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Montag, 23. November 2009

Mehr Raum, anders

Sprach-Räume, Orte, Plätze, Stellen oder Winkel der Wahrnehmung (und in der Wahrnehmung) Vergewisserung – Verunsicherung – vielleicht Niederlage (einerseits, weil : Wahrnehmung nicht vollständig eingeordnet, gestapelt und die richtige Richtung gebracht werden kann, also vage bleibt, auch wenn sie dennoch massiv sein kann, jaja). Räume aus Sprache oder Wahrnehmung wollte ich ausleuchten, ausmessen mein eigenes (sprachliches) (perzeptuelles) Gehen, Vortasten, Voranschreiten.

Und dann habe ich : Räume ausgeschritten, so und so viele Meter lang und breit und hoch, über weiteren Raum, der zu schaffen ist, gestaunt. Gleich angefangen, sich mit diesen Räumen mich auseinandergesetzt, auf eine sehr physische Weise. (Die eine und weitere körperliche Grenzen meinerseits haben sich dabei natürlich auch aufgetan.) Aber zuerst. Langmut, wer hätte das gedacht. Ich habe geschätzte 200 Quadratmeter Wand verspachtelt (unser Bildhauer-Freund ein Vielfaches, aber das ist ja kein Bewerb, sondern die Ästhetisierung von Wohnraum mit vorhandenen Mitteln), Quadratzentimeter für Quadratzentimeter, Innenspachtel fein, Gips, Spachtelmasse, Fugenfein, je nachdem, was gerade verfügbar ist. Das geht so dahin, morgens schlüpfe ich in alte Sportsocken und eine Hose aus dem Jahre Schnee (das war noch in einer anderen Stadt – Jobperspektiven nach dem Studienende, Frühstücken im Schwarzsauer vor den anderen, längst schon war das besetzte Haus in den Eigentum der ehemaligen Besetzer übergegangen und die in ein Stadium der Bobohaftigkeit, als das Wort noch gar nicht erfunden war – vor und nach der Renovierung anderer Wohnungen, es waren doch über all die Jahre so viele) und ein Leiberl mit Farbflecken, was weiß ich woher, spachteln, spachteln, Radio Ö1, FM 4, Stille, Spachtelmasse neu anmischen, die drei Meter hohe Leiter hinauf, hinunter und schon ist eine Woche vergangen, vielleicht auch zwei.
Innerfamiliär dräuen die Kategorien »alt« und »neu« herauf, der Begriff »Zuhause« funktioniert noch, manchmal muss man aber schon dazusagen, in welches man jetzt fährt. Die ersten Unterschiede drängen sich in die Wahrnehmung, vielleicht habe ich auch nur darauf gewartet; es wird schwierig, sie politisch korrekt wiederzugeben, ich sage es so : die Internationalität der alten und neuen Umgebung ist eine sehr unterschiedliche, aber wenigstens ist sie (hier wie da) vorhanden. Südlich und bunt und »am meisten« – das hat uns gefallen, das haben wir verteidigt denen gegenüber, die zur Adressangabe wissend-abgeklärt erwiderten : ach, da hab ich auch einmal gewohnt … früher … Und früher heißt in dem Fall natürlich : als ich jünger war, keine Familie (Kinder, um die man sich naturgemäß in einer solchen Gegend sorgen muss) und weniger Geld hatte. Heißt logischerweise : sobald ich weg konnte, hat mich da nichts mehr gehalten. Eine Berliner Freundin ermunterte mich, dass ich die türkisch-stämmigen Nachbarsbuben, die selten die Schule besuchen und ähnlich wie ihre Väter kapo-artig unser Hauseck oder was auch immer bewachen, die Straße, die auf eine bestimmte Art (die sie kennen, die ich kenne, über die wir uns offensichtlich stumm geeinigt haben vor längerer Zeit) ihnen zu gehören scheint, abchecken, dass ich auf diese Burschen schon einen Einfluss ausüben würde können, es sei sogar meine Aufgabe, für sie eine positive Figur darzustellen usw. (Dieser Aufgabe konnte ich nicht nachkommen, wollte ich vielleicht auch nicht – wie es gehen hätte sollen, weiß ich auch heute eher nur ungefähr, aber wahrscheinlich ist dieses ungefähre Wissen Produkt meiner Bequemlichkeit.) Im letzten Jahr, kurz vor Weihnachten nahmen wir die Einladung eines Nachbarn an und fanden uns wieder in einem 1-A-Hobbykeller mit witzigem Wurzelwerk über der Vollholzbar, neben einem improvisierten Punschstand und vielen nackten Mädchen – an den Wänden. Eine junge Frau sagte auf meinen Konversationsversuch (den mein dreijähriger Sohn vorbereitet hatte, indem er ihr gefährlich nah kam, aus dem Chipsteller vor ihr auf dem Tisch aß, woraufhin sie angewidert zurückwich und versuchte, sich unauffällig-auffällig aus dieser Gefahrenzone zu bringen), dass es »bei ihr ja nun auch bald so weit sei« : ja! Es geht mir scho so am Oarsch. Woraufhin gleich ihre Freundinnen ihre Verwunderung teilten, dass sich niemand von ihnen vorstellen könne, dass sie als Mutter etc. Und der Gastgeber, ein freundlicher, immer gut gelaunter, aber zum Zeitpunkt unseres Eintreffens schon ziemlich betrunkener – ja was eigentlich? Schlosser? Mechaniker? Angestellter in der Baubranche? (ich weiß es nicht und schäme mich jetzt dafür. Sie arbeiten – viele von ihnen jedenfalls – von 7 bis 7. Die Spanne, die sie dafür bekommen, ist ziemlich groß, der Unterschied dabei hat eher mit Herkunft denn mit Ausbildung zu tun, natürlich nicht in allen Bereichen. Manche von ihnen essen zu Mittag gar nichts, andere verdrücken Thunfisch aus der Dose und nachmittags Kaffee aus dem Kühlfach. Es gibt Feierabend-Aushilfskräfte, die sich Bier wünschen, weil sich das so gehört auf der Baustelle, und die gerne bei einer Zigarette von den Kindern erzählen, die sie eigentlich viel zu wenig sehen.) – Ernstl, der Gastgeber jedenfalls, beteuerte in der Stunde, in der wir auf dem Fest waren, rund zwei Dutzend Mal, dass er es gar nicht glauben könne, dass er sich irre freue, dass er aber niemals mit uns gerechnet hätte, dass wir (die Aliens aus dem ersten Stock, deren beleuchtete Bücherwände die Szenerie aus schneller Prostitution zwischen zwei Autos, kleineren und größeren Deals und dem normalen, geschäftig-lautem Leben auf der Straße, das die Mieter aus dem Gemeindebau gegenüber mitunter durch Keifen aus dem Fenster kommentieren oder auf diese Weise abstellen wollen, überblicken), dass wir tatsächlich gekommen waren.

