), er trug die Hemdsärmel wie auf den Plakaten, die für den Aufschwung seiner Bank werben sollten, verstand die schwierige Lage von Freischaffenden, musste aber darauf verwei¬sen, dass für die Bank nur Ziffern in Schwarz auf Weiß zählten.
In ruhigeren Momenten pflegten sie ihre Grätzl-Rituale, die schon das Adjektiv Abschied tru¬gen. Gingen zu ihrem Wirt Edi, noch einmal und einmal noch, auf den alten Spielplatz, die alten Wege, Marianne fuhr die Brache entlang und bedauerte, Genugtuung mischte sich aber unter die minimal traurigen Regungen, weil sie Kinderwagen und Fahrrad bald nicht mehr durch den engen Eingang und die schmale Treppe hinauf und eine steile Treppe hinunter in den Hof wür¬de schleppen müs¬sen und auf einmal bemerkte sie, dass die kleine alte Frau von gegenüber, deren Mann im letzten Winter gestorben war, sie vielleicht vermissen wird, wenn sie sich zum Rau¬chen auf den kleinen Bal¬kon stellte und ein bisschen an ihrem Familienleben teilnahm.
Einmal saß Marianne in einer Rauchpause am Fenster des neuen Kinderzimmers. Die Wärme schwapp¬te in Wellen zu ihr herein. Sie hatte Schweiß auf der Stirn und die Achseln seit einiger Zeit nicht rasiert, wozu auch. Sie fühlte sich gut. Von der Straße herauf gratulierte ihr ein alter Herr im Anzug zu der Entscheidung, eine zu rauchen. Er verschwand im Haus gegenüber und Marianne freute sich, ihren ersten Nachbarn kennengelernt zu haben.
*
Die Apartments im ersten Stock waren diesmal nicht bewohnt. Der Sockel des Hauses war neu mit Steinen verkleidet, der Grill im Garten sah noch schäbiger aus als vor zwei Jahren, sie benutz¬ten ihn nie. Bei ihrem Wirt (Kostas) hatte Deniz andere Kinder kennengelernt, mit einem Geschwisterpaar spielte er am Strand. Sie waren Nachbarn, obwohl die Häuser alleine standen. Oliven¬bäume, sandige Wege. Deren Eltern waren nett, Marianne hatte keine Lust, sich lange mit ihnen zu unterhalten, wusste bereits einiges von ihnen. Einmal ging Deniz mit den Nachbarn nachhause. Marianne und Rupert schliefen bei weit offen stehenden Türen miteinander. Es war das erste Mal in diesem Sommer am Meer, sie redeten die ganze Zeit kein Wort, Marianne stöhnte nicht, keiner schrie. Rupert kam schnell und hart und befriedigte Marianne dann noch einmal mit der Hand. Wenig später weckte sie ein Auto, Marianne brauchteSommersachen
Ein Mann und eine Frau warteten im Schatten vor dem Haus auf den Makler. Grell war das Licht auf der anderen Straßenseite, wo ein ausgebleichtes kleines Cabrio einparkte, mit einem braungebrannten kleinen Mann hinter dem Steuer, der beschwingt die Fahrertür öffnete, Handy und Schlüsselbund in der einen, Zigarettenschachtel in der anderen Hand. Sonnenbrille die ganze Zeit über im Gesicht. Begrüßung mit Handschlag, Grinsen und Konversation über das Wetter. (Die Frau dachte, dass seine Bräune von Solariumsonne herstammen musste, dieser Sommer hatte doch noch gar nicht wirklich begonnen.) Hinter dem Makler stiegen sie in den zweiten Stock, den Schlüssel für den Lift konnte er nicht finden, es machte nichts. Vorzimmer, ach, die Fenster sind verhängt und der Strom ist jetzt nicht eingeschaltet. Da kommt bestimmt sehr viel Licht herein, schauen Sie: das Stiegenhaus ist ja besonders hell. Hier geht es in die Küche, die zeig ich Ihnen nachher, ein echtes Juwel; kommen Sie zuerst ins Wohnzimmer, hier geht noch eine Tür ab. Ja, der Boden, sehr alt. Sehr schön. Dahinter Ihr Schlafzimmer. Grinste er denn wirklich schon wieder? Er schritt den großen Raum ab und zeigte auf die französischen Fenster wie auf eine neuartige Erfindung. Extrem hell. Ja, sicher. Da muss schon etwas getan werden, aber da werden wir uns schon einig. Im Kabinett nannte er den Preis, der niedriger war als das Paar erwartet hatte, vielleicht eine falsche Erinnerung, ein zweckpessimistischer Irrtum, umso besser, sie erwähnten es nicht. Der Mann und die Frau standen in der Küche, die groß war und vollgerammelt mit abgegriffenen Möbeln, zusammengestellt in einem anderen Jahrzehnt, einer Zeit, die mit ihnen nur wenig zu tun hatte. Der Makler telefonierte im Wohnzimmer. Er hatte die Nase gerümpft und in allen Zimmern die Fenster aufgerissen. Wir können hier einen großen Tisch hereinstellen, die Küche ist ja riesig und dann kann das große Zimmer hinten das Kinderzimmer werden. Wir schlafen natürlich im Kabinett. In der Wohnung war es angenehm kühl und bemerkenswert ruhig.
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Das Rauschen wurde nach Mitternacht noch einmal lauter. Vielleicht. Um das Licht, das an der Wand montiert war, flatterten Dutzende Falter, manche schienen an der grob verputzten Wand zu kleben, dann veränderten sie auf einmal ihre Position; es waren zu viele, um sie im Auge zu behalten. Sie hatten etwas Schmieriges, Abstoßendes. Die kleinen Kerzen in dem weißlackierten Windlicht waren erloschen. Auf der anderen Seite des Hauses saß Georg, trank sein Glas Ouzo aus. Ouzo. Marianne hatte erst abschätzig getan, aber den Ouzo, den ihnen Kostas hingestellt hatte, genommen und getrunken. Rupert auch. Rupert lag auf dem Bett auf der anderen Seite der Wand, wahrscheinlich las er. Marianne roch die Luft, hatte die bloßen Sohlen auf dem Steinboden der Terrasse, sie spürte den Sand, ihre Fersen waren rissig, das gefiel ihr. Am Nachmittag hatten sie sich von Georg das Schlauchboot geborgt, seine Tochter wollte mit, aber Rupert vertröstete sie auf den nächsten Tag. Für einen Augenblick war ihr die Enttäuschung anzusehen und Daria marschierte zum Haus hinauf. Sie war das einzige Kind unter vier Paaren, wollte meistens lieber mit den Freunden ihrer Eltern sein als mit anderen Kindern spielen, die sie nicht kannte. Marianne verstand die Fünfjährige. Sie war witzig und charmant. Ruperts kleine Muskeln waren gut zu erkennen, er ruderte die Strecke allein, hinter dem Felsen öffnete er Mariannes Bikini und als sie miteinander schliefen, schwappte Wasser ins Boot, das fühlte sich angenehm an und lästig zugleich.
