Prosa

Weekend

Ein schöner Morgen im Herbst. Nachdem Mann und Sohn die Wohnung verlassen haben, weil letzterer für das dritte Meisterschaftsspiel seines Fußballvereins aufgestellt ist, vollziehe ich einen, wie mir scheint, tadellosen Hausfrauenvormittag, zumal an einem Wochende. Dazu gehört, sich unmittelbar nachdem sich die Wohnungstür geschlossen hat, einen weiteren Kaffee zu machen und die Zeitung zu lesen, wie eigentlich immer beginne ich mit dem großen Interview. Danach mache ich die Küche sauber, die Sonne scheint beim französischen Fenster herein, man hört einen der Nachbarn, der im Garten zwei seiner Räder repariert wie häufig samstags. Laufen war ich gestern, heute steht ein bisschen Workout am Programm und als ich damit fertig bin, erledige ich den Einkauf. Tja, die Blumen vergessen, aber auch nur deshalb, weil mir im Supermarkt einfällt, dass die größere Tochter später vorbeikommen will und ich beschließe, einen Guglhupf zu backen. Damit der fertig wird bis zu ihrer Ankunft, muss ich den Gang zum kleinen Bauernmarkt am Platz dieses Wochenende auslassen. Der Guglhupf steht schon im Backrohr, als ich in den Nachrichten höre, dass in einem Einkaufszentrum im Bundesstaat Washington ein Mann vier Frauen erschossen hat und flüchtig sei. Das Motiv ist noch unklar. Den Satz würde ich auch verschiedenen Berichten in verschiedenen Medien entnehmen können, und einmal mehr rätsele ich über diesen Satz. Egal, ob ein (meistens weißer) Mann vier, zwölf und noch mehr Menschen erschießt, meist ist zuerst zu hören, ob man bereits davon ausgeht, ob der Mörder aus terroristischen Gründen handelte – oder? Motiv? Sobald man die Identität der Amokschützen, Killer, Massenmörder herausgefunden hat, lässt sich zumeist schnell feststellen, ob jemand die Mordwaffen legal erstanden hat oder über dunkle Kanäle, mittlerweile mitunter das dunkle Netz. Die Menschen besitzen Waffen, sie benutzen sie. Ebenso erstaunt mich, dass die Angst vor Zuwanderern letzten Jahr auch in Österreich den Waffenverkauf ziemlich in die Höhe getrieben hat. (Wie wir auf dem Weg zu einem Abendessen an einem Waffengeschäft vorbeikamen: drinnen mehr als ein Dutzend Menschen beim Late-Night-Shopping). Welches Gefühl von Sicherheit kann einem der Besitz einer Waffe vermitteln? Was zählt das Motiv, wenn einer in die Damenabteilung eines Bekleidungsgeschäftes geht und auf die Menschen schießt, die er dort zufällig antrifft?
Diesen kleinen Text schreibe ich, bevor alle eintrudeln, am Küchentisch. Auch für ein paar Notizen, kommt mir kleiner, schreibender Hausfrau vor, eine gute Tradition.

Die Zeichnung (Quelle oder Münder)

1.
Perlen, rieseln, rinnen. Hat das Kind denn gefragt, oder war es, als es wissen wollte, wie eigentlich Tropfen entstehen, bereits ruhig? Ein Tropfen bezeichnet eine auf der einen Seite kugelförmige und auf der anderen spitz zulaufende Form, außerdem einen meist kleinen, flüssigen Körper, Wassertropfen zum Beispiel. Wasser kann in einzelnen Tropfen herabfallen, an etwas herunterrollen, kann herab- oder heruntertropfen, kann triefen, tröpfeln. (So geht es los: Ist tröpfeln nicht ein Sommerwort und deshalb eines aus der Kindheit? Ernstzunehmende, ewig währende Sommer kann nur dieser immer schon lange zurückliegende Abschnitt eines Lebens aufweisen, das versteht sich von selbst.)
Der Bach, der das Grundstück der Eltern auf der nördlichen Seite begrenzt, trägt ein paar Kilometer lang den Namen des Ortes, aber die Rede ist immer nur vom Bach. Er entspringt keine 400 Meter entfernt in einem Mischwald, wie er für die Gegend üblich ist, das heißt, der Laub- ist größer als der Nadelwaldanteil. An den meisten Stellen ist er nicht breiter als einen oder eineinhalb Meter, meist auch nicht sehr tief, man kann in ihn hineinsteigen, auf große aalglatte oder moosige Steine treten, die im Schatten der Laubbäume liegen. Die Steine sind dunkelbraun und dunkelgolden, dunkelgrün und dunkelgelb. Sie schauen aus dem Wasser heraus, sie bilden Wege und Überleitungen, Landschaften halb im und unter Wasser. Der Wald ist nicht sehr alt (wie kann das sein?), es gibt wenige Lichtungen, der Bach mäandert dahin (und wie die Entdeckung des Wortes mäandern eine neue Zeit eingeläutet hat im Leben der jungen Studentin, die das Kind später werden sollte, muss gleich notiert werden), er schlängelt sich meistens unspektaktulär durch diesen freundlichen Wald, bis er an der Stelle neben dem Elternhaus ganz ans Tageslicht tritt. Hier ist der Bach nach Regen bis zu einem Meter tief, und kurz nach der tiefsten Stelle führt ein schmales Brett auf die andere Seite, wo auf einer kleinen Böschung ein grüner Maschendrahtzaun das Grundstück der Nachbarn begrenzt. (Es sind jene Nachbarn, mit denen sich die Familie des Kindes Fernsehen und Telefonanschluss teilt: Ruft für die Nachbarin jemand an, so rennt einer, meist das Kind, denn es ist ein Mädchen und oft in der Nähe des Hauses, wenn nicht in der Küche beschäftigt, über den Bach zur Nachbarin um ihr etwas zu bestellen oder sie an den Apparat zu holen. In diesem Fall erfolgt wenige Minuten später ein neuerlicher Anruf. Im Ausgleich dazu gibt es Fernsehzeit, die aber eher die älteren Brüder des Mädchens nützen, weil abends die Jüngsten zuhause bleiben sollen.) Die Brücke, dieses schmale Brett, hält viele Jahre. Zwanzig Meter bachaufwärts spielt das Kind mit den beiden Nachbarmädchen in ihrem gemeinsamen Haus. Ein breites Uferstück mit verwachsenem Baum auf der Nachbarseite ist Küche, Wohnzimmer, Garten. Spiele, die mit Haushalt, mit Kochen, mit Waschen und Sachen erledigen zu tun haben, wichtigstes Spielaccessoire ist eine blecherne Espressokanne, die die Nachbarin ausmustert, als sie ihre erste Filterkaffeemaschine bekommt. Schule spielen die Mädchen beim ehemaligen Stallgebäude im Schatten. Die Gemüsekisten aus Holz sind ideale Bänke und Tische. Im Garten der Nachbarmädchen steht ein Plastikswimmingpool, von Jahr zu Jahr oder doch alle zwei Jahre erneuert wird bzw. durch einen größeren und stabileren ersetzt. Sie schwimmen, planschen, üben Synchronfiguren im Wasser, spielen Poolpartys und Diskothek (bei geschlossenen Vorhängen im Wohnzimmer).
Im Ruhezustand ist der Tropfen eine Kugel. Nur wenn er sich von einem größeren flüssigen Körper ablöst, befindet er sich in Tropfenform. Der Tropfen ist nur im Moment seines Entstehens, der Tropfenbildung, für einen Augenblick er selbst, die reine (seine) Form. Es ist ein instabiler Zustand, er währt nur kurz.
Die Katze holt Fische aus dem Wasser, manchmal.
Da das Wasser im Winter nicht besonders tief ist, macht es nichts, wenn man beim Schneerutschen mit dem strohgefüllten Sack nicht zum Bremsen kommt und in den Bach fällt. Doch. Es ist kalt und man wird geschimpft, weil man krank werden könnte. Selten ist das Eis so dick, dass man nicht einbrechen würde.
Im Sommer ist es anders. Die schönen großen, hier aber auch viele kleine Steine werden leicht vom Wasser umspült, das kühl und weich zugleich ist. Die vom Sonnenlicht gemalten Farben der Steine sind mehr als Kompliment oder Schöntuerei an das Schauen, sie tun den Augen gut, aber auch den Fingern, den Handinnenflächen und den Fußsohlen. (Die dunkelroten und gesprenkelten Steine sind für die Fersen.) Man kann die Steine berühren, man kann sie angreifen. Einen festen Stand haben. Manchmal spielt Moos eine Rolle, am Bachufer, am Wasserrand, an dem ungefestigten Anstieg, kein willkommenes Material für das Kind. Erst später und in anderen Landschaften denkt es manchmal: Aha, Moos. Verstehe. Das Wasser fließt sehr langsam und fast genauso langsam werden die Füße, die das Kind hineinhält, kälter und kälter. Ein Vorgang, der immer wiederholt, aber nie ganz begriffen wird. Kommt die Kälte von innen oder außen? Denn anders verhält es sich mit der Kühle des Elements, das versteht jedes Kind.
Manchmal bleibt das Kind am Bach und vergisst, die Freundinnen zu besuchen.
Manchmal vergisst es die letzten zwanzig Meter nachhause zu laufen. Jemand wird nach ihr rufen, wenn es dunkel wird.

