Prosa

Selmas Brief

Selma träumt wenig, beim Aufwachen denkt sie an ihre Schwester Chiara und daran, was der Journalist über sie sagte. Wie kam er dazu? Ihr erster Reflex war, dass sie das nichts anging und Verwunderung, wie lange es gedauert hatte, sich an die andere zu erinnern. Schwester. Inmitten der weißen Bettwäsche, die auch beim Aufwachen gut riecht, weiß sie, dass ihn das nichts angeht. Schwester. Sie stellt fest, dass die Telefonnummer, die neben „Eltern“ geschrieben steht, nicht funktioniert und besorgt sich Briefpapier. Chiara, geflüsterte Frage, auf die ich dir nie geantwortet habe. In M. geht Selma auf den jüdischen Friedhof, zum jüdischen Friedhof, dann schreibt sie darüber in einem Brief: Heute war ich auf dem jüdischen Friedhof. Stauden, höher als ich. Mitten auf dem Friedhof eine Mauer, darin sind Grabplatten eingelassen, Teile, Bruchstücke. Zwischen hohen Gräsern und verblühtem Violett und Weiß schauen Grabsteine hervor, darauf ein Davidstern, die Platten neu. Bei einem Eingang zum Friedhof liegen umgestürzte Äste. Überhaupt holt sich die Natur diesen Friedhof, seine Reste. Das Gras steht so hoch, dass man den Eingang gerade so benützen kann. Nachher muss ich mir anhören, dass einzelne Grabsteine für den Wiederaufbau einzelner Häuser verwendet wurden und bin froh, in älterem Gemäuer zu hausen. Der Gedanke an derlei Fundamente macht die Hässlichkeit des Ortes um einiges unglaublicher, schwerer zu fassen. Die Erleichterung allerdings bleibt. Berta, die Grande Dame meines zufälligen Aufenthaltes hier, hatte mir den Schlüssel gegeben. Ich spaziere immer herum, es ist schön.

Selma spaziert immer herum, am nächsten Tag setzt sie den Brief fort: wo bist du gewesen? Nein, du hast nicht gefragt, wo ich war, das werden dir ja die Eltern erzählt haben. Wie es war, wolltest du wissen. Wo und wie? Ich bin im Krieg gewesen.

(Ich im Krieg.) Diesen Satz konnte ich dir nicht sagen, diese Worte mit diesem unfassbaren Sinn konnte ich niemandem sagen. So unerhört war das für mich, dass ich es nicht aussprechen konnte. (Und auch jetzt, da ich daran denke, dir alles zu sagen, fühle ich mich wie der Aggressor, als würde ich dir zufügen, was damals passiert ist um mich herum.) Militärflugzeuge über der Stadt. Niedergewalzte Autos am Straßenrand, umgefahrene Laternenmasten, eingeknickt, verblüht, zersplitterte Gartenzäune.
Ich war schon ein paar Wochen im südlichsten Süden. Na, was wir halt Süden nannten oder besser die, die damit ihr Geld machten. Praktizierte meine Dienstbotenschaft. Dass die Landschaft schön ist, war mir gar nicht recht, diese Schönheit war mir auch zu protzig. Das Wasser war so klar, das man immer das Gefühl hatte, bis auf den Grund des Sees schauen zu können, obwohl der tief ist wie ein Meer, manchmal bin ich in der Mittagspause hinausgeschwommen. Wenn ich nicht aufpasse, gerinnen diese Wochen zu ein paar schönen Mittagsstunden. Das grüne Blau des Wassers ungeheuerlich. Die Frische jeden Tag neu und überraschend. Ich spürte meine Umrisse ganz deutlich. Da wurde ich eine Person mit Körper und Kopf. Klarheit, sicher. Bin an manchen Tagen ganz in mich hineingetaucht, das wusste ich aber erst viel später und später wusste ich auch erst von der Kontur, und wie wichtig es ist, dass Außen und Innen voneinander zu trennen sind. In einem langen schmalen Gebäude waren die Mädchenzimmer ganz hinten. Und obwohl immer die Sonne schien, obwohl ich mich gar nicht daran erinnern kann, dass es jemals regnete, weil Kälte oder Nässe oder ein Schauern nicht in die Stimmung, nicht in so einen Sommer passten, wie ich ihn da vorgefunden habe als etwas, das allen gehörte, aber hier nur denen, die dafür bezahlten, war mir kalt, wenn ich mich nicht bewegte. Höhlenartig die Konstruktion, eine dunkle Rezeption, Plastiktische auf der Terrasse, mit jedem Tag stieg die Wut auf diesen Schlurf, in dem wir hausten. In der Küche gab es keine Fenster, nur den sehr lauten Abzug und eine Tür ins Freie. Da standen der Koch oder seine Gehilfen, die Abwäscher und ein paar der Kellner, aber nur die Männer, und rauchten und schauten auf die Betonwand, die da mitten im Hof stand, ich habe nicht verstanden warum. Sie redeten alle nicht so viel, aber schauen konnten sie.
Die Gäste (Männer) fuhren mit dem Boot auf den See, brachten Fische, die in einem kleinen Ofen auf der Terrasse gegrillt oder geräuchert wurden, eine Spezialität am Wochenende. Was sie mit den restlichen Fischen taten, Unmengen nach ihren Erzählungen, weiß ich gar nicht. Ihre Frauen lagen derweil in Liegestühlen, sehr braun, beschwerten sich über das ewige Fischen. Immer gleich. Das Haus war voll. Die wenigen Leute aus dem Ort, mit denen man sich unterhalten konnte, waren stolz darauf, dass sie in einer Gegend mit der höchsten Selbstmordrate lebten und taten so existenzialistisch um anzudeuten, dass auch sie dazu fähig wären. Ich glaubte ihnen allen nicht, brachte sie aber dazu, alten Wein aus den Weinkellnern ihrer Chefs oder Väter zu besorgen. Abends standen alle an der Bar. Die Gäste (Männer) redeten über das Fischen und ihre Frauen beschwerten sich darüber, dass die den ganzen Tag draußen waren zum Fischen und abends dann kein anderes Thema kannten zum Reden. Jeden Abend, jeden Tag. Jedenfalls, ich bin gefahren. Heute weiß ich nicht mehr, ob etwas Spezielles vorgefallen war oder ob sie nur ihre gewöhnlich rassistischen oder sexistischen Witze machten. Kurz vorher hatte der Landeshauptmann gesagt, dass die Regierung in der Hauptstadt, also weit, weit weg, keine ordentliche Beschäftigungspolitik zusammenbringe. Das wurde im Wirtshaus diskutiert wie eine Option. Auf einmal hatte ich es nicht mehr nur skurril gefunden, ich mitten im Grauen. Ich war 19, Berlin sollte die neue Hauptstadt Deutschlands werden, mein Freund wollte hin. Ich wollte in den Süden, in den wirklichen.
Bestimmt kannst du dich erinnern. Eine Blechkolonne floss bei glühender Hitze den Stränden zu. Wir fuhren ans Meer. In meiner Erinnerung sind wir ewig geblieben, hast du einen Sommer lang mit Steinen gespielt, unser Vater wollte dir das Schwimmen beibringen, aber du wolltest immer nur sitzen, im Sand hocken den ganzen Tag, das Wasser ist um dich herumgeflossen, und ich dachte da: ein komisches Kind, warum rennt es nicht herum? Heute denke ich, dass du einfach noch zu klein warst für meine Auffassung des Sommers oder für jenes unseres Vaters von Kindheit. Steine, eine schlabberige Kappe, die am Ende des Urlaubs ausgebleicht auf der Hutablage lag, die Mutter hob alles auf, um sich zu erinnern. Sie sagte dann: für euch Kinder. In meiner Erinnerung war ich goldbraun und meine Haut fühlte sich immer warm an, das war angenehm und prickelnd der Gedanke, dass die Burschen das auch bemerkten. Zum ersten Mal war ich in einer Disco. Da wollte ich jetzt hin und ich borgte mir von einer Arbeitskollegin ein Auto. Mein erster Text für die Öffentlichkeit, das heißt für meinen Chef und auch für die Kolleginnen ging so: Opa Schlaganfall, ich drei Tage Urlaub, einmal ihn noch sehen. Haben mir alle geglaubt.
Morgen geh ich auf die Burg. Machs du gut, inzwischen.

In M., drei oder vier Tage nach diesen Zeilen, kann Selme wieder einmal feststellen, dass sie keine gute Touristin ist. Hat keine Probleme, in der Papierhandlung ein- und auszugehen und sich alle Zeitungen zu holen, die es hier gibt. Aber den Wanderweg, also den offiziellen Wanderweg herausfinden, Öffnungszeiten bedenken und sich eine Dauerausstellung mit Interesse bis zum Ende anzuschauen, gelingt ihr nicht. Auf die Burg ging sie trotzdem und ungefähr dachte sie: eine Burg eben, eine Burg, aber das Marschieren tat gut und sie kehrte zurück zu den Zeilen an Chiara, kleine Schwester: Ein paar Tage war ich mit dem Auto unterwegs, ein roter Renault Kombi, der so groß war, dass man darin zu zweit gut übernachten konnte. Allerdings war das Auto voller Hundehaare, komplett voll und nach der ersten Etappe war ein halbes Kilo heller Haare auf meiner Rückseite affichiert, juckte es in den Kniekehlen und sonst auch überall. War aber egal. Ich war aufgebrochen in ein Land, das ich immer noch in den Farben der Super-8-Filme sah, die früher Onkel Heinz gedreht hatte. Erinnerst du dich an seine Freundin Gabrielle, die Französin? Kennst du die Filme? Keine Erinnerung an unsere Routen. Mir war in diesen Tagen nie in den Sinn gekommen, dass ich abgehauen war, davongelaufen. Ich fühlte mich heldenhaft, weil ich mich befreite, gleichzeitig herrschte in meinem Kopf die allergrößte Selbstverständlichkeit. Ging aber nur im Geheimen. Ich hätte diesen Männern (Gäste!) keine Wahrheit ins Gesicht sagen können. Die Männer waren die Arschlöcher und die Frauen kamen nicht vor. Die anderen Kellnerinnen waren hart im Nehmen, sie waren konsequent, aber sie waren Kolleginnen, von ihnen fühlte ich mich nie bedroht. Den rechten Politiker, vor dem uns in der Schule schon die Deutschlehrerin gewarnt hatte, haben sie zwar abgewählt, aber er kam ja immer wieder, brauch ich dir nicht zu erzählen. Einmal sagte er, dass seine Auferstehung nach der von Lazarus wahrscheinlich die spektakulärste war. Mittlerweile haben sie ihn selig gesprochen, das machen sie dort selber. Partei und Familie. Wie hatte ich in einem solchen Land leben können? (Dachte ich damals. Überzeugt, dass dieser Zustand nicht mehr lange andauern würde. Und lebe doch immer noch, lebe wieder hier.)
Den Laden der Eltern wollte ich nie übernehmen. Zwar haben sie mich nicht gezwungen, immer nur Vorschläge gemacht. Und einen angeschaut dabei, als müsste man ihnen sehr dankbar sein. Jetzt hatte ich mein Praktikum abgebrochen, ohne dass jemand davon wusste. Ich verbrachte ein paar Tage am Meer, eine kleine Halbinsel, Kleinstadtidyll, das gar nicht so sehr an jenen Süden von vor ein paar Jahren erinnerte. Wie nahe dieses harmlose Paradies dem Wahnsinn doch war, in den ich gerade eben noch wie eine Dienstbotin geschickt worden bin. Eine Familie gab mir ein Zimmer, das hatte ein Fenster auf den gerade noch blühenden Garten, der voller selbstgebastelter, windschiefer Möbel war. Das Land sollte ja unabhängig werden, in diesen Tagen. Ich habe nicht viel darüber nachgedacht. Verstand erst langsam jene Aufregung der Eltern, als die Mauer fiel, die Erleichterung, den Jubel. Sah erst nach und nach die größeren Zusammenhänge. Unabhängigkeit, das hat mir sehr gefallen. Panzer gegen junge Menschen, gegen Demokratie, gegen die freie Meinung, Zukunft. Die Bilder von Tian’anmen hatten mich aufgeweckt aus meinem kindlichen Schlaf, vielleicht erst jetzt. Unruhe war zu spüren, auch eine leise Feierlichkeit; und auf einmal war ich ganz fröhlich, hier zu sein, war es etwas Besonderes und wir (mein Freund Markus, den du den Langen nanntest, und ich, die in Ljubljana auf ihn wartete) würden das erste Mal in unserem Leben an einem bedeutenden historischen Ereignis teilhaben. Nach Berlin können wir immer fahren, hatte ich ihn überredet: Es war schließlich Sommer. Ursprünglich wollten wir uns an seinem Zeugnistag in einer kleinen Stadt kurz vor der Grenze treffen und mit Zug und Autostopp weiter Richtung Kroatien. Jetzt gab es einen Plan B, Treffen in Ljubljana, eine Woche früher, Hotel Park, niemand durfte etwas davon wissen. Ein Geheimnis. Ins Weite, ins Blaue. Ich wollte nur dahin gehen, wo mir niemand etwas anzuschaffen hatte, weg von diesen Idioten, denen der Sabber um den Mund hing, wenn sie einen im Badeanzug trafen, weg von dem trotteligen Chef, dessen größte Freude frisch polierte Aschenbecher waren. Der seine Freundin oder Frau mit Freundinnen seiner Tochter verarschte und mit seinem Nazinachbarn Kreditraten verhandelte für den Zubau. Weg aus diesem braunen Sumpf. Kalkulierte Wiederbetätigung wurde süffisant bedauert. Es war so ekelhaft. Was für ein Geheimnis. Ich war 19 und hatte seit ein paar Wochen den Führerschein. Ich war in einer unübersichtlichen Stadt gelandet, alles war gut, es war sehr aufregend. Das Meer wartete auf mich und ich wartete auf meinen Freund und wir würden den Sommer in Jugoslawien verbringen und ich würde meinen ersten Roman schreiben oder Gedichte und vielleicht würden wir gar nicht mehr zurückkommen.
Am Mittwoch sollte die Unabhängigkeit ausgerufen werden, einen Tag vorher war ich in L. angekommen. Einer redete von den tausendjährigen Träumen, die nun in Erfüllung gehen sollten, auf Deutsch. Der Platz vor dem Parlament war voll mit Menschen, es war ein warmer Sommerabend und als die Feier begann, donnerten Militärflugzeuge im Tiefflug über die Stadt. Die Stimmung blieb freundlich, die Leute waren aber nicht so ausgelassen, wie sie es hätten sein sollen, es war auch ein bisschen gespenstisch, aber ich dachte, am nächsten Tag würde alles vorbei sein und das Land frei. In der Früh erzählte der Kellner in der Hotelbar von den Soldaten, die mit Waffen zur Panzerabwehr auf den Plätzen der Stadt unterwegs waren, von den Rekruten mit Maschinenpistolen im Anschlag, nichts war vorbei. Panzer rollten auf die Stadt zu. Straßensperren. Ich hatte ein Zimmer im 8. oder 9. Stockwerk, ein Doppelzimmer, in dem die Betten nicht nebeneinander, sondern Kopf an Kopf standen, ein schmales Zimmer mit einem winzigen Bad. Ich saß am Fenster und schaute auf die Burg, dann wieder, immer wieder auf den kleinen Platz, über den man von der Lobby aus das Restaurant erreichte. Wenn ich das Fenster aufmachte, war nichts zu hören. Alles ruhig. Eine Stadt ohne Geräusche. Diese Stille machte mich sensibel für meine Angst. Ich wusste nicht, wie viel davon in einem drinnen sein kann. Die Telefonleitungen im Hotel funktionierten die ganze Zeit. Auch das Faxgerät. Ich rief niemanden an. Ein Geheimnis. Ich wünschte mir eine Idee, wie es weiterginge, per Fax oder telefonisch, ich rechnete damit, dass Markus mir absagen würde. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass jemand von außen sich vorstellen konnte, wo ich mich wirklich befand. Dieser Ort war jetzt kein Geheimnis mehr, dieser Ort und ich mit ihm hörte auf zu existieren. Reise in den Süden. Ein paar Urlauber waren noch im Hotel. L. war eine belagerte Stadt. Die Tiefgarage des Hotels wurde zum Luftschutzkeller. Ich dachte an den Krieg, den ich peripher über den Fernseher konsumiert hatte. Die Straßen waren verbarrikadiert und über dem Zentrum war ein Hubschrauber abgeschossen worden. Im Kopf Schwarzweißbilder von Luftschutzkellern mit kleinen Buben, die Hosenträger zu den kurzen Hosen trugen. Verschüttete. Einige der alten Frauen in der Tiefgarage dachten auch daran und ich glaube, sie redeten immer wieder darüber. Im Zentrum der Stadt in einem Land, das sich im Krieg befindet. Da gab es auch keine Farben mehr, vor allem aber gab es keinen Weg ins Freie für mich.
Denke ich jetzt daran, ist es eher wie in meiner Wohnung oder in meinem Leben und das ist das Gleiche: Ich versinke immer. Die Mutter hatte damals gesagt, sie habe mich, von einem Panzer überfahren, in einem fremden Auto, am Straßenrand, an der Autobahn gesehen. Auch abgeschossen durch ein Seitenfenster; getroffen von Granatsplittern. Ich war ihr vorher schon abhanden gekommen. Oder sie mir. Zurückkommen war dann nicht mehr möglich. Zu dir hätte ich durchdringen wollen, aber was wissen wir voneinander? Du warst ein kleines Mädchen, das ich beschützen wollte vor der Welt, vor all dem Bösen, das dir Sterntalerin nicht zuzumuten war, vor den Eltern, dieser grimmigen Einheit, gegen die nicht anzukommen war. Nach einer Weile hätte ich nur mehr sehr viel schlechtes Gewissen für dich gehabt und was hättest du damit angefangen. Später sah ich dich auf der Elternseite, vollkommen infiltriert, dabei wusste ich gar nichts von dir. Wieso hatten wir immer nur Fremdheit füreinander übrig, als hätte es die ersten zehn Jahre nicht gegeben? Von da an war ich ja ausgestoßen und, cara Chiara, ich habe auch dir die Schuld gegeben. Weil du immer meine kleine Schwester geblieben bist, die im kommenden Herbst mit dem Gymnasium anfängt. Mit der erfolgreichen jungen Frau, die so oberflächlich und gut organisiert, aber in erster Linie zielsicher ihre Zukunft ansteuerte, wollte ich nichts zu tun haben. Ich sah in deinem Gesicht das Funkeln unserer Mutter, deren Überzeugung, alles richtig zu machen und ich erkannte auch den Vater, geschwätzig und stur und doch immer kleingeistig dabei. Was ich nicht alles sah in dir.
Im Hotel Park kam nie ein Fax für mich an und weißt du, Markus habe ich auch nie wieder gesehen. Ich habe ihn verstanden, sicher, wer wollte schon ins Kriegsgebiet reisen?, aber ich konnte nie begreifen, dass er sich gar nicht bemühte, unser Geheimnis, das dann eben nur mehr meins war, für sich zu behalten. Ich hatte auf ihn gewartet, am Freitag kam er nicht, am Samstag kam er nicht. Die anderen Österreicher und Deutschen waren alle abgereist, bis auf einen, der den Kriegshelden spielen wollte, ich hatte Angst vor ihm und für ihn, so etwas wie Abscheu fühlte ich auch. Er konnte sich auf Serbokroatisch unterhalten, aber Slowenisch sprach er nicht, immer lief in der Bar der Fernseher und es war schwer auszuhalten, dass das, was man auf dem Bildschirm sah, draußen und um einen herum Realität war. Auf einem deutschen Radiosender redeten sie von dem Pulverfass. Was ich auf die Stadt und ihre unmittelbare Umgebung bezog. Wie groß und tief dieses Fass war, konnte ich im Hotel Park in Laibach überhaupt nicht erkennen. Der Flughafen nahe der Stadt wurde bombardiert und angeblich wurden auch private Autos beschossen. Zivilfahrzeuge, was für ein Wort. Ich war auch mit einem Zivilfahrzeug unterwegs, und zwar mit dem roten Renault Kombi von Marlies, einer freundlichen und immer gut gelaunten Kellnerin, die bis in den Oktober Riesentabletts zehn oder mehr Stunden täglich in den Gastgarten, in die Gaststube schleppen würde und zusätzlich an zwei Abenden in der Woche in einer Diskothek auf der anderen Seite des Sees hinter der Bar stand, um im Winter nach Indien zu reisen, wie schon in drei Jahren vorher.

Altweibersommer. Selma trinkt in dem Kaffeehaus, das zu einer Blumenhandlung gehört, regelmäßig Tee, nur wenig überrascht, dass er ausgezeichnet schmeckt, sie gar nicht an den russischen Tee erinnert, den ihre Eltern vor vielen Jahren in der Speisekarte stehen hatten und der fast immer mit Zitrone oder Rum getrunken wurde. Die Veranstalterin und ihren Mann oder das junge Paar trifft sie nie in diesen Tagen, das verwundert sie, und dann auch wieder nicht, mag an den verschiedenen Tagesabläufen zu tun haben. Niemand, der einem Beruf oder einer Ausbildung nachgeht, kann so viel spazieren und wandern wie sie in diesen Tagen. Und die Pensionistinnen, die ihr immer wieder über den Weg laufen und die auch im Café beim Blumengeschäft verkehren, würden das konditionell nicht schaffen. Außerdem sehen sie darin wahrscheinlich keine besondere Notwendigkeit, haben ihre Wege, die kleinen. Nach einer Woche, in der sie keine Zeile geschrieben hat, ruft sie ihren Verleger an und erzählt ihm von dem Roman, den sie gerne so schnell wie möglich veröffentlichen würde und sie verabreden sich, sobald er und sie wieder in der Stadt sind. Es ist nicht wahr, dass sie keine Zeile geschrieben hat, aber ihre Zeilen an die Schwester werden nicht in das Buch hineinfinden, da gehören sie nicht hin.


Cara Chiara, ich mache hier regelmäßige Spaziergänge und darüber ist eigentlich kein Aufhebens zu machen, aber wenn wir uns besser kennen würden, wüsstest du, was es mir bedeutet, jeden Tag in dieses saubere übersichtliche Zimmer zurückzukehren. Ich esse regelmäßig und gut, wehre mich aber, mich von Berta, meinem Schutzengel, vollends mästen zu lassen. Ich fühle mich wohl und bin gar nicht erschrocken über eine Art des dezenten Familienanschlusses oder auch meine Funktion als Ersatz, denn ihre Enkelkinder, die auch schon in meinem Alter sein müssen, sind in alle Winde verstreut und auch wenn sie sie regelmäßig besuchen, fehlen sie doch sehr. Sie glaubt, ich schreibe. Als ich ihr Wirtshaus betrat, hat sie mich angenommen, unter ihren Schutz und Schirm. Ich hatte ihr erzählt, dass ich ein bisschen frische Luft tanken will, bevor es wieder weiterginge. Ein bisschen den Kopf auslüften. Sie schickt mich auf verschiedene Wege, ich kenne schon einiges an Gegend. Die Trafikantin kennt mich mit Namen und mir ist das gar nicht unangenehm. Ich habe mir Turnschuhe besorgt und seither marschiere ich eher als dass ich flaniere. Manchmal denke ich an unsere Mutter, aber es interessiert mich nicht besonders, wie sie ihre Tage verbringt. Was ist mit der Wirtschaft? Schon verkauft? Verpachtet? Das hat nichts mehr mit mir zu tun und ich bin wirklich froh. Es würde mir leid tun, wenn ich dir alles aufgehalst habe, was wir uns doch teilen hätte können. (Wenn ich diesen Satz lese, kommt er mir falsch vor, entschuldige. Ich mag aber nicht mehr versinken, ich mag nicht mehr untergehen. Deshalb wähle ich jeden Tag einen neuen Weg, einen, bei dem es etwas zu schauen gibt. Obwohl das gestern Gesehene ebenso neu ist und unbekannt. Ich will nicht untergehen.)
Der Kriegszustand hatte sich in mir breitgemacht. In der zweiten Nacht war ich in ein großes Zimmer im ersten Stock gezogen, eigentlich waren es zwei Zimmer, mit protzigen, hässlichen Möbeln, einem großen Badezimmer ohne Warmwasser und ohne Aussicht. Da wartete ich noch auf meinen Freund. Später wartete ich darauf, dass etwas geschehen würde. Etwas, dass die Situation verändern würde. Ich wartete natürlich auf das Ende, ich lernte aber in diesen Tagen und Stunden, dass immer Krieg sein würde. Wie lächerlich war, was hinter mir lag und wie sinnlos würde sein, was noch kommen konnte. Wenn ich jemals aus diesem Zimmer, aus der Hotelbar, aus der Parkgarage hinauskommen würde. Ich verbrachte vier Tage im Hotel Park, das den offiziellen Betrieb in diesen Tagen eingestellt hatte und das sich gar nicht wie Europa gelegen anfühlte, aber in Wahrheit hatte ich damals und auch heute keine Ahnung, was das sein sollte, Europa. Was es sein wollte. Da dies möglich war und um mich herum geschah. Heute exportiert Europa seine Grenzen in diese Nachbarländer. Die erledigen unsere Polizeiarbeit. Dafür dürfen sie teilnehmen.
Ein paar der Kellner und Kellnerinnen, Zimmermädchen lebten jetzt in dem Hotel wie ich. Wir blieben aber Fremde. Manche sorgten sich um mich, rieten mir endlich abzureisen, es gab auch misstrauische Blicke oder solche, die ich nicht verstehen konnte. Ich war in ein Loch gefallen, ein paar schauten mir nach, wir verstanden uns ja alle nicht. Bis zu dem Tag der Unabhängigkeitserklärung hatte ich ein Tagebuch geführt. Ich wollte ja Dichterin werden und ich brauchte Stoff und Inhalt und alle meine Gedanken musste ich festhalten, damit sie in meine Texte eingehen können und Großartiges auslösen. Ob ich Gedichte schreiben würde oder Romane, darüber hatte ich nie nachgedacht. Jetzt blieben die Seiten leer. Schade, aber das denke ich erst heute. Ich weiß, dass die Vorurteile dir gegenüber auf der Tatsache beruhen, dass du das Kind unserer Eltern bist, und dass das ziemlich unfair ist, insgesamt. Vielleicht führe ich ja ein Selbstgespräch. Dennoch erwische ich mich in den letzten Tagen bei dem Gedanken, ein Nachhausekommen könnte möglich sein. Zu dir. Was für eine Zumutung das sein muss für dich, verzeih mir.
Früh ging es am Sonntagmorgen aus der Stadt hinaus, wir fuhren in Richtung Norden, und dann irrten wir den halben Tag um die Stadt herum. So kams mir vor: Als umkreisten wir Ljubljana, dabei wollte ich doch weg. Wollte ich das? Zertrümmerte Lkw am Straßenrand, wie hätte ich wissen sollen, was alles zerstört werden konnte. Wie hätte ich wissen sollen, wie das ist: Ferngesteuert durch eine Landschaft fahren, die ganz und gar versehrt ist und damit meine ich gar nicht die Reste der Barrikaden und die angeschossenen Wracks, aber die meine ich auch. Wir waren unsicher, wohin es gehen sollte. Den ganzen Tag verbrachten wir, denn ich hatte den Kriegshelden mitgenommen, der mich doch nur beschützen wollte, der genausowenig wie ich wusste, was als nächstes passieren würde, den ganzen Tag verbrachten wir fahrend, dann wieder wartend und mit anderen Fliehenden redend, auf und vor allem neben der Straße. Übernachteten in einem Wald. Am nächsten Tag änderte ich die Richtung, kurz nach Mittag traf ich in Triest ein. Allein. An der Grenze kontrollierten sie uns gar nicht, winkten uns durch und riefen nur, auf Italienisch und dann in einem Deutsch, das mich an unsere Großtante erinnerte und an ihr deitsches Reich, schauts, dass aussi kummts. Der Kriegsheld hatte mich nach der Grenze verlassen, wir hatten uns die Hand gegeben und gar nichts gesagt.