Leitungen stemmen, um Licht und Wärme und den Geräten für kabellose Verbindungen die Wege zu weisen. Mobiliar aus den letzten 30 oder 40 Jahren entsorgen. Ausgleichsmasse, Naturstein und Platten zweiter Wahl. Ausflüge an die Peripherie und immer wieder an die wahren Schauplätze der Realitätsausstatter (Baumärkte!) (Es gibt immer was zu tun…).
Irgendwann, es sind schon ein paar Wochen vergangen, fange ich an, die extraterrestrischen Überreste des Untergrundes zu beseitigen. Rote Krähe und Stechbeitel sind da die Hilfsmittel, es vergeht eine weitere Woche, mittlerweile kenne ich weitere Muskel an Oberarmen und -schenkeln, deren Existenz mir bislang verborgen geblieben ist. Der Bankbeamte, der für die Kreditvergabe zuständig sein könnte, ist ein Topberater (so steht es auf seiner Visitenkarte), er trägt die Hemdsärmel wie auf den Plakaten, die für den Aufschwung seiner Bank werben sollen; war auf einer Lesung von mir und versteht die schwierige Lage von uns Künstlerinnen, muss aber darauf verweisen, dass für die Bank nur Ziffern in Schwarz auf Weiß zählen. Ein bisschen rechnet er damit, dass diese neue Erfahrung in einen meiner nächsten Texte Eingang finden könnte (werde ihm den Link zu den Randnotizen schicken) und wünscht mir jedenfalls für mein weiteres Schaffen das Allerbeste usw. Und auch Freunde reagieren auf Produktnamen so, als müssten sie meinen nächsten Buchtitel bewerten. »Löser« findet dabei am meisten Zuspruch.

In ruhigeren Momenten pflegen wir unsere Grätzl-Rituale, die schon das Adjektiv Abschied tragen. Wir gehen zu unserem Wirt Edi, noch einmal, noch einmal, wir gehen auf den alten Spielplatz, die alten Wege, ich fahre die Brache entlang und bedauere, Genugtuung mischt sich unter die minimal traurigen Regungen, weil ich mich darauf freue, das Fahrrad bald nicht mehr durch den engen Eingang und die schmale Treppe hinauf/hinunter in den Hof schleppen zu müssen und auf einmal bemerke ich, dass die kleine alte Frau von gegenüber, deren Mann im letzten Winter gestorben ist, uns vielleicht vermissen wird, wenn sie sich zum Rauchen aus dem Fenster beugt und ein bisschen an unserem Familienleben teilnimmt.

Zwischendurch erhalte ich Nachrichten von der Protagonistin meines übernächsten Romans. Sie schlägt eine Erbschaft in Form eines alten verfallenen Mietshauses aus und erwirbt ein Gartengrundstück. Endlich kann sie ihr Studium abschließen, wird Maklerin für Fertigteilhäuser – eine Profession, die sich im kontextuellen, im literarischen Umfeld viel zu klischeehaft ausmachen würde, als dass ich sie verwenden könnte. Und sie hofft, dass ihr Lebensgefährte und Vater ihres Kindes bald in Vietnam seine ersten Gebäude planen darf.