Als Marianne aus dem Apartment über ihnen derbes Husten hörte, stellte sie sich ans Geländer, schaute auf das Licht, das der Mond auf die Wasseroberfläche warf, löschte die Terrassenbeleuchtung und ging ins Zimmer. Rupert war am ganzen Rücken zerstochen, manchmal kratzte er sich und fluchte im Halbschlaf. Sie las in dem Buch, das verkehrt neben ihrem schlafenden Freund lag. Las von der aufgeschlagenen Seite an weiter, das zweite Abenteuer des Don Quixote. Am nächsten oder übernächsten Tag würde sie Rupert daraus vorlesen und sich unterbrechen und nach einer Pause (Daria rief nach ihrer Mutter, als die nicht antwortete, nach Georg; eine Liege wurde über den Steinboden gezogen) sagen: wir werden nie wissen, ob unser Kind im Meer oder am Meer gezeugt worden ist. Es fühlte sich ganz selbstverständlich an, keine außergewöhn-liche Tat, diese Entscheidung für eine neues Leben, ein anderes. Sie gab das Lesebändchen zwischen die Seiten und drehte sich zu Rupert. Fing an, ihn um seinen Nabel herum zu streicheln. Rupert wachte sofort auf. Auf seinem Nachtkästchen lag eine ungeöffnete Kondomschachtel. Über ihnen surrte eine Gelse. Rupert drehte sich auf dem sandigen Leintuch zu ihr, griff Marianne zwischen die Beine, sie lachte laut und spürte, wie in ihr das Meer noch immer wogte. Ihr fiel der Streit ein, den Georg mit seiner Frau gehabt hatte und wischte ihn auf der Stelle weg, es war ihr nicht bewusst, dass sie dabei dumme Kuh murmelte, Rupert hörte es nicht. Später stieß Rupert mit dem Kopf an das Nachtkästchen, er hatte seine Hände auf ihrem Hintern, sie kam zuerst und lachte wieder (das hatte sie früher nie gemacht), es war ein heiseres Lachen und tief. Er schrie auf und sie hielt ihm lachend den Mund zu, da biss er sie. Fest. Später kam Rupert aus dem Bad, seine Brust glänzte vom Wasser, das er sich über das Gesicht geschüttet hatte, eine Wasserflasche für sie hatte er in der linken, eine brennende Zigarette in der rechten Hand, die rauchten sie gemeinsam, quer auf dem Bett liegend. Bevor er auf die Terrassentür trat um die Fensterläden zu schließen, war Marianne schon eingeschlafen, sie wiegte sich mit den Wellen, hinter ihrer Stirn, so träumte sie, lärmten die ganze Nacht die Zikaden.
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Räume ausgeschritten, so und so viele Meter lang und breit und hoch, über weiteren Raum, der zu schaffen ist, staunend. Marianne verspachtelte geschätzte 200 Quadratmeter Wand, Quadratzentimeter für Quadratzentimeter, Innenspachtel fein, Gips, Spachtelmasse, Fugenfein, je nachdem, was gerade verfügbar war. Das ging so dahin, morgens schlüpfte sie in alte Sportsocken und eine Hose und ein Leiberl mit Farbflecken aus dem Jahre Schnee (das war noch in einer anderen Stadt, die Flecken wahrscheinlich von der Renovierung anderer Wohnungen, es waren doch über all die Jahre so viele), spachteln, Radio Ö1, spachteln, FM 4, Stille, Spachtelmasse neu anmischen, die drei Meter hohe Leiter hinauf, hinunter und schon war eine Woche vergangen, vielleicht auch zwei.
Leitungen stemmen, um Licht und Wärme und den Geräten für kabellose Verbindungen die Wege zu weisen. Mobiliar aus den letzten zwanzig oder dreißig Jahren entsorgen. Ausgleichsmasse, Naturstein und Platten zweiter Wahl. Ausflüge an die Peripherie und immer wieder an die wahren Schauplätze der Realitätsausstatter (Baumärkte oder: es gibt immer was zu tun). Irgendwann, es waren schon ein paar Wochen vergangen, fing sie an, die Überreste des Bodenuntergrundes im Kinderzimmer zu beseitigen. Rote Krähe und Stechbeitel als Hilfsmittel, es verging eine weitere Woche, mittlerweile hatte sie neue Muskel an Oberarmen und -schenkeln entdeckt. Der Bankbeamte, der für die Kreditvergabe zuständig hätte sein können, war ein Topberater (so stand es auf seiner Visitenkarte), er trug die Hemdsärmel wie auf den Plakaten, die für den Aufschwung seiner Bank werben sollten, verstand die schwierige Lage von Freischaffenden, musste aber darauf verweisen, dass für die Bank nur Ziffern in Schwarz auf Weiß zählten.
In ruhigeren Momenten pflegten sie ihre Grätzl-Rituale, die schon das Adjektiv Abschied trugen. Gingen zu ihrem Wirt Edi, noch einmal und einmal noch, auf den alten Spielplatz, die alten Wege, Marianne fuhr die Brache entlang und bedauerte, Genugtuung mischte sich aber unter die minimal traurigen Regungen, weil sie Kinderwagen und Fahrrad bald nicht mehr durch den engen Eingang und die schmale Treppe hinauf und eine steile Treppe hinunter in den Hof würde schleppen müssen und auf einmal bemerkte sie, dass die kleine alte Frau von gegenüber, deren Mann im letzten Winter gestorben war, sie vielleicht vermissen wird, wenn sie sich zum Rauchen auf den kleinen Balkon stellte und ein bisschen an ihrem Familienleben teilnahm.
Einmal saß Marianne in einer Rauchpause am Fenster des neuen Kinderzimmers. Die Wärme schwappte in Wellen zu ihr herein. Sie hatte Schweiß auf der Stirn und die Achseln seit einiger Zeit nicht rasiert, wozu auch. Sie fühlte sich gut. Von der Straße herauf gratulierte ihr ein alter Herr im Anzug zu der Entscheidung, eine zu rauchen. Er verschwand im Haus gegenüber und Marianne freute sich, ihren ersten Nachbarn kennengelernt zu haben.