Niederfall. Regen versickert im Untergrund, in der Erde, ins Grundwasser. Verschwindet und versintert.
Ein Jahr lang werden auf dem landwirtschaftlich genutzten Grundstück der Eltern überall große Gräben ausgehoben. Es wird drainagiert. Dafür wird aufgegraben, werden massive Rohre in der Erde verlegt, um durch das Ableiten von überschüssigem Bodenwasser die Erträge zu steigern. Aus Grünland soll fruchtbares Ackerland werden, das die mittlerweile große Familie auch ernähren kann. Das Befahren der Felder und die Bewirtschaftung überhaupt soll erleichtert werden. Die Eltern des Kindes reden davon, als würden sie sich über etwas Religiöses unterhalten, ein Wunder, das sie erwarten, das ihnen aber auch zusteht. Das Kind hört nicht die technischen Gespräche, die auch geführt werden, vernimmt nur die vorsichtig und wütend ausgestoßenen Sätze, wenn Vater und Mutter unter sich sind, oder den staunenden (zweifelnden?) Landwirten aus der Umgebung gegenüber: Dass die Böden nun wunderbar und unglaublich ergiebig werden, fruchtbringend und ertragreich, rentabel, fett und gedeihlich sein werden. (Das meinen sie. Die Eltern sagen: Dass es endlich wächst!) Aber schon im dritten Jahr sind sie enttäuscht, verbittert. Als hätte man sie wieder betrogen. Und das Kind, das nie nachfragt, worum es sich bei der ganzen Geschichte wirklich handelt, versteht nur, dass man die Böden zu wenig gut trainiert habe und deshalb das Wasser immer noch mit den Böden mache, was es wolle.
Das Kind ist bereits ein Teenager, als neben der Zufahrt ein kleiner Teich ausgehoben wird. Reservewasser für die Bewässerung der Felder, denn Trockenheit ist ein permanentes Problem. (Überschwemmungen waren es früher, in einer Zeit, an die sich das Kind nur anhand von Fotos, also nicht erinnern kann: Weggespülte Flächen und darauf verwirrt umher scharrende, unscharfe Hühner oder ein Vater in dunkelblauer, lose herabhängender Arbeitskleidung und Gummistiefeln.) Der Teich wird aus dem Grundwasser gespeist und misst vielleicht fünfzehn mal vier oder fünf Meter. Es gibt einen Steg, Fische werden ausgesetzt, und die Böschung bepflanzt sich fast von selber. Zwischen Arbeiten im Haushalt und Lektüre, wenn sich das Mädchen davonstiehlt und hinter den dunkelbraunen Balkonbrettern im ersten Stock des Wohnhauses verschanzt, könnte sie hier zu einer regelmäßigen Schwimmerin werden. (Der Gedanke gefällt ihr.) Sie war noch nicht am Meer und Seen gibt es in diesem Landstrich keine. Das Schwimmbad im Ort natürlich, aber dafür muss man den ganzen oder doch halben Tag frei bekommen von der zugeteilten Arbeit. Schon im zweiten Sommer nimmt der Algenbewuchs stark zu. Berührt man den Boden oder wirbelt man das Wasser ein bisschen durch, färbt sich das trübe Wasser braun. Der Zufluss besteht aus einem kleinen schwarzen Plastikrohr. Der Abfluss ist durch Versickern selbst geregelt. Für das Gießen der Äcker wird dieses Wasser bald doch nicht mehr verwendet. Die anderen Familienmitglieder ekeln sich, wenn sie das Mädchen im Wasser sehen und die Nachbarsmädchen baden mittlerweile ohne sie in ihrem Pool. Nachts schreien die Frösche, die sich sagenhaft vermehren, aber tagsüber unsichtbar sind, so laut und so ausdauernd, dass der Teich zugeschüttet wird. Es ist dieser Lärm den Nachbarn und niemanden sonst zuzumuten. In der Familie ist man erleichtert. Wenn man heute die Adresse des Elternhauses in Google Maps eingibt, ist der Teich ganz deutlich zu erkennen: Neben der Zufahrt, ein wenig unterhalb des Transformatorhäuschens, das nicht eingezeichnet ist. Wie kann es sein, dass dieses Gewässer, das nur wenige Jahre eines war, das von seinen Erbauern bald nur mehr als lästig, ganz und gar unbrauchbar für seinen Zweck empfunden wurde und von seinen Anrainern als Plage, hier weiterexistiert, als gäbe es den Teich wirklich? Nein: Als hätte es den Teich je gegeben.

Wenn es Zeit ist, die Äcker mit künstlichem Regen zu bewässern, zu beregnen, müssen alle mithelfen, die Rohre auszulegen. Die kleinen Kinder können die schweren, mindestens sechs Meter langen Rohre natürlich nicht stemmen, aber sie können die Verschlüsse, die Bogenstücke und die Übergänge hinterhertragen. Der ausgetrocknete Boden ist manchmal so brüchig und bröckelig, dass man sich die kleinen Sohlen verletzt. (Im Sommer immer barfuß. Immer.) Schöner ist es, wenn nach dem Eggen oder Pflügen das Feld schwitzt, und man über satte dunkle Erdplatten rennen kann. Am kolossalsten aber, an einem besonders heißen Sommertag durch das spritzende Wasser der Beregnungsanlage zu laufen. Die Regner drehen sich im Kreis herum, sie sprengen, besprühen oder berieseln junge Pflanzen in äußerst kritischem Zustand, ausgewachsenes Gemüse wenige Tage vor der Ernte und die jubelnden Kinder; das Geräusch des Antriebs für die nächste kleine Kreisbewegung und des ausgestossenen Wassers ist schmatzend und ziehend. Erfrischt sehr. Setzt kurz nach dem Auslegen der Rohre ein Gewitter ein, sind die Erwachsenen unsicher, ob sie sich über die Wasserersparnis freuen oder wegen der vergeblichen Kraftanstrengung ärgern sollen.


2.
Obere Donau, Schwarzwald. Kurz nachdem sich Briglach und Breg zur Donau vereinigt haben, versickert der zweitgrößte Fluss Europas an etwa 150 Tagen im Jahr in wasserdurchlässigem Karstgestein. Eigentlich wird das Wort Versinkung gegenüber Versickerung bevorzugt, denn das Wasser verteilt sich nicht im Erdreich, es versickert nicht, sondern fließt in unterirdische Hohlräume ab. Durch Dolinen und Schlucklöcher verschwindet es in der Erde und das Bett der Donau trocknet vollkommen aus. Sie verlässt ihren Lauf nach Osten und fließt durch unterirdische Höhlen eine Strecke von zirka zwölf Kilometern in Richtung Süden, strömt von der Aachquelle (eig. Aachtopf) aus in den Bodensee, vereinigt sich mit dem Rhein und macht sich auf den Weg zur Nordsee. Zeigerpflanzen wie Weiden und Schilf weisen auf das unterirdische Wasser hin. Profi- und Amateur-Höhlenforscher suchen hier seit Jahrzehnten das vielleicht größte Höhlensystem Deutschlands. Ihre Tauchgänge enden wegen eingestürzter Höhlendecken nach ein paar hundert Metern. Sie bohren senkrechte Schächte, sie tauchen und graben immer weiter. Schließlich finden sie in über einhundert Metern Tiefe einen verborgenen Fluss, den sie die Schwarze Donau nennen. Sie bauen Gerätschaften wie Hebesäcke, um Erde und Schutt nach oben zu schaffen, und spezielle Bohrmaschinen, die unter Wasser eingesetzt werden können, ohne dass man nach kurzer Zeit wieder auftauchen muss. Sie suchen auf Bergrücken nach möglichen Einstiegen in die Höhlen. Es gibt einen Luftzug, dem muss man nachspüren. Sie wollen dem verschwindenden Fluss auf die Spur kommen und unternehmen dafür waghalsige, gefährliche Tauchgänge, denn die unterirdische Weite, ihre Hoffnung, bedeutet eine wirkliche Lebensgefahr. Man weiß nicht, wo es hingeht. Wissenschaftler untersuchen, ob die Donau einen Beitrag zur Fischfauna des Bodensees leistet, und untersuchen das Wasser und seine Lebewesen, zum Beispiel Groppen, Fische, die sehen können, was in einem unterirdischen Höhlensystem eigentlich nicht notwendig ist.
Die erste vollständige Versinkung wurde im Jahr 1874 festgestellt, seither nimmt die Anzahl der Tage, an denen die Donau vollständig verschwunden ist, kontinuierlich zu. Auch wenn die weitere Verkarstung und Versinkung nicht exakt vorhergesagt werden kann, so muss man doch davon ausgehen, dass die Donau, nachdem sie hier Millionen Jahre Richtung Osten geflossen ist, in ein-, zweitausend Jahren vollständig mit dem Rhein nach Norden fließen wird.

Untere Donau, Duino-Aurisina. Im ersten Buch der Aeneis erwähnt Vergil neun Timavoquellen, die mit gewaltigem Brausen aus der Erde strömen. Polybios schreibt, dass sich in diesem Adriawinkel ein berühmtes Heiligtum des Diomedes befindet, Hafen, Tempelhain und sieben süße Quellen, die sich sofort mit dem Meer verbinden und von denen alle bis auf eine salziges Wasser führen, weshalb sie von den Einheimischen Quelle und Mutter des Meeres genannt werden. Von einem Erdschlund ist bei Poseidonios zu lesen, und dass der Timavus 130 Stadien unterirdirsch fließe, bevor er sich am Meer seinen Abfluss verschaffe. Plinius d. Ä. gab beiden Chronisten Recht: Bei niedrigem Seestand seien die Quellen süß, bei hohem dringe das Seewasser durch unterirdische Verbindungsspalten in die Quellen ein und mache diese (außer einer) brackig.
Ister, so nennt man in der Antike den unteren Donaufluss und bis ins 4. Jahrhundert der Kaiserzeit herrscht unter Geografen die Vorstellung, dass die Donau hier in Istrien einen Ausfluss hat. Hier sollen die Argonauten des Jason und die Gefährten des Aenaes auf ihrer Flucht von Troja gelandet sein. In einer Ausgabe der Gartenlaube aus dem Jahr 1874 ist zu lesen, dass der Timavo aus drei Spalten des Karstgebirges quillt, in ebensoviel Armen eine knapp einen Kilometer lange Strecke durchfließt und sich dann als breiter Strom in den Meerbusen von Monfalcone ergießt.
Mit seinen zwei Kilometern gilt der Timavo in Istrien als einer der kürzesten Flüsse der Welt. Sein Wasser ist aber jenes der Reka (slowenisch für Fluss), die in Kroatien nahe der Grenze zu Slowenien entspringt, durch die Orte Illirska Bistrica, Topolc und Prem bis Škocjan fließt. 54 Kilometer legt der Fluss oberirdisch zurück, bevor er in Schwinden, wie man Schlucklöcher auch nennen kann, versinkt, und über Wasserfälle und durch Klüfte in die Škocjan-Höhlen fließt, wo er in 160 Meter Tiefe in einem Höhlensee verschwindet. Der weitere unterirdische Verlauf ist unbekannt. Nach gut dreißig Kilometern entspringt er als Timavo bei San Giovanni di Duino in der Provinz Triest als Karstquelle und mündet nach zwei Kilometern im Hafenkanal von Monfalcone ins Meer. Alle Beschreibungen dieses heiligen und erinnerungsreichen Karst-Ortes lesen sich idyllisch bis majestätisch, auf jeden Fall feierlich. Zypressen, Pappeln und Platanen; die Votivkapelle eines Unbekannten soll an die Timavo-Verehrung erinnern, ein frühgeschichtlicher Kult, wahrscheinlich venetischen Ursprungs und der Wald und die kleine Gedächtniskapelle, die Diomedes als Gründer der Stadt und homerischem Held gewidmet ist, außerdem Gedenksteine zur Saturn-Verehrung, Klöster, Tempel undsoweiter. Das Wort Tuba der frühchristlichen und byzantinischen Kirche San Giovanni in Tuba stammt von Tubatura/Rohrleitung, auch das ein alter Gebetsort, der bereits von Vergil beschrieben wurde.
Dies alles liegt an der SS14, die von Venedig nach Triest führt und dann weiter bis nach Slowenien. Direkt an einer Kreuzung zur SR55 nimmt man den gegenüberliegenden abschüssigen Weg zu einem Fischerdorf, parkt das Auto an der Straße und ist gleich bei den ersten beiden Quellen. Einige Beschreibungen warnen vor der Kraft des Wassers. Das Wasser der dritten Quelle fließt unter einem Felsen hervor. Blüteneschen, Hopfenbuchen, verwilderte Feigenbäume, Eichen und wilde Rosen wurzeln in den Felsenspalten. Manches ist immer noch zu erkennen. Saftiges Gras, Veilchen, Schlüsselblumen und goldgelbe Aurikeln, aber diese Floras ist schon seit Dekaden Geschichte. Einmal sprießt es wie aus einer Zauberleitung heraus, das andere Mal ist nur ein Rinnsal zu sehen und das prächtige türkis-grüne Becken ist ausgetrocknet und es ist schwer, sehr schwer, sich ein paar der Geschichten, die dieser Ort birgt, vorzustellen. Und doch ist jede der drei verbliebenen Quellen, auch die fast versiegte, ein unaufhörlich redender, dichtender Mund. Ergießt sich alles Erzählte ins grüne Wasser, auch wenn das Becken nicht tief ist und die Quelle keine brausende wütende Kraft hat.