Während ich diese Zeilen schreibe – in meinem alten »Büro«, dem Kaffeehaus J. im 6. Bezirk, meldet sich der Tischler für den kommenden Tag um 7 Uhr morgens an, er wird mit seinem Kollegen dem von mir abgekratzten Boden den letzten Schliff geben, und der Installateur ruft auch an – es könnte sein, dass wir beim Einzug doch (Warm-)Wasser haben werden. Alles wird gut. So gesehen.


[ Über das Ausmessen meiner Schritte – Tapetenreste, Tapetenwechsel ]

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Super 8

She stood under Albert’s balcony (didn’t dare call out to him), in a crammed garden : he would come out sometime. Shrubs and bushes were in flower, hardly a free patch of lawn, there was tall grass growing there and garden furniture, which no one used, bicycles and trailers, a hand cart. The occupants left the garden to its sleep, it appeared to have earned it. She had come from a dinner, at which people said things like : my art is my work is my statement about the world. She should really have talked to someone. (But how do you do it : the stuff with signing on and surviving and then good wine as well?) But she had slunk away, before the others could see, what sort she was now.

She could no longer remember, why she was so attached to him, Albert hardly talked; the pieces of furniture in his rooms were like scaled-down reproductions of real furniture. There was no dust on the book cases with the old books, not a hair anywhere. (They had bathed together a couple of times and once she had washed his hair. His fine hair, which consisted only of peaks, was always dry immediately. Just as if he had never dipped under water.) She went there again and again, stood under his balcony.

The wood lies on the water, as if some boats were not even completed or as if they had already been taken apart again. Albert was talking about boats, they were looking down into the dark garden/undergrowth. But she hadn’t really understood, which city he was talking about, perhaps he hadn’t mentioned it. House boats for sure, and there are cargo ships too. And the containers simply lie around in the water. She had wanted to hear facts or details, but he only said : it’s a while ago. That was in my last life. All at once Albert was someone who had travelled, that was something. Since she had known him, he didn’t want to leave the city. That’s how it was. Now he was talking about living quarters outside the city and on the water, of the maze of wood and metal and huts by the water and on the water and that children clambered around the roofs. Everything keeps on growing, without anything having to be taken away from others. Space, I mean. Then she was the woman on the balcony, she was interested in other facets and finally he talked about a woman, how much he - then she didn’t want to hear any more and asked him, if he had paid her for being with him. He said : yes, perhaps; and because she didn’t know what else to say, she asked him, whether he had also seen dragon boats and Albert said : oh, dragon boats. Yes, he had seen dragon boats too, but they weren’t interesting, and then he talked about the runways by the water, how close the giant machines rose into the air there, and then at last she knew, which city he was talking about.

They had never talked on the phone, Albert didn’t have a phone and she never asked for the number of his friends who lived downstairs/rented the first floor to him. Once the woman from the ground floor came to the railings of the terrace. Said without looking at her: he’s not living there any more. You must have realised that. Then she had left the overgrown garden and pulled the garden gate shut behind her, she found it hard to leave the house, she couldn’t understand it all.

Albert lined up cocaine, which she paid for, because he had no money, she would have liked to have gone to the lake with him, wanted to be in the water. They remained in the bar, he said : isn’t it brilliant, that we can drink as much as we want! She danced and paid for both of them at the bar, she was allowed to take him home (that’s where I’m staying now), they kissed for a long time, didn’t go up together. At a time when several projects had to be taken care of at the same time, she had seen him in the place where glasses of tequila and vodka went round the top of the bar in a circle on a little railway.

She had lots of ideas, and U. liked most of them. He had given her a dictating machine and she dictated. She was responsible for communications and also drew up budgets, when it was necessary. Then she had to look after individual partners, which meant she had to stand beside an information desk like a student. When she locked up, the DJ in the bar next door turned up the volume; she stayed, attached herself to the people from one of the museums and to the artists, then went somewhere else with them and the crew. Once they ended up a long way out on some estate; surrounded by sticky wooden panelling Western or Country music. Albert must have come with the technicians, that didn’t bother her. U. had confused her, when he said : we should always be able to reach you. At first it seemed as if he didn’t care when she worked on the projects, everything merged with everything else, they ate together, he liked going for walks, she went with him, listened to his monologues and tried to translate them. He didn’t pay for her hours after all, he paid for the potential and for success. She took on more and more, personal duties as well, and when the book-keeper said to her : you’re the assistant, she didn’t know, whether that was meant as acknowledgment.

She sat down at the bar beside Albert. She went home with him and could see everything. He was melancholy, he loved electronic music, which covered everything in the room, that was nice, he wanted to talk to her a little, but not too much, he made peppermint tea/they were already high anyway. Now she went to Albert’s house in town, sometimes she left a couple of lines at the door or waited on the stone steps. He would tell her, if he didn’t want to see her any more, she was convinced of that.