Liebe Chiara, ich bin immer noch hier, ich weiß in Wahrheit nicht, warum, es tut nur so gut. Mit der heutigen Übernachtung habe ich mein Honorar von der Lesung in dem Kulturzentrum aufgebraucht, ich lebe über meine Verhältnisse und mache mir keine Gedanken, wie es weitergeht, so war es seit jeher. Es kommt mir wie ein Geständnis vor, wenn ich dir erzähle, dass ich ein paar Jahre kaum mehr aus der Stadt hinausgekommen bin. Hin und wieder eine Lesung, sogar zu Podiumsdiskussionen werde ich eingeladen, auch jetzt noch, obwohl meine letzte Veröffentlichung schon fast fünf Jahre her ist. Aber spätestens am nächsten Morgen sitze ich wieder im Auto oder im Zug, treibt es mich nachhause, dieses Zuhause ist schrecklich. In diesem Zuhause sind die Schwierigkeiten, sich auszubreiten, die allergrößten. Seit ich den Kampf gegen das Erinnern aufgegeben habe, wächst mir alles über den Kopf, sprichwörtlich. Da konnte ich zu dir nicht mehr hindurchschauen, und dieser Blick wäre der einzige mögliche gewesen. Schwestern. Ich weiß, dass diese biologische Verbindung für dich nicht wichtig ist. Familie. Keine Ahnung, was das noch soll. Aber wir haben ein paar Jahre gelebt, zählt das? Vielleicht haben wir sogar nur uns. Pathetische Worte denke ich, wie ich sie nie schreiben würde. Was alles. Hinschreiben, denn es ist nur ein Brief? Du bist die Einzige, mit der ich reden will. Es sollte keine Ausrede sein für mein jahrelanges Abtauchen, für mein Verschwundensein. Ich habe versagt als große Schwester, das weiß ich. Ich wollte dennoch erzählen. Der Rest ist nicht mehr so wichtig. Ich kam zurück, nachdem mein erstes Buch erschienen ist und ich, wie es sich für eine junge Schriftstellerin, naiv und hoffnungsvoll, gehört, geglaubt habe, jetzt würde meine große Karriere starten. Dass ich immer noch als Schreibende lebe, erstaunt mich immer wieder, es ist eine Form des Alltags geworden. Ich habe mir bald geleistet, weder Vorlesungen zu halten noch sonst zu unterrichten, aber das war vielleicht nur meine Angst vor der permanenten Konfronta¬tion mit den immer jungen Leuten, mich hat es nach ein paar Jahren immer disparater gemacht, dieser stete Beginn, dieser Anfang vom Anfang und es ist doch schon alles verloren.
Sei mir gut, trotz allem, was ich dir erzählt habe und trotz meines Schweigens, das ziemlich lange gedauert hat. Deine Selma
PS : Als ich das erste Couvert an dich schicken wollte, stellte ich fest, dass ich deine Adresse nicht habe. Wenn das keine Schande ist. Unsere Mutter weiß die genaue Anschrift nicht, auch nicht besser. Ich werde Detektive losschicken, um dir diese Zeilen zukommen zu lassen. Ach, Chiara, es sollte sich alles ändern zwischen uns.

Der Aufbruch aus dem Gasthof Stadtkrug fällt Selma schwer und leicht. Wie lange nicht hat sie das Gefühl, neu anzufangen, woanders anzusetzen, diesmal. In Selmas Nase vermischen sich ein Parfum aus ihrer Kindheit und der Geruch von Wirtshausküche und altem Holz, der drahtige Körper scheint sich zu dehnen, als Berta darauf besteht, dass eine Umarmung zu ihrem Abschied gehört. Wenig später fährt Selma durch den runden Bogen des Hoftores, die Wirtin steht in der Tür, die Hände auf der tadellos weißen Schürze übereinandergeleg und die Abreisende ist fast ein wenig enttäuscht, dass die alte Dame ihr nicht winkt, dann muss sie lachen und fährt davon. Zu dem Kindheitsparfum und der Wirtshausküche, zu dem alten, ein bisschen schmierigen Holz gesellt sich die Erinnerung an geschnittenes Heu, an warmes Reisig, an die Luft beim Auftauchen aus dem kühlen Wasser. Fährt nachhause. Ohne sich vorzunehmen, dass alles anders werden muss, sie anfangen müsse, auszuräumen, endlich sortieren. Sie könnte ein paar Pflanzen wegschmeißen, das ja. Das wird kurz nach der Auffahrt auf die Autobahn ein Entschluss, den sie vorsichtig, vorsichtig für sich formuliert, mach dich nicht lächerlich, mach dich nicht krank. Einfach nur die toten Pflanzen. Tote Tiere würdest du auch nicht aufheben, siehst du. Sie imaginiert den Tonfall ihrer Schwester. Sie erfindet deren besänftigenden Monolog in dieser Sache. Hätte sie gern. Und wirklich, nachdem sie angekommen ist, geht sie in ihre Wohnung und schafft zwei Palmen, einen Gummi¬baum (bescheuerte Pflanze, auch ausgetrocknet) und mehrere Kakteenge¬wäch¬se in ihren Kofferraum. Stellt fest, dass sie die Rückbank umlegen kann und dadurch den Kofferraum wesentlich vergrößert. Wieder steht sie in ihrem Vorraum, streift durch Küche und Wohn-/Schlafzimmer und Bad und packt die kleinen Blumentöpfe, in denen vor Jahren etwas geblüht hat, in eine Plastikkiste. Die befüllt sie dreimal. Sie räumt sogar einen sehr hohen Stapel Zeitungen zur Seite, um an ein Gewächs, das wahrscheinlich seit sehr langer Zeit keine Blätter mehr hat, zu gelangen. Parcours. Dann sitzt sie mit der Post der vergangenen Tage im Auto und schaut die paar Rechnungen durch, Kopien von Besprechungen und eine japanische Ausgabe ihres ersten Romans. Wie schön. Fast hätte sie nicht die Kraft, das vertrocknete Grünzeug wegzuschaffen, aber der Gedanke, dass der Innenraum des verlässlichen Gefährts zuwächst wie ihre Wohnung, bestärkt sie denn doch, den Mistplatz anzusteuern, den Weg dahin lässt sie sich von ihrer Freundin am Telefon erklären. Es fühlt sich gut an, ein sportlicher Mann in oranger Latzhose hilft ihr äußerst charmant beim Ausladen und bietet an, sie könne den Staubsauger benutzen, er sieht freundlich über die Abfälle im Vorderen des Wagens hinweg, die immer noch da sind, als Selma und er bereits alle Pflanzen in den großen Container geschmissen haben, aber Selma sagt: Ach, ich muss sowieso an der Tankstelle vorbei zu einer Generalreinigung. Und weil sie einigermaßen erstaunt ist, wie leicht ihr dieser Satz über die Lippen gekommen ist, macht sie das auch. Sie fährt zu einer Tankstelle, entmüllt ihr Auto, saugt gründlich und wischt mit einem Spezialtuch, das sie im Shop kauft, die Armaturen und die Fenster innen, dann fährt sie noch in die Waschstraße. Diese Aktion kostet sie ihr letztes Bargeld, sie ist guter Dinge.

Selma sitzt im Kaffeehaus, das sich in direkter Nachbarschaft zu ihrer Wohnung befindet. Hier kann sie ihren Kaffee auch ein andermal bezahlen, was sie nicht häufig macht, weil es ihr unangenehm ist, aber hin und wieder ist es schon vorgekommen. Sie will mindestens dreitausend mehr Vorschuss als beim letzten Mal, wenn sie davon ausgeht, dass ungefähr gleich viele Bücher verkauft werden, ist das Geld nach zwei Jahren, spätestens drei hereingespielt, kein besonderes Risiko für den Verlag also. Sollte der Verleger nicht einverstanden sein, würde sie das Angebot einer jungen Verlegerin andeuten, mehr nicht. Sie war zu früh gekommen und je länger sie wartet, desto unsicherer wird sie. Nicht doch viertausend mehr? Dann Panik, vielleicht gibt er nur so viel wie für die letzten beiden Bücher. Es ist lange her, dass sie sich gesehen und gesprochen haben, sie weiß auch nicht mehr, wie er tickt. Selma bestellt Schwarztee. Mit leuchtend weißem Hemd und im schwarzen Anzug entert der Verleger das Kaffeehaus, er sieht nicht aus, als wäre er eben acht Stunden im Zug gesessen oder hätte einen halben Tag mindestens auf der Autobahn verbracht. Er wirkt auf Selma jünger als beim letzten Mal und sie sieht nicht nur die Vorschusshöhe gefährdet, sondern überhaupt eine weitere Zusammenarbeit, darauf war sie nicht vorbereitet, sie fühlt sich zerknittert und alt. Der Verleger strahlt sie an, er ist sehr freundlich, will sofort eine Flasche Sekt oder Champagner bestellen um auf das neue Buch anzustoßen, aber sie haben weder Sekt noch Champagner im Kaffeehaus, der Verleger sagt: Dann brauchen wir aber den besten Weißen, den ihr habt und die Kellnerin bringt ihnen den Wein, den Selma manchmal trinkt, wenn der Hauswein aus ist. Das Geheimnis seiner Jugendlichkeit liegt anscheinend in seiner zweiten Karriere als Marathonläufer, über die Literatur habe er zum Laufen gefunden, aber jetzt könne ihn nichts mehr retten. Autoren schreiben Bücher, fangen dann an zu rennen, zwangsläufig folgen Bücher, in denen es ums Laufen geht, um den langen Atem, run. Dann liest ein Leser ein Buch übers Laufen und fängt selber damit an. Freundschaft zwischen Autoren und Verlegern ist nur auf der Laufstrecke möglich, immerhin über vierzig Kilometer, das ist nicht wenig. Heute verlegt der Verleger selber Bücher über diese Rennerei, nur er selber hat noch keins geschrieben, kann sich nur um ein Versehen handeln. Selma fragt sich, ob er mit seinem Gesicht etwas hat machen lassen. Sie soll erzählen. Selma redet über vergangene Sommer, über Aufbrüche oder den Wunsch, alles hinter sich zu lassen, damit es anfangen kann. So wie es oft gewesen ist. Die Geburt Chiaras und das Kriegsrecht in Polen hingen unmittelbar miteinander zusammen, auch wenn für sie zuerst die Ankunft der kleinen Schwester mehr und sichtbare Veränderung brachte. Sie hat sofort die Bilder vom Stubenwagen im Kopf. Bis zur Geburt lag ihre Puppe darin und ein kleiner Hase, alles in Sepia gehalten, die großen Ornamente auf den Röcken oder Kleidern ihrer Mutter, deren Schwester, die Bilder aus Danzig kennt sie nur aus der Zeitung, und das muss ja auch später gewesen sein. Wie alles zusammenhängt, wie alles zusammengehört, wie es aufeinanderfolgt, auch wenn Jahre dazwischen liegen. Damals hatte schon eine Zukunft angefangen, es lag an diesem kleinen Baby, mit dem nichts anzufangen war, es lag daran, wie die Erwachsenen miteinander redeten, warme Strahlen auf der Haut und ein paar Menschen, von denen du weißt, sie sind in der Nähe. Aber die Älteren brauchten auch ein Immer, um die nächste Zeit halbwegs würdevoll zu überstehen oder zu begleichen. Allem mussten sie ein Pickerl draufkleben, lebenslang. Wie sie Häuser gebaut haben und im Garten saßen ganze Wochenenden, die Plastikpools aufgestellt haben, alle paar Jahre einen etwas besseren, etwas stabileren, aber für ein in den Rasen eingelassenes Betonbecken hat es dann doch nie gereicht. Ist alles nicht mehr kompatibel, sagt Selma, der Rest ist bekannt. Rien’ne va plus. Das Strahlen des Verlegers verrutscht um keinen Millimeter. Er holt aus zu einer weitgeschwungenen Rede (denkt Selma): Zuerst einmal. Du hast einfach keine Lust über einen unfertigen Text zu sprechen, stimmts? Weißt ja, was ich davon halte. Es ist so wichtig, dass sich die Künstler damit auseinandersetzen. Und nicht vor den Karren spannen lassen, das ist meine Meinung. Du gehörst zu den allerwichtigsten Autoren unseres Hauses, auch wenn wir nicht immer den gleichen Ausgangspunkt haben, unterstütze ich dich voll und ganz, keine Kompromisse, das bleibt das Wichtigste, ich stehe voll hinter dir, wollte ich noch einmal gesagt haben. Das war die Rede? In einem Roman von dir wird das ja vielleicht weniger realistisch daherkommen, kann das sein? Ich bin sehr gespannt, sehr neugierig. Ich bin froh, dass du wieder schreibst. Wieder was veröffentlichen willst. Ich hab übrigens einen Vorschlag. Wie wäre es, wenn du wieder einmal in diese Maison Raymond fahren würdest? Da kannst du vollkommen ungestört und konzentriert den Text fertigmachen. Und wenn du, er tippt etwas in sein I-Phone, gut vorankommst, könnten wir den Roman im nächsten Herbst bringen. Ich weiß, das ist jetzt kurz. Selma unterbricht ihn, sie sei schon so gut wie fertig, der Text müsse noch ein wenig liegen, dann würde sie noch einen Durchgang machen, zu Weihnachten liege ihr Manuskript auf seinem Gabentisch. Und, Maison Raymond? Wie wäre das für dich? Da hast du schon einmal einen Bestseller geschrieben.
In dem wunderschönen Dorf im schweizerischen Jura, wo sie immer wieder gedacht hatte, sie sei ja eigentlich in Frankreich und es ist ja auch die Grenze nicht sehr weit weg, ein paar Kilometer nur. Sie hatte alle Restaurants in dem kleinen Dorf aufgesucht (es gab wahrscheinlich nur eines oder zwei) und die in den umliegenden Nestern, Bauerndörfern, keinen Städten, die früher von der Eisenindustrie, vor allem aber von der Landwirtschaft gelebt haben, und in den Gemeindewirtshäusern und Restaurants, in den Boulangerien und Cafés aß sie günstig und gut wie in Frankreich, immer Plat du Jour; stundenlang streifte sie durch die Wälder, anfangs irritiert über die Vielzahl an Möglichkeiten und auch die legere Beschriftung, die sie immer wieder, vor allem in den ersten Tagen leicht nervös gemacht hatte, aber sie verirrte sich nicht und wenn sie sich verirrte, wenn sie an einer anderen Stelle aus dem Wald herauskam, als sie erwartet hatte, dann war es auch gut. Die Wälder erinnerten sie an jene ihrer Kindheit, aber vielleicht waren es eher die Wiesen, die sie so sentimental werden ließen, dass sie sich, wenn sie aus dem Wald auf eine blühende Wiese schritt, sich fühlte wie eine Märchenfigur, stundenlang konnte sie alleine gehen ohne einen Menschen zu sehen und die Wälder waren in einem guten Zustand, wurden genutzt, das sah man, so dass sie sich manchmal ein paar hundert Jahre zurück wähnte, und also im Märchen, da sie ja an die Geschichte nicht glaubte. Einmal pflückte sie sogar einen Wiesenstrauß, konnte gar nicht anders, und den Strauß von Wiesenmargariten und anderen Blumen, die sie seit urlanger Zeit nicht mehr auf einer Wiese mit hohem Gras blühen gesehen hatte, stellte sie auf ihren Schreibtisch. Auf jenes kleine Holztischchen, an dem sie in der ganzen Zeit nie saß, nur manchmal verfasste sie vor dem Haus eine Notiz, an die sie keine Erinnerung hat und die bestimmt nicht in den Roman, den sie danach veröffentlichte, hineingefunden hat, wahrscheinlich kontemplative Gedanken über die gut erhaltenen Wälder, über die Männer, die sie beim Holzschlag (Coup des Bois) angetroffen hatte oder über die Rehe, die nicht besonders scheu knapp vor ihr ins Gestrüpp gesprungen waren, dunkelbraune Rehe mit schwarzen Haaren auf dem Kopf. Ein Dichter arbeitete in derselben Zeit ein paar Tage oder eine Woche in der Maison, ein dezenter, genauer Mensch, der am Ende seines Aufenthaltes voller Freude erzählte, dass er jetzt den Roman, an dem er ein oder zwei Jahre gearbeitet habe, vernichten werde, in den Mistkübel seines Computers damit. Richtig fröhlich war er und Selma freute sich mit ihm über seine Großzügigkeit, seine Courage, die beiden doch auch sofort wieder ganz selbstverständlich war. Mit guter Farbe im Gesicht und auf den Armen von den stundenlangen Wanderungen fuhr sie wieder nachhause, aber ohne eine einzige Zeile, ohne ein Konzept oder eine Idee, die einen Anfang gemacht hätte für den Roman, den sie ein paar Wochen später dem Verlag schickte und von dem der Verleger nach ein einigen Gläsern Wein sagte, er spüre die Luft des Jura und er rieche die Walderde, wahrscheinlich hatte sie ihm davon auf einer Ansichtskarte geschrieben. Und Selma wollte ihm entgegen: Du riechst die Moneten, oder? Aber sie konnte ihn nicht kränken, er war ein umsichtiger Verleger, der sie machen ließ, was sie wollte. Eine gute Entscheidung für alle Beteiligten. Sie hatte ihm sicher auch geschrieben, dass sie fleißig arbeitete und viel ging und am Schluss des Textes hatte sie hingeschrieben: verfasst in der Maison Raymond, April 2002.
Aber wenn du meinst, dass du das wieder einrichten kannst für mich, spricht sicher nichts gegen einen Arbeitsaufenthalt in der Westschweiz. Was war denn das zweite? Zum zweiten. Zum zweiten, ich hab ja gar nicht gewusst, dass du eine Schwester hast!
Eine Obdachlose, wie ich.
Nach der Flasche Wein lädt der Verleger sie ins Restaurant gegenüber ein und während des Essens besprechen sie die finanziellen Belange. Selmas Forderung winkt der Verleger zwar nicht ab, aber er beteuert, das noch mit seinem Finanzchef abklären zu müssen (als sei nicht er der Verleger, sondern sein Angestellter, der für ihn die Kalkulationen machte), er sei aber einigermaßen zuversichtlich, sie solle ihn nicht auf den Cent festnageln, er tue auf jeden Fall, was er könne, schließlich erwarte er das auch von ihr.
Selma hat die Briefe an ihre Schwester zwei Tage zuvor weggeschickt, nachdem sie nach unzähligen Telefonaten auf eine ehemalige Arbeitskollegin Chiaras getroffen war, die ihr den Namen ihres Vermieters sagen konnte. Der stand im Telefonbuch, wohnte anscheinend im selben Haus. Weil sie sich auf das locker dahinfließende Gespräch mit einem Mal nicht mehr konzentrieren kann, was ihr Verleger als Schreibkraft auslegt, die anscheinend in ihr arbeite, verabschiedet sie sich. Der Verleger hat dafür vollstes Verständnis, wirkt auch nicht unfroh über ihren spontanen Aufbruch.
Selma überlegt kurz, ob sie in ihr Auto steigen soll, sie kennt ja jetzt die Adresse ihrer Schwester, weit ist das nicht.
Sie geht aber in ihre Wohnung zurück und wühlt lange in ihren Zettelkästen und Notizen, überall in der Wohnung wachsen Zettelstöße, sie sucht immer weiter, ergänzt hie und da; das dauert zehn Tage. So hat sie es schon beim letzten Roman gemacht. Sie setzt sich hin zum Schreiben.

Zuerst erschienen in Manuskripte 194/2011

Sommersachen

Ein Mann und eine Frau warteten im Schatten vor dem Haus auf den Makler. Grell war das Licht auf der anderen Straßenseite, wo ein ausgebleichtes kleines Cabrio einparkte, mit einem braungebrannten kleinen Mann hinter dem Steuer, der beschwingt die Fahrertür öffnete, Handy und Schlüsselbund in der einen, Zigarettenschachtel in der anderen Hand. Sonnenbrille die ganze Zeit über im Gesicht. Begrüßung mit Handschlag, Grinsen und Konversation über das Wetter. (Die Frau dachte, dass seine Bräune von Solariumsonne herstammen musste, dieser Sommer hatte doch noch gar nicht wirklich begonnen.) Hinter dem Makler stiegen sie in den zweiten Stock, den Schlüssel für den Lift konnte er nicht finden, es machte nichts. Vorzimmer, ach, die Fenster sind verhängt und der Strom ist jetzt nicht eingeschaltet. Da kommt bestimmt sehr viel Licht herein, schauen Sie: das Stiegenhaus ist ja besonders hell. Hier geht es in die Küche, die zeig ich Ihnen nachher, ein echtes Juwel; kommen Sie zuerst ins Wohnzimmer, hier geht noch eine Tür ab. Ja, der Boden, sehr alt. Sehr schön. Dahinter Ihr Schlafzimmer. Grinste er denn wirklich schon wieder? Er schritt den großen Raum ab und zeigte auf die französischen Fenster wie auf eine neuartige Erfindung. Extrem hell. Ja, sicher. Da muss schon etwas getan werden, aber da werden wir uns schon einig. Im Kabinett nannte er den Preis, der niedriger war als das Paar erwartet hatte, vielleicht eine falsche Erinnerung, ein zweckpessimistischer Irrtum, umso besser, sie erwähnten es nicht. Der Mann und die Frau standen in der Küche, die groß war und vollgerammelt mit abgegriffenen Möbeln, zusammengestellt in einem anderen Jahrzehnt, einer Zeit, die mit ihnen nur wenig zu tun hatte. Der Makler telefonierte im Wohnzimmer. Er hatte die Nase gerümpft und in allen Zimmern die Fenster aufgerissen. Wir können hier einen großen Tisch hereinstellen, die Küche ist ja riesig und dann kann das große Zimmer hinten das Kinderzimmer werden. Wir schlafen natürlich im Kabinett. In der Wohnung war es angenehm kühl und bemerkenswert ruhig.