3.
Am ersten oder zweiten Tag nach ihrer Ankunft im Haus am See notiert die Schreibende: Die Luft hier. Und wenn ich eine Zigarette rauche, liegt leichter Nebel über dem See. Sie denkt an ihren Sohn und schaut auf die andere Hälfte vom Haus, wo noch Licht brennt, wie bei ihr, im ersten Stock. Die Ruhe, die Ruhe, und was sie zu dem alten Mann sagt, bei einer eventuellen Vorstellung, man ist ja jetzt Nachbar, wenn auch nur für wenige Wochen, dann denkt sie aber gleich wieder: Warum sollte man sich vorstellen, was gehen wir einander an! Sie denkt daran, dass ihr Vorgänger den alten Mann und seine Frau um drei Uhr nachts mit dem Staubsauger geweckt hatte und wie sie sagen würde: In zwei Wochen kommt dann mein kleiner Sohn. Sie verbringt den Vormittag auf dem Balkon und liest auf Englisch Artikel über Menschen, die wohnen. Die Hauptfigur ihres nächsten Romans hat sich nicht gemeldet, seit sie sich an den See verpflanzt hat, was sie versteht, aber nicht gutheißen kann. Sie hört auf zu warten. Der alte Mann von nebenan schaut wie sie auf die drei Männer, die ganz oben in einem Baum die Äste beschneiden, sie sind angeseilt. Ganz feiner Staub, Pollen und Haare flattern von diesem Baum zu ihr herüber, einiges davon auch in den Tee. Die Spatzen oder Sperlinge sind laut, sie tummeln sich in kleinen Büschen und schreien dabei so laut es geht.
Sie läuft eine Stunde durch das kalte klare und strahlende Winterwetter in Richtung F.-Station, nimmt den Weg über Hinterberg oder wie es heißt, dabei wollte sie nach Hombrechtikon. Frau Rossi sagt: Neuwark haben wir, New York, und dann geht es nach Hongkong, wir sagen Hongkong zu Hombrechtikon. Sie findet das wirklich witzig, und fragt: Haben Sie schon den Weiler gesehen?Ja habe ich. Frau Rossi ist eine strenge, schöne Frau, so groß wie die Schreibende es auch gerne wäre. Früher war sie Weinbäurin hier im Ort, heute wohnt sie in Küssnacht und macht Energiearbeit.
Während die Schreibende liest, wird nebenan vom alten Mann die Schweizer Fahne eingezogen. Auf die fast leere Seite eines endenden Abschnittes der Frequenzen von Setz schreibt sie: Auch irre. Während ich das lese, wird nebenan vom alten Mann die Schweizer Fahne undsoweiter. Und sie fragt sich, warum macht er das? Weil Freitag ist? Keine Fahne am Wochenende? Oder weil eine riesengroße fette Wolke über dem See aufgeht und winterliches Schneefallgewitter zu erwarten ist? Oder fährt er mit seiner Frau weg übers Wochenende? Seine Frau hat sie noch nie gesehen und von ihrer Existenz weiß sie nur aus der Erzählung Frau Rossis. Ist die Fahne nur gehisst bei Anwesenheit? Wie bei Königshäusern! Ja, es ist so banal. Sonntagabend, unmittelbar nach der Rückkehr der beiden, weht das weiße Kreuz wieder am Seeufer. Der Nachbar hat etwas von einem Seebären, könnte in einer Fischstäbchenwerbung auftreten, vielleicht die rote Nase überschminkt. Seine Frau wird nach der Lesung in der Kapelle zu ihr sagen: Haben Sie das nebenan geschrieben? Nach einem Nicken eine einmütige Pause. Sie sagt: Das mit den Tulpen, das ist genau so. Sehr bestimmt, die kleine Frau, dann wieder weich und verwundert: Hübschheit.
Das Plätschern des Wassers, das Krächzen der Möwen, Enten, die am Wasser landen. Jugendliche unterhalten sich in der Nähe. Zwitschern, Autos, die braunen Blätter von Bäumen, die nicht in ihrem Garten stehen, und über die Wiese rascheln. Krokusse und Maiglöckchen. Sie beschließt, darüber ihr nächstes Gedicht zu schreiben, ähnlich vielleicht Mirrador, das von den Pflasterern in Granada inspiriert war. Es soll ein Gedicht für den Herausgeber einer alten Literaturzeitschreift werden, der ja und die ja für sie schon lange der einzige denkbare Grund wären, Lyrik zu verfassen. Außer Liebesgedichten, die könnte man immer schreiben, wenn man könnte. Ein Gedicht vom See und der Frequenzen-Lektüre, ein Text über die waghalsigen Anfänge des Schreibens oder wohl eher Schreibenwollens sollte es werden. Dafür und überhaupt notiert sie die Geräusche, die vom See und von der Straße her kommen, was sie sieht, wenn sie über die Weinberge rennt, dass sie dieses Rennen in den Augen der Nachbarschaft rehabilitiert. Für den Briefträger und die Hauswartin bin ich morgens nicht zugänglich, schreibt sie auf einen Kassenzettel, und das löst bei ihr schlechtes Gewissen aus, ändert aber nichts daran, dass sie schläft, bis sie von selbst aufwacht, dass sie vergisst, aufs Wasser zu schauen. Daran, dass sie nichts mehr überprüft, wenn sie aus dem Fenster auf den See blickt.
Zirka vierundzwanzig Stunden später liegt alles, auch alle Geräusche, unter einer dicken Schneedecke, nur die Möwen lassen sich nicht einschneien, ihr Krächzen ist seltener und widerspenstiger (widerständiger?) geworden. Und natürlich die Wellen, die an die Steine schlagen, dieses laute, alles und jeden vergessende Schmatzen. Ein Bus fährt und das Schlagen der Wellen wird später, wenn sie oben unter dem Dach im Bett liegt, so stark, dass es klingt wie Bretter, die aneinanderschlagen, vielleicht ist es das Boot in seinem kleinen Haus, das gegen die Wände knallt. Es sind die Wellen. Es ist die Ruhe des Sees, die in all ihrer Gewalt auf sie eindringt.
Vor dem großen Schneefall kommt Frau Rossi, um die Weinreben, die sich über den schmiedeeisernen Balkon schmiegen, zu schneiden, und die Schreibende besucht sie mit Zigaretten auf dem Balkon, die sie miteinander rauchen. Frau Rossi reißt in einem scheinbar unbemerkten Moment den Filter der Zigarette ab und sie sprechen über die nötige Distanz von Kindern und Eltern und da beginnt es ein bisschen zu schneien und drüben beschneiden wieder die drei Männer den Baum, ganz oben stehen sie und die Äste fallen in den kleinen Kanal, jeder mit lautem Platsch.
Frau Rossi ist sehr froh, dass die Schreibende eine Raucherin ist, auf eine rührende Weise beruhigt sie das und nimmt sie für sie ein. Die Schreibende weiß, dass ihr Mund, wie er an der Zigarette zieht, noch viel mehr erzählt als die Geschichten, die sie hierher gebracht haben und die Frau Rossi gerne liest. Sie kennt den Irrtum, aber sie klärt die andere nicht auf. Abends kommt eine E-Mail von Frau Rossi, in der sie schlechten Gewissens nachfragt, ob es der Schreibenden auch wirklich gut gehe. So allein.Ja, Frau Rossi. Ich genieße das Alleinsein, ich genieße die Ruhe, ich bin froh, dass ich tagelang mit keinem reden muss, auch wenn es heute nett war. Es war nett, aber sie ist gekommen, um eine Geschichte zu Ende zu bringen und dann zu dichten.
Wenn man das Haus, das in der Jahreszeit, in der es nicht für den Tourismus verwendbar ist, als Schreibatelier vergeben wird, betritt, lässt man unmittelbar alles hinter sich, den Weg von der S-Bahn, die stark befahrene Seestraße, die man queren musste, den Geruch des Geldes. Nichts verstellt einem den Blick auf das Wesentliche: See oder was innen ist, denn man möchte ja arbeiten, am Text. Staunen über das Ausmaß von Stille und Stimmung am See, das in Überwältigung überginge, wenn man darüber nachdächte (später), aber diese Gefühlsregung hat mit Landschaftlyrik nichts zu tun.
Einmal, kurz vor halb sechs Uhr abends, holt sie das Licht, ein paar Sonnenflecken auf der Wand des Nachbarhauses auf den Balkon. Manchmal, nach vielen Stunden des Lesens oder zwischendurch auch, überkommt sie das Gefühl, dem See und seinen Lichtstimmungen nicht die notwendige Aufmerksamkeit zu widmen. (Ein bisschen so, wie sie immer wieder bemerkt, dass sie beim Zugfahren zu wenig aus dem Fenster schaut. War das früher anders? Ja! Die Erinnerung bestätigt dies auf jeden Fall. Früher gab es aber auch weniger Schallschutzmauern an den Bahngleisen. Früher konnte man aus Zugfensterblicken ganze Passagen für potentielle Romane bauen. Aber was heißt zu wenig? Sie schaut eben nicht hinaus. Weil sie die Zeit aufsaugt? Gier ist es auch, aber nicht alles lässt sich immer stillen. Vielleicht liegt es an der vermehrten Zeitungslektüre. Bei Zeitungen muss man nicht so oft aus dem Fenster schauen, vielleicht will man es auch gar nicht zwischendurch. Wenn man mit einem Buch reist, muss man einfach den Kopf heben, wer weiß.) Sie wird noch, am Ende ihres Aufenthalts, mit dem Ruderboot auf den See hinausfahren, auf eine Insel sogar. Sie wird keine Gedichte schreiben (nicht in diesem Schreibatelier und auch später kaum noch). Und nie werden die Geräusche des Sees deutlicher ihren Platz in der Erinnerung einnehmen, nachdem eine dichte Schneedecke alles, alles zugedeckt hat.