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Die Apartments im ersten Stock waren diesmal nicht bewohnt. Der Sockel des Hauses war neu mit Steinen verkleidet, der Grill im Garten sah noch schäbiger aus als vor zwei Jahren, sie benutzten ihn nie. Bei ihrem Wirt (Kostas) hatte Deniz andere Kinder kennengelernt, mit einem Geschwisterpaar spielte er am Strand. Sie waren Nachbarn, obwohl die Häuser alleine standen. Oliven
eine Weile, bis sie verstand, wo sie war. Sie wischte mit der Hand über das zerknitterte Leintuch, das blassgelbe Flecken von Sonnencreme hatte. Sand unter den Nägeln. Der Vermieter brachte Olivenöl und Weintrauben und frische Bettwäsche. Am nächsten Tag würden sie Georg und Daria vom Flughafen abholen. Georgs Frau würde in diesem Sommer nicht mehr dabei sein. Sie wanderten über den Weg zwischen den Olivenbäumen, um ihr Kind abzuholen. Marianne hatte ihre Sandalen gesucht und nicht gefunden, dann die Flipflops angezogen, die auf der Terrasse herumlagen. Später kam die Nachbarsfamilie zum Abendessen. Ein Abend mit viel Wind, die Wespen gaben bis zum Einbruch der Dunkelheit keine Ruhe. Deniz saß zwischen den Mädchen und spielte den Gastgeber. Er trug einen Pullunder zur abgeschnittenen Jeans. Eines der Mädchen bewunderte den gestreiften Pullunder und Deniz sagte: das ist mein Sensenmann. Der gestreifte Pullunder war sein Lieblingsstück, er hatte ihn zusammen mit seinen Lieblingsstofftieren selber in den Koffer gesteckt. Marianne und Rupert hatten gestritten, weil sie sich aufgeregt hatte: was macht der Pullunder denn überhaupt bei den Sommersachen? Auf der ganzen Überfahrt hatte er ihn getragen, was ideal war, denn es war sehr warm und dennoch windig. Rupert hatte Deniz von den Schauerleuten erzählt, die die Frachtschiffe be- und entluden. Früher mussten sie durch die See waten, und die Lasten von oder an Bord tragen. Ein Schauermann musste wissen, wie man Stückgut verstaut, damit die Ladung während einer Seereise nicht verrutscht. Eines der Nachbarmädchen vergaß seine Schuhe unter dem Tisch, es wurde schlafend nachhause getragen. Um das Haus herum verteilten sich Spielzeug, Schnorchel, Flossen, Sonnenbrillen, Handtücher. Deniz schlief in diesem Urlaub jede Nacht in seinem Bett, spielte morgens neben dem schlafenden Rupert mit seinen Tieren oder blätterte in dem kleinen Atlas, während Marianne über den Strand joggte und hinausschwamm. Warum ist Wasser durchsichtig?
Das Kind ist doch ein Fisch geworden, schrieb Marianne auf die Ansichtskarte, die Deniz ausgesucht hatte. Weiß getünchte Mauern, ein blaues Tor, auf der Mauer eine Katze. Er fragte, was er denn sonst hätte werden können und Marianne erzählte ihm, dass er nach den Berechnungen des Arztes im Sternzeichen des Fisches zur Welt kommen sollte, aber dann noch zwei Tage auf sich warten ließ. Sie rauchte jetzt manchmal am Nachmittag eine Zigarette. Reden über Tierkreiszeichen, Deniz verstand es nicht, aber das Wort Zodiak speicherte er ab. Marianne musste schreiben: ich schnorchle viel, schwimme den ganzen Tag und sonst nix. Sagte: sag ich ja – ein Fisch. Deniz wollte kein Widder sein, er wollte sowieso nie ein Tier sein, höchstens manchmal vielleicht eine schnurrende Katze. Hörner, das zeigte er immer wieder, indem er seine Haar durchwuschelte, hatte er aber auf keinen Fall am Kopf. Ruppert lästerte über den Kitsch, das Kind schrieb mitten auf die Karte seinen Namen in großen Blockbuchstaben. Meer.
*
Die Regale mit den Büchern und den Schubladen für Spielzeug, Schienen, Autos und Stofftiere sind ordentlich aufgeräumt. Ein Regalbrett voller Steine, Muscheln und Schnecken. Die Türen des weiß gestrichenen Kastens stehen offen, da sind Bretter montiert und die Kleiderstange ist unbenutzt. T-Shirts, Pullover, Unterhemden und Hosen. Zwei blaue Holzknöpfe zum Öffnen der Schublade unten. Marianne denkt an einen trüben Tag, an dem sie mit ihrem Sohn in der Kleinstadt ihrer Eltern einkaufen war und an die eigenartige Stimmung, ohne Touristen auf den Straßen des Skiortes. Das Kind hatte Spaß mit den Großeltern und ließ sich, wie jeden Winter, Socken, Handschuhe und diesmal einen Pullunder stricken. Irgendwo nannten sie den dépardeur. Niemand von ihren Romanistenfreunden kannte das Wort und Marianne oder Rupert schauten nach und lasen: Pullunder; Schauermann. Sie hat wohl den restlichen Tag halb schlafend und mit Zeitungen verbracht und sah, während Deniz Apfelspalten aß, Lego spielte oder den Opa durch das ganze Haus jagte, den dépardeur größer werden, was friedlich wirkte. Deniz wuchs stark in diesem Winter, und Marianne wollte, dass ihre Mutter den Pullunder ein paar Nummern größer strickte, sie wünschte sich den Frühling herbei und ging davon aus, dass das lustige, rot-blaue Kleidungsstück ihrem Sohn im nächsten Winter nicht mehr passen würde. Rupert beschwichtigte, ein Pullunder sei etwas für den Frühling, vielleicht auch für laue oder frische Sommerabende.
Ein lederner Hausschuh, Größe 30, in Rot, der andere liegt unter dem Tischchen. Ein rotes Bobbycar parkt mitten im Raum, Einsatzfahrzeuge (Feuerwehr, Polizei, Rettungswagen der Feuerwehr) sind an der Wand geparkt. Die Palme, die Deniz bei einem ersten Ausflug in die nahe liegende, leicht verkommene Einkaufsstraße ausgesucht hatte, schien das Wachsen eingestellt zu haben. Auf dem Teppich, der zum Autospielen verwendet werden kann (Straßen und Häuserschluchten, Verkehrszeichen und ein paar Bäume und Sträucher, Gehsteige) stehen zwei große durchsichtige Plastikkisten mit Deckel. Auf den Etiketten in geschwungenen Buchstaben: Sommer und Winter. Beide stehen offen da, Marianne wusste nie, in welche der Kisten ein Pullunder einzuordnen war, es war jetzt nicht mehr nötig.
*
Auf dem knallblau gestrichenen Deck steht eine Frau. Sie ist nicht alt, sie ist nicht jung. Ihr halblanges Haar fällt ihr ins Gesicht, immer wieder. Der Wind macht das. Das Haar ist strähnig, vielleicht kommt das auch vom Wind. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt, weit geschnitten, das flattert, und einen schmalen Jeansrock. Aus der einen Tasche hängt ihre Brille heraus, in der anderen steckt eine Zigarettenschachtel. Sie vergisst zu rauchen, obwohl sie es sich vorgenommen hat. In einer Bar am Hafen hat sie auf Italienisch Zigaretten und ein Päckchen Streichhölzer verlangt, einen Kaffee getrunken. Dann ist sie auf die Straße getreten (grober Asphalt), der Kellner machte sich keine Gedanken, aber wahrscheinlich vermutete er, die Frau würde jetzt eine rauchen. Er machte sich keine Gedanken.
Das war gestern.