Then (again) she climbed up the steps behind Albert to the lighting right at the top. There was everything that summer : opera, theatre, quite unbelievable music; the light changed the sounds, displayed the speakers, showed her the figures, she had not known before, in their glittering existence, obscured some things. She loved the mood of the pieces, she liked Albert’s colleagues, who sometimes only looked at her inquiringly. Once someone talked about him behind his back as about someone, who wouldn’t be there much longer. Then he wasn’t there and she watched the performance without him, felt like a traitor. She spent half the night looking for him. Then helped him up the stairs to his flat, they wanted to sleep with one another, he toppled from the settee, there, where she then lay; everything was wet. It took a while before she understood. Later sometime it would all be cleared up. She was attached to him, yes. She just couldn’t go on without him. She wanted him whatever his state. Sometimes she felt so without limits in her wanting, that she didn’t know how to go on. She always felt these things/which was why she was convinced of the rightness of her feeling : sunbeams wanted to enter the room, the dark heavy curtains prevented most of them from doing so. A layer of him was on everything. His sister lived in the room, who introduced herself tall and slim. Kind-hearted and beautiful as Albert; which he was. She just couldn’t cope with his sorrow. Bottles lay and stood on the floor, there were dishes in the sink, it didn’t smell good. At first, still half asleep, she tried not to move, she didn’t want to feel the wetness on her body, it was already far too late. There’s nothing there, she thought, as she opened and shut her heavy lids. She would remain lying here until he woke up and then he could send her away, then she or he would draw a line, but she couldn’t like the idea. Albert hadn’t told her why he wasn’t going to work any more, it seemed to be final for him. She had told him, what his colleagues said about him, that there wasn’t enough money, she wanted to comfort him, he had pushed her aside. As if she was annoying him. She still saw something free in him or about him. He was a free man.

She could bear it. She could bear him. As their bodies had bent, he was the contour which she wanted to pull behind her with her limbs, stretch so far, that clarity returned. She wanted to, but he didn’t help her. The weight of the last long night burdened the sleeper, what still distinguished him from someone unconscious, who could no longer remember his past days, why did she again and again see this pale grey sterile room around him, as if she had brought in the dirt?

She should let him sleep, she should let him have the peace and quiet that he wanted. Needed. Even now, amidst his refuse, she was the burden. She should be in her own flat, let water run over her shoulders, over her stomach, down her legs and it was still warm; she could wash herself as every morning, she smelled the shampoo, soaped herself, wrapped herself in a big towel and lay down in bed or went out into the day, which should begin now. And then. She couldn’t wipe or wash him away. She felt something, she felt the floor, the cold liquid around her, her spoiled skin. She didn’t lose him, if she lay down to sleep. Her dreams belonged to him, her sleep belonged to him, she wanted to spend her nights with him, wake up together as before, not lying on the cold floor, he wouldn’t stay unconscious, he would regain consciousness, then hers would be there too again. She needed time, and staying power (she had a great deal of all of it).

She couldn’t switch on her telephone now, see if someone had called. She should have been preparing documents, hadn’t been in the office for a couple of days now. Only recently the development had come to a halt, the interactive components in particular were a problem. Then partners had dropped out. She at any rate had done all she could, and more of course, than she would have had to do. Albert didn’t take her commitment seriously, called her a reservist. (We are all human material in a great reserve army.) Once it’s up and running, we’ll expand worldwide. She had been heart and soul for the project and U., the informal and meticulous team leader, who always hinted, that he would find a way, to really express his gratitude to her. She had already been in! She couldn’t exactly understand what had changed. Still not. She had been punctual for the meeting with the investors, but when she came up the stairs to the second floor, she knew that punctual is too late. Then men in dark suits were sitting round U’s living room table, an absurd situation, she felt uncertain, pushed an office chair up to the low table for herself. Suddenly she was the secretary, who was supposed to serve tea and take notes. She felt paralysed, looked down at herself, but everything was OK, there were no toothpaste stains anywhere, there was no dog shit on her shoe, her trousers were not as new and shiny black as the men’s suits, but clean. She forgot about the tea and when she finally brought it, it was undrinkable. She wanted to put on some more, but now no one wanted tea. She went into the kitchen again, which she never wanted to leave. She should. She had to get away from here. But movement wasn’t possible now, she couldn’t weep, shouting wasn’t possible, only waiting. With Albert everything was different.

Once he had given her a book from his collection as a present, an old one.
At the beginning he had said : I’m not good for you, you’ll find that out.
Once they had spent the whole night on his little balcony, she had talked about her dream city.
Nor did she know, what she wanted from him, sometimes she considered, whether she should tell him the truth about him and her.
How relieved she was then, when he disappeared once again.
And each time she was sure, that it was only an inadvertent parting.
She had laughed with Albert. She should laugh at him, that’s how it had started.
She managed it very well.
With Albert everything was different.
He only needed to be there.

She sat in the huge living room on an exercise bike, she pedalled hard and watched a film. The engine of a large vehicle could be heard from the small parking lot in front of the house/the big electric gate closed, it slid between drive and ramp (so at every homecoming, at every departure inside and outside were clearly separated : that’s good, but one might ask, what’s better now, to stay inside or to go out?)