*
Das Rauschen wurde nach Mitternacht noch einmal lauter. Vielleicht. Um das Licht, das an der Wand montiert war, flatterten Dutzende Falter, manche schienen an der grob verputzten Wand zu kleben, dann veränderten sie auf einmal ihre Position; es waren zu viele, um sie im Auge zu behalten. Sie hatten etwas Schmieriges, Abstoßendes. Die kleinen Kerzen in dem weißlackierten Windlicht waren erloschen. Auf der anderen Seite des Hauses saß Georg, trank sein Glas Ouzo aus. Ouzo. Marianne hatte erst abschätzig getan, aber den Ouzo, den ihnen Kostas hingestellt hatte, genommen und getrunken. Rupert auch. Rupert lag auf dem Bett auf der anderen Seite der Wand, wahrscheinlich las er. Marianne roch die Luft, hatte die bloßen Sohlen auf dem Steinboden der Terrasse, sie spürte den Sand, ihre Fersen waren rissig, das gefiel ihr. Am Nachmittag hatten sie sich von Georg das Schlauchboot geborgt, seine Tochter wollte mit, aber Rupert vertröstete sie auf den nächsten Tag. Für einen Augenblick war ihr die Enttäuschung anzusehen und Daria marschierte zum Haus hinauf. Sie war das einzige Kind unter vier Paaren, wollte meistens lieber mit den Freunden ihrer Eltern sein als mit anderen Kindern spielen, die sie nicht kannte. Marianne verstand die Fünfjährige. Sie war witzig und charmant. Ruperts kleine Muskeln waren gut zu erkennen, er ruderte die Strecke allein, hinter dem Felsen öffnete er Mariannes Bikini und als sie miteinander schliefen, schwappte Wasser ins Boot, das fühlte sich angenehm an und lästig zugleich.
Als Marianne aus dem Apartment über ihnen derbes Husten hörte, stellte sie sich ans Geländer, schaute auf das Licht, das der Mond auf die Wasseroberfläche warf, löschte die Terrassenbeleuchtung und ging ins Zimmer. Rupert war am ganzen Rücken zerstochen, manchmal kratzte er sich und fluchte im Halbschlaf. Sie las in dem Buch, das verkehrt neben ihrem schlafenden Freund lag. Las von der aufgeschlagenen Seite an weiter, das zweite Abenteuer des Don Quixote. Am nächsten oder übernächsten Tag würde sie Rupert daraus vorlesen und sich unterbrechen und nach einer Pause (Daria rief nach ihrer Mutter, als die nicht antwortete, nach Georg; eine Liege wurde über den Steinboden gezogen) sagen: wir werden nie wissen, ob unser Kind im Meer oder am Meer gezeugt worden ist. Es fühlte sich ganz selbstverständlich an, keine außergewöhn-liche Tat, diese Entscheidung für eine neues Leben, ein anderes. Sie gab das Lesebändchen zwischen die Seiten und drehte sich zu Rupert. Fing an, ihn um seinen Nabel herum zu streicheln. Rupert wachte sofort auf. Auf seinem Nachtkästchen lag eine ungeöffnete Kondomschachtel. Über ihnen surrte eine Gelse. Rupert drehte sich auf dem sandigen Leintuch zu ihr, griff Marianne zwischen die Beine, sie lachte laut und spürte, wie in ihr das Meer noch immer wogte. Ihr fiel der Streit ein, den Georg mit seiner Frau gehabt hatte und wischte ihn auf der Stelle weg, es war ihr nicht bewusst, dass sie dabei dumme Kuh murmelte, Rupert hörte es nicht. Später stieß Rupert mit dem Kopf an das Nachtkästchen, er hatte seine Hände auf ihrem Hintern, sie kam zuerst und lachte wieder (das hatte sie früher nie gemacht), es war ein heiseres Lachen und tief. Er schrie auf und sie hielt ihm lachend den Mund zu, da biss er sie. Fest. Später kam Rupert aus dem Bad, seine Brust glänzte vom Wasser, das er sich über das Gesicht geschüttet hatte, eine Wasserflasche für sie hatte er in der linken, eine brennende Zigarette in der rechten Hand, die rauchten sie gemeinsam, quer auf dem Bett liegend. Bevor er auf die Terrassentür trat um die Fensterläden zu schließen, war Marianne schon eingeschlafen, sie wiegte sich mit den Wellen, hinter ihrer Stirn, so träumte sie, lärmten die ganze Nacht die Zikaden.


*
Räume ausgeschritten, so und so viele Meter lang und breit und hoch, über weiteren Raum, der zu schaffen ist, staunend. Marianne verspachtelte geschätzte 200 Quadratmeter Wand, Quadratzentimeter für Quadratzentimeter, Innenspachtel fein, Gips, Spachtelmasse, Fugenfein, je nachdem, was gerade verfügbar war. Das ging so dahin, morgens schlüpfte sie in alte Sportsocken und eine Hose und ein Leiberl mit Farbflecken aus dem Jahre Schnee (das war noch in einer anderen Stadt, die Flecken wahrscheinlich von der Renovierung anderer Woh¬nun¬gen, es waren doch über all die Jahre so viele), spachteln, Radio Ö1, spachteln, FM 4, Stille, Spachtelmasse neu anmi¬schen, die drei Meter hohe Leiter hinauf, hinunter und schon war eine Woche vergangen, vielleicht auch zwei.
Leitungen stemmen, um Licht und Wärme und den Geräten für kabellose Verbindungen die Wege zu weisen. Mobiliar aus den letzten zwanzig oder dreißig Jahren entsorgen. Ausgleichs¬masse, Natur¬stein und Platten zweiter Wahl. Ausflüge an die Peripherie und immer wieder an die wahren Schau¬plätze der Realitätsausstatter (Baumärkte oder: es gibt immer was zu tun). Irgend¬wann, es waren schon ein paar Wochen vergangen, fing sie an, die Überreste des Boden¬untergrundes im Kinderzimmer zu beseitigen. Rote Krähe und Stechbeitel als Hilfsmittel, es verging eine weitere Woche, mittlerweile hatte sie neue Muskel an Oberarmen und -schen¬keln entdeckt. Der Bankbe¬amte, der für die Kreditvergabe zuständig hätte sein können, war ein Top¬berater (so stand es auf seiner Visitenkarte), er trug die Hemdsärmel wie auf den Plakaten, die für den Aufschwung seiner Bank werben sollten, verstand die schwierige Lage von Freischaffenden, musste aber darauf verwei¬sen, dass für die Bank nur Ziffern in Schwarz auf Weiß zählten.
In ruhigeren Momenten pflegten sie ihre Grätzl-Rituale, die schon das Adjektiv Abschied tru¬gen. Gingen zu ihrem Wirt Edi, noch einmal und einmal noch, auf den alten Spielplatz, die alten Wege, Marianne fuhr die Brache entlang und bedauerte, Genugtuung mischte sich aber unter die minimal traurigen Regungen, weil sie Kinderwagen und Fahrrad bald nicht mehr durch den engen Eingang und die schmale Treppe hinauf und eine steile Treppe hinunter in den Hof wür¬de schleppen müs¬sen und auf einmal bemerkte sie, dass die kleine alte Frau von gegenüber, deren Mann im letzten Winter gestorben war, sie vielleicht vermissen wird, wenn sie sich zum Rau¬chen auf den kleinen Bal¬kon stellte und ein bisschen an ihrem Familienleben teilnahm.
Einmal saß Marianne in einer Rauchpause am Fenster des neuen Kinderzimmers. Die Wärme schwapp¬te in Wellen zu ihr herein. Sie hatte Schweiß auf der Stirn und die Achseln seit einiger Zeit nicht rasiert, wozu auch. Sie fühlte sich gut. Von der Straße herauf gratulierte ihr ein alter Herr im Anzug zu der Entscheidung, eine zu rauchen. Er verschwand im Haus gegenüber und Marianne freute sich, ihren ersten Nachbarn kennengelernt zu haben.


*
Die Apartments im ersten Stock waren diesmal nicht bewohnt. Der Sockel des Hauses war neu mit Steinen verkleidet, der Grill im Garten sah noch schäbiger aus als vor zwei Jahren, sie benutz¬ten ihn nie. Bei ihrem Wirt (Kostas) hatte Deniz andere Kinder kennengelernt, mit einem Geschwisterpaar spielte er am Strand. Sie waren Nachbarn, obwohl die Häuser alleine standen. Oliven¬bäume, sandige Wege. Deren Eltern waren nett, Marianne hatte keine Lust, sich lange mit ihnen zu unterhalten, wusste bereits einiges von ihnen. Einmal ging Deniz mit den Nachbarn nachhause. Marianne und Rupert schliefen bei weit offen stehenden Türen miteinander. Es war das erste Mal in diesem Sommer am Meer, sie redeten die ganze Zeit kein Wort, Marianne stöhnte nicht, keiner schrie. Rupert kam schnell und hart und befriedigte Marianne dann noch einmal mit der Hand. Wenig später weckte sie ein Auto, Marianne brauchteSommersachen



Ein Mann und eine Frau warteten im Schatten vor dem Haus auf den Makler. Grell war das Licht auf der anderen Straßenseite, wo ein ausgebleichtes kleines Cabrio einparkte, mit einem braungebrannten kleinen Mann hinter dem Steuer, der beschwingt die Fahrertür öffnete, Handy und Schlüsselbund in der einen, Zigarettenschachtel in der anderen Hand. Sonnenbrille die ganze Zeit über im Gesicht. Begrüßung mit Handschlag, Grinsen und Konversation über das Wetter. (Die Frau dachte, dass seine Bräune von Solariumsonne herstammen musste, dieser Sommer hatte doch noch gar nicht wirklich begonnen.) Hinter dem Makler stiegen sie in den zweiten Stock, den Schlüssel für den Lift konnte er nicht finden, es machte nichts. Vorzimmer, ach, die Fenster sind verhängt und der Strom ist jetzt nicht eingeschaltet. Da kommt bestimmt sehr viel Licht herein, schauen Sie: das Stiegenhaus ist ja besonders hell. Hier geht es in die Küche, die zeig ich Ihnen nachher, ein echtes Juwel; kommen Sie zuerst ins Wohnzimmer, hier geht noch eine Tür ab. Ja, der Boden, sehr alt. Sehr schön. Dahinter Ihr Schlafzimmer. Grinste er denn wirklich schon wieder? Er schritt den großen Raum ab und zeigte auf die französischen Fenster wie auf eine neuartige Erfindung. Extrem hell. Ja, sicher. Da muss schon etwas getan werden, aber da werden wir uns schon einig. Im Kabinett nannte er den Preis, der niedriger war als das Paar erwartet hatte, vielleicht eine falsche Erinnerung, ein zweckpessimistischer Irrtum, umso besser, sie erwähnten es nicht. Der Mann und die Frau standen in der Küche, die groß war und vollgerammelt mit abgegriffenen Möbeln, zusammengestellt in einem anderen Jahrzehnt, einer Zeit, die mit ihnen nur wenig zu tun hatte. Der Makler telefonierte im Wohnzimmer. Er hatte die Nase gerümpft und in allen Zimmern die Fenster aufgerissen. Wir können hier einen großen Tisch hereinstellen, die Küche ist ja riesig und dann kann das große Zimmer hinten das Kinderzimmer werden. Wir schlafen natürlich im Kabinett. In der Wohnung war es angenehm kühl und bemerkenswert ruhig.


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Das Rauschen wurde nach Mitternacht noch einmal lauter. Vielleicht. Um das Licht, das an der Wand montiert war, flatterten Dutzende Falter, manche schienen an der grob verputzten Wand zu kleben, dann veränderten sie auf einmal ihre Position; es waren zu viele, um sie im Auge zu behalten. Sie hatten etwas Schmieriges, Abstoßendes. Die kleinen Kerzen in dem weißlackierten Windlicht waren erloschen. Auf der anderen Seite des Hauses saß Georg, trank sein Glas Ouzo aus. Ouzo. Marianne hatte erst abschätzig getan, aber den Ouzo, den ihnen Kostas hingestellt hatte, genommen und getrunken. Rupert auch. Rupert lag auf dem Bett auf der anderen Seite der Wand, wahrscheinlich las er. Marianne roch die Luft, hatte die bloßen Sohlen auf dem Steinboden der Terrasse, sie spürte den Sand, ihre Fersen waren rissig, das gefiel ihr. Am Nachmittag hatten sie sich von Georg das Schlauchboot geborgt, seine Tochter wollte mit, aber Rupert vertröstete sie auf den nächsten Tag. Für einen Augenblick war ihr die Enttäuschung anzusehen und Daria marschierte zum Haus hinauf. Sie war das einzige Kind unter vier Paaren, wollte meistens lieber mit den Freunden ihrer Eltern sein als mit anderen Kindern spielen, die sie nicht kannte. Marianne verstand die Fünfjährige. Sie war witzig und charmant. Ruperts kleine Muskeln waren gut zu erkennen, er ruderte die Strecke allein, hinter dem Felsen öffnete er Mariannes Bikini und als sie miteinander schliefen, schwappte Wasser ins Boot, das fühlte sich angenehm an und lästig zugleich.
Als Marianne aus dem Apartment über ihnen derbes Husten hörte, stellte sie sich ans Geländer, schaute auf das Licht, das der Mond auf die Wasseroberfläche warf, löschte die Terrassenbeleuchtung und ging ins Zimmer. Rupert war am ganzen Rücken zerstochen, manchmal kratzte er sich und fluchte im Halbschlaf. Sie las in dem Buch, das verkehrt neben ihrem schlafenden Freund lag. Las von der aufgeschlagenen Seite an weiter, das zweite Abenteuer des Don Quixote. Am nächsten oder übernächsten Tag würde sie Rupert daraus vorlesen und sich unterbrechen und nach einer Pause (Daria rief nach ihrer Mutter, als die nicht antwortete, nach Georg; eine Liege wurde über den Steinboden gezogen) sagen: wir werden nie wissen, ob unser Kind im Meer oder am Meer gezeugt worden ist. Es fühlte sich ganz selbstverständlich an, keine außergewöhn-liche Tat, diese Entscheidung für eine neues Leben, ein anderes. Sie gab das Lesebändchen zwischen die Seiten und drehte sich zu Rupert. Fing an, ihn um seinen Nabel herum zu streicheln. Rupert wachte sofort auf. Auf seinem Nachtkästchen lag eine ungeöffnete Kondomschachtel. Über ihnen surrte eine Gelse. Rupert drehte sich auf dem sandigen Leintuch zu ihr, griff Marianne zwischen die Beine, sie lachte laut und spürte, wie in ihr das Meer noch immer wogte. Ihr fiel der Streit ein, den Georg mit seiner Frau gehabt hatte und wischte ihn auf der Stelle weg, es war ihr nicht bewusst, dass sie dabei dumme Kuh murmelte, Rupert hörte es nicht. Später stieß Rupert mit dem Kopf an das Nachtkästchen, er hatte seine Hände auf ihrem Hintern, sie kam zuerst und lachte wieder (das hatte sie früher nie gemacht), es war ein heiseres Lachen und tief. Er schrie auf und sie hielt ihm lachend den Mund zu, da biss er sie. Fest. Später kam Rupert aus dem Bad, seine Brust glänzte vom Wasser, das er sich über das Gesicht geschüttet hatte, eine Wasserflasche für sie hatte er in der linken, eine brennende Zigarette in der rechten Hand, die rauchten sie gemeinsam, quer auf dem Bett liegend. Bevor er auf die Terrassentür trat um die Fensterläden zu schließen, war Marianne schon eingeschlafen, sie wiegte sich mit den Wellen, hinter ihrer Stirn, so träumte sie, lärmten die ganze Nacht die Zikaden.


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Räume ausgeschritten, so und so viele Meter lang und breit und hoch, über weiteren Raum, der zu schaffen ist, staunend. Marianne verspachtelte geschätzte 200 Quadratmeter Wand, Quadratzentimeter für Quadratzentimeter, Innenspachtel fein, Gips, Spachtelmasse, Fugenfein, je nachdem, was gerade verfügbar war. Das ging so dahin, morgens schlüpfte sie in alte Sportsocken und eine Hose und ein Leiberl mit Farbflecken aus dem Jahre Schnee (das war noch in einer anderen Stadt, die Flecken wahrscheinlich von der Renovierung anderer Wohnungen, es waren doch über all die Jahre so viele), spachteln, Radio Ö1, spachteln, FM 4, Stille, Spachtelmasse neu anmischen, die drei Meter hohe Leiter hinauf, hinunter und schon war eine Woche vergangen, vielleicht auch zwei.
Leitungen stemmen, um Licht und Wärme und den Geräten für kabellose Verbindungen die Wege zu weisen. Mobiliar aus den letzten zwanzig oder dreißig Jahren entsorgen. Ausgleichsmasse, Naturstein und Platten zweiter Wahl. Ausflüge an die Peripherie und immer wieder an die wahren Schauplätze der Realitätsausstatter (Baumärkte oder: es gibt immer was zu tun). Irgendwann, es waren schon ein paar Wochen vergangen, fing sie an, die Überreste des Bodenuntergrundes im Kinderzimmer zu beseitigen. Rote Krähe und Stechbeitel als Hilfsmittel, es verging eine weitere Woche, mittlerweile hatte sie neue Muskel an Oberarmen und -schenkeln entdeckt. Der Bankbeamte, der für die Kreditvergabe zuständig hätte sein können, war ein Topberater (so stand es auf seiner Visitenkarte), er trug die Hemdsärmel wie auf den Plakaten, die für den Aufschwung seiner Bank werben sollten, verstand die schwierige Lage von Freischaffenden, musste aber darauf verweisen, dass für die Bank nur Ziffern in Schwarz auf Weiß zählten.
In ruhigeren Momenten pflegten sie ihre Grätzl-Rituale, die schon das Adjektiv Abschied trugen. Gingen zu ihrem Wirt Edi, noch einmal und einmal noch, auf den alten Spielplatz, die alten Wege, Marianne fuhr die Brache entlang und bedauerte, Genugtuung mischte sich aber unter die minimal traurigen Regungen, weil sie Kinderwagen und Fahrrad bald nicht mehr durch den engen Eingang und die schmale Treppe hinauf und eine steile Treppe hinunter in den Hof würde schleppen müssen und auf einmal bemerkte sie, dass die kleine alte Frau von gegenüber, deren Mann im letzten Winter gestorben war, sie vielleicht vermissen wird, wenn sie sich zum Rauchen auf den kleinen Balkon stellte und ein bisschen an ihrem Familienleben teilnahm.
Einmal saß Marianne in einer Rauchpause am Fenster des neuen Kinderzimmers. Die Wärme schwappte in Wellen zu ihr herein. Sie hatte Schweiß auf der Stirn und die Achseln seit einiger Zeit nicht rasiert, wozu auch. Sie fühlte sich gut. Von der Straße herauf gratulierte ihr ein alter Herr im Anzug zu der Entscheidung, eine zu rauchen. Er verschwand im Haus gegenüber und Marianne freute sich, ihren ersten Nachbarn kennengelernt zu haben.


*
Die Apartments im ersten Stock waren diesmal nicht bewohnt. Der Sockel des Hauses war neu mit Steinen verkleidet, der Grill im Garten sah noch schäbiger aus als vor zwei Jahren, sie benutzten ihn nie. Bei ihrem Wirt (Kostas) hatte Deniz andere Kinder kennengelernt, mit einem Geschwisterpaar spielte er am Strand. Sie waren Nachbarn, obwohl die Häuser alleine standen. Oliven
eine Weile, bis sie verstand, wo sie war. Sie wischte mit der Hand über das zerknitterte Leintuch, das blassgelbe Flecken von Sonnencreme hatte. Sand unter den Nägeln. Der Vermieter brachte Olivenöl und Weintrauben und frische Bettwäsche. Am nächsten Tag würden sie Georg und Daria vom Flughafen abholen. Georgs Frau würde in diesem Sommer nicht mehr dabei sein. Sie wanderten über den Weg zwischen den Olivenbäumen, um ihr Kind abzuholen. Marianne hatte ihre Sandalen gesucht und nicht gefunden, dann die Flipflops angezogen, die auf der Terrasse herumlagen. Später kam die Nachbarsfamilie zum Abendessen. Ein Abend mit viel Wind, die Wespen gaben bis zum Einbruch der Dunkelheit keine Ruhe. Deniz saß zwischen den Mädchen und spielte den Gastgeber. Er trug einen Pullunder zur abgeschnittenen Jeans. Eines der Mädchen bewunderte den gestreiften Pullunder und Deniz sagte: das ist mein Sensenmann. Der gestreifte Pullunder war sein Lieblingsstück, er hatte ihn zusammen mit seinen Lieblingsstofftieren selber in den Koffer gesteckt. Marianne und Rupert hatten gestritten, weil sie sich aufgeregt hatte: was macht der Pullunder denn überhaupt bei den Sommersachen? Auf der ganzen Überfahrt hatte er ihn getragen, was ideal war, denn es war sehr warm und dennoch windig. Rupert hatte Deniz von den Schauerleuten erzählt, die die Frachtschiffe be- und entluden. Früher mussten sie durch die See waten, und die Lasten von oder an Bord tragen. Ein Schauermann musste wissen, wie man Stückgut verstaut, damit die Ladung während einer Seereise nicht verrutscht. Eines der Nachbarmädchen vergaß seine Schuhe unter dem Tisch, es wurde schlafend nachhause getragen. Um das Haus herum verteilten sich Spielzeug, Schnorchel, Flossen, Sonnenbrillen, Handtücher. Deniz schlief in diesem Urlaub jede Nacht in seinem Bett, spielte morgens neben dem schlafenden Rupert mit seinen Tieren oder blätterte in dem kleinen Atlas, während Marianne über den Strand joggte und hinausschwamm. Warum ist Wasser durchsichtig?
Das Kind ist doch ein Fisch geworden, schrieb Marianne auf die Ansichtskarte, die Deniz ausgesucht hatte. Weiß getünchte Mauern, ein blaues Tor, auf der Mauer eine Katze. Er fragte, was er denn sonst hätte werden können und Marianne erzählte ihm, dass er nach den Berechnungen des Arztes im Sternzeichen des Fisches zur Welt kommen sollte, aber dann noch zwei Tage auf sich warten ließ. Sie rauchte jetzt manchmal am Nachmittag eine Zigarette. Reden über Tierkreiszeichen, Deniz verstand es nicht, aber das Wort Zodiak speicherte er ab. Marianne musste schreiben: ich schnorchle viel, schwimme den ganzen Tag und sonst nix. Sagte: sag ich ja – ein Fisch. Deniz wollte kein Widder sein, er wollte sowieso nie ein Tier sein, höchstens manchmal vielleicht eine schnurrende Katze. Hörner, das zeigte er immer wieder, indem er seine Haar durchwuschelte, hatte er aber auf keinen Fall am Kopf. Ruppert lästerte über den Kitsch, das Kind schrieb mitten auf die Karte seinen Namen in großen Blockbuchstaben. Meer.


*
Die Regale mit den Büchern und den Schubladen für Spielzeug, Schienen, Autos und Stofftiere sind ordentlich aufgeräumt. Ein Regalbrett voller Steine, Muscheln und Schnecken. Die Türen des weiß gestrichenen Kastens stehen offen, da sind Bretter montiert und die Kleiderstange ist unbenutzt. T-Shirts, Pullover, Unterhemden und Hosen. Zwei blaue Holzknöpfe zum Öffnen der Schublade unten. Marianne denkt an einen trüben Tag, an dem sie mit ihrem Sohn in der Kleinstadt ihrer Eltern einkaufen war und an die eigenartige Stimmung, ohne Touristen auf den Straßen des Skiortes. Das Kind hatte Spaß mit den Großeltern und ließ sich, wie jeden Winter, Socken, Handschuhe und diesmal einen Pullunder stricken. Irgendwo nannten sie den dépardeur. Niemand von ihren Romanistenfreunden kannte das Wort und Marianne oder Rupert schauten nach und lasen: Pullunder; Schauermann. Sie hat wohl den restlichen Tag halb schlafend und mit Zeitungen verbracht und sah, während Deniz Apfelspalten aß, Lego spielte oder den Opa durch das ganze Haus jagte, den dépardeur größer werden, was friedlich wirkte. Deniz wuchs stark in diesem Winter, und Marianne wollte, dass ihre Mutter den Pullunder ein paar Nummern größer strickte, sie wünschte sich den Frühling herbei und ging davon aus, dass das lustige, rot-blaue Kleidungsstück ihrem Sohn im nächsten Winter nicht mehr passen würde. Rupert beschwichtigte, ein Pullunder sei etwas für den Frühling, vielleicht auch für laue oder frische Sommerabende.
Ein lederner Hausschuh, Größe 30, in Rot, der andere liegt unter dem Tischchen. Ein rotes Bobbycar parkt mitten im Raum, Einsatzfahrzeuge (Feuerwehr, Polizei, Rettungswagen der Feuerwehr) sind an der Wand geparkt. Die Palme, die Deniz bei einem ersten Ausflug in die nahe liegende, leicht verkommene Einkaufsstraße ausgesucht hatte, schien das Wachsen eingestellt zu haben. Auf dem Teppich, der zum Autospielen verwendet werden kann (Straßen und Häuserschluchten, Verkehrszeichen und ein paar Bäume und Sträucher, Gehsteige) stehen zwei große durchsichtige Plastikkisten mit Deckel. Auf den Etiketten in geschwungenen Buchstaben: Sommer und Winter. Beide stehen offen da, Marianne wusste nie, in welche der Kisten ein Pullunder einzuordnen war, es war jetzt nicht mehr nötig.