Sie steht direkt an der Reling. Früher hätte sie ein Ziehen gespürt. Angst oder Lust zu springen. Sie weiß nicht, wie viel sie für ihre Kabine bezahlt hat. Sie denkt nicht darüber nach, dass die Kreditkarte auf dem Tisch im Wohnzimmer liegen geblieben ist. Die Frau trägt rosarote Flipflops, auf den weißen, mittlerweile ergrauten Stoffbändern zwischen den Zehen und der rosaroten Gummioberfläche vor den Zehen weiße Spritzer von Farbe. Sie geht ein paar Schritte, vorbei an den Reisenden, die in weißen Plastikstühlen sitzen, Bier trinken, Sudokus lösen, lesen. Die Leute schauen sie an. Für die älteren ist sie eine junge Frau; kein Mädchen, eine junge Frau. Für die Jugendlichen, die sich auf und um Schlafsäcke drapiert haben, ist sie eine Frau. Keine alte Frau; eine Frau.
Sie sieht den Hafenarbeitern zu. Weiß nicht, ob das das Entsetzliche ist: dass die Sommer einfach so vorüber gingen und sie davon ausging, sie würden immer diese fröhliche Familie sein, die ein paar Wochen am Meer verbringt, in der Nähe des Hafens.
Schauerleute.
Sensenmänner.
War das Entsetzlichste vielleicht aber, dass sie Deniz gar keine Zukunft zugeschanzt hatte, dass sie einfach glaubte, er hätte selbstverständlicherweise eine? Harte Arbeit und kein Lohn, Arbeitslosigkeit, eine schwere Depression, die ihn über Jahre hinweg vom Leben, wie es ihr selbstverständlich war, fernhalten würde. Und die Zeit, die noch gar keine Rolle für ihn spielte. Manchmal hatte er am Nachmittag gefragt, ob sie bald zu Mittag essen würden. Es ist Abend, Kind.
Ihr ist kalt jetzt und sie denkt: es ist in jeder Beziehung Herbst. Marianne geht nach innen, zu den Sofas, über der Rezeption wird auf einem Monitor angezeigt, wo sich das Schiff gerade befindet. Sie geht daran vorbei.
Sie denkt, dass es die falsche Jahreszeit ist oder die falsche Richtung.
An den nackten Beinen bemerkt sie das leichte Frösteln der Haut, um die Schultern herum ist ihr warm. Sie findet ihre Kabine nicht wieder und geht noch einmal nach draußen. Die Passage hat sie vor drei Tagen telefonisch gebucht, danach hat sie sich am Computer ein Zugticket ausgedruckt und einen Rucksack gepackt. Ein paar Sommersachen; Turnschuhe, eine Hose. Als sie die frische Luft am Hafen bemerkte, stellte sie fest, dass sie eine Fleecejacke trug, den ganzen Weg schon. Sie kann sich nicht erinnern, sie eingepackt oder angezogen zu haben.
Sie wird an der Bar am obersten Deck Greek Coffee trinken und vergessen, dass sie warten muss, bis das Kaffeepulver zu Boden gesunken ist. Sie wird sich von einem der grauweiß gekleideten, stoischen Stewarts das Deck und den Gang zeigen lassen, in dem sich ihre Kabine befindet. Die Leute werden zuerst sie, dann den Stewart anschauen. Ihre Blicke werden an ihm hängen bleiben oder sich gleich wieder verlieren. Der Stewart hat schwarzes Haar, er ist nicht älter als sie. In der beigefarbenen Nasszelle ihrer Kabine duscht sie lange und ärgert sich über die Seife, weil sich die Haut auf einmal unangenehm anfühlt. Sie wird vergessen sich abzutrocknen, bevor sie sich in das Bett legt. Sie wird frieren und die halbe Nacht daran denken, dass über ihr eine Decke in dem hockgeklappten Bett steckt wie in den Schlafwagons, wenn ein Fahrgast noch nicht zugestiegen ist. Sie wird nicht nachsehen. Die viersprachigen Durchsagen werden in ihren scheinbar traumlosen Schlaf dringen, sie aber nicht aufwecken. Der Motor, der das riesige Schiff antreibt, ist die ganze Nacht zu hören.
Angelika Reitzer, Sommersachen
zuerst erschienen in Lichtungen 125/XXXII. Jg./2011
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Das Rauschen wurde nach Mitternacht noch einmal lauter. Vielleicht. Um das Licht, das an der Wand montiert war, flatterten Dutzende Falter, manche schienen an der grob verputzten Wand zu kleben, dann veränderten sie auf einmal ihre Position; es waren zu viele, um sie im Auge zu behalten. Sie hatten etwas Schmieriges, Abstoßendes. Die kleinen Kerzen in dem weißlackierten Windlicht waren erloschen. Auf der anderen Seite des Hauses saß Georg, trank sein Glas Ouzo aus. Ouzo. Marianne hatte erst abschätzig getan, aber den Ouzo, den ihnen Kostas hingestellt hatte, genommen und getrunken. Rupert auch. Rupert lag auf dem Bett auf der anderen Seite der Wand, wahrscheinlich las er. Marianne roch die Luft, hatte die bloßen Sohlen auf dem Steinboden der Terrasse, sie spürte den Sand, ihre Fersen waren rissig, das gefiel ihr. Am Nachmittag hatten sie sich von Georg das Schlauchboot geborgt, seine Tochter wollte mit, aber Rupert vertröstete sie auf den nächsten Tag. Für einen Augenblick war ihr die Enttäuschung anzusehen und Daria marschierte zum Haus hinauf. Sie war das einzige Kind unter vier Paaren, wollte meistens lieber mit den Freunden ihrer Eltern sein als mit anderen Kindern spielen, die sie nicht kannte. Marianne verstand die Fünfjährige. Sie war witzig und charmant. Ruperts kleine Muskeln waren gut zu erkennen, er ruderte die Strecke allein, hinter dem Felsen öffnete er Mariannes Bikini und als sie miteinander schliefen, schwappte Wasser ins Boot, das fühlte sich angenehm an und lästig zugleich.
Als Marianne aus dem Apartment über ihnen derbes Husten hörte, stellte sie sich ans Geländer, schaute auf das Licht, das der Mond auf die Wasseroberfläche warf, löschte die Terrassenbeleuchtung und ging ins Zimmer. Rupert war am ganzen Rücken zerstochen, manchmal kratzte er sich und fluchte im Halbschlaf. Sie las in dem Buch, das verkehrt neben ihrem schlafenden Freund lag. Las von der aufgeschlagenen Seite an weiter, das zweite Abenteuer des Don Quixote. Am nächsten oder übernächsten Tag würde sie Rupert daraus vorlesen und sich unterbrechen und nach einer Pause (Daria rief nach ihrer Mutter, als die nicht antwortete, nach Georg; eine Liege wurde über den Steinboden gezogen) sagen: wir werden nie wissen, ob unser Kind im Meer oder am Meer gezeugt worden ist. Es fühlte sich ganz selbstverständlich an, keine außergewöhn-liche Tat, diese Entscheidung für eine neues Leben, ein anderes. Sie gab das Lesebändchen zwischen die Seiten und drehte sich zu Rupert. Fing an, ihn um seinen Nabel herum zu streicheln. Rupert wachte sofort auf. Auf seinem Nachtkästchen lag eine ungeöffnete Kondomschachtel. Über ihnen surrte eine Gelse. Rupert drehte sich auf dem sandigen Leintuch zu ihr, griff Marianne zwischen die Beine, sie lachte laut und spürte, wie in ihr das Meer noch immer wogte. Ihr fiel der Streit ein, den Georg mit seiner Frau gehabt hatte und wischte ihn auf der Stelle weg, es war ihr nicht bewusst, dass sie dabei dumme Kuh murmelte, Rupert hörte es nicht. Später stieß Rupert mit dem Kopf an das Nachtkästchen, er hatte seine Hände auf ihrem Hintern, sie kam zuerst und lachte wieder (das hatte sie früher nie gemacht), es war ein heiseres Lachen und tief. Er schrie auf und sie hielt ihm lachend den Mund zu, da biss er sie. Fest. Später kam Rupert aus dem Bad, seine Brust glänzte vom Wasser, das er sich über das Gesicht geschüttet hatte, eine Wasserflasche für sie hatte er in der linken, eine brennende Zigarette in der rechten Hand, die rauchten sie gemeinsam, quer auf dem Bett liegend. Bevor er auf die Terrassentür trat um die Fensterläden zu schließen, war Marianne schon eingeschlafen, sie wiegte sich mit den Wellen, hinter ihrer Stirn, so träumte sie, lärmten die ganze Nacht die Zikaden.