Einmal will die Schreibende wieder an den Bach gehen. Sie will eigentlich den Bach entlanggehen. Wie ein Bild, nein, eine Zeichnung, bei der das letzte Stück fehlt und das doch aus der Erinnerung angefügt werden kann. Es ist ihr Bach und der Weg von der Stelle, an der das Kind mit ihren Freundinnen spielte oder auch von jenem Platz, an dem sie mit dem kleineren Bruder ein einfaches Baumhaus baute, bis zur nahen Quelle ist überschaubar und war sie nicht als Kind öfter da entlangspaziert, -balanciert und gerannt so schnell es ging? Bis da hin, wo der Bach aus der Erde tritt, dem bis zum Ursprung des Bachs bildendem Wasser. Quelle. Wo es sprießt, entspringt, alles seinen Ursprung hat, woraus sich was?, alles! erklären lässt. Sie geht los (aber das liegt schon hinter uns, ein Bruder, der mit dem Motorrad in den Bach fällt, die Espressokanne der Nachbarin und dass der Steg über den Bach auf einmal weggenommen wurde etc.). Der Wald ist dichter geworden. Die Abzweigung zum K.-Haus ist nicht mehr gruselig, weil die Erwachsene weiß, welch arme Leute die zwei Alten gewesen sind. (Sie weiß nicht, warum sie so denunziert wurden.) Es sind nur wenige Meter. Ein paar Striche. Sie hat die breite Brücke aus Holz vergessen, über die der Bauer mit dem Traktor fährt. Am Bach entlang, es ist alles zugewachsen, hier geht niemand mehr. Im Wasser auch, es ist kalt, aber das tut gut. Wie kaltes klares Wasser immer das Beste ist, auch, wenn es vom Himmel fällt oder in kleinen Tropfen die Haut kühlt. Auf einmal ist der Bach zuende, ohne dass sie die Quelle erreicht hätte. Eine Wand, die vor ihr liegt wie dichte schwarze Folie über den Bach gespannt. Es ist nichts zu sehen. Das Blatt vor ihr. Schwarzes Gekritzel, Geschmiere? Nein, das sind einzelne Tropfen Kondenswassers auf der schwitzenden Folie, was darunter liegt? Nicht einmal eine Ahnung. Gegen die Fließrichtung sind die Versuche, den Verlauf des unterirdischen Wassers zu kontrollieren, nicht möglich. Ist es ein Unglück, nicht den eigenen Brunnen graben, besteigen und nötigenfalls trocken legen zu können? Sie hätte ein chemisches Experiment durchführen können, wie jener Natur- und Höhlenforscher bei der Schwarzen Donau, der fluoriszierende Flüssigkeit in großer Menge mit versickern ließ und über das grellgelb leuchtende Wasser in der Aachquelle beglückt waren. Oder wie im vorletzten Jahrhundert bei Duino, wo man Korkstöpseln bei San Canziano ins Wasser warf, die bei den Bocche del Timavo wieder ans Tageslicht kamen.

Patti, Saga und ich

Seit ein paar Tagen liegt das Kind auf dem Sofa, manchmal im Bett der Eltern, früh am Abend wieder in seinem eigenen. Es hat Fieber, hustet, wenn es aufsteht, überkommt ihn ein Schwindelgefühl. Das Kind ist krank zuhause und zuerst, weil W. unterwegs ist, bin auch ich die ganze Zeit da. In diesen Tagen wechselt das Wetter zwischen normal kalt und besonders warm, was ich aber nur über den Wetterbericht im Mittagsjournal mitbekomme und das eine Mal, als ich Essen besorge. Auch sonst verlasse ich die Wohnung nicht besonders häufig, nur um einzukaufen, meine Position in Richtung Kaffeehaus zu variieren, eine Runde durch das Arsenal zu drehen. Aber es ist anders, wenn die Klause unfreiwillig nicht verlassen werden kann.
Als das Fieber steigt und W. beim Kind ist, laufe ich eine lange Runde am Donaukanal zur Stadionbrücke und wieder zurück nachhause.

Patti Smith, photographed at her regular corner table in the now closed Cafe Ino, Greenwich Village, by Claire Alexandra Hatfield.

Patti Smith erzählt mir in M Train davon, wie sie immer ins Café Ino frühstücken geht, aber auch Erinnerungen an Eric Sonic Smith, ihren Ehemann und Lebenspartner, der schon vor vielen Jahren gestorben ist. Sie berichtet von ihrem Vortrag beim der Continental Drift Club, einer exklusiven Gesellschaft, die sich mit Alfred Wegener, dem deutschen Geologen, der die Kontinentalverschiebung entdeckte. Bevor sie sich auf die Reise nach Berlin zu dem Treffen des CDC (die Einladung kam handschriftlich in einem braunen Kuvert) macht, ihre Packlisten schreibt (was sie immer macht, auch schon früher), denkt sie an all die Kaffeehäuser in der Welt, in denen sie noch nie war. Café Josefinum in Wien z.B. ist mir gar nicht bekannt, aber ich denke gleich ans Josephinum der Medizinischen Fakultät, und das würde natürlich zu Patti Smith sehr gut passen. Aber das Café Zoo im Berliner Bahnhof, wo sie einige Zeit später auch sitzen wird, als einzige. Als sie ihre Bekannten fragt, ob es denn renoviert oder umgebaut wird, wissen die gar nicht, dass es überhaupt noch existierte. Das ist ja das Pressecafé*) und ich krame ein bisschen und finde…

Auf dem Rückflug hält sie in London, zieht sich in ein Hotel zurück, um tagelang Krimis zu schauen, eine neue Leidenschaft offenbar. Bei der Gelegenheit erinnert sie sich daran, wie sie zuerst The Killing gesehen hat, das amerikanische Remake der großen Kommissarin Lund-Serie. Eine der ersten Serien, die auch ich vor vielleicht sieben Jahren, sie war noch ziemlich neu, gesehen habe. (Ich schaue Serien, aber bei weitem nicht so viele wie die meisten meiner Bekannten und Freunde.)

Sarah Lund (Sofie Gråbøl)

Mit Sarah Lund in ihrem Norwegerpulli, der Einzelgängerin und manischen Polizistin ging los, was mittlerweile mit Saga Noren – Kommissarin auf der anderen Seite des Wassers, in Malmö – in Die Brücke weitergeht. Patti Smith beschreibt, wie sie sich jede Woche (sie ist ein bisschen älter als ich und schaut sich Serien offenbar ganz old school mäßig im Fernsehen an) auf die nächste Folge gefreut und gleichzeitig irrsinnig davor gefürchtet hat, wie es sein wird, wenn die Kommissarin einmal nicht wiederkommen wird. Ob Smith das dänische Original kennt, weiß ich nicht, aber kann es ihr nur wünschen. Nicht nur, dass die amerikanische Serie bereits nach der ersten (oder gingen doch zwei?) Staffel abgesetzt wurde, weil das natürlich zu grausam ist für die amerikanische TV-Realität, ist das Original natürlich unerreicht.

Saga Noren (Sofia Helian) Photo: BBC/ZDF/Carolina Romare

Ihre Freude/Sorge hat sofort jenes Gefühl in mir wieder hervorgerufen, dass ich in der vergangenen Woche hatte, als ich mir die dritte Staffel von der Brücke reinzog. Das ZDF strahlte die Serie in Doppelfolgen aus, vorab gab es schon alles in der Mediathek. Ich war so berührt wie lange nicht von der Beziehung, die sich zwischen Saga und ihrem neuen Kollegen aus Dänemark entwickelt, der nicht ganz so autistisch (Asperger?) ist wie die scharfsichtige Ermittlerin im alten Porsche, aber doch auch einen ziemlichen Rucksack zu tragen hat. Wie kann einem eine Figur derart ans Herz wachsen. Bin mir unsicher, ob ich mir noch eine weitere Staffel Saga Noren wünsche – die Wahrscheinlichkeit, dass es noch besser ist, kann ja nicht sehr groß sein. Und die Figur kenne ich ja bereits, das ist viel. Aber ich habe noch einige Kapitel M Train von Patti Smith vor mir, von der ich tatsächlich nicht vermutet hätte, dass wir uns (auch) bei dänischen Krimiserien in abgedunkelten Hotelzimmern treffen würden. Schön.**)

25.2.2016
*) Das Einzige, das ihnen bleiben wird (wahrscheinlich), ist das Bild, das der hagere Schwarze mit der Zigarre im Mund von ihnen zeichnet: auf Papier, das er im Blumenladen geholt hat. Es ist vier Uhr morgens, ich sitze im Pressecafé am Bahnhof, warte darauf, dass endlich ein Zug mich zu dir bringt. Nachrichten in den Fernsehapparaten in allen Ecken zeigen mittlere Katastrofen, Frank Sinatra singt Yesterday als Soundtrack für die stummen Bildschirme. Das Café ist fast leer. Hinten sitzt so ein verträumtes wackeliges Pärchen, ein Müllwagen müsste vorbeifahren oder einer für die Straßenreinigung, wünsche ich mir, weil ich ein bisschen müde bin und in Bildern denke, die ich schon kenne, aber dafür ists eine Stunde zu früh. Außerdem fehlt gutes Wetter, dies ist einer der letzten kalten Tage dieses Winters, soviel ist bereits abzusehen. Die Morgenstunde ist sich noch ziemlich fremd. Keine Zärtlichkeit, die verirrt zwischen uns auf der Couch sitzt, türkis im Gesicht wie der Anzug des Arabers, der seit einer kleinen Ewigkeit auf einen der Kellner einredet.
Der Zigarrenrauch des Schwarzen fliegt mir zu.

