Donnerstag, 26. Mai 2011

Wilhelm Genazino, Abschaffel (Roman-Trilogie)

Genazino lotet in seinen Romanen und Erzählungen die Dimension des Alltag aus und das sein Universum enthält tatsächlich (u.a.): Alltag, Dimension, Lot. Die Realität seiner Figuren ist in ihrer Hinlänglichkeit auf ebenso erschreckende Weise präzise gezeichnet wie es die Phantasie des Autors ist; nie kommt den Texten jene Tragikomik abhanden, die ja die Tragödie des Lebens mitbestimmt.

Abschaffel nun ist ein Angestellten-Roman und ein Alltagsdiagramm eines jungen Mannes in den 1970ern. Sein Leben ist starr und verhärtet – oder läuft es eben einfach dahin? – er bewegt sich kaum zwischen kleinem Frankfurter Appartment, dem Schreibtisch in einer Import-Export-Firma, wenigen sozialen Kontakten zu Frauen und regelmäßigen Bordellbesuchen. Er flaniert knapp an seinem Leben vorbei, denn eine der wenigen Gewissheiten ist die des verpassten „echten Lebens“, des Scheiterns an der Realität. Was ihn aber vom Flaneur unterscheidet ist die Grenzenlosigkeit seiner Traurigkeit, die als Gleichgültigkeit, Isoliertheit unermessliche Dimensionen annimmt. Er ist nicht nur ein Anti-Held, der mit seinem ereignislosen Alltag irgendwie umgeht, sondern einer, der uns die Verkommenheit der Alltäglichkeit des menschlichen Lebens deutlich macht.
In dieser Trilogie passiert nicht nur nichts, sondern es nichtet einiges: im 2. Teil („Vernichtung der Sorgen“) hat Abschaffel sogar eine Beziehung zu einer Frau, kann Verlust erleben und Momente aufbringen, in denen wohl etwas geschieht, und im 3. („Die falschen Jahre“) wird er aus seinem Leben hinauskatapultiert in eine Kuranstalt auf dem Lande: mit dem Körper einer alten Frau (einer schweren Osteoperose, einigem an Psychosomatie) und der großen Begabung, über die Kränkungen seines Lebens zu sprechen (so der Kur-Therapeut Buddenberg) heißt es umzugehen und – am Ende vielleicht doch ein anderes Leben anzufangen, aber „wahrscheinlich entschied er sein Leben erst am Montagmorgen an Ort und Stelle. Das paßte ihm zwar nicht, aber er konnte es nicht ändern.“

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