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Räume ausgeschritten, so und so viele Meter lang und breit und hoch, über weiteren Raum, der zu schaffen ist, staunend. Marianne verspachtelte geschätzte 200 Quadratmeter Wand, Quadratzentimeter für Quadratzentimeter, Innenspachtel fein, Gips, Spachtelmasse, Fugenfein, je nachdem, was gerade verfügbar war. Das ging so dahin, morgens schlüpfte sie in alte Sportsocken und eine Hose und ein Leiberl mit Farbflecken aus dem Jahre Schnee (das war noch in einer anderen Stadt, die Flecken wahrscheinlich von der Renovierung anderer Woh¬nun¬gen, es waren doch über all die Jahre so viele), spachteln, Radio Ö1, spachteln, FM 4, Stille, Spachtelmasse neu anmi¬schen, die drei Meter hohe Leiter hinauf, hinunter und schon war eine Woche vergangen, vielleicht auch zwei.
Leitungen stemmen, um Licht und Wärme und den Geräten für kabellose Verbindungen die Wege zu weisen. Mobiliar aus den letzten zwanzig oder dreißig Jahren entsorgen. Ausgleichs¬masse, Natur¬stein und Platten zweiter Wahl. Ausflüge an die Peripherie und immer wieder an die wahren Schau¬plätze der Realitätsausstatter (Baumärkte oder: es gibt immer was zu tun). Irgend¬wann, es waren schon ein paar Wochen vergangen, fing sie an, die Überreste des Boden¬untergrundes im Kinderzimmer zu beseitigen. Rote Krähe und Stechbeitel als Hilfsmittel, es verging eine weitere Woche, mittlerweile hatte sie neue Muskel an Oberarmen und -schen¬keln entdeckt. Der Bankbe¬amte, der für die Kreditvergabe zuständig hätte sein können, war ein Top¬berater (so stand es auf seiner Visitenkarte), er trug die Hemdsärmel wie auf den Plakaten, die für den Aufschwung seiner Bank werben sollten, verstand die schwierige Lage von Freischaffenden, musste aber darauf verwei¬sen, dass für die Bank nur Ziffern in Schwarz auf Weiß zählten.
In ruhigeren Momenten pflegten sie ihre Grätzl-Rituale, die schon das Adjektiv Abschied tru¬gen. Gingen zu ihrem Wirt Edi, noch einmal und einmal noch, auf den alten Spielplatz, die alten Wege, Marianne fuhr die Brache entlang und bedauerte, Genugtuung mischte sich aber unter die minimal traurigen Regungen, weil sie Kinderwagen und Fahrrad bald nicht mehr durch den engen Eingang und die schmale Treppe hinauf und eine steile Treppe hinunter in den Hof wür¬de schleppen müs¬sen und auf einmal bemerkte sie, dass die kleine alte Frau von gegenüber, deren Mann im letzten Winter gestorben war, sie vielleicht vermissen wird, wenn sie sich zum Rau¬chen auf den kleinen Bal¬kon stellte und ein bisschen an ihrem Familienleben teilnahm.
Einmal saß Marianne in einer Rauchpause am Fenster des neuen Kinderzimmers. Die Wärme schwapp¬te in Wellen zu ihr herein. Sie hatte Schweiß auf der Stirn und die Achseln seit einiger Zeit nicht rasiert, wozu auch. Sie fühlte sich gut. Von der Straße herauf gratulierte ihr ein alter Herr im Anzug zu der Entscheidung, eine zu rauchen. Er verschwand im Haus gegenüber und Marianne freute sich, ihren ersten Nachbarn kennengelernt zu haben.
*
Die Apartments im ersten Stock waren diesmal nicht bewohnt. Der Sockel des Hauses war neu mit Steinen verkleidet, der Grill im Garten sah noch schäbiger aus als vor zwei Jahren, sie benutz¬ten ihn nie. Bei ihrem Wirt (Kostas) hatte Deniz andere Kinder kennengelernt, mit einem Geschwisterpaar spielte er am Strand. Sie waren Nachbarn, obwohl die Häuser alleine standen. Oliven¬bäume, sandige Wege. Deren Eltern waren nett, Marianne hatte keine Lust, sich lange mit ihnen zu unterhalten, wusste bereits einiges von ihnen. Einmal ging Deniz mit den Nachbarn nachhause. Marianne und Rupert schliefen bei weit offen stehenden Türen miteinander. Es war das erste Mal in diesem Sommer am Meer, sie redeten die ganze Zeit kein Wort, Marianne stöhnte nicht, keiner schrie. Rupert kam schnell und hart und befriedigte Marianne dann noch einmal mit der Hand. Wenig später weckte sie ein Auto, Marianne brauchteSommersachen
Ein Mann und eine Frau warteten im Schatten vor dem Haus auf den Makler. Grell war das Licht auf der anderen Straßenseite, wo ein ausgebleichtes kleines Cabrio einparkte, mit einem braungebrannten kleinen Mann hinter dem Steuer, der beschwingt die Fahrertür öffnete, Handy und Schlüsselbund in der einen, Zigarettenschachtel in der anderen Hand. Sonnenbrille die ganze Zeit über im Gesicht. Begrüßung mit Handschlag, Grinsen und Konversation über das Wetter. (Die Frau dachte, dass seine Bräune von Solariumsonne herstammen musste, dieser Sommer hatte doch noch gar nicht wirklich begonnen.) Hinter dem Makler stiegen sie in den zweiten Stock, den Schlüssel für den Lift konnte er nicht finden, es machte nichts. Vorzimmer, ach, die Fenster sind verhängt und der Strom ist jetzt nicht eingeschaltet. Da kommt bestimmt sehr viel Licht herein, schauen Sie: das Stiegenhaus ist ja besonders hell. Hier geht es in die Küche, die zeig ich Ihnen nachher, ein echtes Juwel; kommen Sie zuerst ins Wohnzimmer, hier geht noch eine Tür ab. Ja, der Boden, sehr alt. Sehr schön. Dahinter Ihr Schlafzimmer. Grinste er denn wirklich schon wieder? Er schritt den großen Raum ab und zeigte auf die französischen Fenster wie auf eine neuartige Erfindung. Extrem hell. Ja, sicher. Da muss schon etwas getan werden, aber da werden wir uns schon einig. Im Kabinett nannte er den Preis, der niedriger war als das Paar erwartet hatte, vielleicht eine falsche Erinnerung, ein zweckpessimistischer Irrtum, umso besser, sie erwähnten es nicht. Der Mann und die Frau standen in der Küche, die groß war und vollgerammelt mit abgegriffenen Möbeln, zusammengestellt in einem anderen Jahrzehnt, einer Zeit, die mit ihnen nur wenig zu tun hatte. Der Makler telefonierte im Wohnzimmer. Er hatte die Nase gerümpft und in allen Zimmern die Fenster aufgerissen. Wir können hier einen großen Tisch hereinstellen, die Küche ist ja riesig und dann kann das große Zimmer hinten das Kinderzimmer werden. Wir schlafen natürlich im Kabinett. In der Wohnung war es angenehm kühl und bemerkenswert ruhig.