Pressecafe im Bahnhof Zoo Foto Jim Cooper

Du sollst nicht andere Paare beobachten.
This is a gift for you raschelt das Papier. Er portraitiert sie mit Kugelschreiber aus ihrer Handtasche und sie wird die Zeichnung haben und der Abend wird schöner gewesen sein als in Wirklichkeit. Das Bild zeigt vor allem ihre Augenbrauen vor allem. Ich frage mich, ob der hagere Schwarze ihr Wackeln zeichnen kann und ob der Mann, der so knapp neben ihr sitzt, froh darüber ist, seine Müdigkeit zu bemerken. Er sieht sie jetzt schon, nicht später, am Papier. Sein Gähnen wirkt so gutgelaunt.
Ganz hinten bei den Spielern rasselts einmal ganz lange und ich hätte auch mal wieder gern ein richtig großes Glück mit Münzen und Moneten. Der Kellner hat mich vergessen und der Tee wird kalt, bevor er ihn gebracht hat.
Ich gehe in den Blumenladen, hole Papier, grünes oder pinkes, egal was sie da haben, muss an den anderen Tisch, nach dem Kugelschreiber fragen. Ich schaue ihr ins Gesicht und ihm auch, ehe jeder in seinen Zug steigt oder in ein Taxi, das in Richtung Flughafen unterwegs ist. Die kleinen Koffer neben dem Tisch warten geduldig. Morgen wird sie nicht mehr wissen, wie er hieß. Je länger die Striche des Schwarzen über das Papier fauchen, desto müder wird die Gegend um ihre Augen herum, ich glaube, sogar Weinen wäre ihr jetzt zu mühsam.

A gift for my girlfriend werde ich dem hageren Schwarzen sagen und erklären, dass die Blumen die lange Reise nicht überstehen können bei der Kälte; er soll auch mein Gesicht zeichen, ein Bild von mir, der Gedanke gefällt mir, das werde ich ihm sagen. Der Mann kommt aus Madagaskar, sieht aus wie hundert und hat noch nie ihm Leben ein Bild gemalt, sehe ich, noch auf dem Weg zu ihm. Er ist ein Jazzsänger auf dem Weg in die Provinz und das Einzige, was bleiben wird von diesem Morgen im Pressecafé am Zoo, ist Kugelschreiber auf Papier, in die ich die Blumen einwickeln würde, wenn ich dir morgen welche schenkte.

Cafe Zoo

**) Ob mit Café Zoo und Pressecafé im Bahnhof Zoo wirklich identische Lokale gemeint sind, weiß ich ehrlich gestanden nicht.

Und nein, Sie sollen das Buch von Patti Smith, nicht sofort bei amazon bestellen, sondern beim Verlag direkt, Ihrer Buchhandlung oder warten, bis die deutsche Übersetzung erscheint!

Wochenende

Am Samstagvormittag läuft während eines längeren, gemütlichen Frühstücks der Radiosender Ö1, eine Sendung mit der Schauspielerin Marianne Sägebrecht, die ich, obwohl ich nicht viele Filme mit ihr kenne, sympathisch finde. Wahrscheinlich alleine deshalb, weil sie sich dem Figurendiktakt nicht unterwirft und das betrifft auch ihre Haltung zu Filmbusiness überhaupt. Unterwirft sich keinen Dikaten, lebt ihr Leben, scheint eine kluge Frau zu sein, auf sich bedacht. Allerdings ist sie auch eine begnadete Esoterikerin vor dem Herrn, was mich leicht nervt. Wir frühstücken. Nachher telefoniert W. mit Ka, die mit ihrer Familie zum Abendessen eingeladen ist. Sie erzählt ihm, dass sie alle ziemlich k.o. sind, weil sie wegen der Anschläge in Paris sehr lang wach waren, die Nachrichten verfolgt haben. Ihr Freund hat ein Jahr in Paris gelebt, sein Bezug ist noch um vieles enger als der meisten, die alle Paris ein bisschen kennen und lieben, mögen. Das ist doch auch schön, sagt W. im Telefongespräch, und ich frage später, was er damit im Laufe dieses Gesprächs gemeint haben könnte. Etwas, das nicht damit in Zusammenhang steht, ich habe es vergessen. Wir treffen Paul P. im Café Goldegg, später kommt noch seine Autorin NG dazu. Wir unterhalten uns über Fußball, Mexiko, Politisierung von Literatur bzw. die Unmöglichkeit dessen, unter gewissen Umständen. Von den Anschlägen ist nicht die Rede. Als mich Susanne wenig später darauf anspricht, weiß ich einen Moment lang nicht, was sie meint. Und ich denke, dass die beiden im Kaffeehaus vielleicht auch nichts davon gewusst haben, Buchmesse, Übernachten im Hotel, die Zeitung von heute weiß nicht, was in der Nacht passiert ist. Zuhause vertiefe ich mich in die Nachrichten, Internet, ZIB-Sondersendungen. Es ist so schrecklich, es ist kaum etwas darüber zu sagen, ich gehe in die Küche und backe Brot, als könnte mich das beruhigen. Es beruhigt auch, aber was hilft das schon. Ich muss daran denken, wie man sich über eine nervende, sympathische Schauspielerin aufregen kann, wie man immer sein Leben weiterlebt, als wäre alles ganz normal. Es ist alles ganz normal, das Umbringen von Leuten, die Raketenangriffe, der Bürgerkrieg, die Tausenden Menschen, die über die österreichische Grenze gehen, nachdem sie schon so weit unterwegs waren, dass im Hauptbahnhof ISO-Matten ausliegen, in dem Tunnel eine Zeitlang zwei Zelte standen, als wäre man am Land, es wäre Sommer, Ferien. Zwei Zelte neben den Tramgleisen, in denen Flüchtlinge übernachten. Obwohl der November verhältnismäßig warm ist, steht der Winter vor der Tür, in Ländern wie Irak, Pakistan, Algerien sterben jedes Jahr hunderte, tausende Menschen bei Selbstmordanschlägen und Raketenangriffen.
Gestern vormittag das erste Abo-Konzert, ein fulminanter Auftakt: Wiener Philharmoniker, Barenboim, Mahlers 9. Synphonie. Ein paar Tage vorher die Mail vom Konzerthaus, dass es ein Konzert zu Ehren 70 Jahre UNO/60 Jahre Österreich bei der UNO sein wird, mit einer Ansprache des Bundespräsidenten. Wir sitzen, nachdem der Mann den Sohn in die Donaustadt zum letzten Spiel vor der Winterpause gebracht hat, ich ihn im Anschluss daran aus dem Café Schwarzenberg abgeholt habe (wie vollgestopft das Kaffeehaus immer ist, nichts zu sehen von den eigentlich okay schönen Räumen, Lärmpegel der Bürgerlichkeit mit den Buben in adretten Hemden und Pullis) in einer der hinteren Reihen im Parkett. Knapp vor Heinz Fischer die Bühne entert eine Frau hinter uns ihren Platz, sie ist ganz außer sich, lässt ihre Freundin, uns alle daran teilhaben: Eine halbe Stunde habe sie einen Parkplatz gesucht, jetzt stehe das Auto in der Parkgarage (warum nicht gleich?), aber sie findet ihren Parkschein nicht, der wird wohl im Auto sein. Sie ist laut, ein bisschen schrill, nur ein bisschen schrill. Aber wir wollen nicht unzufrieden sein. Und natürlich kommt jetzt genau, was ich befürchte oder einfach nur weiß, einen Moment vorher: Sie wird jetzt ihr eigenes gutes Leben mit der Katastrophe vor einigen Stunden vergleichen. Ich bin nicht soviel besser, nur weil ich nicht über Parkplatzsorgen spreche, was ehrlicherweise vor allem daran liegt, dass ich kein Auto besitze.

16.11.15

Rauch

Wie ich, nachdem mein Mann eine Nachricht vom Flughafen geschrieben hat, dass er bereits auf die S-Bahn warte, die in einer Viertelstunde abfahren werde, ihn anrufe um ihn zu fragen, ob er nicht mit einem Car-2-go nachhause fahren könne um schneller da zu sein, wir würden mit dem Essen auf ihn warten, er aber sagt, dass er seine Karte gar nicht dabei habe, es dauere eben noch ein bisschen, bis er da sein werde, ich auflege, dann zu unserem Sohn sage, wir essen gleich, es werde zu spät, halb neun, bis W. daheim sei, er aber überredet mich zu warten, möchte bis dahin ein Spiel am Handy spielen, woraufhin ich ihm sage, was er in der verbleibenden Zeit zu tun habe: Mir die Bettwäsche geben, die ich in den Kasten im Vorzimmer verräume, auf der Leiter stehend; dann seine neuen T-Shirts von den Preisschildern befreien und in seinen Kasten räumen, aufdecken (was ich dann selbst mache), und gute Musik machen. Der Sohn stellt auf dem IPod Dylan ein, nimmt sich das Handy, setzt sich vor den Ofen, den ich doch noch einmal eingeheizt habe, freut sich über ein Update eines bestimmten Spieles („Halloween-Update! Mit Kürbissen und Totenköpfen!“), singt lauthals If Dog runs free … u.a. Lieder mit, während ich in die Küche gehe, wo mir wieder einfällt, dass ich schon am Vormittag Lust hatte, eine Zigarette zu rauchen, was ich dann wieder vergaß, wahrscheinlich war die Lust doch nicht so groß. Ich schenke mir ein Glas Bier ein, öffne das französiche Fenster in der Küche und zünde mir eine Zigarette an. Ich habe seit ein paar Wochen, zuletzt in Venedig, keine Zigarette mehr geraucht, auch in der Zeit davor wenige (Marathon), jetzt schmecken die ersten Züge fast so wie ganz am Anfang, als ich nach der Maturareise auf dem Balkon des elterlichen Hauses stand und rauchte – gut, bitter, ein bisschen stinkig, aber ich weiß schon, dass ich es mag, wenn ich mich daran gewöhnt haben werde. Wie meistens und durch die paar Schlucke Bier noch verstärkt, steigt mir die Zigarette zu Kopf, mir ist ein bisschen schwindlig, ich fühle mich gut und freue mich, dass drüben mein Sohn zu Bob Dylan singt und gleich mein Mann nach Hause kommen wird, der drei Tage in einer deutschen Kleinstadt auf einer Tagung war. Ich habe ihn nicht vermisst, aber jetzt freue ich mich so sehr auf ihn wie am Anfang unserer Beziehung, als wir noch in zwei verschiedenen Städten lebten und die Sehnsucht eine viel stärkere Wirkung hatte als die Zigarette in der kalten Luft des Herbst 2015.