*
Auf dem knallblau gestrichenen Deck steht eine Frau. Sie ist nicht alt, sie ist nicht jung. Ihr halblanges Haar fällt ihr ins Gesicht, immer wieder. Der Wind macht das. Das Haar ist strähnig, vielleicht kommt das auch vom Wind. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt, weit geschnitten, das flattert, und einen schmalen Jeansrock. Aus der einen Tasche hängt ihre Brille heraus, in der anderen steckt eine Zigarettenschachtel. Sie vergisst zu rauchen, obwohl sie es sich vorgenommen hat. In einer Bar am Hafen hat sie auf Italienisch Zigaretten und ein Päckchen Streichhölzer verlangt, einen Kaffee getrunken. Dann ist sie auf die Straße getreten (grober Asphalt), der Kellner machte sich keine Gedanken, aber wahrscheinlich vermutete er, die Frau würde jetzt eine rauchen. Er machte sich keine Gedanken.
Das war gestern.
Sie steht direkt an der Reling. Früher hätte sie ein Ziehen gespürt. Angst oder Lust zu springen. Sie weiß nicht, wie viel sie für ihre Kabine bezahlt hat. Sie denkt nicht darüber nach, dass die Kreditkarte auf dem Tisch im Wohnzimmer liegen geblieben ist. Die Frau trägt rosarote Flipflops, auf den weißen, mittlerweile ergrauten Stoffbändern zwischen den Zehen und der rosaroten Gummioberfläche vor den Zehen weiße Spritzer von Farbe. Sie geht ein paar Schritte, vorbei an den Reisenden, die in weißen Plastikstühlen sitzen, Bier trinken, Sudokus lösen, lesen. Die Leute schauen sie an. Für die älteren ist sie eine junge Frau; kein Mädchen, eine junge Frau. Für die Jugendlichen, die sich auf und um Schlafsäcke drapiert haben, ist sie eine Frau. Keine alte Frau; eine Frau.
Sie sieht den Hafenarbeitern zu. Weiß nicht, ob das das Entsetzliche ist: dass die Sommer einfach so vorüber gingen und sie davon ausging, sie würden immer diese fröhliche Familie sein, die ein paar Wochen am Meer verbringt, in der Nähe des Hafens.
Schauerleute.
Sensenmänner.
War das Entsetzlichste vielleicht aber, dass sie Deniz gar keine Zukunft zugeschanzt hatte, dass sie einfach glaubte, er hätte selbstverständlicherweise eine? Harte Arbeit und kein Lohn, Arbeitslosigkeit, eine schwere Depression, die ihn über Jahre hinweg vom Leben, wie es ihr selbstverständlich war, fernhalten würde. Und die Zeit, die noch gar keine Rolle für ihn spielte. Manchmal hatte er am Nachmittag gefragt, ob sie bald zu Mittag essen würden. Es ist Abend, Kind.
Ihr ist kalt jetzt und sie denkt: es ist in jeder Beziehung Herbst. Marianne geht nach innen, zu den Sofas, über der Rezeption wird auf einem Monitor angezeigt, wo sich das Schiff gerade befindet. Sie geht daran vorbei.
Sie denkt, dass es die falsche Jahreszeit ist oder die falsche Richtung.
An den nackten Beinen bemerkt sie das leichte Frösteln der Haut, um die Schultern herum ist ihr warm. Sie findet ihre Kabine nicht wieder und geht noch einmal nach draußen. Die Passage hat sie vor drei Tagen telefonisch gebucht, danach hat sie sich am Computer ein Zugticket ausgedruckt und einen Rucksack gepackt. Ein paar Sommersachen; Turnschuhe, eine Hose. Als sie die frische Luft am Hafen bemerkte, stellte sie fest, dass sie eine Fleecejacke trug, den ganzen Weg schon. Sie kann sich nicht erinnern, sie eingepackt oder angezogen zu haben.
Sie wird an der Bar am obersten Deck Greek Coffee trinken und vergessen, dass sie warten muss, bis das Kaffeepulver zu Boden gesunken ist. Sie wird sich von einem der grauweiß gekleideten, stoischen Stewarts das Deck und den Gang zeigen lassen, in dem sich ihre Kabine befindet. Die Leute werden zuerst sie, dann den Stewart anschauen. Ihre Blicke werden an ihm hängen bleiben oder sich gleich wieder verlieren. Der Stewart hat schwarzes Haar, er ist nicht älter als sie. In der beigefarbenen Nasszelle ihrer Kabine duscht sie lange und ärgert sich über die Seife, weil sich die Haut auf einmal unangenehm anfühlt. Sie wird vergessen sich abzutrocknen, bevor sie sich in das Bett legt. Sie wird frieren und die halbe Nacht daran denken, dass über ihr eine Decke in dem hockgeklappten Bett steckt wie in den Schlafwagons, wenn ein Fahrgast noch nicht zugestiegen ist. Sie wird nicht nachsehen. Die viersprachigen Durchsagen werden in ihren scheinbar traumlosen Schlaf dringen, sie aber nicht aufwecken. Der Motor, der das riesige Schiff antreibt, ist die ganze Nacht zu hören.

Angelika Reitzer, Sommersachen
zuerst erschienen in Lichtungen 125/XXXII. Jg./2011

Im Park, am See, im Zimmer

Alfred Kolleritsch zum 80. Geburtstag

Wenn man sich der Blumenhalde, das während meiner Anwesenheit das Türschild „Literaturatelier“ trägt, nähert, von der S-Bahn kommend z.B., quert man die stark befahrene Seestraße, man sieht keinen Ort(skern), nur die Straße. Stadt, Land, wir kennen das. Und dennoch Raum für alle Bedürfnisse. Augenblicklich ist die Straße im Rücken verschwunden und man befindet sich in einem großzügigen, schön und schlicht eingerichteten Atelier, kein unnötiges Mobiliar verstellt den Blick aufs Wesentliche (See oder was innen ist, denn man möchte ja arbeiten, am Text), alles ist vorhanden, an alles wurde gedacht, so dass man herkommen kann und anfangen oder weitermachen, beenden, ganz wie man möchte.

Die junge Frau, ein Mädchen noch, das immer weiße oder schwarze Kleidung trägt, lagert mit anderen Jugendlichen auf dem kleinen Hügel im Stadtpark von Graz, hinter dem Haus. Dunkel ist es, keiner wohnt hier mehr: die Dichter sind ausgezogen. Das Mädchen schleicht um das verfallende Häuschen herum, lässt sich nieder: inmitten kiffender Vögel, Krähen vielleicht, aber was haben sie wirklich miteinander zu tun, außer gemeinsam jung zu sein? Die anderen interessieren sich nicht für Alfred und Peter, auch für Franz nicht oder Klaus. Das Mädchen raucht nicht von ihrem Tabak, rührt das Marihuana der anderen nicht an. Dass es eine Dichterin sein wird, das ist gewiss für das Mädchen, aber hier, in der Nachlässigkeit und Dunkelheit des Parks, will das niemand wissen. Jahrelang hält es das Maul, dann rettet es sich nach draußen. Undurchlässig ist alles, was es umgibt, das Zimmer mit dem Balkon, auf dem die nahe Autobahn zu hören ist, die Familie, die Luft um das Haus herum, in dem es seine Kindheit verbringt. Eine junge Frau. Weg mit ihr. Weg von hier. Sie zieht aus, verstaut Zettel, verbrennt Papier.

Es sind die Orte, an die man sich zum Schreiben begibt, nicht immer von besonders großer Relevanz. Es kann vorkommen, dass ich direkt nach der Ankunft, auch im Text, an dem ich arbeite, ankomme. Mich orientiere, darin herumgehe, schaue, Räume inspiziere, neu vermesse und Pläne überarbeite : Anbau hier, diese Etage kommt weg, an der anderen Seite des Gebäudes wird aufgestockt. Ein notwendiger Abriss wird wohlüberlegt, geht aber trotzdem blitzschnell und der Blick auf das Ganze stellt sich ein. Ich arbeite vor mich hin, sichte und erstelle einen genauen Kapitelplan etwa. Oder ich gehe einfach weiter, die Straße ist eine andere, natürlich, hier sind andere Menschen unterwegs und ich bin eine Andere. Der Text, an dem ich arbeite, ist das Zimmer, von dem aus ich die (neue) Umgebung betrachte.

Montpellier oder Marseille oder sieben Grad mehr als da, wo sie geboren, zehn mehr als in der Stadt, in der sie zuletzt gelebt hat. Sie ist eine Reisende jetzt, vielleicht erwachsen. Die Menschen sitzen auf Terrassen, die keine sind, sondern Tische mit Stühlen auf Plätzen, Trottoirs. Die junge Frau trinkt Pastis, es ist früh am Abend. Sie geht durch die schmalen Gassen, schaut in dunkle Handwerksläden. Streift über die Corniche und gibt sich Vermutungen und Ahnungen und der Farbe des Himmels oder des Meeres hin. Schreibt Listen mit Leuten, denen sie Briefe schreiben könnte. (An jedem Morgen sind andere Namen durchgestrichen, einmal zum Beispiel : Bernadette Peter Konstanze Dagmara Bernhard.) Direkt nach dem Aufwachen im Hotel des Touristes nimmt sie Johnsons Jahrestage vom Nachttisch und liest darin, bis ihr Geliebter sie herausscheucht, manchmal. Gekommen, um zu schreiben, aber sie liest und vergisst, in den Tag hineinzumarschieren, oder in die Nacht.

In Uerikon habe ich die letzten Seiten (die nicht mit dem Schluss des Buches identisch sind) eines Romans geschrieben, das war ein Darauf-los-Schreiben ohne Hadern mit Konstellationen von Raum oder Figuren, alles war sehr präsent, wenn Umstellungen notwendig waren, ergaben sie sich organisch in dem Sinn, dass man es gestern nicht wusste, wie es geht (vielleicht auch nicht, dass es so nicht geht), heute aber auf einmal sehr wohl.
Schönheit und Ruhe hatte ich erwartet, aber als ich ankomme – und es dauert tatsächlich nur wenige Momente, vielleicht gar nur einen – bin ich über das Ausmaß der Stille und Stimmung am See und des Sees erstaunt, überwältigt, aber diese Gefühlsregung hat nichts mit Landschaftslyrik zu tun. Klarheit im Blick. Lesen, auf den See schauen. Schreiben, dann wieder über die Weinberge rennen, Hombrechtikon, Feldbach oder mit dem Fahrrad nach Stäfa. Der Wintereinbruch im März und das Heizen der Kachelöfen halten mich ebenso in Trab wie das Bedürfnis, täglich zu laufen, warm eingepackt und mit nassen Füssen im hohen Neuschnee. Das Gefühl der Leere, das sich einstellen kann, unmittelbar nach dem Abschluss eines Textes, liegt als leichter Nebel über dem See, hat mit mir sehr wenig zu tun, ist eher Zufriedenheit. Die Ruhe nach dem Text, das Arbeiten an dem einem Text, ich lese und recherchiere für den nächsten Roman, auf dem Schreibtisch ein Strauß Tulpen wird im Laufe der zweiten Woche zu einer Geschichte – in diesem Fall ein Prozess der Dematerial- und Literarisierung, dem etwas sehr Selbstverständliches innewohnt, kein Umkreisen eines Themas oder Textes, kein Warten und Hinauszögern; und Robert Walser lese ich wieder, Cervantes, Clemens Setz, bald wird Lektüre nachgefasst in den Brockenhäusern Zürichs.

Das Plätschern des Wassers, das Krächzen der Möwen, Enten, die am Wasser landen. Jugendliche unterhalten sich in der Nähe. Zwitschern, Autos, die braunen Blätter von Bäumen, die nicht im Garten der Frau stehen, und über die Wiese rascheln. Krokusse und Maiglöckchen. Sie beschließt, darüber ihr nächstes Gedicht zu schreiben, ähnlich vielleicht Mirrador, das von den Pflasterern in Granada inspiriert war. Es soll ein Gedicht für Alfred werden, der für sie ja schon lange der einzige denkbare Grund ist, Lyrik zu verfassen. Ein Gedicht über dieses Haus am See und den See, über die Frequenzen-Lektüre und jene Abende im Grazer Stadtpark, als das alte Forum-Häuschen noch stand, ein Text über einzelne Stationen zwischen Graz und Uerikon und jene waghalsigen Anfänge oder Versuche, aus denen keine Texte und noch weniger Bücher geworden sind, sollte es sein. Dafür und überhaupt notiert sie die Geräusche, die vom See und von der Straße her kommen, was sie sieht, wenn sie über die Weinberge rennt und dass sie das Rennen in den Augen der Nachbarschaft eventuell rehabilitieren könnte. Für den Briefträger und die Hauswartin ist sie morgens nicht zugänglich und das löst bei der Frau schlechtes Gewissen aus, als würde sie immer noch im Haus der Eltern leben, wo man früh aufzustehen hat und hart zu arbeiten. Aber es ändert nichts daran, dass sie schläft, bis sie von selbst aufwacht und zu dem Buch greift, das am Nachtkästchen liegt (Cervantes), ehe sie die schweren Vorhänge auf die Seite zieht um aufs Wasser zu schauen. Daran, dass sie nichts mehr überprüft, wenn sie aus dem Fenster blickt. Sie verbringt Vormittage auf dem Balkon und liest auf Englisch Artikel über Menschen, die wohnen. Die Hauptfigur ihres nächsten Romans meldet sich nicht wie vereinbart und die Frau versteht das und heißt es zwar nicht besonders gut und hört auf, auf sie zu warten. Der alte Mann von nebenan schaut wie sie auf die drei Männer, die ganz oben in einem Baum die Äste beschneiden, sie sind angeseilt. Ganz feiner Staub, Pollen und Haare flattern zu ihr hinüber, viel davon, auch in ihren Tee. Die Spatzen oder Sperlinge sind laut, es ist schön, wenn sie sich in den kleinen Büschen, die die Grundstücke akkurat voneinander trennen, tummeln und dabei schreien so laut es geht. Weil das Wohnen der anderen, in der spanischen Zeitschrift beschrieben, so spannend ist, verpasst sie leider, wie die drei Männer herunterklettern. Sie ist keine Dichterin geworden, aber eine Schreibende. (Sie benutzt ihre eigenen Satzzeichen und trägt alle möglichen Farben.)
Als dann vierundzwanzig Stunden später alles, auch alle Geräusche, unter einer schweren Schneedecke liegt, muss die Frau, die nicht alt ist und nicht jung, an jenes Haus im Herbst denken, an Alfreds kranke Mutter, die nicht mehr oben in ihrem Zimmer liegt, sondern im nahen Krankenhaus. Sie denkt an die hundertjährigen Frauen, die das schlechte Gewissen tilgen können, an die Farben der Bäume und der Wiese und wie sie zum Schloss hinüber gegangen sind, das sie aus der Literatur kennt, an diesen verzauberten Tag mit Backhendel und Salat und mit Köchen, die den Weg weisen. Wie sie an ihre Großmutter denkt, fällt ihr das Mittagessen mit Alfred und Andrea ein, sie aßen gebratene Nieren und dass er sie fragte, schüchtern, woher sie ihre Sprache habe und als sie ihm das erklärte, so gut sie konnte, dachte sie, sie hätte vielleicht früher schon hineingehen können, in das Haus im Stadtpark.

Der Ort, an dem man sich begibt um zu schreiben, ist ganz und gar irrelevant und so wichtig zugleich. Auch, wenn das eigene Schreiben das erste Zimmer ist, um das herum alles zu bauen/denken ist.

Zuerst erschienen in: Manuskripte 189/190, Dez. 2010


Literatur von Kolleritsch im Droschl-Verlag

Scherbenhügel

Es ist wie mit den Tulpen, einer Sorte Blumen, die ich immer noch nicht richtig ernst nehmen kann. Wenn die Menschen anfangen, ernsthaft den Frühling zu erwarten, herbeizuwünschen, ja einzufordern, tauchen sie plötzlich überall auf. Manche Floristen stellen sie gar vor die Tür, gut eingepackt und durch Plastikplanen oder partyzeltähnliche Verschläge vor dem Wetter geschützt, das noch zu kalt ist. Rot und Gelb und ausbleichendes Rosa, bunte Sträuße oder unifarben sortiert warten sie darauf, dass jemand auf diese Illusion hereinfällt, wieder einmal, ärgerlich ist das Jahr für Jahr. Wenn du nicht aufpasst, stehst du plötzlich im Laden und hörst dich zum Verkäufer sagen : einen violetten Strauß für sechs Euro bitte. Stellst dir die violette Pracht auf dem kleinen Tisch neben dem Sofa vor, die den Schwindel entschuldigt, obwohl du doch gar nicht den Frühling ins Wohnzimmer holen möchtest, denn dann würdest du doch Narzissen kaufen, aber das wäre ja noch um einiges abgeschmackter. Der Verkäufer fischt den Strauß heraus und als er ihn auf den Arbeitstisch legt, stellt sich der Strauß als ein in dünnes, beinahe durchsichtiges Papier gewickelter Bund von drei Sträußen zu je sechs Euro heraus, ein paar Gummiringe werden gelöst, dann doch nicht alle und der Verkäufer fragt beiläufig und ohne dich anzuschauen nach : wie viele?, weil er diese Szene wahrscheinlich jeden Tag mehrmals erlebt. Da hat sich das Bild von der violetten Pracht auf dem kleinen Marcel Breuer-Tisch (Nachbau) schon in Luft aufgelöst und du überschlägst im Kopf und siehst deine Vernunft dir den Vogel zeigen, du kaufst jetzt wohl nicht ein paar holländische Tulpen für 18 Euro?! und ärgerst dich bereits über die Naivität, die vielleicht doch etwas zu tun hat mit dem Frühling, den du dir ebenso wünschst wie alle anderen. Dann stehen die Tulpen im Wohnzimmer, sind auch hübsch, weil eben genau das ihr Wesen ist. Hübschheit. Ihre wächserne Farbe, die immer unnatürlich wirkende Hübschheit, die vielleicht in einer sehr großen Menge, also unbezahlbar, an Schönheit herankommen könnte, verleiht dem Raum, der ganzen Wohnung, deinen Ideen oder Vorstellungen der nahen Zukunft etwas Unwirkliches, Verlorenes, Sinnloses. Und lass es einen bunten Strauß sein, neun verschiedenfarbige Tulpen, die nach Tagen immer noch nicht verwelkt sind, was sie vielleicht auch gar nicht vermögen, verwelken, denn sie lassen in unterschiedlichen Phasen und Stufen die Köpfe hängen, strecken ihre Kelche in alle Richtungen, auch nach oben, öffnen sich und erreichen nach einer Woche ein bemerkenswertes Stadium der Leere und das hat vielleicht etwas mit Schönheit zu tun, jetzt weiß man bereits, dass nichts darauf folgen wird. Kalter Wind ist zurückgekehrt und die Krokusse auf den Wiesen müssen noch einmal Schnee tragen und du fragst dich nach dem biochemischen Prozess, wenn das Wasser, das über die Stängel in einer sichtbaren Rasanz aufgenommen wird, an die Luft zurückgegeben wird oder sich auflöst. Was hier umgesetzt wird in farbige, manchmal zaudernde Vakuumbehälter und gelangweilte linealbreite Blätter. Dass hier chemische Energie freigesetzt wird, die das Gefühl, in der Welt zu sein, auf irgendeine Weise unterstützt, sich vorteilhaft auswirkt auf die Energiebilanz deiner Umgebung, ist unwahrscheinlich. Es gefällt dir, wenn die Tulpen, kurz vorm Verkommen, ausgebleicht sind und nicht wissen, was aus ihnen werden wird, ha, da musst du lachen, denn es ist ihnen anzusehen. Sie wissen es haargenau. […]

Diese Geschichte zu Ende und weitere bezaubernde, witzige, irritierende Rom-Geschichten gibt es hier zu lesen :

Alle Wege, 13 Rom-Geschichten, Sonderzahl 2010.

Der Affe Bernhards

Kleines Bestiarium meiner Kindheit


Die Abwesenden (Hunde)

Auf ihm geritten sei ich. Er habe die Kinder im Maul herumgetragen, so eine der raren Familienlegenden. Lange vor der Ankunft des Herrchens habe er freudig die Ohren gespitzt. Sei im Hof unruhig auf und ab gelaufen. Sei dann das Herrchen eingetroffen, habe er sofort gewusst, ob dieser Geld bei sich trug. Geld in einer für die Familie nennenswerten Größe muss es gewesen sein, obgleich es sich um Einnahmen aus dem Milchverkauf gehandelt und demnach wohl so viel nicht hat sein können. Wenn das Herrchen das Geld in die Küche getragen habe, sei er nicht von seiner Seite gewichen, bis es gezählt war; auf dessen Füßen unter dem Küchentisch sei er gelegen und ich hätte gerne gewusst, welches Gefühl diese Verbindung bei meinem Vater, dem stolzen Hundebesitzer, ausgelöst hatte, aber er würde es nicht zu sagen wissen. Er habe den Vater ins Schlafzimmer begleitet, bis das Geld im kleinen transportablen Tresor verstaut gewesen sei. Jener Tresor, der viele Jahre später immer noch herumstand, längst ohne Funktion, weil das Geld auf die Raiffeisenbank getragen wurde. Immer sei er ergebenst um den Vater herumgewesen. Feierlich. Stolz. Die Gutmütigkeit in Person. Hundeperson. Barry, der Bernhardiner, sei mindestens eine Persönlichkeit gewesen wie die Knechte und Mägde (Mägde gab es aber gar nicht, es gab Frauen), wobei die Knechte durch ihre Geistes-, aber auch körperlichen Gebrechen ohnehin keine vollwertig einzuordnenden Personen gewesen seien. Mehrere Bernhardiner Generationen hatte es gegeben, alle trugen demselben Namen und natürlich seien sie nie an der Kette gehalten worden wie die erbärmlichen Hunde des Nachbarbauern. In der Erzählung wurden sie lediglich nummeriert und wie man weiß, adelt die Erbfolge, worauf auch immer sich diese stützt.
War es Barry II. oder III., der sich zum Sterben auf die oberste steinerne Stufe vor die Haustür legte, noch einmal, ein letztes Mal zu seinem Herrn wollte? Erlitt noch ein weiterer Bernhardiner dieses Schicksal? Und warum passierte dieses auch den späten Nachfolgern, an deren Name oder Herkunft ich mich überhaupt nicht erinnern kann? Sicher, manche jagten im Wald und im Bach, holten Vögel von den Bäumen wie Katzen. Das war bestimmt kein Tötungsgrund, aber die Trauer des Herrchens hält an bis heute.

Die Scheuen (Katzen)
Sie waren immer da. Und dennoch gibt es keine schöne Erinnerung daran und Katzen tragen erst sein wenigen Jahren Namen im Haus meiner Eltern. Katzen waren zum Mäusefangen eingeteilt, naturgemäß. Es durften aber nicht zu viele sein. Ich habe nie eine Katze geliebt, ich hatte keine Lieblingskatze, ich interessierte mich nicht für sie. Ich war ein verrohtes Kind, musste ich also feststellen, als erwachsene Freunde von ihren Tiererlebnissen erzählten und als ich bemerkte, Kinder wünschen sich Tiere, es ist nicht anders vorgesehen in der Welt, die uns umgibt. Kinder, die mit Tieren aufgewachsen sind, haben einen Bezug zu ihnen. Unsere Katzen rannten davon, wenn sie einen Menschen sahen, aber es war mir egal. Sie näherten sich vorsichtig dem Futter, das man ihnen hinstellte, reiner Service. Hin und wieder war eine Katze so verwegen, um jemandes Beine zu streichen. Das ließ ich über mich ergehen. Sollte sein. Ich bin ein kalter Mensch. Die Sprache, die ich spreche, haben mir nicht die Eltern beigebracht, das war ich selber. Für Gefühle Kleineren oder Schwächeren gegenüber hat es schon gar nicht gereicht. Möglicherweise lag das auch daran, dass der Vater die neugeborenen Kätzchen im Bach ertränkte.

Die Undurchsichtigen (Kühe)
Wie ich im frisch geschnittenen Gras herumhüpfe, wenn es bereits auf den Anhänger geladen war. Ein großer Haufen, man musste aufpassen, dass man nicht daneben sprang, am Holz der Seitenwand konnte man sich die Haut an den Beinen ordentlich aufreiben oder -reißen, passierte auch öfters. Ich erinnere das trockene Heu auf dem Heuboden, das Verwinkelte, aber für mich nur bedingt Interessante an diesem Versteck. Man konnte nicht lesen am Heuboden (aber ich konnte zu dieser Zeit noch gar nicht lesen), weil es juckte und kitzelte. Die Haut des Heus verursachte frote Flecken auf der Haut, das war unangenehm. Vielleicht war auch etwas anderes, Verbotenes dabei. Vielleicht hatte ich Angst vor diesem Ort, über die ich mit niemandem sprechen konnte, wahrscheinlich. Dass mein Bruder den Heuboden anzündete, weil er mit Streichhölzern experimentierte. Gelegenheit gab es. Einmal behauptete ich in einem Text, während die letzten sechs oder sieben Kühe in die Transporter geschafft wurden – es war eine aggressive Situation und wir, die Nachbarsmädchen waren auch dabei, sollten nicht zu nahe kommen –, hätten wir uns hinter den Torfsäcken versteckt und ein Pornoheft gefunden. Die Kindheit, so ich in einem Text, der von ganz anderem handelte, sei zu Ende gegangen. Wegen weggeschaffter Kühe? Und wohin denn? Soviel Kindheit war immerhin, dass das Wort Schlachthof nicht gefallen war. Wegen ein paar obszöner Bilder, die mir so verboten vorkamen, dass ich nicht einmal daran denken konnte, während ich wegschaute? Dabei war doch Kindheit. Die ganze Zeit Material.