*
Das Rauschen wurde nach Mitternacht noch einmal lauter. Vielleicht. Um das Licht, das an der Wand montiert war, flatterten Dutzende Falter, manche schienen an der grob verputzten Wand zu kleben, dann veränderten sie auf einmal ihre Position; es waren zu viele, um sie im Auge zu behalten. Sie hatten etwas Schmieriges, Abstoßendes. Die kleinen Kerzen in dem weißlackierten Windlicht waren erloschen. Auf der anderen Seite des Hauses saß Georg, trank sein Glas Ouzo aus. Ouzo. Marianne hatte erst abschätzig getan, aber den Ouzo, den ihnen Kostas hingestellt hatte, genommen und getrunken. Rupert auch. Rupert lag auf dem Bett auf der anderen Seite der Wand, wahrscheinlich las er. Marianne roch die Luft, hatte die bloßen Sohlen auf dem Steinboden der Terrasse, sie spürte den Sand, ihre Fersen waren rissig, das gefiel ihr. Am Nachmittag hatten sie sich von Georg das Schlauchboot geborgt, seine Tochter wollte mit, aber Rupert vertröstete sie auf den nächsten Tag. Für einen Augenblick war ihr die Enttäuschung anzusehen und Daria marschierte zum Haus hinauf. Sie war das einzige Kind unter vier Paaren, wollte meistens lieber mit den Freunden ihrer Eltern sein als mit anderen Kindern spielen, die sie nicht kannte. Marianne verstand die Fünfjährige. Sie war witzig und charmant. Ruperts kleine Muskeln waren gut zu erkennen, er ruderte die Strecke allein, hinter dem Felsen öffnete er Mariannes Bikini und als sie miteinander schliefen, schwappte Wasser ins Boot, das fühlte sich angenehm an und lästig zugleich.
Als Marianne aus dem Apartment über ihnen derbes Husten hörte, stellte sie sich ans Geländer, schaute auf das Licht, das der Mond auf die Wasseroberfläche warf, löschte die Terrassenbeleuchtung und ging ins Zimmer. Rupert war am ganzen Rücken zerstochen, manchmal kratzte er sich und fluchte im Halbschlaf. Sie las in dem Buch, das verkehrt neben ihrem schlafenden Freund lag. Las von der aufgeschlagenen Seite an weiter, das zweite Abenteuer des Don Quixote. Am nächsten oder übernächsten Tag würde sie Rupert daraus vorlesen und sich unterbrechen und nach einer Pause (Daria rief nach ihrer Mutter, als die nicht antwortete, nach Georg; eine Liege wurde über den Steinboden gezogen) sagen: wir werden nie wissen, ob unser Kind im Meer oder am Meer gezeugt worden ist. Es fühlte sich ganz selbstverständlich an, keine außergewöhn-liche Tat, diese Entscheidung für eine neues Leben, ein anderes. Sie gab das Lesebändchen zwischen die Seiten und drehte sich zu Rupert. Fing an, ihn um seinen Nabel herum zu streicheln. Rupert wachte sofort auf. Auf seinem Nachtkästchen lag eine ungeöffnete Kondomschachtel. Über ihnen surrte eine Gelse. Rupert drehte sich auf dem sandigen Leintuch zu ihr, griff Marianne zwischen die Beine, sie lachte laut und spürte, wie in ihr das Meer noch immer wogte. Ihr fiel der Streit ein, den Georg mit seiner Frau gehabt hatte und wischte ihn auf der Stelle weg, es war ihr nicht bewusst, dass sie dabei dumme Kuh murmelte, Rupert hörte es nicht. Später stieß Rupert mit dem Kopf an das Nachtkästchen, er hatte seine Hände auf ihrem Hintern, sie kam zuerst und lachte wieder (das hatte sie früher nie gemacht), es war ein heiseres Lachen und tief. Er schrie auf und sie hielt ihm lachend den Mund zu, da biss er sie. Fest. Später kam Rupert aus dem Bad, seine Brust glänzte vom Wasser, das er sich über das Gesicht geschüttet hatte, eine Wasserflasche für sie hatte er in der linken, eine brennende Zigarette in der rechten Hand, die rauchten sie gemeinsam, quer auf dem Bett liegend. Bevor er auf die Terrassentür trat um die Fensterläden zu schließen, war Marianne schon eingeschlafen, sie wiegte sich mit den Wellen, hinter ihrer Stirn, so träumte sie, lärmten die ganze Nacht die Zikaden.
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Räume ausgeschritten, so und so viele Meter lang und breit und hoch, über weiteren Raum, der zu schaffen ist, staunend. Marianne verspachtelte geschätzte 200 Quadratmeter Wand, Quadratzentimeter für Quadratzentimeter, Innenspachtel fein, Gips, Spachtelmasse, Fugenfein, je nachdem, was gerade verfügbar war. Das ging so dahin, morgens schlüpfte sie in alte Sportsocken und eine Hose und ein Leiberl mit Farbflecken aus dem Jahre Schnee (das war noch in einer anderen Stadt, die Flecken wahrscheinlich von der Renovierung anderer Wohnungen, es waren doch über all die Jahre so viele), spachteln, Radio Ö1, spachteln, FM 4, Stille, Spachtelmasse neu anmischen, die drei Meter hohe Leiter hinauf, hinunter und schon war eine Woche vergangen, vielleicht auch zwei.