5.11.2015

Halbzeit

Das Problem mit den Geburtstagen in meiner Kindheit und Jugend hat mich nie ganz losgelassen. Wenn ich an mich als Kind denke, sehe ich ein altkluges Kind, das in der Familie alleinstand und in der Schule nicht besonders beliebt war. Immer zwischen den Stühlen. In der Volksschule war ich in der Klasse der Bauernkinder, der B-Klasse. Nur Sabine, die mit ihrer Familie später nach Autal gezogen ist, wahrscheinlich kurz, bevor die erste Klasse losging, war ein Mädchen aus einer Angestelltenfamilie und sie hat auch im Anschluss das Gymnasium besucht. (Auf dem Feuerwehrfest, das ich mit Mann und Sohn vor ein paar Jahren besuchte – mitten in einem Kukuruzfeld und Heuballen sind auch die Sitzgelegenheiten, ein Woazockerfest – habe ich sie nach rund 30 Jahren wiedergetroffen: eine freundliche, lebenslustige, leicht übergewichtige Angestellte mit einem Kind, die immer noch in Autal lebt.) In der Erinnerung war sie die Einzige die mich so nahm, wie ich sein wollte, nicht, was die anderen in mir sahen, teilweise forciert von gemeinen Volksschullehrerinnen, die ihr Urteil über die Kinder schon vor dem Schuleintritt getroffen hatten. Für die meisten Kinder war ich nervend, weil ich ziemlich wissbegierig war, hatte viel aufzuholen, keine Bücher, wenig Aufmerksamkeit bis zu meinem 7. Lebensjahr. Die Freundinnen/Nachbarinnen eine Zweckgemeinschaft. In der Hauptschule war es dann ähnlich, aber da gab es Freunde, Freundinnen.
Es war so, dass die Eltern meistens unsere Geburtstage vergaßen. Manchmal konnte ich schon am Abend vorher kaum einschlafen, weil ich so derart voller Selbstmitleid darüber war. Zumindest eine Geburtstagstorte, aber die bekam niemand in unserer Familie – auch wenn gratuliert wurde, zuviel Arbeit, gar nicht in Betracht genommen. Anders war es mit den Geburtstagen der Eltern, die waren immer wichtig, ich bastelte, überlegte, dichtete. Der Vater tat sich immer schwer damit (auch heute noch), ein Geschenk anzunehmen, manchmal musste man ihn nach Stunden daran erinnern/ihn bitten, dass er es öffnen sollte. Wann das Bewusstsein darüber einsetzte, weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich eben in der Volksschule, als auf einmal Geburtstagsfeiern anstanden. Ich war nicht besonders oft zu einer eingeladen – die andern Bauernkinder feierten wahrscheinlich auch nicht alle, es war gar nicht allgemein verbreitet, in der Hauptschule dann schon eher. Alles problematisch: Ein Geschenk zu kaufen – wer gab einem das Geld dafür? Die Eltern sahen das ja eigentlich nicht ein, dass sie für ein fremdes Kind Geld ausgeben sollten. Und selbst eine Party schmeißen, wenn man noch nie auf einer war, von den Eltern (der Mutter) keinerlei Unterstützung zu haben ist, und man selbst nicht weiß wie: Es ist ein bisschen wie Sex, dann funktioniert es schon, auch beim ersten Mal. Man muss aber halt auch wollen, mögen, Lust haben. Die Angst, dass zu wenige Kinder kommen und man weiß dann nichts miteinander anzufangen. Dass sich die Eingeladenen langweilen. Dass sich irgendwer in der Familie unangemessen aufführt, dass die Gäste mitbekommen, dass wir nicht einfach eine normale Familie sind, dass immer etwas sein kann. Dass den anderen die Einrichtung schräg vorkommt (das Haus war ja über ein Jahrzehnt nicht fertig), dass es draußen dreckig ist, dass man selbst irgendwie nicht souverän genug ist. Ein Spaß war es nie, das bleibt.

27.10.15

Index 4 (Arbeiten)

Holz aus dem Keller holen und die Milch vom Nachbarbauern.
Meine Lieblingstante schenkt mir ein kleines Waschbrett. Manchmal wasche ich damit die Kleidung meiner Puppe. Nach dem Umbau des Elternhauses wird im Keller ein Waschraum eingerichtet; ich lege das Waschbrett neben die neue Waschmaschine.
Den Arbeiterinnen Most, später Most mit Wasser oder gespritzten Weißwein, schließlich nur mehr Mineralwasser aufs Feld bringen.
Den Traktor in der Spur halten, damit die Arbeiterinnen von der angehängten Maschine aus die Pflanzen in die Erde stecken können.
Vor der Schule bei der Salaternte helfen.
Statt der Schule vor Allerheiligen Chrysanthemen auf den Friedhöfen verkaufen helfen.
Am Markt Gemüse verkaufen. Ich bin elf und habe kurze Haare. Die meisten Kunden halten mich für einen Buben, was mir einerseits gut gefällt, weil ich so ernstgenommen werden will wie meine Brüder, gleichzeitig kränkt es mich. Ich bin ein Mädchen. Das Marktcafé Färber ist schon in der Früh ziemlich verraucht. Ich trinke Kaffee und esse ein Reingerl zum Frühstück, manchmal eine Käsesemmel vom Milchstand und im Sommer immer ein Cornetto Vanille auf der Fahrt nachhause. In der Mittagshitze fahren wir mit offenen Seitenfenstern.
Den großen Ofen einheizen, damit es im ganzen Haus warm wird.
Regelmäßig nachheizen.
Um dem samstäglichen Hausputz zu entkommen, den ich gemeinsam mit meiner Mutter zu erledigen habe, engagiere ich mich in der Katholischen Jungschar, zuerst als Kind, später als Leiterin einer Gruppe. Bin sogenannte Führerin. Die Treffen sind jeden zweiten Samstag um drei, vorbereiten muss man auch einiges.
Ein paar Sommer lang um neun Uhr die Jause, um halb eins das Mittagessen und abends um sechs wieder eine Jause für die Arbeiterinnen zubereiten. Es gibt drei oder vier verschiedene Suppen, immer Fleisch und am Freitag gebackenen Fisch, Scheiterhaufen oder Reisauflauf mit Kompott. Die Vormittagsjause wird nach Jahren abgeschafft.
Einen Sommer lang ist der Geschirrspüler kaputt und obwohl ich zwei- bis dreimal täglich Geschirr für zehn bis vierzehn Leute abwasche, abtrockne, ein- und ausräume, schwimme ich so viel wie nie im Freibad, das es heute nicht mehr gibt.
Ich möchte meiner Mutter gerne sagen, dass sie hin und wieder die Massen an Zeitungen, Zeitschriften und Werbeprospekten verräumen könnte, weil ich mich vor meinen Freundinnen für die Unordnung in der Küche geniere.
Hemden und T-Shirts bügeln.
Schuhe putzen vor der Messe am Sonntag.
Mit dem Geld meines ersten richtigen Ferienjobs kaufe ich mir teure weinrote Schnallenschuhe (600 öS). Eine Gruppe von jungen Frauen in kitschigen Dirndlkleidern verteilt Werbegeschenke auf Wahlveranstaltungen der ÖVP Steiermark. Ich bin die einzige Schülerin, die anderen studieren alle bereits. Wir fahren in Kleinbussen durch das Land, einmal besuchen wir die ehemalige Fastschwiegermutter bei Schladming. Schnaps. Die Tochter des Spitzenkanditaten ist auch dabei, sie ist schwanger. Sie ist lustig und zuversichtlich. Ihr Leben kann ich mir nicht vorstellen. Ich schäme mich jeden Tag ein bisschen mehr und am Ende des Sommers kann ich die neuen Schuhe nicht tragen.
Weil es viel länger dauert als angenommen, bis ich mein Stipendium bekomme, fange ich in der zweiten Woche meines Studiums im McDrive zu arbeiten an. Sie haben mich sofort genommen. Studentinnen werden besser behandelt als Ausländer und Ausländerinnen. Kurz vor Mitternacht radle ich in mein frisch bezogenes Untermietzimmer. Nach jedem Dienst liege ich mindestens zwei Stunden wach. Der Geruch, die Beleuchtung, die Beine tun mir weh. Auf der Weihnachtsfeier werden die Angestellten gerügt, weil sie angeblich Rohfleisch essen, und weil es in den Umkleidekabinen immer unordentlich sei. Die Frauen bekommen gefälschte Louis-Vuitton-Handtaschen geschenkt. Der Name sagt mir nichts, ich nehme meine nicht mit nachhause.
Umfragen zur Zufriedenheit im Einkaufszentrum.
Messen.
Ich nehme an einer Informationsveranstaltung über Schabenbekämpfung in Thailand teil. Ob nichts daraus geworden ist oder mir der Gedanke, als Schädlingsbekämpferin nach Asien zu fahren, auf einmal doch zu absurd erschien, weiß ich nicht mehr. Ich fahre nicht nach Asien.
Einen Sommer lang arbeite ich in einer Hausbar eines Familienressorts an einem Kärntner See. Weißbier und weiße Spritzer, Künstler, Neureiche, altkluge Kinder. Die geräucherten Fische sind besonders gut, alle männlichen Einheimischen über vierzig halte ich für Nazis. Ich rudere mit dem Boot hinaus, um meine Ruhe zu haben. Noch reichen meine Lateinkenntnisse, um Kindern von Gästen Nachhilfe zu geben, das wird nicht extra bezahlt. Ich schlafe im Zimmer der Wirtstochter, die im Wohnzimmer übernachtet, als sie ihren Vater besucht. Der Wirt baggert mich an, neben meiner ehemaligen Lehrerin, die seine Freundin ist und mir den Job vermittelt hat. Kochen muss ich auf einmal auch. Kaiserschmarrn am Seeufer.
Deutschunterricht für vier polnische Klosterschwestern. Ich fahre per Autostopp zur Arbeit, manchmal ist es knapp, aber ich schaffe es immer rechtzeitig zu Unterrichtsbeginn.
Den historischen Buchbestand der Germanistischen Bibliothek aufnehmen.
Führungen auf der Bayerischen Landessaustellung.
Karten verkaufen.
Am Telefon Auskünfte erteilen.
Mein Schreibtisch ist mitten in einem Szenelokal. An ein paar Abenden spiele ich mit dem Gast aus Berlin im selben Raum eine Partie Billard. Mit den Künstlern Tequila trinken (In der Vorstadt.) Die Teambesprechungen sind morgens um neun, ich stehe kurz nach halb auf, dusche kurz und lege den Weg durch die Altstadt im Laufschritt zurück. Im zweiten Festivalsommer meckert der Intendant, dass ich mit den kurzrasierten Haaren kein angenehmer Anblick bin.
Ein blinder Mann diktiert mir Gedichte und seine Lebensgeschichte.
Wie viele Jobs ich vergessen habe.
Wir sind zu dritt in dem winzigen Zimmer, es gibt drei Telefonapparate, manchmal stehen Filmkisten herum, einmal fahre ich mit einem Regisseur durch mehrere deutsche Städte. Um mir die Arbeit in der Verleihfirma leisten zu können, führe ich Filme vor. An den 35-mm-Projektoren werde ich halbwegs eingeschult. Während einer Vorstellung für eine Kindergartengruppe, bei der die Filmrollen knapp zuvor angeliefert wurden, bemerke ich schon während der Film läuft, dass die letzte Rolle und somit der Schluss fehlt. Ich stelle mich vor die empörten Kinder, lehne den Vorschlag einer Kindergärtnerin ab. Sie will gleich aufbrechen, erfreut über etwas gewonnene Zeit. Ich erzähle den Kindern den Film zu Ende, entlasse sie erst dann. Weil der 16-mm-Projektor eine undurchsichtige Apparatur für mich ist, zerstöre ich an einer der letzten Kopien von Bergmanns Das Schweigen ungefähr fünf Minuten. Immer wieder reißt der Film. Zuschauer entern den Vorführraum, um sich zu beschweren. Ich erreiche niemanden telefonisch, der mir helfen könnte. Ich mache immer weiter. Es hätte nur ein Rädchen umgelegt werden müssen. In stundenlanger Arbeit rette ich zwei Minuten vom Anfang. Immer wieder Time of the Gypsies, Underground und Arizona Dream. Was macht eigentlich Emir Kusturica heute? Am öftesten Der Himmel über Berlin von Wim Wenders. Touristen und Menschen, die allein ins Kino gehen. Natürlich auch Karten und Eis, Bier und Cola verkaufen, die Leute einlassen, zusperren.
Ein Büro in der Altstadt. Ich weiß wirklich nicht, worin meine Aufgaben bestehen. Ich erledige sie, ich pendle aus Berlin ein, ich bekomme ein Mobiltelefon, damit ich einen halben Tag später kommen kann. Wenn das Telefon auf dem Beifahrersitz liegt, habe ich das Gefühl, es strahlt zu mir herüber. Ich nehme es immer wieder in die Hand, um nachzuschauen, ob ich den Anruf meines Chefs verpasst habe. Weeping Song von Nick Cave, die abgetragene Bikerjacke meines kleinen Bruders. Ich bin weg.
Als ich zum ersten Mal in meinem Leben arbeitslos bin, fahre ich nach Montpellier, um einen Französischkurs zu machen, und nach Marseille, um endlich zu schreiben. Stattdessen lese ich Johnsons Jahrestage.