Die Dümmsten (Hühner)
Denen drehte man die Krägen um, ohne neue anzuschaffen, nachdem im Kuhstall längst das Gemüse zwischengelagert wurde. Die Hühner waren immer frei herumgelaufen. Hühnerdreck auf dem nicht asphaltierten Hof. Ein löchriger Zaun neben dem alten Holzschuppen, dessen graue Holzwände ganz schief und wackelig waren, dahinter das Plumpsklo. Die Hühner fraßen den Salat, er war vor ihnen nicht zu schützen. Wenn wir im Morgengrauen auf den Acker gingen, um hundert Steigen für den Konsum oder Sparmarkt zu ernten, waren Gras und Salatköpfe kühl und feucht, das war ein angenehmes oder ein fürchterliches Gefühl an den nackten Füßen, je nach Verfassung. Regen war natürlich eine Katastrophe und der Magen erholte sich den ganzen Tag nicht vom Aufstehen zu lange vor Sonnenaufgang. Rund zwanzig Jahre später vermittelt mir ein nachlässiger Liebhaber ein Zimmer auf einem aufgelassenen Bauernhof. Ich will Urlaub machen und schreiben. Die Hühner der witzigen und sehr strengen Regine, einer alten Frau, die kaum noch gehen kann und eine markerschütternd laute Stimme hat, sind derart penetrant, dass sie jeden Morgen den Sand genau an den Stellen aufpicken, an denen die Tischbeine auf den Boden treffen. So dass während des Frühstücks (Tee, Müsli, eine sehr dünne Regionalzeitung), das ich erst um neun Uhr, aber dennoch vor der alten Frau, die die halbe Nacht vor dem schreienden Fernseher verbringt, im Hof einnehme, der Tisch ein bisschen einsinkt. Jeden Tag. Hühner fressen alles und immer das, was ihnen verboten ist. Die Hühnergehirne sind die allerkleinsten und ihre Träger die allerdümmsten. Ich schreibe ein Gedicht darüber, das ich dem nachlässigen Liebhaber natürlich nicht widme, er hat es einfach nicht verdient.

Die im Keller (Ratten, Mäuse)
Die Ratten im Keller, auch die sind abwesend. Sollte also. Sollte eigentlich über die Abwesenheit der Tiere in meiner Kindheit (noch dazu einer Kindheit auf dem Lande!) texten. Ich stelle aber – ein literarisches Muster vielleicht oder eine Möglichkeit für einen Weg, ausgetreten zwar und doch begehbar – immer die Abwesenden mitten in den Raum/den Text und zeige darauf : seht her, so könnten sie ausschauen, wären sie da (gewesen). Die Verhandlung des Abwesenden, des Fehlenden als Grundmotiv. Auch als Motor gegen den absoluten Verlust all dessen, was die Schreibende ausmachen könnte. Ihr Vermögen, den Verlust zu beschreiben, zu beklagen.
Oder von vorn : ein paar Generationen, drei nur und nach der letzten keine mehr, leben unter einem Dach. Das ist zahlenmäßig ungerecht verteilt, wir wissen, es war nicht immer so. Gab früher einmal viel mehr Alte, mehr Kranke und Sieche unter diesem Dach, jetzt sind es Kinder, Jugendliche und eine alte Frau : die Groß-, Schwieger- und Mutter. Bei vielen Gelegenheiten hatte sie schon Auftritte und wird weiterhin auftreten, wenn auch immer wieder für Verwandlungen gut. Die Macht liegt in der zweiten Generation und wird direkt (Schreie, Befehle, Schläge, Verbote, Bevorzugungen) oder indirekt (Einflüsterungen, Tränen, ein müder oder abgewandter Blick, je nachdem) ausagiert (Eltern eben). Und jetzt soll die Erzählerin in den Keller gesperrt werden. Das ist ein Erdkeller, im hintersten Raum liegen ein paar alte Holzfässer auf dicken Balken mit süßem, gärendem Apfelmost, bloße Fersen schicken einen Erinnerung an die schwarze, immerfeuchte Erde im Mostkeller, dessen ebenerdiger Ausgang jahrzehntelang verschüttet war. Daneben der Heizkeller, den die Kinder regelmäßig mit Holzscheitern befüllen, die scheuen Katzen wohnen winters hier, sie gehen durch ein Fenster, dem das Glas fehlt, ein und aus. Die Stiege hinab ist steil und dunkel, Licht in allen Kellerräumen wird erst im nächsten Jahrhundert installiert. Der Keller. Der Keller. Heute darüber zu schreiben, bedeutet natürlich viel mehr als über ein paar Kindheitsängste usw. Ratten? Es ist völlig ungesichert, ob es Ratten gab, es ist sogar eher unwahrscheinlich. Mäuse, ja Mäuse wird es gegeben haben, immer wieder. Die Katzen brachten sie auch regelmäßig daher, trieben ihr Spiel mit den qualvoll sterbenden Tieren, die sie wie elastisches Spielzeug behandelten. Den Tod und den Genuß so lange wie möglich hinauszögernd. Dafür brauchten sie Publikum; Ratten waren nie darunter. Auf das kleine Mädchen, das gelogen oder gestohlen hat, das vielleicht frech war, warteten aber Ratten in dem dunklen, kalten Keller, das ist gewiss. Auch wenn der sonst nur ein Ort des Ärgernisses und der Befehlsausführung (Most holen, den Ofen beheizen) oder seltener, erst ein wenig später, der Recherche war. Dass es in den Keller gesperrt werden sollte, zu den Ratten, in die Dunkelheit, das zählte – und tut es vielleicht immer noch (aber das ist ja schon wieder eine andere Geschichte).

Die Wege, innen (Ameise)
Die Ameisenstraße in dem Sommer, in dem der Geschirrspüler ausfiel und seine Reparatur hinausgezögert wurde, eine Versicherungsangelegenheit, hatte irgendwo ihren Ausgang oder Anfang genommen, ich wusste es nicht. In dem Kübel mit den Essensresten, der unter der Abwasch gelagert war und dessen Inhalt an die Schweine abends, wenn ich mich recht erinnere, verfüttert wurde? Den gab es in den Sommern zuvor ebenfalls, und wohl auch noch ein paar Sommer danach. Also. Einen ursprünglichen Zusammenhang zwischen den kleinen Tieren, die mit Forschheit ausgestattet waren und keinerlei Ekelgefühl bei mir auslösten, und dem kaputten Geschirrspülgerät wird es wohl nicht gegeben haben. Um neun Uhr musste ich die Vormittagsjause für die Arbeiterinnen hergerichtet haben und wenn ich deren Geschirr weggeräumt hatte, fing ich an zu kochen. Manchmal unterbrach ich diese Arbeit, die mir einigermaßen leicht von der Hand ging, allerdings auch chaotisch, turbulent, um mich für eine Weile vor den Fernseher zu setzen. Damals wurden um zehn Uhr dreißig Spielfilme gezeigt und manche konnte ich mir nicht entgehen lassen. Auch wenn dies bedeutete, dass etwas überkochte oder anbrannte oder ich die Erdäpfel zu spät ins Wasser schüttete, Chaos und Rasanz um kurz nach zwölf ihren Höhepunkt erreichten. Mindestens zehn Leute saßen um halb eins um den großen Tisch herum und mit dem Abwasch war ich frühestens um drei Uhr fertig. Da lohnte es sich kaum noch, ins Schwimmbad zu radeln, denn um achtzehn Uhr wurde noch einmal gegessen. Ständig fragte ich meinen Vater, ob er endlich mit dem Versicherungsagenten, das Nötige in die Wege geleitet habe, damit der Geschirrspüler endlich repariert werden konnte. Der war damals, wenn ich mich recht erinnere, bereits Bürgermeister oder zumindest dessen Stellvertreter, verdiente als Makler gutes Geld und leistete sich eine Limousine, wofür der Vater ihn bewunderte (dass aber der Versicherungsmensch an uns und durch uns zu einer Limousine gekommen war, irritierte den Vater genauso wenig wie die anderen Bauern, die ihr Geld in Hagel- und andere Versicherungen steckten, meistens erst, nachdem das Unwetter zugeschlagen hatte). Es dauerte Wochen, dauerte fast den gesamten Sommer, bis ein funktionierendes Konstrukt gefunden war, das uns einen neuen Geschirrspüler bescherte, obwohl die Garantie längst abgelaufen und das Gerät einfach an Alterschwäche oder Überlastung eingegangen war. Eine große, riskante Aktion, für dessen kriminellen Aspekt ich meinen Vater verurteilt hätte, wäre nicht der Versicherungsmakler um ein Vielfaches verwerflicher gewesen. Die Ameisen versuchte ich zu zwar vertreiben, sie störten mich aber nicht, wir verbrachten einen ganzen Sommer miteinander in der hellen, großen Küche. Immer wischte ich sie weg, schob sie mit Kehricht oder Schaufel in den Mist, immer wieder, mehrere Male am Tag. Versuchte verschiedene Hausmittel, statt Backpulver verwendete ich einmal Vanillezucker, es war mir wahrscheinlich gleichgültig. Am Abend waren die furnierten Platten blankgeputzt, auch der ausgetretene Kunststoffboden gefegt. Meine Fersen waren schwarz, ich war wieder den ganzen Tag barfuß unterwegs gewesen, und manchmal klebten Essensreste an meinen Unterarmen, die ich herunter kratzen musste und zumindest hätte ich mich von den kleinen schwarzen Tieren wegtragen lassen wollen, weit weg.

Die Unberührbaren (Schweine)
Auch wenn das an dieser Stelle niemand glauben mag. Ich habe den Schweinestall zeit meiner Kindheit nie betreten. Nie.

Die Erfundenen (Affen)
Durch den Wald hinauf, da, wo es zum Karnerwirt ging und wo mich einmal beinahe der Jäger angeschossen hätte, weil er mich für ein Reh halten konnte im Suff. Durch den Wald hinauf, aber vor dem Karnerwirt rechts abbiegen, wenn es einen Waldweg gab, so ist er heute zugewachsen. Da lebte ein Freund meines Bruders. Den ich weder je besuchte noch redete er mit mir, wenn er bei meinem Bruder war. Ich war eine kleine Schwester. Von meinem Bruder aber wusste ich, dass dieser Freund einen Affen besaß. Ich greife zum Telefon und frage meinen Bruder, ob er jemals einen Freund hatte mit Hausaffen. Irgendwo in der Nähe vom ehemaligen Karnerwirt, den es schon lange nicht mehr gibt. Solche Anrufe oder Anfragen mündlicher Art erhält mein Bruder des Öfteren : warst du während des Ausbruchs des ersten Jugoslawienkriegs im betroffenen Gebiet unterwegs? Wer war da, als sich unser Vater mit dem Nachbarn geprügelt hat? Kannst du dich erinnern, wie es war, als sie mich abgegeben haben zuhause, ein paar Wochen nach meiner Geburt? Kann er nicht. Immer benutze ich ihn als Projektionsfläche, wir sind es beide schon gewöhnt. Nach dem Affen befragt, erzählt er, wie der Vater mich wieder einmal bestrafte, weil ich in der Schule erzählt hätte, dass wir zuhause zwei, früher drei Schimpansen gehabt hätten. Im Glashaus hätten die gelebt und in unserer Küche. Von Lianen zwischen Pelargonien und dem Durcheinander, das sie veranstaltet hätten. Von der Reise nach Afrika zu den entfernten Verwandten usw. Zur Rede gestellt, hätte ich mich damit verteidigt, dass mir die Geschichte von seinem Freund mit dem Affen so gut gefallen hätte, dass ich eben in der großen Pause davon erzählt und meine Mitschüler, genau genommen mein Mitschüler W., der unweit von uns wohnte und mit dessen Vater mein Vater regelmäßig zusammentraf, da etwas verwechselt haben musste. Dass aber sein Freund niemals einen Affen besessen habe, habe er damals gar nicht mehr erwähnt, ebenso wenig wie er jetzt urgieren würde, wenn ich von einem Affen in der Nachbarschaft schreiben wolle, allein, an den Namen seines Freundes könne er sich nicht erinnern. Er würde aber, obwohl es sich dabei um einen anderen Freund handelt, Bernhard empfehlen, so mein Bruder am Telefon.

Angelika Reitzer, «Der Affe Bernhards» in: Literatur und Kritik 447/448, 2010.

Wintereinbruch, Nacht. Echt.

Eine erstickte Perspektive ist Plüsch für das Auge.
(Amos Vogel, Film als subversive Kunst)

Wie diese Welt beschaffen ist : der Wintereinbruch findet innen statt. Eine Kamera folgt einer Frau auf der Straße. Die Frau betritt die Straße wie eine Bühne, vielleicht ist sie auch eine Abwesende auf dieser Straße, sichtbar vorhanden ist diese Abwesenheit in der Anwesenheit auf der Straße zwischen Menschen. Der Körper wird auf seine Funktionen (nicht unbedingt die eigentlichen) reduziert oder vielleicht umgebaut, ist wie alles in Auflösung begriffen : aber präzis, Teil für Teil verschwindet, was einen Halt geben könnte, eine Richtung oder eben eine Auskunft. Die Kamera will nicht unterscheiden zwischen Innen und Außen, sich und uns den Anschein geben, dass sie mehr sehen känne als die Oberfläche. Als könnte sie Gedanken lesen, z. B. die Erinnerung von K. an eine alte Frau, die diesen Weg täglich gegangen ist. (Und dann wird eine Geschichte erzählt, ausgesagt, aber das wirkt mehr wie ein Versprechen oder ein Versagen. Lässt einen ähnlich ratlos zurück.)

Ich bin mit Radka Denemarková unterwegs, einer tschechischen Schriftstellerkollegin. Das bricht den Aufenthalt einmal mehr, weil ich – neben meiner Suite im Grand Hotel und den Treffen mit Familienmitgliedern und Bekannten im Stadtpark und einem sagenhaft günstigen Wirtshaus mit dem treffenden Namen Alt Wien, im öffentlichen Raum – auch ein bisschen mit ihren Augen auf die Stadt sehe, auf die sog. Literaturszene, die sich in diesen Tagen von seiner eifrigsten Seite zeigt (was meistens nicht mit Massenandrang zu tun hat, es bleibt überschaubar), die Möglichkeiten erwägend, das Klima beschnuppernd und immer wieder freundlich staunend.

Der Kamerablick ist ein sezierender, ein die Objekte in kleinere Teile auseinandernehmende (natürlich ist auch das Gegenteil der Fall…). Die Teile zusammenbringen : Körperteile sind Teile eines Ganzen und auch Einzelnes (Kamerablick), anhand der aufgenommenen Ausschnitte kann der Zuseher (Leser) ergänzen oder weglassen, erweitern oder eigene Ausschnitte herstellen. Das gilt für den Text gleichermaßen wie für die Figuren, von denen er erzählt. Und ja. Ich verlange vom Leser/von der Leserin : Aufmerksamkeit und Konzentration, Abstraktion und Vergegenständlichung, die aktive Auswahl und Weiterarbeit beim Hören. Das Einnehmen der Position hinter der Kamera beim Hören eines Textes. Und es ist schon so : der dokumentarisch-filmartige Blick auf die Frauen, deren Wege sich zufällig und absichtlich kreuzen, will diesen Text erzeugen, will nicht selbstverständlich sein, auch nicht aussagend-erzählend im herkömmlichen Sinn, keine unterhaltende, absehbare Story, angereichert mit Wiki-Fakten oder erweitertetem Fernsehwissen.

Unser Schauen soll aber durchleuchtet werden und hinterfragt.Überblendungen von Erzählen und Erzähltem, Unterbrechungen, die das Erzählen nicht einfach dokumentarisch erscheinen (wie es ein Effekt von Montagetechniken sein kann), sondern zu einer eigenständigen Dokumentation werden lassen. Manchmal verhält sich ein Text wie die eigene Off-Stimme zum Geschehen, die aber vom Körper immer wieder eingeholt wird.

„Ich halte die Straße keineswegs für ein ganz geeignetes Mit¬tel, seine Meinung bekannt zu ge¬ben/außeror¬dent¬lich demokratisch ist, wenn es Leute gibt, die trotz der Verbote, die einzige Öffentlichkeit, die dann für sie bleibt, nämlich die Straße be¬nut¬zen, und davon öffentlich Gebrauch machen.“

Ich gehe an aktuellen Schauplätzen vorbei, denke an meine Hauptfigur C. und vergleiche die Erinnerung mit den Fakten, suche Hauseingänge, ganz leicht geht das, fast, als würde sie mir aufgetragen haben, nachzuschauen, ihr davon zu berichten. Von den Veränderungen, von dem, was gleich geblieben ist. Es ist aber nie eine Vergewisserung des Erzälten und/oder Erzählbaren. Das nämlich steht außer Zweifel und außer Streit. Kann es mit der Wirklichkeit nicht aufnehmen. In der Doku-Filmreihe für Kinder und Jugendliche habe ich mich zweimal über den Moderator geärgert, der immer wieder darauf beharrte, dass Dokumentationen vom Echten erzählten, echt sagte er immer wieder, genüsslich, triefend. Echt. Hassenswerte Vokabel oder auch lachhaft. Die Straße ist ein Ort, an dem wir die vielfältigsten, die flüchtigsten Begegnungen haben, die über einen (unbewussten, nicht wahrgenommenen) Blick meist nicht hinausreichen. Gleichzeitig – und daran soll mit dem Zitat von Ulrike Meinhof eben nur peripher, auf der Zitatebene erinnert werden – ist die Straße öffentlicher Ort, Ort von Protesten und Demonstrationen, demokratisch eigentlich (vor den Einschränkungen, den Wegweisungen). Die Straße ist für viele Bevölkerungsgruppen Treffpunkt, Aufenthaltsort. Für Obdachlose u. Menschen, die in unserer Gesellschaft nicht (mehr) ihren Platz finden, ist die Straße oft der einzige aller möglichen Orte. Diese Figuren des öffentlichen Lebens bestehen aus Wahrnehmungen, denen sie nicht trauen können, und aus den Zuschreibungen anderer. Die Wirklichkeit läuft ab/findet statt als Zeitraffer – nur die Menschen kommen dem nie nach.

Eine Kamera folgt einer Frau, die sieht, denkt, sich erinnert. Ist auf der Straße unterwegs, geht an Menschen vorbei (übersieht), trifft auf eine flüchtige Bekannte, geht ihres Weges; parallel wird von einer Frau und deren Tochter (fast nichts) erzählt, treffen wir auf eine Frau, die sich auf der Straße das zurückholt, was man ihr dort genommen hat. Am Ende begegnen sich K., Klara und die Kamera auf einem Dach, sehen sich und haben sozusagen den totalen Überblick.
Wie diese Welten beschaffen sind : der Beginn der Nacht wird vom Einbruch der Müdigkeit bestimmt, nicht umgekehrt!
Was noch zu tun ist : wie weit kannst du erzählen, der Geschichte, dem Erzählen freien Lauf lassen, ohne zu Ende zu erzählen, ohne auszureden im Sinne von Schluß. Wie weit sich nach vorne wagen, es ist ein Grat. Ich packe meine Sachen, alles passt in einen kleinen roten Koffer, wie immer. Ich werde in wenigen Stunden meinen Sohn aus dem Kindergarten holen, er fragt mich, wie es war, in Kroatien. Und als ich sage : Graz. Ich war in Graz, da bin ich wieder ganz und gar unsicher, wie sehr das Graz war, mein Aufenthalt in diesen Tagen. Kalt ist es geworden, aber in der neuen Wohnung funktioniert die Heizung, wie bedienen sie manuel. Ich schreibe wieder an meinem Text.

Mehr Raum, anders

Sprach-Räume, Orte, Plätze, Stellen oder Winkel der Wahrnehmung (und in der Wahrnehmung) Vergewisserung – Verunsicherung – vielleicht Niederlage (einerseits, weil : Wahrnehmung nicht vollständig eingeordnet, gestapelt und die richtige Richtung gebracht werden kann, also vage bleibt, auch wenn sie dennoch massiv sein kann, jaja). Räume aus Sprache oder Wahrnehmung wollte ich ausleuchten, ausmessen mein eigenes (sprachliches) (perzeptuelles) Gehen, Vortasten, Voranschreiten.

Und dann habe ich : Räume ausgeschritten, so und so viele Meter lang und breit und hoch, über weiteren Raum, der zu schaffen ist, gestaunt. Gleich angefangen, sich mit diesen Räumen mich auseinandergesetzt, auf eine sehr physische Weise. (Die eine und weitere körperliche Grenzen meinerseits haben sich dabei natürlich auch aufgetan.) Aber zuerst. Langmut, wer hätte das gedacht. Ich habe geschätzte 200 Quadratmeter Wand verspachtelt (unser Bildhauer-Freund ein Vielfaches, aber das ist ja kein Bewerb, sondern die Ästhetisierung von Wohnraum mit vorhandenen Mitteln), Quadratzentimeter für Quadratzentimeter, Innenspachtel fein, Gips, Spachtelmasse, Fugenfein, je nachdem, was gerade verfügbar ist. Das geht so dahin, morgens schlüpfe ich in alte Sportsocken und eine Hose aus dem Jahre Schnee (das war noch in einer anderen Stadt – Jobperspektiven nach dem Studienende, Frühstücken im Schwarzsauer vor den anderen, längst schon war das besetzte Haus in den Eigentum der ehemaligen Besetzer übergegangen und die in ein Stadium der Bobohaftigkeit, als das Wort noch gar nicht erfunden war – vor und nach der Renovierung anderer Wohnungen, es waren doch über all die Jahre so viele) und ein Leiberl mit Farbflecken, was weiß ich woher, spachteln, spachteln, Radio Ö1, FM 4, Stille, Spachtelmasse neu anmischen, die drei Meter hohe Leiter hinauf, hinunter und schon ist eine Woche vergangen, vielleicht auch zwei.
Innerfamiliär dräuen die Kategorien »alt« und »neu« herauf, der Begriff »Zuhause« funktioniert noch, manchmal muss man aber schon dazusagen, in welches man jetzt fährt. Die ersten Unterschiede drängen sich in die Wahrnehmung, vielleicht habe ich auch nur darauf gewartet; es wird schwierig, sie politisch korrekt wiederzugeben, ich sage es so : die Internationalität der alten und neuen Umgebung ist eine sehr unterschiedliche, aber wenigstens ist sie (hier wie da) vorhanden. Südlich und bunt und »am meisten« – das hat uns gefallen, das haben wir verteidigt denen gegenüber, die zur Adressangabe wissend-abgeklärt erwiderten : ach, da hab ich auch einmal gewohnt … früher … Und früher heißt in dem Fall natürlich : als ich jünger war, keine Familie (Kinder, um die man sich naturgemäß in einer solchen Gegend sorgen muss) und weniger Geld hatte. Heißt logischerweise : sobald ich weg konnte, hat mich da nichts mehr gehalten. Eine Berliner Freundin ermunterte mich, dass ich die türkisch-stämmigen Nachbarsbuben, die selten die Schule besuchen und ähnlich wie ihre Väter kapo-artig unser Hauseck oder was auch immer bewachen, die Straße, die auf eine bestimmte Art (die sie kennen, die ich kenne, über die wir uns offensichtlich stumm geeinigt haben vor längerer Zeit) ihnen zu gehören scheint, abchecken, dass ich auf diese Burschen schon einen Einfluss ausüben würde können, es sei sogar meine Aufgabe, für sie eine positive Figur darzustellen usw. (Dieser Aufgabe konnte ich nicht nachkommen, wollte ich vielleicht auch nicht – wie es gehen hätte sollen, weiß ich auch heute eher nur ungefähr, aber wahrscheinlich ist dieses ungefähre Wissen Produkt meiner Bequemlichkeit.) Im letzten Jahr, kurz vor Weihnachten nahmen wir die Einladung eines Nachbarn an und fanden uns wieder in einem 1-A-Hobbykeller mit witzigem Wurzelwerk über der Vollholzbar, neben einem improvisierten Punschstand und vielen nackten Mädchen – an den Wänden. Eine junge Frau sagte auf meinen Konversationsversuch (den mein dreijähriger Sohn vorbereitet hatte, indem er ihr gefährlich nah kam, aus dem Chipsteller vor ihr auf dem Tisch aß, woraufhin sie angewidert zurückwich und versuchte, sich unauffällig-auffällig aus dieser Gefahrenzone zu bringen), dass es »bei ihr ja nun auch bald so weit sei« : ja! Es geht mir scho so am Oarsch. Woraufhin gleich ihre Freundinnen ihre Verwunderung teilten, dass sich niemand von ihnen vorstellen könne, dass sie als Mutter etc. Und der Gastgeber, ein freundlicher, immer gut gelaunter, aber zum Zeitpunkt unseres Eintreffens schon ziemlich betrunkener – ja was eigentlich? Schlosser? Mechaniker? Angestellter in der Baubranche? (ich weiß es nicht und schäme mich jetzt dafür. Sie arbeiten – viele von ihnen jedenfalls – von 7 bis 7. Die Spanne, die sie dafür bekommen, ist ziemlich groß, der Unterschied dabei hat eher mit Herkunft denn mit Ausbildung zu tun, natürlich nicht in allen Bereichen. Manche von ihnen essen zu Mittag gar nichts, andere verdrücken Thunfisch aus der Dose und nachmittags Kaffee aus dem Kühlfach. Es gibt Feierabend-Aushilfskräfte, die sich Bier wünschen, weil sich das so gehört auf der Baustelle, und die gerne bei einer Zigarette von den Kindern erzählen, die sie eigentlich viel zu wenig sehen.) – Ernstl, der Gastgeber jedenfalls, beteuerte in der Stunde, in der wir auf dem Fest waren, rund zwei Dutzend Mal, dass er es gar nicht glauben könne, dass er sich irre freue, dass er aber niemals mit uns gerechnet hätte, dass wir (die Aliens aus dem ersten Stock, deren beleuchtete Bücherwände die Szenerie aus schneller Prostitution zwischen zwei Autos, kleineren und größeren Deals und dem normalen, geschäftig-lautem Leben auf der Straße, das die Mieter aus dem Gemeindebau gegenüber mitunter durch Keifen aus dem Fenster kommentieren oder auf diese Weise abstellen wollen, überblicken), dass wir tatsächlich gekommen waren.