Leitungen stemmen, um Licht und Wärme und den Geräten für kabellose Verbindungen die Wege zu weisen. Mobiliar aus den letzten zwanzig oder dreißig Jahren entsorgen. Ausgleichsmasse, Naturstein und Platten zweiter Wahl. Ausflüge an die Peripherie und immer wieder an die wahren Schauplätze der Realitätsausstatter (Baumärkte oder: es gibt immer was zu tun). Irgendwann, es waren schon ein paar Wochen vergangen, fing sie an, die Überreste des Bodenuntergrundes im Kinderzimmer zu beseitigen. Rote Krähe und Stechbeitel als Hilfsmittel, es verging eine weitere Woche, mittlerweile hatte sie neue Muskel an Oberarmen und -schenkeln entdeckt. Der Bankbeamte, der für die Kreditvergabe zuständig hätte sein können, war ein Topberater (so stand es auf seiner Visitenkarte), er trug die Hemdsärmel wie auf den Plakaten, die für den Aufschwung seiner Bank werben sollten, verstand die schwierige Lage von Freischaffenden, musste aber darauf verweisen, dass für die Bank nur Ziffern in Schwarz auf Weiß zählten.
In ruhigeren Momenten pflegten sie ihre Grätzl-Rituale, die schon das Adjektiv Abschied trugen. Gingen zu ihrem Wirt Edi, noch einmal und einmal noch, auf den alten Spielplatz, die alten Wege, Marianne fuhr die Brache entlang und bedauerte, Genugtuung mischte sich aber unter die minimal traurigen Regungen, weil sie Kinderwagen und Fahrrad bald nicht mehr durch den engen Eingang und die schmale Treppe hinauf und eine steile Treppe hinunter in den Hof würde schleppen müssen und auf einmal bemerkte sie, dass die kleine alte Frau von gegenüber, deren Mann im letzten Winter gestorben war, sie vielleicht vermissen wird, wenn sie sich zum Rauchen auf den kleinen Balkon stellte und ein bisschen an ihrem Familienleben teilnahm.
Einmal saß Marianne in einer Rauchpause am Fenster des neuen Kinderzimmers. Die Wärme schwappte in Wellen zu ihr herein. Sie hatte Schweiß auf der Stirn und die Achseln seit einiger Zeit nicht rasiert, wozu auch. Sie fühlte sich gut. Von der Straße herauf gratulierte ihr ein alter Herr im Anzug zu der Entscheidung, eine zu rauchen. Er verschwand im Haus gegenüber und Marianne freute sich, ihren ersten Nachbarn kennengelernt zu haben.
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Die Apartments im ersten Stock waren diesmal nicht bewohnt. Der Sockel des Hauses war neu mit Steinen verkleidet, der Grill im Garten sah noch schäbiger aus als vor zwei Jahren, sie benutzten ihn nie. Bei ihrem Wirt (Kostas) hatte Deniz andere Kinder kennengelernt, mit einem Geschwisterpaar spielte er am Strand. Sie waren Nachbarn, obwohl die Häuser alleine standen. Oliven
eine Weile, bis sie verstand, wo sie war. Sie wischte mit der Hand über das zerknitterte Leintuch, das blassgelbe Flecken von Sonnencreme hatte. Sand unter den Nägeln. Der Vermieter brachte Olivenöl und Weintrauben und frische Bettwäsche. Am nächsten Tag würden sie Georg und Daria vom Flughafen abholen. Georgs Frau würde in diesem Sommer nicht mehr dabei sein. Sie wanderten über den Weg zwischen den Olivenbäumen, um ihr Kind abzuholen. Marianne hatte ihre Sandalen gesucht und nicht gefunden, dann die Flipflops angezogen, die auf der Terrasse herumlagen. Später kam die Nachbarsfamilie zum Abendessen. Ein Abend mit viel Wind, die Wespen gaben bis zum Einbruch der Dunkelheit keine Ruhe. Deniz saß zwischen den Mädchen und spielte den Gastgeber. Er trug einen Pullunder zur abgeschnittenen Jeans. Eines der Mädchen bewunderte den gestreiften Pullunder und Deniz sagte: das ist mein Sensenmann. Der gestreifte Pullunder war sein Lieblingsstück, er hatte ihn zusammen mit seinen Lieblingsstofftieren selber in den Koffer gesteckt. Marianne und Rupert hatten gestritten, weil sie sich aufgeregt hatte: was macht der Pullunder denn überhaupt bei den Sommersachen? Auf der ganzen Überfahrt hatte er ihn getragen, was ideal war, denn es war sehr warm und dennoch windig. Rupert hatte Deniz von den Schauerleuten erzählt, die die Frachtschiffe be- und entluden. Früher mussten sie durch die See waten, und die Lasten von oder an Bord tragen. Ein Schauermann musste wissen, wie man Stückgut verstaut, damit die Ladung während einer Seereise nicht verrutscht. Eines der Nachbarmädchen vergaß seine Schuhe unter dem Tisch, es wurde schlafend nachhause getragen. Um das Haus herum verteilten sich Spielzeug, Schnorchel, Flossen, Sonnenbrillen, Handtücher. Deniz schlief in diesem Urlaub jede Nacht in seinem Bett, spielte morgens neben dem schlafenden Rupert mit seinen Tieren oder blätterte in dem kleinen Atlas, während Marianne über den Strand joggte und hinausschwamm. Warum ist Wasser durchsichtig?
Das Kind ist doch ein Fisch geworden, schrieb Marianne auf die Ansichtskarte, die Deniz ausgesucht hatte. Weiß getünchte Mauern, ein blaues Tor, auf der Mauer eine Katze. Er fragte, was er denn sonst hätte werden können und Marianne erzählte ihm, dass er nach den Berechnungen des Arztes im Sternzeichen des Fisches zur Welt kommen sollte, aber dann noch zwei Tage auf sich warten ließ. Sie rauchte jetzt manchmal am Nachmittag eine Zigarette. Reden über Tierkreiszeichen, Deniz verstand es nicht, aber das Wort Zodiak speicherte er ab. Marianne musste schreiben: ich schnorchle viel, schwimme den ganzen Tag und sonst nix. Sagte: sag ich ja – ein Fisch. Deniz wollte kein Widder sein, er wollte sowieso nie ein Tier sein, höchstens manchmal vielleicht eine schnurrende Katze. Hörner, das zeigte er immer wieder, indem er seine Haar durchwuschelte, hatte er aber auf keinen Fall am Kopf. Ruppert lästerte über den Kitsch, das Kind schrieb mitten auf die Karte seinen Namen in großen Blockbuchstaben. Meer.
*
Die Regale mit den Büchern und den Schubladen für Spielzeug, Schienen, Autos und Stofftiere sind ordentlich aufgeräumt. Ein Regalbrett voller Steine, Muscheln und Schnecken. Die Türen des weiß gestrichenen Kastens stehen offen, da sind Bretter montiert und die Kleiderstange ist unbenutzt. T-Shirts, Pullover, Unterhemden und Hosen. Zwei blaue Holzknöpfe zum Öffnen der Schublade unten. Marianne denkt an einen trüben Tag, an dem sie mit ihrem Sohn in der Kleinstadt ihrer Eltern einkaufen war und an die eigenartige Stimmung, ohne Touristen auf den Straßen des Skiortes. Das Kind hatte Spaß mit den Großeltern und ließ sich, wie jeden Winter, Socken, Handschuhe und diesmal einen Pullunder stricken. Irgendwo nannten sie den dépardeur. Niemand von ihren Romanistenfreunden kannte das Wort und Marianne oder Rupert schauten nach und lasen: Pullunder; Schauermann. Sie hat wohl den restlichen Tag halb schlafend und mit Zeitungen verbracht und sah, während Deniz Apfelspalten aß, Lego spielte oder den Opa durch das ganze Haus jagte, den dépardeur größer werden, was friedlich wirkte. Deniz wuchs stark in diesem Winter, und Marianne wollte, dass ihre Mutter den Pullunder ein paar Nummern größer strickte, sie wünschte sich den Frühling herbei und ging davon aus, dass das lustige, rot-blaue Kleidungsstück ihrem Sohn im nächsten Winter nicht mehr passen würde. Rupert beschwichtigte, ein Pullunder sei etwas für den Frühling, vielleicht auch für laue oder frische Sommerabende.