Zuerst veröffentlicht in der Grazer Literaturzeitschrift Lichtungen.

In der Mitte

Spätnachts sitzen ein paar Jugendliche in der Nähe des Ententeichs. Einer von ihnen, schüchterne Koteletten im Gesicht und hohe Stimme, der viel liest und Comics liebt, ist ein zukünftiger Versicherungsmann. Shakespeare mag er nicht, wie ich es gerne hätte, anderes, ich weiß nicht mehr was.
Er ist siebzehn, wie die anderen auch.
Meine Freundin M. ist da, wie immer in Schwarz (dicker Kajalstrich, Kleidung, große Männerschuhe), ihr Haar ist rot gefärbt und lang, wie alles an ihr: Nase, Arme, der nach vorn drängende Oberkörper. Sie redet wenig, und was sie anderen erzählt, kommt mir fremd und angestrengt vor. Bald ist sie weg.
Wir haben Heimweh nach uns selber, weil keiner sein kann, wie er ist, jeder bloß die Eigenschaft seiner Umgebung spiegelt.
S. lebt in der Betonsiedlung in St. Peter, was sie ebenso interessant macht wie ihre Herkunft und ihr Schlafzimmerblick. Sie könnte Architektin werden oder Kleider entwerfen.
Manchmal schleiche ich mich zu dem verfallenden Häuschen, wo die Dichter wohnen. (Schneeflockenbaum, Blumen-Hartriegel, Kornelkirsche, Gemeiner Perückenstrauch, a virtually unknown figure. Es ist dunkel, die Dichter sind ausgezogen, dabei hatte einer vor kurzem gerade noch erklärt: „Das ist einer der entscheidenden Texte der Gegenwart.“)
Die Jugendlichen am Ententeich verbindet in der Nachlässigkeit des Parks, dass sie jung sind, das reicht natürlich. Nur träge und in Zeitlupe gebildete Wörter dringen zu mir durch. „Hinter der hohen Mauer befindet sich ein wunderschöner, echt geheimnisvoller Garten.“ An der Stelle gerne eine Pause. Vielleicht kichert irgendwer, das kommt vom Kiffen.

Kurtine (frz.) ist ein schönes Wort für den Weiler aus dem 9. Jh.v.Chr., Freiraum mitten in der Stadt, Wall zwischen zwei Bastionen etc.
Nicht erst seit heute weiß ich, dass der sogenannte Pfauengarten als Parkplatz von den Landesbediensteten genutzt wird. Wenn ich mit meinem Bruder (Abt. III oder IV) morgens in die Stadt fahre, nehme ich den Umweg über Pfauengarten, Burgtor und Glacis in die Schule, um nicht zu früh zu kommen.
Da es keine toten Winkel gibt, eignet sich das Glacis nicht als Deckung für die Angreifer.
Nicht lange her, da wäre nie in diese Richtung, immer nur: Milchstand (führt auch Eis), Gleisdorfergasse, mit der Mutter ins Kleidergeschäft der Schwestern. In den Park nie, der lag schon außerhalb des selbst gesteckten Radius’; weder Sinn noch Anleitung für kultivierte Natur.
Ulmengewächse aus dem Kaukasus, Rosskastanien, Amerikanischer Tulpenbaum aus der Familie der Magnoliengewächse, Gingko, herzförmige Blätter des Blauglockenbaumes, natürlich Zaubernussgewächse: die Grazer Gruppe.
Der Ententeich ist ein Bumerang.
(Als ich das Forum endlich betrete, ist es nicht wiederzuerkennen: viel Glas, weiße Wände und eine große Terrasse. Die Funktionäre und Referenten haben alle gewechselt, auch wird jetzt nicht mehr geschrieben und gelesen, sondern Konzepte in den Raum gestellt; ein Mehrspartenhaus. Einmal fällt der Satzteil Der schönste Arbeitsplatz der Stadt aus mir heraus. Den Irrtum bemerke ich bald, dann wird das Jahr – 12 Monate, die Woche zu 3 ½ Tagen – mit Paketband verschnürt und verräumt.)

Tagsüber sitze ich am Ententeich (eig. Schanzgraben) unter Müttern mit Kindern, zwei oder drei Vätern. Die Stadt hat die Kurtine freilegen lassen, will Wohnungen und Büros bauen, an einer Mauer fragt ein Transparent in den Stadtpark hinein: Wessen Recht auf Stadt?!
Junge Leute, die so aussehen wie wir damals, nur in den Klamotten von heute, lagern auf den Wiesen. Sie sind ausgestattet mit Fahrrädern, Gitarre, Slackline, Bier, Jausenbroten, Decken, Sonnenbrillen, Jonglierzeugs, Dreadlocks und Feuerzugen mit Aufdruck (Der Standard), Tätowierungen, die man schon gut herzeigen kann an einem warmen Aprilnachmittag. Zukünftige Versicherungsleute, Designerinnen, Freizeitpädagogen.
Nein, die Dauer war ein Gefühl,/ das flüchtigste aller Gefühle.
Manche wickeln ihre Geschäfte am Telefon ab.
Nur ein Mädchen M. wird wieder weggehen und nicht zurückkehren, nie.
Warten, dem Zorn der Zeit/ mit Gegenzorn begegnen.
Jemand hat auf die weiße, nicht mehr ganz saubere Wand des Forums geschrieben: Denkt selbst.


(Mit Zitaten von Klaus Hoffer,Gunter Falk, Peter Handke, Alfred Kolleritsch und Franz Hanselmayer.)

In: Österreich-Atlas. Mit Fotografien von
Anton Kiefer. Hrsg. von Anna und Jochen Jung. Jung und Jung, Salzburg, 2014.