The car door slammed shut, now in a moment the door to the house would be opened . The woman on the exercise bike sometimes imagined how her own shadow fetched the girls out of their beds, after drinking coffee, reading the newspaper etc., while she herself cycles the long way on her racing bike to her happy aunt and clearly feels the wind, that’s the slipstream, it’s to do with the skin, she lets the wheels turn, it’s all downhill on the way to the happy aunt. Because the days for her shadow look similar to hers, but shadows don’t know about exhaustion. How she is simultaneously close and far away and how her happy aunt tells her about her last trip. How she travels the land from north to south in rattling buses, stays where she wants, of delays of many hours and of the anger and the cheerfulness of the people. That she doesn’t need to think about whether a meal is too spicy for the girls, whether they’ve already been sitting too long in the crowded bus, in which bed they’ll all sleep, whether it’s clean enough. And when the happy aunt asks about her companion, she says exuberantly : they change, there are enough. On the exercise bike she should have frowned at such a sentence. She heard herself sigh, immediately looked over her shoulder. No one was catching her out. Recently the woman on the exercise bike could not always decide, whether her husband (Gabriel) was on the trips as well. He had become hard-working, ambitious. When he was there, he was a good father, who hadn’t just given his daughters exotic names; there was a greater seriousness about him, when he was with them. Gabriel was well matched at the side of her shadow.

His happiness was fixed by various co-ordinates : he had lived the whole of a cheerful youth in anticipation of this future, in which everything would be possible. With his parents and his sisters he had inhabited a building kit, which had grown with the children. Over the years new rooms had come into existence, inside, outside and above their apartment. Friends and outcasts were accommodated, relatives lived with them. Balconies were built and behind the old garden another one was laid out. In the cellar of the house were the little room and a room with a round wall, a big desk. Panelled walls, built-in cupboards, a screen (all from another time, another family). Apart from that the boxrooms, they were as big as the small room, only without windows, and the deep shelves were crammed/when she moved into the house, she had no idea, how one could get an overall view of everything. She had often said : please, always close the doors, because chaos pours out, spreads over the whole cellar. A little while before rain water had penetrated the lower storey, no one had noticed, she didn’t want to say anything/she could use everything/after making an inventory of all available memories and now : if the water damage was repaired. (There were ridges in the parquet right under the built in cupboards, since the rain large groups of ants lived there, they roamed around the whole floor, knew the boxrooms, the bathroom and the woman in the cellar, they knew her too. Sometimes she was woken by tickling on her upper arms, shoulders, cheeks. She always showered immediately after getting up, but the ants were always there before her. Washed them away with the thin lukewarm jet. They came again. The spiders were there before the rain, the spiders were there before the people, for sure. Now the soldiers were marching as well. Crowds of them. They filled the cracks. Followed their paths, there were so many places, where the plaster was crumbling a little, that’s where they crawled out, the soil under the lawn will be full of them and one day these rooms too.)

She had always been waiting for someone from earlier projects to call again, that someone enquired, they had never managed without her before. She had done so much work and always tried to absorb the unfamiliar material. The few times, when she hadn’t known exactly what was being talked about at meetings, had scared her stiff, of course. But she hadn’t just caught up. She was good. She was flexible. She was available. The only call from the office was from a woman she didn’t know, and who mailed her a list of questions, some with deadlines, all rather uninspired. As if they didn’t expect, that she would be working for them again. Now she looked at the calendar and was confused, because she hadn’t got herself a new one yet, then again : doesn’t matter; that she could only hear and not feel the wind, that should give her something to think about. She stepped over the narrow triangle of light, that fell on the floor in the hall, as she fetched the box in the little room, which she had saved from Gabriel’s orderliness phase/what does saved mean here. For reasons of space he wanted to dispose of a good or at least old time. Gabriel wanted to change/himself, and the others too. For that he educated himself more and more and small successes were already visible, he worked in a team, he said : pleased to. She had worked her way from bottom to top once, twice, she wanted to assert herself, she always wanted to show what she could do, not rely on the others. The big project would become independent and they would all benefit. First an assistant, then project leader and one day, no idea/no one was interested in titles, one day she would be director of a sector, she had told Gabriel/you know : responsible for all museums. She closed the door, the projector rattled.