Leitungen stemmen, um Licht und Wärme und den Geräten für kabellose Verbindungen die Wege zu weisen. Mobiliar aus den letzten 30 oder 40 Jahren entsorgen. Ausgleichsmasse, Naturstein und Platten zweiter Wahl. Ausflüge an die Peripherie und immer wieder an die wahren Schauplätze der Realitätsausstatter (Baumärkte!) (Es gibt immer was zu tun…).
Irgendwann, es sind schon ein paar Wochen vergangen, fange ich an, die extraterrestrischen Überreste des Untergrundes zu beseitigen. Rote Krähe und Stechbeitel sind da die Hilfsmittel, es vergeht eine weitere Woche, mittlerweile kenne ich weitere Muskel an Oberarmen und -schenkeln, deren Existenz mir bislang verborgen geblieben ist. Der Bankbeamte, der für die Kreditvergabe zuständig sein könnte, ist ein Topberater (so steht es auf seiner Visitenkarte), er trägt die Hemdsärmel wie auf den Plakaten, die für den Aufschwung seiner Bank werben sollen; war auf einer Lesung von mir und versteht die schwierige Lage von uns Künstlerinnen, muss aber darauf verweisen, dass für die Bank nur Ziffern in Schwarz auf Weiß zählen. Ein bisschen rechnet er damit, dass diese neue Erfahrung in einen meiner nächsten Texte Eingang finden könnte (werde ihm den Link zu den Randnotizen schicken) und wünscht mir jedenfalls für mein weiteres Schaffen das Allerbeste usw. Und auch Freunde reagieren auf Produktnamen so, als müssten sie meinen nächsten Buchtitel bewerten. »Löser« findet dabei am meisten Zuspruch.

In ruhigeren Momenten pflegen wir unsere Grätzl-Rituale, die schon das Adjektiv Abschied tragen. Wir gehen zu unserem Wirt Edi, noch einmal, noch einmal, wir gehen auf den alten Spielplatz, die alten Wege, ich fahre die Brache entlang und bedauere, Genugtuung mischt sich unter die minimal traurigen Regungen, weil ich mich darauf freue, das Fahrrad bald nicht mehr durch den engen Eingang und die schmale Treppe hinauf/hinunter in den Hof schleppen zu müssen und auf einmal bemerke ich, dass die kleine alte Frau von gegenüber, deren Mann im letzten Winter gestorben ist, uns vielleicht vermissen wird, wenn sie sich zum Rauchen aus dem Fenster beugt und ein bisschen an unserem Familienleben teilnimmt.

Zwischendurch erhalte ich Nachrichten von der Protagonistin meines übernächsten Romans. Sie schlägt eine Erbschaft in Form eines alten verfallenen Mietshauses aus und erwirbt ein Gartengrundstück. Endlich kann sie ihr Studium abschließen, wird Maklerin für Fertigteilhäuser – eine Profession, die sich im kontextuellen, im literarischen Umfeld viel zu klischeehaft ausmachen würde, als dass ich sie verwenden könnte. Und sie hofft, dass ihr Lebensgefährte und Vater ihres Kindes bald in Vietnam seine ersten Gebäude planen darf.

Während ich diese Zeilen schreibe – in meinem alten »Büro«, dem Kaffeehaus J. im 6. Bezirk, meldet sich der Tischler für den kommenden Tag um 7 Uhr morgens an, er wird mit seinem Kollegen dem von mir abgekratzten Boden den letzten Schliff geben, und der Installateur ruft auch an – es könnte sein, dass wir beim Einzug doch (Warm-)Wasser haben werden. Alles wird gut. So gesehen.


[ Über das Ausmessen meiner Schritte – Tapetenreste, Tapetenwechsel ]

große Wolken

große Wolken, so hat sich’s bislang ergeben, da steck ich ständig drinnen. Es ist keine Frage von Jahreszeiten, und ja : es erstaunt mich selber, immer wieder. Um ehrlich zu sein, es sind natürlich immer (immer!) weiße oder schmutzig-weiße Wolken und muss also heißen : große weiße Wolken sind immer um mich herum, ich also mittendrin. Ist es eine Frage der Temperatur und des Lichteinfalls? Ein leeres Zimmer, Licht fällt auf den Fußboden, keine Notizbücher, auch keine Stifte, keine liegengelassenen Westen, natürlich keine Hausschuhe oder Strümpfe, die in der Hitze ausgezogen wurden. Ist es immer Sommer? Die großen weißen Wolken sind vielleicht ein Ergebnis des Klimas. Wenn du aus einer Familie stammst, in der alle anderen auch nicht dazugehören, dann sind Zimmer, Stockwerke und Bezirke einerlei. Wer kümmert sich da um einen Schattenplatz im Garten? Wer würde sich daran stören oder vor Freude daran erinnern, dass alles wuchert wie wild? Wenn du zu einer Familie zählst, die deinen Namen vergisst, weil sie ihn einmal zu oft oder überhaupt viel zu früh abgekürzt hat in ein unentwirrbares Kürzel aus Buchstaben und Stimmfetzen, dann wirst du nicht lange darüber nachdenken, ob du diesmal die Ferien verlängerst, um allen endlich wieder einmal beim Feiern zuzuschauen.
Du wartetest, bis über den Platz vor dem Haus eine Spur gezogen worden war, durch die sehr hohe Schneewand, eine Bahn durch das Schneefeld, die gerade so breit war wie die Schultern des Vaters, wenn er seine dicke Winterjacke anhatte. Schnee überall, Schnee. Wolken. Du schautest aus dem Fenster, und da war nichts zu sehen. Bestimmt hat es eine ganze lange Nacht gedauert, bis so viel Schnee lag, mehr als eineinhalb Meter. Jetzt nimmst du, wann immer dein Kind es zulässt oder wenn ihr über die Straße geht, seine linke Hand (steckt in einem Fäustling), die rechte hält es sich über die Augen. Vor ein paar Stunden hat es zu schneien begonnen. Gelborange leuchteten die Flocken im Licht der Straßenlaterne. Der Schnee fällt leicht, nicht sehr steil, doch auch nicht waagrecht. Schnee fällt. Gelangt in die Augen vom Kind, das sich aber zu schützen weiß. Ein Jammer, irgendwie, Wolken, Schnee, mühsam. Als ihr um die Ecke biegt, sagst du ihm, jetzt sei es besser, und das Kind nimmt seine Hand weg von den Augen und sagt : ja, stimmt.

Wegweiser in Richtung Salon Litéraire :
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Beim Ausmessen meiner Schritte (November 2008)

2
für einen Monat Tagebuch also und gestern bekam ich fünf Notizbücher geschenkt. Wer hätte das gedacht, bin natürlich ein bisschen gerührt über die Einschätzung, dass ich ab dem 37. Geburtstag also eher schreiben als lesen soll (fertige Literatur bekam ich schon auch), oder einfach so: die Lieben wollen, dass ich weiterschreibe und ich kann das in versch. Varianten angehen, mit oder ohne Einband, groß, klein – aber immer blanko, unliniert (begonnen im roten, auch mit dem Vorsatz, das Tagebuch eben – wie ganz früher – per Hand zu schreiben). Den Briefwechsel Celan-Bachmann in die Hand genommen (auch der wurde gestern hereingeweht, zusammen mit Olivenöl und Schampus) und mit ein bisschen Wehmut denk ich an die Briefzeit, an jenes stete Adressieren und Abholen von Briefen und bin auch verwundert, wie viel Zeit dafür zur Verfügung stand, ja natürlich. Dann las ich Celans Allerseelen-Gedicht, Findlinge, Sterne, Schwarz und voll Sprache – jedes Jahr wieder denke ich an meine Kinderfron mit Chrysanthemen und Urnen und elterlich forciertem Schulschwänzen und dieses Außerhalb-Stehen von allem, weil ich nie dazugehörte – auch nicht zu den Chrysanthemenverkäufern – Plastikspielzeug u. Windräder gehörten da dazu. Eine Friedhofsgängerin bin ich auch nie wirklich geworden, obwohl: vor ein paar Tagen war ich in Lenzburg auf einem Friedhof, es regnete leicht und regnete immer weiter und zwei junge Friedhofsgärtner waren ganz in Gummiregenzeug und es kam gar kein Friedhofgedanke auf und die Namen interessierten mich nicht, nur die moderne graue Betonsiedlung gegenüber vom Friedhof gefiel mir und da bin ich wieder in das Städtchen hinunter, hab mir ein Notizbuch gekauft (das jetzt aber am Schreibtisch im Bureau liegt, für Notizen vor Ort, die großen Ringe stören eigentlich eher) und eine NZZ und bin in den Zug gestiegen, auf der Fahrt dann dicke weiße Flocken.

4
immer wieder dies langsame Beginnen. Ich war unterwegs, ich war krank und schon datiert die letzte Arbeit (das letzte Öffnen des Dokuments) an der Kellerpassage von vor zwei Wochen (und dabei ist in Wahrheit noch wenig begonnen. Die Hinweise, die mir Heiz gab, seine sehr klugen Fragen, seine schlichte Interpretation bewirkten sehr wohl ein längeres Nachdenken, obgleich: ich las auf einer Neuerscheinung eines ehem. Verlagskollegen Zitate von Klagenfurter Jurorinnen und dass der Autor seinem Auftritt beim Bachmannwettbewerb im Jahr 2002 irre viel verdankt, ohne den dieses Buch nicht hätte schreiben können. Sechs Jahre ist das her und man fragt sich, was gewesen wäre, wenn der nicht aufgetreten wäre und will das Buch sicher nicht lesen).
Wie lange die Befindlichkeiten von Juroren noch nachgebetet und -gekaut werden; konfrontiert wird man eh immer mit den Negativaussagen (die sind viel haltbarer, ganz offenbar), aber vielleicht wollen Journalisten ja einfach abklopfen, wie beschädigt man (ich) aus der ganzen Sache hervorgegangen ist. Und da ich darüber nachdenke: ist das bereits eine Beschädigung oder nur Zeitverschwendung?!

5
Waltz with Bashir gesehen. Ein Film – so Horst nach dem Film (es fiel uns erst einmal schwer, darüber zu sprechen) für F. Ja, F. ist als Kind mit seiner Familie aus dem Libanon geflüchtet, Anfang der 80er, also während des Libanon-Krieges, wieder besondere Situation, weil er einer christlichen Familie entstammt. Animierter Aufarbeitungsfilm über das Massaker von Sabra und Shantilla, Sept. 1982 (wurde wohl von manchen als Rachefeldzug nach der Ermordung des libanesischen Präsidenten Bashir Gemayel verstanden). Der Regisseur war selbst sog. einfacher Soldat und stellt eines Tages (nachts, in einer Bar, ein Freund erzählt ihm von einem grauenvollen Hundetraum, einem Albtraum, der immer wieder kommt) fest, dass er sich – offenbar völlig traumatisiert – an nichts davon erinnern kann. F. kam leider nicht zur Lesung in Lenzburg, ich habe ihn lange nicht gesehen, wenn er in Wien ist, meldet er sich entweder ganz knapp oder gar nicht. Nachmittags schrieb er mir, dass er sich schwach fühle (hat gar das Wort schwächeln verwendet) – und das mir, ich war ja mit Angina und Bindehautentzündung seit einigen Tagen unterwegs und ziemlich bedient, aber meine Unerbittlichkeit hat wohl etwas nachgelassen (früher hätte ich F. vom Flughafen aus angerufen und ihm gedroht oder ihn gezwungen, zu erscheinen oder ich hätte ihn tags darauf in Zürich auf- u. heimgesucht – vielleicht, denke ich jetzt, wäre er dann eh gekommen, wollte nur besonders gebeten werden, aber was weiß ich, heute ist mir das zu mühsam und wirr). So habe ich nur mit Horst gemeinsam länger an F. gedacht, über ihn geredet. Über seinen Rückzug, über seine Abstinenz von der Welt, die er neuerdings durch das Sammeln von alten Stichen noch unterstreicht, scheint mir.

6
der Verlag will den nächsten Roman fixieren, vertraglich, das gefällt mir natürlich, aber es ist auch wundersam, noch ist so wenig da, was könnte da Gegenstand sein – die Tatsache an sich, ja, komisch.

7
X im Jelinek getroffen, wir tauschen unsere Bücher, tauschen uns aus (wobei ich meine Neugierde offensichtlich nicht so rauslasse wie andere. Ist mir schon im Waldviertel aufgefallen, Fragen nach dem Geldverdienen [lebe von den Sparbüchern meiner Oma in ihrer Mietwohnung mit altem Vertrag] sind natürlich legitim und realistisch, kommen mir nie so leicht oder selbstverständlich über die Lippen). Wie viele Lesungen, wie zufrieden/oder nicht mit dem Verlag etc. X hat die Theorie, Lesen vor Publikum korrumpiere einen, weil man natürlich geliebt werden will und je mehr man versteht, wo die Leute lachen, desto gezielter schreibe man darauf hin. Peter z.B., der doch die meisten (viele jedenfalls) seiner Texte unmittelbar vor Lesungen verfasst, scheint komplett auf diese Lacher hinzuschreiben. Bei unseren ersten Lesungen hatte ich immer Angst, dass nach all der Heiterkeit für ihn keine Aufmerksamkeit für mich mehr übrigbleibe, dass das Gefälle (zu meinen damals doch noch viel ernsteren oder auch trockenen Texten) allzu arg sein könnte. Ergebnis war damals, dass Peter meist als zweiter las und dann so lange, bis die Zuhörer auf ihren Sitzen einschliefen oder umfielen oder er selber nach mehreren Bieren einsah, dass es dann doch jetzt genug sein könnte. An meine Sachen konnte sich da schon seit Stunden niemand mehr erinnern. So ungefähr. Heute ist es anders und als ich nach unserer letzten Lesung in Linz Peter sagte, seine Texte seien mitunter redundant, man merke ihnen die Geschwindigkeit an, aber eher als Vorbeirauschen, da gefiel es ihm gar nicht, dass ich ihn überhaupt kritisiere, ist der Grund, warum ich seine Texte nie mehr zu lesen bekomme – u. ja, gelacht wurde auch diesmal. Dass Peter derart um die Sympathien buhlen könnte, war mir lange nicht bewusst. (Und ist es ihm vielleicht auch nicht.)
Beim Lesen vor Publikum kann man ja tatsächlich zu Erkenntnissen über den eigenen Text gelangen, wie das beim Selberlesen offenbar nicht möglich ist. Es gibt einen elementaren Unterschied zwischen dem ersten Lesen nach vielen Überarbeitungs- und Korrekturphasen und dem Lesen vor Publikum, kann’s nicht präzisieren, bin aber davon überzeugt.
Mit Ćosić und Özdamar (in Lenzburg) redeten wir über die Erkenntis und das Lachen, das ist jetzt natürlich etwas anderes. Die beiden sind sehr erzählerische AutorInnen, mit lange gespannten Bögen mitunter. Özdamar, die ja auch Schauspielerin ist, verzog beim Lesen witziger Stellen immer ihre Lippen – wenn das Lachen einsetzte – und erinnerte mich dabei viel eher an eine japanische Geisha (ich hab zwar keine Erfahrungen mit ihnen, auf die sich die Erinnerung, diese Katze E. stützen könnte, aber…), die grimassierend sich dennoch an ein strenges Ritual hält, diszipliniert. War auch gleich verliebt, das hat mir so gut gefallen. Und da war es eben so, dass ich mich freute über die Lacher, die ich (auch) hatte und was heißt das dann? Ich denke, sind es gute Lacher, könnte etwas hängen bleiben im Zuhörer, das nachwirkt. Und bei mir: ich bin unkorrumpierbar, das schon u. natürlich will ich geliebt werden. Alles zusammen geht nicht, deshalb wird’s bei vereinzelten Lachern bleiben.

8
Nun doch die Herzzeit – Briefwechsel Bachmann-Celan (doch – war ich skeptisch oder habe ich nur einfach, ohne sehr darüber nachzudenken, Jessica zugestimmt, dass man so viel Pathos nun wirklich nicht mehr brauche?) bis zum Ende gelesen, Kommentare und Nachwörter sind ja ebenso ausführlich wie der Briefwechsel selbst. Natürlich (naturgemäß) ist vieles enigmatisch, es hat mich auch ganz eingehüllt die Lektüre (in kalten, trüben Tagen mit wenige Muße und viel Kränkeln), so vertraut all die Gedichtzitate, auch die Umstände des Lebens und Schreibens – und das dann all ZU vertraut. Wie enggeführt auch die herausgeberische Interpretation sein mag oder doch eher ist und wie wahr auch: in mir sträubt sich doch das Meiste, es ist ja nicht einfach Pathos (das auch, aber das liegt auch an der Entstehungszeit), das mich abschreckt, es ist v.a. dies immer wieder sich im gleichen Kreis bewegen und zwar auf germanistische Art und Weise, das ich gar nicht mehr mag. Eine Germanistin war ich eh nie (wollte ich nicht sein, das sah ich aber erst später), aber auch keine Jüngerin, ich kann es nicht, kann auf Zeit in einer Literatur mich aufhalten und die Haltung dahinter wahrnehmen, das ja; aber einem Autor/einer Autorin verfallen für immer?!) Es wird auch das stets Gleiche abgeweidet, abgegrast, ohne die Gesellschaft von Neuem, so in der Art. Die Kreise (aber das liegt höchstwahrscheinlich einfach in meiner Wahrnehmung) werden nicht weiter, es bleibt immer Bachmann, Bernhard, Stifter und ein bisschen Améry. (Nicht bös sein HH, ich bewundere es dennoch.)
Auf dem Geburtstagsfest von Alexandra (viele Germanistinnen, viele mir Unbekannte, ein paar Kolleginnen) ist alles nett und lustig und nur traurig, dass der Wirt keine Kerzen für die Torte hat; der Juror raucht Zigarre und hat wohl beschlossen, mich demonstrativ zu ignorieren – dass er kindisch ist, okay, seine Sache und abgehackt, wöchentlich in seiner kindischen Befindlichkeitskolumne nachzulesen, soll sein, aber so eine minimale Professionalität, ach (vielleicht ist er einfach kurzsichtigst).

9
auf dem Grund, auf dem der Turnertempel stand (eines der fast 50 jüdischen Gebetshäuser in Wien, die niedergefackelt wurden), fand heute eine Gedenkveranstaltung statt. Da ist nur ein kleines Stück Wiese, eine Straßenecke Turnergasse/Dingelstedt. Klasnic als Präsidentin des sog. österr. Zukunftsfonds erinnert mich an irgendwelche weinerlichen Pfarrer (hab doch so viele von ihnen gehört), es kommt natürlich nur (Polit-)Schaum, alles ultraweichgespült, blablabla, aus ihrem Mund, sie missbraucht die spielenden Kinder, (mich als) anwesende Mütter/Jungeltern, für ihr Geplänkel, das natürlich Hoffnung heißt. Redet von „bitterer Zeit“ und bittet um Verzeihen. Die Worte Schuld und Täter und Opfer fallen aber nicht, es graust mir und gleichzeitig habe ich ein schlechtes Gefühl auf dem Grund des ehem. Turnertempels. (Dass sie in manchen – wie vielen? – vielen? – Schulen zwar irgendwas vom Zweiten Weltkrieg lernen, aber nicht, was mit den Juden passiert ist, dass es Jugendliche gibt mit Schulabschluss, die noch nie das Wort Holocaust gehört haben, das hat genau damit zu tun. „Bittere Zeit“: da muss ich an Schicksal denken ¬– Subtext: die Hoffnung/Zukunft besteht für diese Leute doch in Wahrheit einfach darin, dass „es“ vorbei sein möge.)
In der Herklotzgasse 21 haben sie eine Ausstellung organisiert, es gab Führungen durch das unbekannte jüdische Viertel, in dem auch der Storchentempel lag (die orthodoxe Storchenschul – in einem Interview sagt die Tochter des letzten Rabbiners Weiss: „Wir waren orthodoxe Juden, natürlich, wir haben uns an alle Gesetze gehalten, aber wir waren natürlich auch modern, nicht so wie heute. Wir haben in Wien gelebt, wir sind ins Theater …“), zwei Häuser neben unserem Bäcker, dem sie vor ein paar Jahren die Autos angezündet haben. Der Storchentempel ist in der Hand von Spekulanten (Kultusgemeinde hat ihn vor einigen Jahren verkauft) und verfällt. Seit ein paar Wochen hängt ein Plakat mit der nicht funktionierenden Internetadresse einer Baugesellschaft an der Fassade, bin neugierig, ob sie endlich etwas damit machen. (Sehr detailliert der entsprechende Wikipedia-Eintrag.)
Das Brick-5-Gebäude, in dem sich die Turnhalle des jüd. Turnvereins Makabi XV (bis 1938) befindet (auch ein Waisenheim war untergebracht, ein Kindergarten – der erste Montessori-Kindergarten in Wien – und eine Ausspeisung), ist seit Jahren einer der wenigen Orte hier im Kiez (bin ja schon lange nicht mehr in Berlin, wenn das auch eines meiner Lieblingsworte, auch aktiv, ist) vulgo Grätzel, an denen konsequent unterschiedliche Kunst und Kultur stattfindet (Horst hatte eine Ausstellung da, früher versuchte Ruth Horak eine Fotogalerie zu installieren, jetzt mit Salon 5 Theater usw.) und ich freue mich jedes Mal wieder aufs Neue.
Danach sind wir (Familie) noch in eine aufgelassene Spenglerei in der Kranzgasse, Ausstellung im Fotomonat von Akademieabsolventinnen. Richtiger Off-Space, wow. Der Raum ist so großartig, dass er fast in allen Beiträgen direkt vorkommt, am neugierigsten machte mich der Text einer Künstlerin über das Beginnen in der Mitte (ja sicher, das ist ja auch mein Plan, ich behauptete es letztens, beim aktuellen Erzählprojekt finge ich einfach in der Mitte an – das ist irgendwie nicht ganz wahr, weil ich nicht weiß im Moment, wo Anfang Mitte Ende sein werden bzw. sind). Die Reflexion der eigenen Position fand statt auf einer Leiter stehend, die Künstlerin, die den Text spricht, der der Text zuzurechnen ist, fotografiert einen Hut, der auf dem Boden liegt, und einen Schirm. Muss noch den Namen eruieren. Beim Titel bin ich nicht so entschieden, wie gut der ist: Weit in der Mitte. (Doch. Eher gut.) Ob gentrifiziert oder nicht. So ein guter Nachmittag. Hier lebe ich.

10
Lesezirkel. Eine Frau beginnt mit den Worten: Ich habe auch Germanistik studiert …, die nach ihr: ich habe natürlich nicht Germanistik studiert. Sind sich (wir uns) einig, dass Trojanow zu viel recherchiert hat und zu wenig literarisiert. Wie immer gediegene, freundliche Damen, die wohlwollend kluge Sätze sagen bzw. manche kommen wirklich, weil sie plaudern wollen. Leider sind die wenigsten wirklich exzentrisch, immer wieder gibt’s die eine oder andere mit einer gewissen Tendenz dazu. Der Bibliothekar stellt mich als eine der erfolgreichsten österreichischen Autorinnen vor (nachdem er in medias res ging und ich ihn unterbrach, um mich und readme.cc kurz vorzustellen), ein bisschen peinlich. Mir sind aber die gutsituierten Bildungsbürgerinnen lieber als die scheinbar so intensiven, die nicht literarische, sondern generell-naiv Fragen stellen, in den Raum hinein. Immer wieder gibt’s ja dieses Mutter-, vielleicht auch Großmutterphänomen, die tun dann so, als sei ich ein junges Mädchen, dem man ein bisschen was aus dem Leben erzählen kann. Einmal sagte eine in der Runde: Ich verstehe schon, was Sie meinen. Meine Tochter sieht das auch so! (Aber es ging um Geschichte und darum, wie sehr man die österreichische Geschichte des 20. Jahrhunderts ad acta legen kann.)
Den halben Tag als Sekretärin und Touristikerin zugebracht. Wie schön, dass die Taghelle Gegend auf Kroatisch erscheint, aber nach Pula zu kommen ohne daraus eine insg. viertägige Reise werden zu lassen und die Kosten fürs Kulturforum erträglich zu halten, gestaltet sich echt aufwändig. Klar redeten sie im Sommer von einer mehrteiligen Lesereise, davon sind die Präsentation und ein Pressefrühstück, beides in Pula, übriggeblieben.