Geschichte für Maruan

Als ich endlich mit meinem Sohn telefoniere (zuerst, als ich anrufe, steht er unter der Dusche, dann ruft er zurück, aber ich höre das Läuten in meiner Tasche nicht und als ich wiederum anrufe, liegt er schon im Bett und das Licht in seinem Zimmer ist bereits ausgeschaltet), als ich endlich mit ihm telefoniere, sage ich zu ihm, dass ich in Greifswald bin, da antwortet er: Und ich habe Andrea gesagt, dass du in Berlin bist. Ein mit leichtem Vorwurf gesprochener Satz, auf den ich erwidere, dass ich am Vormittag noch in Berlin war und nun, nach zwei Stunden Fahrt, im Norden, fast an der Ostsee bin, am Meer, und dass hier auch andere Autoren sind und dass einer von ihnen Maruan heißt, fast wie er, und mein Sohn sagt: Neuerdings (ich glaube, dass ich dieses Wort zum ersten Mal aus seinem Mund höre), neuerdings, sagt mein Sohn Marian, spielt ein Marian Kada bei Dortmund, habe ihm sein Freund Emil erzählt (weil die Verbindung nicht besonders gut ist, verstehe ich den Nachnamen des Spielers nicht, aber ich frage auch nicht nach, trotz der schlechten Verbindung unterhalten wir uns noch eine Weile).
Ich stehe in einem Hof in Greifswald und mein Sohn liegt in seinem Bett im ersten Stock unserer Wohnung in Wien; bei ihm leuchtet das Licht einer Straßenlaterne, das in unregelmäßigen Abständen ausfällt, durch sein linkes Fenster ins Zimmer und der eigentlich dunkle Greifswalder Innenhof ist von Miniaturstraßenlampen und dem Licht aus Wohnungen und dem Stiegenhaus beleuchtet.

Schau!

Für das Projekt Ganymed Goes Europe sollte ich einen Text zu einem Gemälde aus dem Kunsthistorischen Museum Wien verfassen, der vor diesem von einem Schauspieler interpretiert wird, Teil eines Stationentheaters mit 14 Bildern und 23 SchauspielerInnen, Musikern, Tänzern.
Für mich ist es die zweite Zusammenarbeit mit der Regisseurin Jacqueline Kornmüller, die mir vier Jahre zuvor für das erste Spektakel dieser Art ein Bild vorgeschlagen hatte, nämlich die Kreuztragung Christi und Kind mit Laustuhl und Windrad, Vorder- und Rückseite eines kleinen Altarbildes von Hieronymus Bosch. Das Zusammenspiel aus Bild, Text (Ein Kind seiner Zeit), Inszenierung und Interpretation durch Schauspielerin Katrin Grumeth empfand ich als ein kleines Glück.
Es gibt kaum einen Ort mitten in Wien, der einen Erwachsenen so einfach bezaubert wie das KHM an einem Montagvormittag, an dem das Museum natürlich geschlossen ist: Nicht die Aufseherinnen bewegen sich langsam von einem Raum zum anderen, sondern Menschen, die man ansonsten nicht zu Gesicht bekommt und die wichtig für den Museumsbetrieb sind. Transportkisten stehen herum, Wände werden frisch gestrichen, Bilder umgehängt. Bei meinem ersten Rendevous, das noch ein Blind Date ist, besuche ich die Alten Meister zwar an einem gewöhnlichen Wochentag, aber dies ist nur der erste Termin in einer schönen Reihe. Diesmal möchte ich ein großes, ein bombastisches Bild, vielleicht einen Goya oder doch einen Velázquez, keinen Monolog will ich schreiben, sondern etwas Mehrstimmiges und aus der Perspektive eines Mannes. Als ich durch die Gemäldegalerie streune, sind mir die Bilder alle fremd.

Dann aber sehe ich mein Bild, und dieses Sehen ist eine Art Erkennen ohne noch zu wissen, was. Ich nehme es aus dem Augenwinkel wahr, genau so, wie ich es schon öfter gesehen habe. Das Bild hängt neben dem Eingang, ich bin oft schon daran vorbeigekommen, ich habe es öfter schon betrachtet, aber ich habe es noch nie genau, tatsächlich angeschaut. Es ist ein für mich bekannt-unbekanntes Bild, gleich schon nicht mehr so unscheinbar wie bisher. Auf dem Dreiviertelportrait von Tizian sind zwei Männer zu sehen, einer fast vollständig im Dunkel, einen Arm sieht man, und seine andere Hand am Hals (am Krawattl) des zweiten. Beide Männer tragen eine Waffe: Dafür muss man schon genauer hinschauen. Ich mache dann, was die meisten Menschen tun, wenn sie sich Bilder in einem Museum anschauen: Ich lese die Bildunterschrift. Angeblich verbringt der durchschnittliche Museumsbesucher elf Sekunden vor einem durchschnittlichen Kunstwerk. Wenn man dann noch einen Blick auf die Legende wirft, bleibt nicht viel Zeit für die eingehende Betrachtung. Ich lese den Titel, Il Bravo, ital.: Scherge im Auftrag eines Herrn, ich lese von Tizians Lehrer Giorgione, von Bacchus, Pentheus, Gaius Lusius und Trebonius. Dass die Szene nicht befriedigend gedeutet sei, steht da auch.

Ein Auge zudrücken. David Oberkogler/Ensemble Ganymed.
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Foto von Herbert Wimmer

Es ist der Blick des jungen Mannes, der mich anzieht, der in mich hineinschaut, und den ich erwidere. Es ist eigentlich unerhört, aber ich bin das Gegenüber dieses blonden Mannes, der vielleicht vor 500 Jahren in Venedig gelebt hat. Und weil ich diesen Blick ergründen und verstehen möchte, fange ich an zu recherchieren und zu lesen, anders geht es bei mir gar nicht. Schauen alleine reicht nicht? Ja, schon, aber vorher muss ich doch wieder etwas wissen, das ich dann idealerweise vergesse, aber …
Nicht nur, aber natürlich vor allem in der Bildenden Kunst ist die Frage des Blickes immer auch eine der Macht. Die Geschichte der beiden Männer hat mit Macht UND Sex zu tun, aber man weiß nicht, an welchem Punkt der Erzählung genau wir uns befinden; noch leben beide, aber im nächsten Moment? Die Bedeutung der Zeitlichkeit in der Darstellung wird mir in der Betrachtung dieses Bildes so bewusst wie nie zuvor. Und hat wirklich Tizian das Bild gemalt oder hat er nach dessen frühem Tod eine Skizze Giorgiones fertiggestellt, möglicherweise ein Motiv von seinem Lehrer aufgenommen? Wenn es nun ein Simile wäre, eine der Vorlage im Format, in der Komposition und auch in den Farben angenäherte Wiederholung oder die Replik eines Giorgione-Bildes, so müsste man sich doch inhaltlich wie auch formal mit dem Kopieren in Kunst auseinandersetzen. Ein einmal schon gedachter Gedanke wird wiederholt und ist doch in jeder Fassung neu. Immer wieder besuche meine Jünglinge, diese Halbfiguren, deren Umrisslinien verschwinden, abgeschwächt sind, schattiert, betrachte die Übergänge der Farben, die starken Kontraste des Lichtes, des Hell-Dunkel. Wir werden gemeinsam fotografiert, während nebenan die Gemälde von Lucian Freud verpackt werden.
Zuerst bewege ich mich auf Umwegen. Ich diene in der römischen Armee, in irgendeinem der vielen Lager, vielleicht im Latium. Ich will das Verhältnis zwischen Drill und Erotik ausloten, den Moment begreifen, in dem aus einem (wenn auch einseitigen) Spiel Ernst wird, sich in der gegenseitigen Zuneigung und Ablehnung der Augenblick ereignet, in dem es kein Zurück gibt. Beide sind bereit zuzustechen, aber nur einer wird es tun. Und ist es gewiss, dass der Mörder der Täter ist oder ist eine Konstellation denkbar, in der sich die Tat wenn schon nicht entschuldigen, so doch halbwegs erklären lässt? Zuerst ist alles klar, ich sehe es ja, das Bild zeigt sich und spricht mit mir; im Laufe der Auseinandersetzung entgleitet es mir nach und nach, damit ich neu beginnen kann.

Ein Auge zudrücken. David Oberkogler/Ensemble Ganymed.
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Foto von Herbert Wimmer

Opfer-Abo. Im Nachspiel eines Prozesses, in dem ein Wettermoderator der Vergewaltigung an seiner damaligen Geliebten angeklagt und aufgrund von Zweifeln freigesprochen wurde, fiel es: Auch Frauen könnten genuin böse sein und durch eine Falschbeschuldigung dem Mann schaden wollen. Das wäre doch eigentlich sehr praktisch und passiere häufig. Dieses Wort, obgleich vor Monaten in Nachrichten aufgeschnappt, findet jetzt von selbst seinen Weg in meinen Text. Das ist doch, unabhängig von der Tatsache, dass zwei junge Männer auf dem Tizian-Bild zu sehen sind, die Geschichte, die ich hier sehe. Diese Ebenen will ich in meinem Text zusammenbringen, und dann: Der Schauspieler David Oberkogler trägt eine sandfarbene Uniform, darüber eine kugelsichere Weste. Er lässt sich auf sein anziehendes Gegenüber ein, dazwischen schreit er Drillkommandos des römischen Heeres (die ambivalente Toleranz sowohl der Homosexualität gegenüber als auch der Respekt für den Untergegebenen, der sich nicht zum sexuellen Sklaven machen lässt, dafür tötet), er schmeichelt und bittet. Später wird er die Rolle und die Position wechseln. Die Weste ablegen, durch Angriff verwundbar werden. Er verkörpert beide Männer, und er ist Opfer und Täter hintereinander und aber auch gleichzeitig, er ist die Leinwand, und was darauf gemalt ist, aber auch jene Schichten, die dahinter liegen und mein Blick darauf. Die Redewendung des Titels, Ein Auge zudrücken, stammt aus dem Englischen (Turning a blind Eye) und wird Lord Nelson zugeschrieben, der in der Schlacht vor Kopenhagen mit seinem blinden Auge (er hatte es drei Jahre zuvor verloren) durch ein Teleskop schaut, das vereinbarte Zeichen nicht sehen kann – und also den Befehl verweigert. Erfolgreich.
Gute literarische Texte sind immer auch solche über das Schreiben, manchmal über das Erzählen, hin und wieder spielt das Zuhören eine relevante (erzählerische) Rolle. Eine Bildbetrachtung ist glücklichenfalls ein Stück Literatur über das Schauen, das Hin- und das Wegschauen, Sehen, Über-Sehen. Groß in seinen Ausmaßen ist dieses Bild nicht, aber was es (mir) alles zeigt! Wie wunderbar, wenn man gemeinsam mit einer Regisseurin und einem Schauspieler und doch jeder für sich derart Blicke werfen kann.
Der Text schaut dich an und du: Betrachte das Bild (länger als 11 Sekunden).

Schön, dass im November Ganymed Goes Europe im Kunsthistorischen Museum wieder aufgenommen wird. Infos und Karten hier.

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