The light fell on the screen and the lens could be focussed, in white letters on a grey background she read : BANGKOK. She immediately thought of Studio 14 at the front on the shabby street, the word BANGKOK had also been below that and then FAREAST LOVE. In similar lettering, and the letters weren’t straight there either (they didn’t have to be). In another life Albert had gone travelling and been together with people who later could still drive the dullness from his eyes (for moments at a time). What happened? Were the conditions really so bad? The others worked in similar circumstances. The image was frayed or the opposite : in individual scraggy fringes the blackness reached over the edge of the image; tall plants, leaves and : spreading, plant-covered roofs, which remind her of something (only the light will have been different, for sure). Tour by boat through the khlongs; a woman was standing in the water, washing herself. Water tanks on the roof, antennae; along the canal and on the water rampant greenery, one would like to think : jungle. The journey continued at 18 pictures per second. Window dressing or extras. Simultaneously show and extinguish the faces of fellow-travellers/back-lighting. Temple of Calm and Temple of Dawn and temple guardians of stone, golden and reclining Buddhas and a temple of marble. Everything had scaffolding around it. The roofs. The statues, the altars. Small bells and leaves moved in the wind. Grass on the pediments. The banana trees were scaffolded and the bananas they bore, too. In the street the tourists moved just like tourists; had pushed up their sleeves, some wore shorts, all of them huge sunglasses. She heard the water, the movement of the boats on the canals, or was that rather a memory like the wind passing over the water? Two young guys were concluding a deal at the market, which was not for the curious, certainly not; and everyone immediately looked away (dramatically or discreetly). A big block of ice was being broken up, next to that pussy willows. Men strolled across a square : one dark-skinned and bare-footed and with a handkerchief on his head; another tall and thin, he, too, barefoot/it was elegant or casual; he looked at them and laughed. She first of all recognised his big teeth. She didn’t know the laughter.

Gabriel stood in the hall, listened for sounds (he was searching for sounds, which could have been there : a woman’s voice, talking comfortingly to a child which has just woken up or been startled/a voice on the telephone, music or silence). He felt himself to be loud, because everything was quiet; the door to the children’s room ajar, the kitchen dark, he heard his breath, which was heavy. He saw the car in the parking lot, now the electric gate was in place. He was at home. He looked down the cellar stairs (perhaps), hung up his jacket, reached for the key, he liked walking barefoot through his house, here most things were certain (sometimes it still felt new; then the whole apartment should smell like the interior of a car, in which one has only covered a few miles, only : there was a bit of stale air above the old pieces of furniture, came out of the cracks, it didn’t matter), no light penetrated from downstairs, no sound.

With his wife and the girls he wanted travel round half the world, strangers would meanwhile live in their house, and there were plans, how it could be financed. The woman on the exercise bike could very well imagine this family of strangers : the children refuse the vegetable soufflÈ, wail before going to sleep, they quarrel in the sandbox or over toys, that are scattered across the garden. They let the kitchen get dirty and forget to close the skylight in the dining room. She could almost laugh at the thought of them sleeping with one another on the almost new mattress.

She put out the light (now the garden at last lay in darkness). She switched off the lamps in the huge living room and in the hall. She inspected the front door. Gabriel listened to the breathing of his daughters, then he followed her into the bathroom. Not a word. Water flowed. Towels, clothes on the tiles, similar movements, a familiar touch, a ribbon of light lay on the carpet, next to the bed, her skin didn’t tremble, he turned once/once again, they came close, tender, tired. As if they were whispering : say longing for what’s there. That was. Everything was present between them, the sheet crumpled, the air between the cushions, their thighs, now only skin or the palms of hands. A thrusting, absorbing, now he and she, hold me now/hold.

She saw the women posing on the steps, how the wind caught the silk blouse of one woman, who burst out laughing. She saw these beautiful faces, the smart hairstyles of the young girls, the flat bamboo hats. Then he turned up again, it was him! Albert stood, still barefoot, in a busy street; shops and bars, hot food stalls, travel agencies and massage parlours. Sat under arches on a wall, his feet dangling. His face wasn’t pale, as it had been eventually, the sun did his skin good, the corners of his mouth relaxed, the lines much deeper. She didn’t notice it, suddenly a small, delicate woman could be seen at Albert’s side, arm in arm. It was a completely natural movement or meeting, which she missed (again). Once she had got on his nerves so long, until he finally said the name of the woman, whom he had almost married. Now she tried to remember it and tried out : Nung and Gung and Nuh, but she no longer knew the name and so she called the woman at Albert’s side Malie, which means Jasmine and which she thought suited her, she was sure to smell good.

He was so elegant.
Now Malie couldn’t be seen any more. Perhaps it was because of her, that Albert no longer had any confidence in the future. Nothing more.
Probably all of it had nothing to do with his insecure circumstances and his decline or fall.
He was a different person.
It was of no importance now, what came first : the unfair contracts or Albert’s tendency to fateful arguments.
He was pointing across the park or to a swimming pool.
The tuk-tuks sounding their horns and the cars sounding their horns, the throb of engines, voices of birds and people, the sounds of the heat, of the street and of the buildings, all far away. Albert burst out laughing.
The greenery grew profusely around her, she was standing in front of the house.
Perhaps Albert was like her.
The workers on the scaffolding washed out their brushes.