11
nach dem Abendessen im Mill singt M den ganzen Weg zum Bus (und im Bus dann einigermaßen leise: Ottos Mops kotzt, ogottogott; er kann nicht erfassen, wie sich die Episode im öffentlichen Tagebuch seiner Autorinnenmutter liest, die eigentlich dachte, sie wegzulassen – das ist schließlich so was von aufgelegt, zu viel des Guten etc. – aber dann: wenn das nicht den Weg hier hereinfindet, was dann?) das „neue“ Laternenlied, unterhält die Passanten, zuhause schreit er das Martinslied so halbwegs ins Telefon, seinem Onkel (der jetzt schon eine geraume Zeit der heilige Martin ist) entgegen (quasi Namenstagsgeschenk). Nur beim Laternenfest selber überkommt ihn wie fast alle Kinder so eine plötzliche Schüchternheit, alle singen ganz leise und die verstimmte Gitarre der Pädagogin hilft da auch nicht sehr.

13
amphibisch durch den Keller, aber ich kann mich nicht verkriechen in diesem Text, es ist nicht angenehm, nimmt Gestalt an – und es „gefällt“ mir gar nicht, was natürlich nicht der Punkt ist. Bemerke einen Hang zum Mich-Abschwächen im Schreiben, wieder die Frage nach dem Radikalen. Wie sehr kann, wage ich es, das, worum es mir wirklich geht, anderen zuzumuten. Meistens war ich ja viel zu dezent, da fanden sich für die meisten noch einige Auswege, genug jedenfalls. Das hier soll anders werden.
(In einer Erschöpfungspause dann nach Ferienhäusern im Internet gesucht und ein mittelgroßes Jahrhundertwendehaus eine Minute von unserem Lieblingswirt entfernt gefunden. Der Gedanke der Vorfreude ist wahrscheinlich das Beste daran. Ich komme mir gleich viel erwachsener vor, wenn ich mir vorstelle, ein Ferienhaus zu besitzen.)

14, Z.
es hat sichtbar heruntergeschneit, der Tag trüb, war mit M am Vormittag in der Stadt einkaufen, alles ganz unspektakulär gemütlich, keine Touristen auf den Straßen, das ist ganz eigenartig. Den halben Nachmittag geschlafen, den restlichen mit Zeitungen verbracht, M hat Spaß mit den Großeltern, lässt sich wie jedesmal Socken und – diesmal auch – einen Pullunder von der Großmutter stricken (in der Schweiz nannten sie den „dépardeur“ [hab jetzt nachgeschaut, stimmt: Pullunder, aber auch „Schauermann“, was immer das ist], aber von den Romanisten kennt niemand das Wort, M hat ja schon ein paar, kein schlechter Bestand für einen noch nicht Dreijährigen. Man sieht, während M Apfelspalten isst, Lego spielt oder den Opa durch das ganze Haus jagt, den dépardeur wachsen, was friedlich wirkt).

15, Z.
W hatte gestern Abend seine Buchpräsentation (Innergebirg), waren fast alle Autorenkollegen aus dem Innergebirg da, jedenfalls die Netten, geselliger Abend, im Anschluss dann aber: der Musikredakteur E redet und redet und redet zu viel – wie auch der junge Wirt, der ein Philosophiestudium absolviert hat, aber der kann sich zumindest zwischendurch einmal zurücknehmen. Wir reden über Zeitschriften, der Wirt hat verschiedene Abos, kannte aber – wie die anderen Salzburger auch – das Datum nicht, und: nein, kein Zeit-Abo, so der Wirt ganz strikt, aus Neid: schließlich habe er selber keine Zeit für die Zeit, also gönnt er sie auch nicht seinen Angestellten und Gästen, fand ich keinen unsympathischen Ansatz.
Jetzt trifft schon die restliche Familie ein und es ist grade nicht besonders freundlich, hab mich nach oben zurückgezogen (und M malt jetzt auf der rechten Seite des Tagebuchs bzw. hat er sich schmollend verzogen und W versucht ihn zu versöhnen – dabei ist unser Sohn naturgemäß der Familien-kompatibelste, sehr kommunikativ und offen); und werde jetzt noch die letzte Erzählung aus Die durchsichtigen Hände von Xaver Bayer fertig lesen.
(Ein paar Seiten später.) Die Texte haben mich ja in ihrer Einfach- und Klarheit einigermaßen überrascht, ein paar ragen wirklich heraus, ich mag die Beiläufigkeit, das philosoph. Konstrukt hat mich meistens weniger interessiert und ein bisschen enttäuscht bin ich auch darüber, dass mir die meisten Erzählungen so ähnlich konstruiert scheinen – das ist zwar nicht ungewöhnlich (hat mich diesen Sommer auch bei Miranda July enttäuscht, deren Texte mir grundsätzlich sehr gefallen haben – der Blick auf die Welt schräger, auch sehr im Alltag verhaftet, was ich ja sehr mag), stört mich aber dennoch, wenn zu offenbar. Gar nicht mochte ich die Sci-Fi-artige Geschichte, die hab ich auch schlicht nicht verstanden und am schönsten fand ich die Höhenstraßengespräche (beginnt schon beim Titel). Bayer ist aber, anders als July – die eigentlich sehr negativ – ziemlich neutral, was mich fast überrascht, aber – um mit Sperl zu sprechen – das Zen, eine totale Neutralität wird dennoch nicht erreicht, was diese Erzählungen aber, so glaub ich, doch wollen.
Ich stelle immer wieder fest, wie erstaunt ich bin über fast jede andere Lebenswelt, -erfahrung usw. Auch die „Milieus“ der sog. Kollegen (sollte es nicht besser heißen: über die sog. Milieus der Kollegen?!) überraschen mich immer wieder. Und ich, ich denke ja gerade über die Tatsache des immergleichen Textes nach, des Immerbekannten, das in meinen Sachen auftaucht, (aber hingeschrieben stimmt es schon wieder nicht, es liegt nur daran, dass ich einfach langsam bin, in allem. Mein Interesse selber ist ja nicht langsam, aber die Beschäftigung mit diesem und jenem dauert und so vergeht Zeit und eine andere hätte schon mehreres abgehandelt, in der Zeit, so in der Art). Klar, mein Selbstbewusstsein ist diesbezüglich nicht so gut ausgeprägt und ich plage mich öfters damit, dass ich keine Berechtigung habe oder dass es sich eigentlich nur um einen Irrtum, ein Versehen handeln kann, dass ich es bin, die da schreibt, die auf sehr unterschiedliche Arten darin verstärkt wird und ja auch unterstützt. Nur wenn mich mein Vater wie letztens fragt, ob ich wahrscheinlich eher nicht eine Anstellung anstrebe, in der nächsten Zeit – dass ich gerade das dreijährige Musilstipendium erhalten hab diesen Sommer, daran wird er sich in dem Moment wahrscheinlich nicht erinnern usw. –, dann empört mich das. War aber doch auch immer so, dass ich im Durchsetzen und -kämpfen (v.a. ihm gegenüber) am klarsten wusste, was ich will kann muss. In der Verteidigung des Geistes gegenüber der Gleichgültigkeit, dem Analphabetismus, dem Stummen hab ich immer meine Worte gefunden, musste sie gar nicht suchen. (Und jetzt sitze ich hier und die „andere“ Familie schweigt unten miteinander, findet auch keine Worte füreinander, da weht es eisig herauf ins Zimmer mit bester Aussicht auf den See, es ist das Arbeitszimmer des Hausherrn. Nur mit dem Enkelkind funktioniert’s, der Rest hat und ward aufgegeben.)

16, wieder in Wien
am Irrsee vorbeigefahren, es hätte Material abgeholt werden sollen für die kommende Buchmesse, aber Thomas war, wie er abends dann am Telefon sagte, „heute nicht wach“. Kommt also alles mit der Post (hoffentlich). Dieser Rest an Organisation, an Krimskrams, der bleibt mir, ich schaffe es immer, mich irgendwo einzuklinken (einklinken zu lassen), so dass das reine In-den-Tag-Schreiben nie lange möglich ist (es ist nicht ganz wahr, weil ich mich im rechten Moment dann schon wieder herausnehme, aber nicht eben im Umfeld des Schreibens, während des langen Hinstrebens, Anfangens). Hinzu kommt mein Automatismus zum Sparen im Projektbereich, da bin ich programmiert. Mir gelingt – außer wenn’s ums Feiern oder Trinken geht und mit meinem Geld – Verschwenden einfach nicht bzw. ist das, was ich mache, sowieso weit weg davon. Mehr Aufwand, weil vordergründig Geld gespart werden könnte. Aber dass meine Zeit ja auch in Geld verrechnet werden könnte, vergesse ich meist.
Auf der Autofahrt vom Text geträumt, ein paar Momente lang wirkte es, als hätte sich etwas aufgetan/geklärt – auch diese Bewegung bringt etwas, sogar motorisiert? Bin erstaunt.
Die Berlin-Träume aus/in Z. hatte ich zwischenzeitlich schon wieder vergessen, bleiben Fragmente vom ehemals besetzten Haus und seinen Kita-Räumen. Mir werfen sie vor, darin zu rauchen (wir sind da untergebracht), das empört mich. Außerhalb des Hauses ist aber eine mediterrane Idylle, barocke Plätze fast und Christoph, der Fotograf, führt mich touristisch durch Berlin. Das Ziel ist eine Art Albert-Speer-Disneyworld im Westen (Moabit? Wedding?), aber wir haben die anderen verloren und müssen aus dem Bus aussteigen. Unser kleines Auto ist ein Mittelding zwischen Kinderwagengestell und Roller, es sieht so lächerlich aus, dass ich mich sogar vor den ehemaligen Hausbesetzern dafür schäme (vielleicht gerade vor denen …). Man kann es zusammenklagen und im Bus mitnehmen, was mir irgendwie zu denken gibt, ich nehme mir vor, W nach dem Aufwachen vorzuschlagen, doch ein größeres Auto zu kaufen.

18
Days like this. Dabei ist eh noch alles okay, geschlafen bis halb neun, aber da ich mit Kindergartenbringen dran war, saß ich erst gegen halb elf am Schreibtisch, okay. Hab jetzt einfach einen Seitenausgang (aus dem Keller) genommen, in eine Höhle, an die frische Luft jedenfalls, egal wie hoch die Feuchtigkeit darin auch sein mag. (Ist eine Short story gworden/Die Berghaltung.) Fragmente eines halbtheoretischen, ganz stark alltagsbezogenen Textes für Zintzens Salon literaire entstehen, da mag auch mit Cavell- und Rinck-Lektüre zu tun haben (und mit dem Aufschlagen eines Priessnitz-Bandes, wie immer). Nur dann: für die Messe (morgen Aufbau) sollte ich ein Stehtischchen und einen Laptop auftreiben, was Stau und Checkerei bedeutete und der Laptop kommt angeblich zu Mittag und es sind eh alle zuverlässig, aber die Sache mit dem letzten Moment, die find ich mühsam und gar nicht so lässig oder cool.
Taschenbuch-Vorschau kam heute und parallel dazu die kroatische Ausgabe der Taghellen Gegend. Hurra! Den ganzen Abend mit Post verbracht (natürlich: E-Mail). Ich erwarte mir ja auch oft etwas Besonderes, trifft natürlich selten ein, trotzdem muss ich meistens gleich nach dem Nachhausekommen schauen, ob Post da ist. (Ein verspäteter Aprilscherz von meinem Serverteam ging cirka so: da es doch so mühsam sei, permanent auf der Lauer, immer bereit sein zu müssen bzw. für manche einfach auch störend, hätten sie sich entschlossen, E-Mails ab nun nur mehr zweimal täglich zuzustellen. Ich las das und konnte es nicht recht fassen, ging davon aus, irgendetwas daran einfach nicht verstanden zu haben. Andere regten sich total auf bis zur Panik ging das – na ja, war schon ein guter Scherz. Und ist ja auch wahr. Immer auf der Lauer liegen ist eh blöd. Die meisten wirklich guten Nachrichten kommen per Telefon.)
Alle Kreise, die M zurzeit malt, sind „für die kleine Selina“, er hängt so ein Bild dann auch zuhause auf, aber dennoch.
Bin wieder in die Morawische Nacht zurückgekehrt, bin da gut aufgehoben.

G schrieb mir heute, dass es ihn so „zerreiße“, er habe erst heute kapiert, dass Sabine Achleitner gestorben ist und Fredi Kolleritsch im Wachkoma liege. Das letzte Mal am Telefon hatte Alfred von dem Routine-Eingriff gesprochen, weswegen er auch nicht zum Schmidt-Dengler-Begräbnis kommen könne. (Wir blödelten eigentlich, weil er nicht auf den Friedhof könne, sondern ins Krankenhaus und dass das die richtige Reihenfolge sei usw.) Dann las ich seinen Namen im Literaturhausprogramm und beschloss einfach, dass es ihm wieder gut gehe. Das half aber nicht so viel. Ich wollte ihn längst anrufen, sollte ihn von Hans Eichhorn grüßen, jetzt erreicht der Gruß eher nur die Antwortmaschine, was hilft das jetzt. Kolleritsch ist so alt wie mein Vater, aber der hat nie etwas zu mir gesagt wie: es ist gut, was du tust, mach unbedingt weiter. Und mich mal angerufen, einfach so und nachgefragt: schreibst du eh? Gs Dilemma (Trauma) mit Kolleritsch kann ich zwar verstehen, es wird sich wohl nie auflösen. Es ist auch im Entferntesten nicht vergleichbar mit dem, was danach kam. Ich traf ja zum Beispiel im Sommer in Stockholm Brigitte, die mich als eine Nach-Nach-Nachfolgerin von G. im Forum unmöglich machte, die mir totale Unfähigkeit und so weiter vorwarf, das war ja nicht besonders nett. Aber nach relativ kurzer Zeit war mir schon klar, dass sie eher zufällig auf mich loshaute, ihre Attacken viel mehr mit ihrer unglücklichen Situation auf der Uni (Mobbing und Frauendiskriminierung, Katschnig-Fasch) zu tun hatten als mit mir. Wir trafen uns und konnten eigentlich ganz normal miteinander reden. Aber gut, ich war zwar fertig, als ich aus Graz abhaute, aber traumatisiert wohl nicht.

20
die Herkunft der Texte liegt öfter im Peripheren, man weiß ja nicht immer, warum man etwas schreibt, man weiß vor allem zuerst nicht, was man schreibt. Zum Beispiel Fragmentierung: Sennett beschreibt in einigen Büchern Mechanismen, die auch in meinen Erzählungen vorkommen (oder deren Ergebnisse, Folgen werden aufgezeigt, dargestellt, spielen eine Rolle) – aber ich schreibe ja nicht den Soziologen nach, sondern stelle so eine Übereinstimmung erst später fest, die Thematiken berühren sich; der Verlust einer durchgehenden Biografie, einer lesbaren Bio ist prägend – parallel dazu könnte man die Art und Weise, wie ich erzähle, sehen. Auch wenn es nur ein Teil, v.a. eben der nacherzählbare, ist.
Wie die Gedanken entstehen im Gehirn – und in welcher Umgebung dieses Gehirn zu existieren hat – das geht gegen Stumm- und Stumpfheit, wird ausgedehnt (das Bild des Räumlichen, der weiten Ebene, als die ein Text anfangen kann und dann erst, im Laufe der Erzählung schälen sich Wege heraus) auf Wahrnehmung, Erinnerung, Raum + Zeit (also auch Ortlosigkeit).
Fragmente bzw. eine konsequent stark strukturierte Form der Fragmentierung einerseits und Maßlosigkeit und Unbändigkeit/Ausufern andererseits. So viele reden vom großen Roman, aber der ist abgeschlossen nach allen Seiten, alles zu und eng in Wirklichkeit. Meine Figuren lassen sich gar nicht einsperren. Die tauchen plötzlich wieder auf in einem Text und man kann gar nicht sicher sein, ob oder wie sehr sie die gleichen sind, wirken plötzlich anders, oder verstellen sich.

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Zwei Lesungen in zwei Tagen, wie so oft zwei Welten.
Gestern eingebettet in ein geschmeidig-intelligentes Gespräch mit Alexandra Millner in der Schmiede, sie stellte Fragen zu Raum und Figuren, zum Textuniversum (die exakte „Antwort“ finde ich erst Stunden später – und vorher: die Figuren wandern in meinen Texten aus und ein wie es ihnen gefällt. Sie gehen umher jedenfalls, weil es mir um offene Texträume geht, weil die Offenheit komplett gewahrt werden soll, evt. könnte man an das Esterházy’sche Erzählsystem denken, gibt’s da eine entfernte Verwandtschaft. Weiterhin uninteressant bleiben: vorgeblich große Storys, Romane/Stoffe, die in Wahrheit abgeschlossen sind in diesem schlechten Sinn, hermetisch (das Wort stimmt nicht), so eng und scheuklapprig, quasi kleinster Raum total vollgeräumt – streben, wenn dann ein Äquivalent an, ich war mir während des Redens nicht mehr sicher, ob Tableau vivant, wie es mir vor einer Weile für einige Erzählungen passend erschien und erwähnte es nicht; die Lesesituation (obwohl bei mir als Vierter in der Reihe am wenigsten Leute waren, viele in die ungewohnt gemütliche Schmiede-Bar abgetrieben wurden) sehr konzentriert, gut. Das musste nachher auch noch nachgeholt werden, mit Andrea Grill und Klemens Renoldner bis drei in einer Bar in der Köllnerhofgasse, weil das Altwien um zwei schon zumachte, erschütternd (früher war alles besser). Renoldners sonore Stimme betörte (zu geschmeidig?), sein Buch gleich bei den Folio-Verlegern bestellt. Christine Pitzke ist zurzeit in Wien und kam extra wegen mir in die Schmiede, ging dann aber während der ersten Lesung (Palla) und während der zweiten (Flor) schaute sie noch einmal herein und war dann endgültig weg. Schien es irgendwie nicht auszuhalten. Bemerkenswert fand ich ja, das Verleger Krüger bei „seinem“ Autor Palla zuhört, um dann bei „seiner“ Autorin Flor abzuhauen. Beide sind bei Zsolnay. In der Literaturzentrale in der Grünangergasse gute Stimmung, schöne Atmosphäre (na ja, eigentlich total verstaubt, arbeiten würde ich dort nicht wollen, aber mit einer Bar drinnen sieht doch alles gleich anders aus), Valerie Besl kredenzt Schnaps, mein Programmleiter Hasibeder darf schlafen gehen. Ich muss jetzt meistens nach der Lesung in dieser Ich-mag-noch-nicht-nachhause-Stimmung an die große (großartige) Emine Özdamar denken, wie sie mir immer wieder Weißwein einschenkte und an ihre Worte. „Trink! Trink! Ich muss nach dem Lesen immer trinken!“ Wie froh mich das gemacht hat und deshalb – Andrea Grill erkannte das richtig – bin ich da ganz streng, wenn ich sage: lasst uns jetzt noch ins Altwien! Wir können doch nicht nach der Lesung nachhause gehen!
Heute in Wartholz (inmitten von all dem Deko-Wahnsinn, aber wenn man dann da ist, sagt man auch nicht zu den Schlossleuten oder ihrem Adlaten, dass man diesen Kitsch ja keinesfalls aushält, sondern ist freundlich, weil sie sind es ja auch, und sagt nur: das Haus sieht man ja schon vom Ort aus! Und sie sagen dann: ja, ist doch gut, oder?). Aber die Wortlosigkeit nach meiner Lesung hat mich einigermaßen befremdet ins Auto steigen lassen. (Reinhard Winkler würde wahrscheinlich „wunderlich“ sagen.) Wenn gar keine Reaktion kommt, fühle ich mich auch wunderlich und leer. Selten ist aber dieses Gefühl, die Zuhörer während der Lesung gar nicht zu spüren, als würde ich gegen einen Wand anlesen. (Vielleicht wars aber einfach nur der Restalkohol oder mein Vorurteil Frauen mit ondulierten Haaren gegenüber. Hm.)
Wem die neue Wiener Messe etwas bringt, ist noch nicht klar. Wahrscheinlich den Schlenderern, weil es mehr Platz gibt als im Rathaus und weil auch Verleger da sind, nicht nur Bücher (überhaupt die alle auf einem Haufen, das hat mir schon gefallen, hab auch beim Rausgehen gestern Mittag zwei Stunden gebraucht, weil einem ständig jemand übern Weg gelaufen ist). Hab die Lesungen auf der Messe direkt in der Halle einmal mehr als das Deprimierendste im Autorinnendasein empfunden und beschlossen nie mehr auf einer Messe zu lesen (okay, im Dezember in Pula). Wie ich überhaupt mich als Autorin – außer vielleicht beim vereinbarten Termin am Haymon-Stand – gleich wieder völlig überflüssig, jedenfalls komplett fehl am Platz fühlte. Dagegen kein Problem, für readme.cc ein bisschen „Standdienst“ zu machen.
M sagte gestern, als ich zur Lesung aufbrach: „Ich will nicht immer zuhause bleiben.“ Heute, als Linda zum Babysitten kam, war das dann kein Thema, mit ihr wollte er doch lieber Lego spielen. In der Kindergartengarderobe meinte er am Nachmittag: Vinzenz ist meine Freundin. – Ich: Dein Freund oder deine Freundin? – Meine Freundin! (Aber zu W: Du bist nicht meine Freundin, du bist mein Papa.) Dran denken, den Satz auf dem Nachhauseweg (M. saß auf meinen Schultern und hatte die Hände auf meinem Kopf: „Ich halte dich fest, damit du nicht umfällst.“) im großen Buch festzuhalten.

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Kurzbesuch von SE auf, sie konferierte in Wien zur Barrierefreiheit im Netz (mittlerweile eine Koryphäe auf dem Gebiet). SE hat sich kaum verändert, alte Wunden sind geblieben und immer existente Freund-/Feindschaften auch. Ihre Fröhlichkeit, ihr ausuferndes schallendes Lachen und diese Grundtraurigkeit, gepaart mit exzessiver Theoriegläubigkeit, alles sofort da. Dass sie aber in den drei oder vier Stunden gar nicht fragte, wie es mir so geht mit diesem und jenem, hat mich denn doch irritiert. Aber auch das war immer so.
Flöss/Dürre Jahre in einem Zug gelesen. Gut und großteils schwer zu ertragen die Anorexia-nervosa-Thematik, aber funktioniert durch die Klar- und Knappheit in der Sprache gut. Hat natürlich nichts von dem Schwelgen über die blassen Fräuleins (oder Gören oder Vamps), für die Männer vor allem schwärmen. Die Melancholie (die ja auch etwas – historisch – mit der Hysterie zu tun hat) ist dabei ja ein großes Thema, aber Magersucht ist halt kein so schönes literarisches (romantisches) Thema allein.

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den ganzen Tag mit M auf dem Sofa verbracht, nachdem er gestern, als im Alten Fassl die Hauptspeise serviert wurde (vorher!), das ganze Essen wieder hergab, das er noch gar nicht zu sich genommen hatte (aber er schaffte es noch aufs Klo), heute früh leichtes Fieber, der Magen erholt sich nur langsam. Waren mit R und A zum Abendessen (W und M fuhren im Taxi nachhause), das war sehr (wie sagt man) flüssig. Mit den beiden ist es meistens lustig und spannend gleichzeitig, nach Ms Abgang überlegten sie immer wieder, ob es an ihnen liegen könnte, er sich bei A angesteckt habe (aber sie hat einfach nur Schnupfen), an dem Saft, den er als Aperitif in der Wohnung von ihnen bekam usw. Wenn wir zusammenkommen, immer das Gefühl, es gibt Unmengen zu besprechen, ich mag die anwesende Offenheit – wir kennen uns schließlich nicht so gut, es gibt aber keinen Grund, etwas (sich) darzustellen, manchmal darüber unsicher, ob Naivität in Sachen Karriere oder besser „späte Karriere“ Reinhards vorherrscht, ich weiß es nicht. Viel über die Psychoanalyse und über Herkunft gesprochen (Salzburger Bauernfamilie, A bekam mit 18 ihre Tochter; der instrumentalisierte Akademikersohn, der die Stelle des Vaters an der Seite der Mutter einnehmen sollte und die seit Rs Psychoanalyse-Beginn höllische Angst hat); der Gedanke, über A. einen Film zu machen bzw. meine Idee von ihr als eine meiner Lieblingsheldinnen bleibt. Sie ist so bezaubernd, aber auch so real und alltäglich, pragmatisch, hat ihren Laden/ihr Handwerk, verschlingt die Bücher, lebt voller Genuss und liebt die Kultur vollends, lebt ein sehr daseinsbezogenes, intensives bildungsbürgerliches Leben (aber eigentlich noch viel mehr. Auch ihr Kulturkonsum ist wohltuend im Sinne von: auf jeden Theaterbesuch bereitet sie sich intensiv vor – liest Žižek, bevor sie sich Pollesch anschaut etc.) und spricht dann wieder ernsthaft von sich als einfachem Menschen.
Wir haben den halben Tag geschlafen, hab nur die Zeitung gelesen und ein Mail von Susanne aus Zürich mit dem Aufsatzentwurf zur Stimme/Cavell. Schon im Frühling zieht sie nach Berlin und nachdem sich ihr Mann aus Verzweiflung oder Perspektivlosigkeit vor ein paar Wochen abgesetzt hat, sind sie jetzt wieder neu verliebt. Eh schön. (Aber die Wochen als Alleinerzieherin eines Kindes, das mit dreieinhalb nicht sprechen mag oder eben ganz spät anfängt und das deshalb für die meisten Kindergartenpädagoginnen eine Überforderung ist und keine Fremdbetreuung genießt – vielleicht ist auch Susanne diejenige, die sich da nicht wirklich lösen kann, mag wohl hinzukommen –, diese Wochen kann ich mir ganz und gar nicht vorstellen. Sie hat einige Stunden an der Uni, als ich sie besuchte, war ihr Vater da um auszuhelfen, auch eine schwierige Situation. Sie sagte: ich muss jetzt eigentlich in den nächsten paar Tagen eine vollständige Betreuung organisieren, ich weiß gar nicht, wie ich das machen werde. Ihr Mann rechnet es sich wahrscheinlich schon sehr hoch an, dass er mit ihr mitgegangen ist, dass er seine Anstellung bei den Ungarndeutschen in Budapest aufgegeben hat ohne eine neue zu haben. Aber er wollte das ja und – umgekehrt ist es eher unwahrscheinlich, nämlich dass eine Frau (Susanne) nach einer Weile sagen würde: ich finde hier einfach nichts, ich werde noch wahnsinnig, den ganzen Tag in der Wohnung, ich geh jetzt nach Berlin, lass dich und das Kind allein, schau du nur, wie du zurecht kommst.
Am frühen Abend kamen Conny und Elisabeth, später noch Peter. Krankenbesuche, die teils stoisch, teils mit glühenden Backen ertragen werden, abends dann sogar ein bisschen Suppe, geht wohl bergan.