Ein lederner Hausschuh, Größe 30, in Rot, der andere liegt unter dem Tischchen. Ein rotes Bobbycar parkt mitten im Raum, Einsatzfahrzeuge (Feuerwehr, Polizei, Rettungswagen der Feuerwehr) sind an der Wand geparkt. Die Palme, die Deniz bei einem ersten Ausflug in die nahe liegende, leicht verkommene Einkaufsstraße ausgesucht hatte, schien das Wachsen eingestellt zu haben. Auf dem Teppich, der zum Autospielen verwendet werden kann (Straßen und Häuserschluchten, Verkehrszeichen und ein paar Bäume und Sträucher, Gehsteige) stehen zwei große durchsichtige Plastikkisten mit Deckel. Auf den Etiketten in geschwungenen Buchstaben: Sommer und Winter. Beide stehen offen da, Marianne wusste nie, in welche der Kisten ein Pullunder einzuordnen war, es war jetzt nicht mehr nötig.
*
Auf dem knallblau gestrichenen Deck steht eine Frau. Sie ist nicht alt, sie ist nicht jung. Ihr halblanges Haar fällt ihr ins Gesicht, immer wieder. Der Wind macht das. Das Haar ist strähnig, vielleicht kommt das auch vom Wind. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt, weit geschnitten, das flattert, und einen schmalen Jeansrock. Aus der einen Tasche hängt ihre Brille heraus, in der anderen steckt eine Zigarettenschachtel. Sie vergisst zu rauchen, obwohl sie es sich vorgenommen hat. In einer Bar am Hafen hat sie auf Italienisch Zigaretten und ein Päckchen Streichhölzer verlangt, einen Kaffee getrunken. Dann ist sie auf die Straße getreten (grober Asphalt), der Kellner machte sich keine Gedanken, aber wahrscheinlich vermutete er, die Frau würde jetzt eine rauchen. Er machte sich keine Gedanken.
Das war gestern.
Sie steht direkt an der Reling. Früher hätte sie ein Ziehen gespürt. Angst oder Lust zu springen. Sie weiß nicht, wie viel sie für ihre Kabine bezahlt hat. Sie denkt nicht darüber nach, dass die Kreditkarte auf dem Tisch im Wohnzimmer liegen geblieben ist. Die Frau trägt rosarote Flipflops, auf den weißen, mittlerweile ergrauten Stoffbändern zwischen den Zehen und der rosaroten Gummioberfläche vor den Zehen weiße Spritzer von Farbe. Sie geht ein paar Schritte, vorbei an den Reisenden, die in weißen Plastikstühlen sitzen, Bier trinken, Sudokus lösen, lesen. Die Leute schauen sie an. Für die älteren ist sie eine junge Frau; kein Mädchen, eine junge Frau. Für die Jugendlichen, die sich auf und um Schlafsäcke drapiert haben, ist sie eine Frau. Keine alte Frau; eine Frau.
Sie sieht den Hafenarbeitern zu. Weiß nicht, ob das das Entsetzliche ist: dass die Sommer einfach so vorüber gingen und sie davon ausging, sie würden immer diese fröhliche Familie sein, die ein paar Wochen am Meer verbringt, in der Nähe des Hafens.
Schauerleute.
Sensenmänner.
War das Entsetzlichste vielleicht aber, dass sie Deniz gar keine Zukunft zugeschanzt hatte, dass sie einfach glaubte, er hätte selbstverständlicherweise eine? Harte Arbeit und kein Lohn, Arbeitslosigkeit, eine schwere Depression, die ihn über Jahre hinweg vom Leben, wie es ihr selbstverständlich war, fernhalten würde. Und die Zeit, die noch gar keine Rolle für ihn spielte. Manchmal hatte er am Nachmittag gefragt, ob sie bald zu Mittag essen würden. Es ist Abend, Kind.
Ihr ist kalt jetzt und sie denkt: es ist in jeder Beziehung Herbst. Marianne geht nach innen, zu den Sofas, über der Rezeption wird auf einem Monitor angezeigt, wo sich das Schiff gerade befindet. Sie geht daran vorbei.
Sie denkt, dass es die falsche Jahreszeit ist oder die falsche Richtung.
An den nackten Beinen bemerkt sie das leichte Frösteln der Haut, um die Schultern herum ist ihr warm. Sie findet ihre Kabine nicht wieder und geht noch einmal nach draußen. Die Passage hat sie vor drei Tagen telefonisch gebucht, danach hat sie sich am Computer ein Zugticket ausgedruckt und einen Rucksack gepackt. Ein paar Sommersachen; Turnschuhe, eine Hose. Als sie die frische Luft am Hafen bemerkte, stellte sie fest, dass sie eine Fleecejacke trug, den ganzen Weg schon. Sie kann sich nicht erinnern, sie eingepackt oder angezogen zu haben.
Sie wird an der Bar am obersten Deck Greek Coffee trinken und vergessen, dass sie warten muss, bis das Kaffeepulver zu Boden gesunken ist. Sie wird sich von einem der grauweiß gekleideten, stoischen Stewarts das Deck und den Gang zeigen lassen, in dem sich ihre Kabine befindet. Die Leute werden zuerst sie, dann den Stewart anschauen. Ihre Blicke werden an ihm hängen bleiben oder sich gleich wieder verlieren. Der Stewart hat schwarzes Haar, er ist nicht älter als sie. In der beigefarbenen Nasszelle ihrer Kabine duscht sie lange und ärgert sich über die Seife, weil sich die Haut auf einmal unangenehm anfühlt. Sie wird vergessen sich abzutrocknen, bevor sie sich in das Bett legt. Sie wird frieren und die halbe Nacht daran denken, dass über ihr eine Decke in dem hockgeklappten Bett steckt wie in den Schlafwagons, wenn ein Fahrgast noch nicht zugestiegen ist. Sie wird nicht nachsehen. Die viersprachigen Durchsagen werden in ihren scheinbar traumlosen Schlaf dringen, sie aber nicht aufwecken. Der Motor, der das riesige Schiff antreibt, ist die ganze Nacht zu hören.
Angelika Reitzer, Sommersachen
zuerst erschienen in Lichtungen 125/XXXII. Jg./2011
agnesz - 2011.05.26, 10:45
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