(From: WOMEN IN VASES/Frauen in Vasen, Prose, 2008; translated by Martin Chalmers)

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Daylight Region

the lime trees in the courtyard have exhausted themselves, as the season requires, the trees have stopped flowering, they are old and thin but can still carry a few scattered leaves, nothing else. Beneath one of the trees is a sandbox with toys in it, which are used regularly and stay outside overnight. Bicycles lean on the walls of the building, at the back there is a pile of rusty spokes, twisted tyres, peeling cycle frames. Plastic and metal tractors and trucks park on the grassless ground, and chairs on thin legs. Garbage containers stand lined up and in front of them one drum has fallen over. For a few months it will be possible to see the bullet holes in the walls of the side wing and the holes – mouths – left in many parts of the crumbling plaster.
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the light-beam takes its time, shining so brightly between the trunks. As if it were in no hurry and: as if not a single cloud would hinder it in its path and the sun would never go down again; as if the sun would shine purely alone and of itself and again and again (without waiting for anything). The light spread out widely, touching the trees at the edge of the woods with fire. The shadows of tree-trunks will fall across the fields. Long and thin, the shadows will lie across the narrow path on the fields, the shadows of the trees much longer than their height. Individual branches are sketched on the fields in a narrow script with regular ascenders and descenders, as if with a gigantic pencil. The light draws the shadows with sharp edges. But much faster than the approach of the light a cloud will force itself between sun and trees, stealing the light from the trees and the shadows from me. Slowly the big sheep named Cloud C wanders about the sky, breaks into small groups and comes together again. I try not to miss the moment when the many become one. And suddenly the light is gone again. Before all the light has gone, before the light turns off with clouds, lime-trees, sun-switch, before everything wafts away, I go myself. Take a run-up and fly somewhere.

even after the renovation there are still: the four storeys, with French doors at the back. The wall of the left wing is painted with flowers and trees with birds, children playing ball and a swarm of oversized butterflies. Over that is written how we laughed back then behind the moon with three exclamation marks, and over the passage in the front of the buildings someone has started but not finished in similar writing: Vivian I love you st. The bushes are high, and they are confused, as if they had suddenly grown old, they look scruffy, rundown. It is not precisely clear how much they have to do with each other. A woman (long, dark-brown dreadlocks) in working trousers and heavy shoes, who is too late, didn’t hear the alarm clock, perhaps forgot to turn it on, crosses the courtyard. A Tuesday morning in June. She is in a hurry, stops a moment, leaves the building.


after a few trials we took off the support wheels because you were much less secure on the road with them than without. (The road was precipitous and asphalt only came later.) I go about barefoot and have to avoid sharp stones now and then – jump-in-the-air. The bike looks hesitant in its shapelessness, or ungainly: because it has a thick frame and yet is very little. It radiates bright yellow, which matches your shiny red cheeks. Perspiration plasters your light blonde hair firmly to your head, just a few strands stand out over your ears; the slippery sunlight beams through your crown of hair onto your red ears as if they were something special. We drink juice from Dagmar and Rudi and before you have half-emptied your glass your little head drops to your shoulder, your body bends in the middle and makes a few wrinkles, your eyes have fallen shut, you have fallen asleep. It is cool in Dagmar’s and Rudi’s living room, there are big green plants outside the windows. The brown of the armchair and the brown of your swim-shorts can hardly be distinguished from each other. Above your togs a strip of white skin goes around your body, around your little tummy. Swim-short strips and orange braids on the chairs are sleeping peacefully, all of them exhausted. I yearn for the temperature of that day. Dagmar opens a door in the living-room cupboard; little lamps light up the mirror behind the coloured bottles, which sparkle now. Let them shimmer, go and get ice-cream and a camera. Photograph my little sleeping brother. I stand behind the chair where you are even smaller and more delicate than usual.

I stroke your hair from your wet brow. She presses the release button once more. The sun behind her makes me blink and I have to close my eyes. Orange and yellow threads of colour burning under my eyelids. We talk softly about your progress on your bike. I drink the juice in small swallows. Dagmar adds ice-blocks again and again, which she constantly sucks on, and then she takes a little (sharp) swallow; the little tongs put a few blocks in my glass of juice as well, they glide softly into the orange fluid. I think: silently, slowly, I think there is a filter over Dagmar’s and Rudi’s living room so that you can always go on sleeping.
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(From : DAYLIGHT REGION/Taghelle Gegend, Novel 2007, translated by Nelson Wattie)

Montag, 16. Februar 2009

Beim Ausmessen meiner Schritte (November 2008)