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der zweite Tag auf dem Sofa macht mich dann schon etwas mürbe; sicher auch erleichtert, weil M schon wieder halbwegs gut zusammen; hatte nur am Vormittag zwei Stunden und nach Krimskrams blieb wenig Zeit, Katschnig-Fasch/Das ganz alltägliche Elend, weiterzulesen. Meine Protagonistin ist ja auch so eine, die verschwindet von der organisierten Oberfläche der Arbeitswelt und Gesellschaft (im ersten Teil), ihren Raum, ihren Platz verliert. Sie zieht sich vollends zurück – aber dann gibt’s ja noch die David-Lynch’sche Wende hin zu der Frau zu ebener Erd.
In der FAZ erscheint der „neue Bernhard“ als Vorabdruck; so ein Sachbuch-Sonderling (einer von der Sorte: fragt dich, was du machst, dann fragt er dich nach deinem Namen und dann nervt er dich damit, dass er dich nicht kennt und du willst auch nur sagen, dass es so ja eh viel besser ist und hast aber noch einen Rest Grundfreundlichkeit und also hört er nicht auf, dich zu nerven und du wirst sie schwer los) nötigte mir letzte Woche in der Literaturzentrale (Potyka heute im Kulturjournal zur Messe befragt: „sind überwältigt vom Erfolg“ – es wird wohl weitergehen, die großen deutschen Verlage, auf die sie alle so scharf sind, werden kommen/richtig mit eigenem Stand oder ganz wegbleiben – ein Gemeinschaftsstand sei verpönt) zwei FAZ-Schnipsel auf. Heute las ich den wie erwartet witzigen Auftakt (Bernhard geht wenige Stunden vor der Preisverleihung noch einen Anzug kaufen und trifft dann seinen Lebensmenschen, der den Anzug, vor allem die Qualität der Wolle, für gut befindet, und dann mit dem Sir-Anthony-Sackerl mit den alten Sachen in die Preisverleihung), aber bei der zweiten (also vierten) Folge war ich mir plötzlich nicht sicher, ob nicht irgendein Oberbernhard, so ein übereifriger Lektor o.ä. ein paar Notizen aus dem Nachlass genommen und einfach ausformuliert hat auf besonders Bernhard’sche Art, weil Suhrkamp jetzt wieder einmal eine „Sensation“ braucht, als Antwort auf den Celan-Bachmann-Briefwechsel bei Piper vielleicht, wer weiß.

26
gestern mit K in Football under Cover (Titel na ja), unterhaltsam und berührend der Film über eine Berliner Frauenfußballmannschaft (! Fußballfrauschaft? Frauenmannschaft geht eigentlich überhaupt gar nicht, aber bitte) aus Kreuzberg, die sich (oder eine der Spielerinnen oder ein befreundeter iranischer Filmemacher) das Ziel setzt, gegen die iranische Frauennationalelf zu spielen – weil die noch nie gegen jemand gespielt hat. Also noch gar nie nämlich, was natürlich schon sehr traurig ist, eine Mannschaft, die nie spielt, sondern immer nur trainiert. Auf wie vielen Ebenen da Themen angesprochen werden, obwohl es fast ständig „nur“ um das Kopftuch geht, quasi ohne dokumentarischen Fingerzeig, gefiel mir. Da taucht die Mutter einer Spielerin auf, eine riesige dicke Matrone, die erzählt vom Training, dass mit Chomeinis Islamischer Republik natürlich eingestellt wurde, und sie kickt auch ein bisschen mit der Tochter, die jetzt eben im Nationalteam trainiert. Da gibt’s Probleme für eine der iranischen Spielerinnen, die unter fadenscheinigen Gründen letzten Endes nicht mitspielen darf (sie sei zu dünn und schwach!), was möglicherweise mit den Interviews zu tun hat, die sie für den Film im Vorfeld gab. Beim Spiel in einem ziemlich heruntergekommenen Teheraner Stadion, für das nur Zuschauerinnen zugelassen sind – auch der Berliner „Präsident“ türkischer Herkunft, der mit seinen Fußballerinnen mitgereist ist, darf nicht hinein –, sind Sittenwächterinnen anwesend und die Frauen beschweren sich ordentlich, dass man ihnen alles verbietet, was männlichen Anhängern selbstverständlich ist. Bisschen wehmütig an das Training in dem Park in Prenzlauer Berg gedacht mit Konstanze und Dagmara und Simone und den andern. Damals wollte mich der Trainer für das Team anwerben, aber leider … Hier in Wien hab ich nur so Gruppen mit recht eigenwilligen Namen gefunden (Ballerinas zum Beispiel), alle haben eine bestimmte ideologische, politische Ausrichtung. Ich hätte aber gerne nur einfach eine Frauenmannschaft (sic!), die Fußball spielt. Wer weiß, ob das noch jemals etwas wird..
Wie viele Freunde in den letzten Wochen Geld verloren haben, wird mir erst nach und nach klar (weil sie es auch erst nach und nach erzählen). Unterschiedlich geerntet als Erbe oder heftige Arbeit-Spar-Kombinationen, verursacht das Finanzloch zwar schlaflose Nächte oder Aufschrecken zumindest, aber totale Verzweiflung hab ich nicht beobachtet. Bin jetzt in dem alltäglichen Elend angekommen, interessante Geschichten, die gleich zu neuem führen. Oft ist es nur ein Satz oder Bild, wie die Verkäuferinnen nach Kassenschluss in einer H&M-Filiale (wahrscheinlich) alle Klamotten durch die Luft fliegen lassen (schmeißen), schweben; oder: „Der Chef hat angerufen. Super Umsatz. Kauft euch ein Eis.“ Das muss man sich einmal vorstellen.
Bayer hat die Frauen in Vasen kritisiert, einiges gefällt ihm, aber Klammern sind ihm zu ambitioniert, so was in der Art. Bin recht fröhlich darüber – in Wahrheit kommt ja so gut wie keine Kritik direkt, macht fast keiner (und auch ich habe ihm nur zu dem einen Text geschrieben, der mir gefällt, Auseinandersetzung findet schon statt, aber man möchte doch immer mehr. Es muss auch nicht jede Befindlichkeit mitgeteilt werden und viele Menschen gibt’s auch nicht, auf deren Meinung man sehr großen Wert legt, ich würde mich über mehr differenzierte Kritik schon freuen, finde das gut. Vielleicht reiß ich mich auch selber mehr zusammen, Höflichkeit ist da echt mühsam).

27
jetzt geht dieser halböffentliche Tagebuchmonat seinem (öffentlichen) Ende entgegen. Und für mich war/ist ja – Blogzeit hin und her – es gerade wichtig, das Tagebuch eben nicht am Computer zu verfassen, sondern handschriftlich. Oft abends geschrieben, im Bett, da muss ich an meine Tagebuchanfänge denken, die jetzt auch schon weit zurückliegen, sagen wir ein Vierteljahrhundert (tatsächlich das erste von Muttern geschenkt bekommen. Ganz stilgerecht mit Schloss, auch wenn ich den kleinen Schlüssel nie um den Hals getragen hab); später habe ich Einträge unter dem Verdacht verfasst, dass mitgelesen würde, derartige Erschütterungen sind ja nicht gerade positiv für Mutter-Kind-Verhältnis. Zwischendurch war ich selber erbost über mich u. derartige Unterstellungen, heute weiß ich, dass sie wohl gestimmt haben. Weil ich vorhin beim Wäscheaufhängen Cohens Suzanne hörte, kam ich wohl darauf. Es gab (Cohens Song, so Frau Schmidtkunz, ist auch schon 40 Jahre alt) diese pathetische Phase (zog sich ein paar Jahre dahin), da ging’s ja meistens um Leben und Tod und jeder Eintrag hätte der letzte sein können, schwer war das Leben hmhm.
Im Oktober 1989 erstand ich in irgendeiner tschechischen Kleinstadt nahe der Burg Karlstein ein dickes Heft mit ganz dünnem Papier und schrieb auch über die Stimmung, wir hatten mit dem Schulchor im Museum am Wenzelsplatz ein Konzert gegeben und waren in Gastfamilien untergebracht. Birgit u. ich in einer Plattenbausiedlung, bei unserer Ankunft weit nah Mitternacht sollten wir Schnitzel essen, in rauhen Mengen. Über die vielen amerikanischen Flaggen war ich irritiert, mit denen die enge Wohnung über und über beflaggt war – jede einzelne wurde ja mit einem gewissen Stolz präsentiert; und ganz in der Nähe, hieß es, sei die Villa von Karel Gott.
Ein Jahr später schon war das dicke Heft voll geschrieben, war ein heftiges Jahr, die Maturaklasse mit Heidrun-Entführung und meiner ersten ernsthaften Liebesgeschichte, die ja versehentlich begann, aber mit Sartre’schem Engagement zu Ende ausgetragen wurde, und ich bastelte mir ein neues großes Tagebuch, das etwas länger vorhielt, aber die Tragik nahm in der Zeit nicht ab. Cirka 94/95 hörte ich dann mit dieser sehr wortwörtlichen Form des Tagebuchschreibens auf.

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heute wollte ich mir die Herklotzgassen-Ausstellung zu Ende anschauen, nachdem ich gestern zwei Stunden da war, evt. Horst treffen, nachmittags in ein Symposium Feminismus und Medien (aus Anlass 25 Jahre an.schläge) gehen. Horst traf ich gleich auf dem Weg vom Kindergarten, okay, wir saßen länger als vorgehabt im Sperl, wenig über Projekte, mehr über dies und das und über Trennungen und Privatfehden gesprochen, jedenfalls rief mittags der Kindergarten an, M habe Durchfall und Husten. Zuhause war von Krankheit im engeren Sinn dann keine Spur, ein weiterer Nachmittag im Umkreis der Couch (habe Conny, die M abholen wollte, damit ich ins Symposion kann, abgesagt; W in Linz bei Stifter), es wurde viel geschnitten, gestempelt, Lieder gehört, ein paar Seiten Katschnig-Fasch gelesen, immerhin. Nicht ungemütlich zwar, aber so gemütlich müsste es echt nicht sein im Moment. Conny kam zum Tee und blieb zum Abendessen.
In den letzten Wochen treffe ich in der Stadt (vor allem im 4. Bezirk, Naschmarkt) den erfolgreichen Autor K – aber er kennt mich ja gar nicht, das heißt also, ich sehe ihn öfters. Im Sommer habe ich mir sein Opus magnum als Hörbuch reingezogen (warum eigentlich? Wollte einmal was von ihm lesen, aber das ging dann doch nicht und dann hab ich angefangen, es zu hören und in der Zeit war ich ja auch regelmäßig im Fitnessstudio und das alles hat dafür gesorgt, dass Eisenhuber mich für halbwegs unzurechnungsfähig erklärt hat – jedes für sich, und beides zusammen ist denn doch zu viel für eine edle Seele wie ihn. Aber er weiß, denkt gar nicht, dass ich keine solche bin, sondern ein wildes Gewächs, das in alle Richtungen ausufern, austreiben kann), jedenfalls wurde ich von mehreren Seiten gescholten – und sie haben ja Recht! Das ist schlechter Stil und würde man derweil auch schreiben, so ist die Gefahr ziemlich groß, dass das abfärbt, dass sich da was drüberschmiert über die eigenen edlen Sätze, sicher. Dann hab ich aber auch noch ein Taschenbuch von K., das ich vom Verlag bekam, gelesen und das ist wirklich schlecht und jedesmal, wenn ich ihm jetzt über den Weg laufe: das Gefühl, ihn ja einigermaßen zu kennen, gut sogar, will beinahe schon grüßen und dann ist mir immer so, als sei dies Aufeinandertreffen eine Bestrafung für mich (mich braucht niemand schelten, das besorg ich schon am besten selber).
Nach fünf am Markt – eine Lieblingszeit; über der Brücke bei der U-Bahn Margaretengürtel der Himmel knallrot und knallorange, das passiert mir an der Stelle relativ häufig, ein Aufeinandertreffen von knalligen Himmelsfarben, wenn die Sonne verschwunden ist (Dunkelheit, komm!) und diese Stelle, Brache, Wienfluss, der Burgerking usw. ist ein guter Ort, aus beiden Richtungen kommend, bunt die Mischung von Menschen, immer viel Verkehr und dann auch gleich der Park. Ich mag es hier.

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Toussaint, Der Fotoapparat gelesen. Begeistert wie schon beim Badezimmer. Das Gute: die Kombination aus schlichtem Plot und absurdem Verlauf der Geschichte, wobei: sie verläuft eigentlich gar nicht. Einer betritt eine Fahrschule, will sich zum Führerscheinunterricht anmelden. Gleich hat er alles beisammen, außer Passfotos. Schon am nächsten Tag quartiert er sich quasi ein in der Fahrschule ein, eine symbiotische Beziehung zwischen ihm und der jungen Frau entsteht (später werden sie ein Paar), die Kommentare (mitunter) in Klammer, aber immer beiläufig, sind nie fehl am Platz und erstaunlicherweise gar nicht so frontal wie sie aufgrund von Anrede (manchmal) und Aussage (meistens) sein könnten. Erst als er – auf einer Fährenüberfahrt von England nach Frankreich – einen Fotoapparat findet und mitnimmt, ist er in der Lage, die Passfotos zu machen. Es geht dabei recht exemplarisch um Wirklichkeit bzw. um die Abbildung (die ja auch eine Vergewisserung von Wirklichkeit ist) derselben. Der Ich-Erzähler sucht regelmäßig und auch rücksichtslos (Rückzugs-)Orte auf, um zu denken. Man weiß sowieso nicht, welcher Profession er nachgeht, aber er streunt plötzlich beruflich durch Venedig und plagt sich mit einem Schuh, der ihn drückt. Er setzt sich auf einer Tankstelle z.B. zum Nachdenken aufs Klo, obwohl er und die Fahrschulangestellte (die immer friert) eigentlich eine Gaskartusche kaufen wollten; auch in der Kabine, in der man selber via Automat Fotos von sich machen lässt, lässt er erst einmal den Gedanken freien Lauf. Surreale Momente hier wie da (weniger vielleicht als im Badezimmer) und eine unerwartete „Pointe“, möchte man fast sagen. Zum Schluss zieht er sich nämlich in einen Telefonzelle zurück, Pascale, die Fahrschulangestellte, ruft nicht zurück. Er ist irgendwo in der Provinz, nachts, sie meldet sich wohl deshalb nicht, weil sie wahrscheinlich gleich wieder eingeschlafen ist (was sie fast immer tut – bei ihr wechseln lebendige Betriebsamkeit und unmittelbares, totales Schlafbedürfnis ab) und er übernachtet da. Und stellt am nächsten Morgen erleichtert fest, dass er am Leben ist. Da wird dann also diese Versuchsanordnung Wirklichkeit/Realität zu einer über das Leben. Fast zu sinnvoll, dieser Schluss.
Und dann: Toussaint, Sich lieben. Von einigen Kritikern als sein bestes Buch bewertet (das mag ich, konzertiert an zwei Tagen zwei Romane eines Autors) – es ist jedenfalls das mit der stringentesten Story, auch mit der am einfachsten nachvollziehbaren. Ein Paar trennt sich, sie tun das in Tokio, wo die Frau eine Ausstellung und Modeschau vorbereitet, der Ich-Erzähler kommentiert das so: als sich mich fragte mitzukommen, dachte ich, sie will wirklich unsere letzten Liebesreserven verheizen. Das offensichtlich melancholischste Buch Toussaints, denn hier ist ja der Grund das Ende einer Liebe. Und ja: wunderbar gemacht, diese letzte Explosion, Jetlag, ein leichtes Beben und ein schwereres Nachbeben und dann fängt es auch noch zu schneien an. Die beiden Liebenden/Trennenden irren frühmorgens wie Narren durch die Umgebung ihres Hotels (Stadtautobahn, bald Animierlokale und Nachtbars, japanische Hausmannskost etc.), sind nur mit Hotelschlappen und Hose und T-Shirt gewandet (er), bzw. in eine nachtblaue Robe mit Dekolleté und ausladend usw. aus ihrer Luxuskollektion (sie). Musste doch das eine oder andere Mal an moderne, zeitgenössische Unterhaltungsfilme (S. Coppola) denken, Japan als die denkbar beste Kulisse, so ein passendes Ambiente für den postmodernen Menschen. Etwas Grell-Bizarres im Zusammenspiel zu dem Fremden, das vorausgesetzt wird, wenn etwas in Japan situiert ist. Aber weil eben der Grund der Geschichte so offen da liegt, ist es eben auch vorhersehbar, nachvollziehbarer, banaler, finde ich. Da gefällt mir eben der nicht wirklich explizite Vorsatz, ab nun in der Badewanne sein Leben zu verbringen (auch wenn der gar nicht durchgehalten wird), noch besser. Dennoch mochte ich die Stimmung, sehr vergnüglich, sehr melancholisch.
Abends dann bei Thomas und Sabine (wo es in einem Quasi-Vegetarier-Haushalt einen großartigen Schweinsbraten gab), plötzlich ein Schreck, als hätten wir auf den Adventkalender vergessen, der wird morgen geliefert, das geht sich noch aus für den 1. Dezember und jetzt ist der Tagebuchnovember schon zu Ende, ich denke, ich suche mir ein neues Begleitprojekt (oder schreibe einfach weiter), denn es hat Lust gemacht (und sehr regelmäßig bin ich von dem roten Tagebuchheft ins andere, ins blaue hinübergeschwenkt und hab die Notizen für den Keller weitergeführt und den Computer eingeschaltet und paar Sätze verfasst, die wo hinführen, mich vor allem, scheint’s, in die Geschichte hinein, in den Text, der jetzt zu schreiben ist).

Dass es rockt.

Dieser Tag begann für mich vor fünfzehn Stunden in S., als mir jemand am Telefon sagte : steig in ein Taxi. Und fahr zum Flughafen.
(Cécile sieht ein bisschen aus wie P.J. Harvey.) In ihrem schmalen hellblauen Kleid wirkt sie schick, ein wenig scheu und etwas unsicher mit dem Pokal in der Hand : wer wäre es nicht in ihrer Situation?
Du kannst : heranzoomen und wieder weg/flanieren, mittendrin, solche Sachen. (Manchmal ist nur ein Ich anwesend und alles wird unscharf; was ist dieses Ich, in einem Text, einer Ebene oder irgendwo im Weiten, der engen Kammer etc.) In ihm ein- und ausgehen, das magst du.

Da war es sehr angenehm, auf dem Weg hierher schon die Bilder herzustellen, wie das sein wird. Also ich habe die komplette Story schon gedreht : auf dem roten Teppich, die Fotografen, all die Sachen. Wie sich das anfühlen wird.
(Manchmal ist Cécile ein bisschen Mondrian, umgeben von klaren Formen, selber Form und Klarheit und dann sagt sie blumige Sachen, kommen bunte Farben aus ihrem Mund.)
Manchmal willst du : Bilder aufnehmen, um zu überprüfen, was die Oberfläche kann. (Verdecken oder abdecken und gleichzeitig für Projektionen herhalten. Ist sie fragil, hat sie ein Ende?) Du könntest dich aufraffen, hinaus auf die Straße, die schon wieder trocken ist, nur auf dem Spielplatz steht das Wasser noch in kleinen Seen, darin schwimmt Papier, wahrscheinlich Gratiszeitungen. Du kennst die Menschen, die um diese Zeit aus dem Supermarkt kommen, ihre Hunde ausführen, vor dem Haus herumstehen. Die stehen da und schauen ungefähr an dir vorbei. Denn das ist der Unterschied zwischen dir und Cécile. Würde sie hier wohnen, dann würde sie nicht nur den kalten Rauch aus der Wohnung der fahlen dürren Frau aus dem dritten Stock kennen, wenn die mit ihrem rotblonden Hund ins Stiegenhaus tritt. Sie würde wissen, warum die Frau nicht mehr im Videoverleih arbeitet und sie hätte auch eine Theorie, warum sich solche Läden in Gegenden wie dieser nicht halten.

Was ich zeigen will, ist diese komplizierte spezifische Wahrheit, so dass du weißt : es ist echt. Leben, wie es sich für mich anfühlt.
(Dann wieder sieht sie aus wie deine erste Lehrerin, wenn die sich mit den Hippies solidarisiert und Schuhe mit hohen Absätzen getragen hätte. Bei Cécile ist alles gleich auf ihrer MySpace-Seite archiviert und hängt ein paar Monate später in einer Einzelausstellung in Detroit oder Istanbul.)
Du könntest Wahrnehmungs- und Realitätsschichten durchqueren oder freilegen. Erzählen und Erzähltes überblenden vielleicht. Überhaupt alles, was da ist und da sein könnte. (Trotzdem fühlt sich es so an wie Stillstand). Weil es kein Nacheinander gibt, nur die Ebenen des Möglichen und deren Auswirkungen auf die Sprache (ach, wäre sie : weder verbraucht noch vorgefunden, poetisch und präzise).
Du solltest zu einem öffentlichen Raum der Wahrnehmung und Artikulation werden.

Alles, was ich machen wollte, ist ein Archiv unwichtiger Dinge.
(Du wärst so gerne wie sie. Sie ist die einzig Befugte im Umgang mit Pathos. Die Menschen lieben sie, filmen sie und veröffentlichen die verwackelten Videos dann in ihren Blogs oder auf YouTube. Sie hängen an ihren Lippen, und Frauenzeitschriften, Feuilleton und Jugendsender sagen über sie : alles an ihr ist zart und frei und cool und auch noch anarchisch. Sie sagt bei der Präsentation ihres ersten Buches über ihr Liebesleben : it rocks.)
Dich aussetzen oder die anderen aufreißen. Ich sag es ungern : du musst dich jetzt bald einmal entscheiden. Du kannst dich auch hinstellen/darstellen/einstellen auf alles, was drumherum ist, ach, nein : mach das nicht.

Sie wissen wahrscheinlich alle, worüber ich spreche.
Du könntest dich mit den Schlafwandlern beschäftigen, die ein bisschen verwundert sind über das, was ihnen passiert. Die sind voller Angst, völlig passiv, wenn man sie zuerst sieht, aber in Wahrheit entwickeln sie sich/auf ihre Art und unternehmen waghalsige Dinge, ohne zu wissen, dass sie dazu imstande sind. Verwegene Charaktere. Sie kommen vom Rand her, du kennst sie/Ränder. (Cécile steht neben einem Filmemacher und Dichter, er trägt eine Sonnenbrille. Sie ist eine darstellende Künstlerin, sie ist eine Intellektuelle, eine Autorin. Cécile ist schön. Sie ist quasi perfekt.)
Du weißt nichts über Pathos, bewirkst nichts, dein Archiv ist lückenhaft und deine Sexszenen sind dürftig. Und überhaupt : fühlst du dich wie das Leben an?
Darüber solltest du einmal nachdenken.
Über das richtige oder falsche, aber eigentlich über das bloße Leben (und was darüber hinausgeht). Verfremdungen, Parallelwahrnehmungen, Assoziationen, über das Schweigen und den Ton der Welt/diese Sachen.
Du beginnst immer wieder von vorne. Und heute hast du beschlossen, dass die anderen wahrscheinlich wissen, was du meinst. Da bist du wie Cécile.

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