Mittwoch, 18. November 2015

Wochenende

Am Samstagvormittag läuft während eines längeren, gemütlichen Frühstücks der Radiosender Ö1, eine Sendung mit der Schauspielerin Marianne Sägebrecht, die ich, obwohl ich nicht viele Filme mit ihr kenne, sympathisch finde. Wahrscheinlich alleine deshalb, weil sie sich dem Figurendiktakt nicht unterwirft und das betrifft auch ihre Haltung zu Filmbusiness überhaupt. Unterwirft sich keinen Dikaten, lebt ihr Leben, scheint eine kluge Frau zu sein, auf sich bedacht. Allerdings ist sie auch eine begnadete Esoterikerin vor dem Herrn, was mich leicht nervt. Wir frühstücken. Nachher telefoniert W. mit Ka, die mit ihrer Familie zum Abendessen eingeladen ist. Sie erzählt ihm, dass sie alle ziemlich k.o. sind, weil sie wegen der Anschläge in Paris sehr lang wach waren, die Nachrichten verfolgt haben. Ihr Freund hat ein Jahr in Paris gelebt, sein Bezug ist noch um vieles enger als der meisten, die alle Paris ein bisschen kennen und lieben, mögen. Das ist doch auch schön, sagt W. im Telefongespräch, und ich frage später, was er damit im Laufe dieses Gesprächs gemeint haben könnte. Etwas, das nicht damit in Zusammenhang steht, ich habe es vergessen. Wir treffen Paul P. im Café Goldegg, später kommt noch seine Autorin NG dazu. Wir unterhalten uns über Fußball, Mexiko, Politisierung von Literatur bzw. die Unmöglichkeit dessen, unter gewissen Umständen. Von den Anschlägen ist nicht die Rede. Als mich Susanne wenig später darauf anspricht, weiß ich einen Moment lang nicht, was sie meint. Und ich denke, dass die beiden im Kaffeehaus vielleicht auch nichts davon gewusst haben, Buchmesse, Übernachten im Hotel, die Zeitung von heute weiß nicht, was in der Nacht passiert ist. Zuhause vertiefe ich mich in die Nachrichten, Internet, ZIB-Sondersendungen. Es ist so schrecklich, es ist kaum etwas darüber zu sagen, ich gehe in die Küche und backe Brot, als könnte mich das beruhigen. Es beruhigt auch, aber was hilft das schon. Ich muss daran denken, wie man sich über eine nervende, sympathische Schauspielerin aufregen kann, wie man immer sein Leben weiterlebt, als wäre alles ganz normal. Es ist alles ganz normal, das Umbringen von Leuten, die Raketenangriffe, der Bürgerkrieg, die Tausenden Menschen, die über die österreichische Grenze gehen, nachdem sie schon so weit unterwegs waren, dass im Hauptbahnhof ISO-Matten ausliegen, in dem Tunnel eine Zeitlang zwei Zelte standen, als wäre man am Land, es wäre Sommer, Ferien. Zwei Zelte neben den Tramgleisen, in denen Flüchtlinge übernachten. Obwohl der November verhältnismäßig warm ist, steht der Winter vor der Tür, in Ländern wie Irak, Pakistan, Algerien sterben jedes Jahr hunderte, tausende Menschen bei Selbstmordanschlägen und Raketenangriffen.
Gestern vormittag das erste Abo-Konzert, ein fulminanter Auftakt: Wiener Philharmoniker, Barenboim, Mahlers 9. Synphonie. Ein paar Tage vorher die Mail vom Konzerthaus, dass es ein Konzert zu Ehren 70 Jahre UNO/60 Jahre Österreich bei der UNO sein wird, mit einer Ansprache des Bundespräsidenten. Wir sitzen, nachdem der Mann den Sohn in die Donaustadt zum letzten Spiel vor der Winterpause gebracht hat, ich ihn im Anschluss daran aus dem Café Schwarzenberg abgeholt habe (wie vollgestopft das Kaffeehaus immer ist, nichts zu sehen von den eigentlich okay schönen Räumen, Lärmpegel der Bürgerlichkeit mit den Buben in adretten Hemden und Pullis) in einer der hinteren Reihen im Parkett. Knapp vor Heinz Fischer die Bühne entert eine Frau hinter uns ihren Platz, sie ist ganz außer sich, lässt ihre Freundin, uns alle daran teilhaben: Eine halbe Stunde habe sie einen Parkplatz gesucht, jetzt stehe das Auto in der Parkgarage (warum nicht gleich?), aber sie findet ihren Parkschein nicht, der wird wohl im Auto sein. Sie ist laut, ein bisschen schrill, nur ein bisschen schrill. Aber wir wollen nicht unzufrieden sein. Und natürlich kommt jetzt genau, was ich befürchte oder einfach nur weiß, einen Moment vorher: Sie wird jetzt ihr eigenes gutes Leben mit der Katastrophe vor einigen Stunden vergleichen. Ich bin nicht soviel besser, nur weil ich nicht über Parkplatzsorgen spreche, was ehrlicherweise vor allem daran liegt, dass ich kein Auto besitze.

16.11.15

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