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für einen Monat Tagebuch also und gestern bekam ich fünf Notizbücher geschenkt. Wer hätte das gedacht, bin natürlich ein bisschen gerührt über die Einschätzung, dass ich ab dem 37. Geburtstag also eher schreiben als lesen soll (fertige Literatur bekam ich schon auch), oder einfach so: die Lieben wollen, dass ich weiterschreibe und ich kann das in versch. Varianten angehen, mit oder ohne Einband, groß, klein – aber immer blanko, unliniert (begonnen im roten, auch mit dem Vorsatz, das Tagebuch eben – wie ganz früher – per Hand zu schreiben). Den Briefwechsel Celan-Bachmann in die Hand genommen (auch der wurde gestern hereingeweht, zusammen mit Olivenöl und Schampus) und mit ein bisschen Wehmut denk ich an die Briefzeit, an jenes stete Adressieren und Abholen von Briefen und bin auch verwundert, wie viel Zeit dafür zur Verfügung stand, ja natürlich. Dann las ich Celans Allerseelen-Gedicht, Findlinge, Sterne, Schwarz und voll Sprache – jedes Jahr wieder denke ich an meine Kinderfron mit Chrysanthemen und Urnen und elterlich forciertem Schulschwänzen und dieses Außerhalb-Stehen von allem, weil ich nie dazugehörte – auch nicht zu den Chrysanthemenverkäufern – Plastikspielzeug u. Windräder gehörten da dazu. Eine Friedhofsgängerin bin ich auch nie wirklich geworden, obwohl: vor ein paar Tagen war ich in Lenzburg auf einem Friedhof, es regnete leicht und regnete immer weiter und zwei junge Friedhofsgärtner waren ganz in Gummiregenzeug und es kam gar kein Friedhofgedanke auf und die Namen interessierten mich nicht, nur die moderne graue Betonsiedlung gegenüber vom Friedhof gefiel mir und da bin ich wieder in das Städtchen hinunter, hab mir ein Notizbuch gekauft (das jetzt aber am Schreibtisch im Bureau liegt, für Notizen vor Ort, die großen Ringe stören eigentlich eher) und eine NZZ und bin in den Zug gestiegen, auf der Fahrt dann dicke weiße Flocken.

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immer wieder dies langsame Beginnen. Ich war unterwegs, ich war krank und schon datiert die letzte Arbeit (das letzte Öffnen des Dokuments) an der Kellerpassage von vor zwei Wochen (und dabei ist in Wahrheit noch wenig begonnen. Die Hinweise, die mir Heiz gab, seine sehr klugen Fragen, seine schlichte Interpretation bewirkten sehr wohl ein längeres Nachdenken, obgleich: ich las auf einer Neuerscheinung eines ehem. Verlagskollegen Zitate von Klagenfurter Jurorinnen und dass der Autor seinem Auftritt beim Bachmannwettbewerb im Jahr 2002 irre viel verdankt, ohne den dieses Buch nicht hätte schreiben können. Sechs Jahre ist das her und man fragt sich, was gewesen wäre, wenn der nicht aufgetreten wäre und will das Buch sicher nicht lesen).
Wie lange die Befindlichkeiten von Juroren noch nachgebetet und -gekaut werden; konfrontiert wird man eh immer mit den Negativaussagen (die sind viel haltbarer, ganz offenbar), aber vielleicht wollen Journalisten ja einfach abklopfen, wie beschädigt man (ich) aus der ganzen Sache hervorgegangen ist. Und da ich darüber nachdenke: ist das bereits eine Beschädigung oder nur Zeitverschwendung?!

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Waltz with Bashir gesehen. Ein Film – so Horst nach dem Film (es fiel uns erst einmal schwer, darüber zu sprechen) für F. Ja, F. ist als Kind mit seiner Familie aus dem Libanon geflüchtet, Anfang der 80er, also während des Libanon-Krieges, wieder besondere Situation, weil er einer christlichen Familie entstammt. Animierter Aufarbeitungsfilm über das Massaker von Sabra und Shantilla, Sept. 1982 (wurde wohl von manchen als Rachefeldzug nach der Ermordung des libanesischen Präsidenten Bashir Gemayel verstanden). Der Regisseur war selbst sog. einfacher Soldat und stellt eines Tages (nachts, in einer Bar, ein Freund erzählt ihm von einem grauenvollen Hundetraum, einem Albtraum, der immer wieder kommt) fest, dass er sich – offenbar völlig traumatisiert – an nichts davon erinnern kann. F. kam leider nicht zur Lesung in Lenzburg, ich habe ihn lange nicht gesehen, wenn er in Wien ist, meldet er sich entweder ganz knapp oder gar nicht. Nachmittags schrieb er mir, dass er sich schwach fühle (hat gar das Wort schwächeln verwendet) – und das mir, ich war ja mit Angina und Bindehautentzündung seit einigen Tagen unterwegs und ziemlich bedient, aber meine Unerbittlichkeit hat wohl etwas nachgelassen (früher hätte ich F. vom Flughafen aus angerufen und ihm gedroht oder ihn gezwungen, zu erscheinen oder ich hätte ihn tags darauf in Zürich auf- u. heimgesucht – vielleicht, denke ich jetzt, wäre er dann eh gekommen, wollte nur besonders gebeten werden, aber was weiß ich, heute ist mir das zu mühsam und wirr). So habe ich nur mit Horst gemeinsam länger an F. gedacht, über ihn geredet. Über seinen Rückzug, über seine Abstinenz von der Welt, die er neuerdings durch das Sammeln von alten Stichen noch unterstreicht, scheint mir.

6
der Verlag will den nächsten Roman fixieren, vertraglich, das gefällt mir natürlich, aber es ist auch wundersam, noch ist so wenig da, was könnte da Gegenstand sein – die Tatsache an sich, ja, komisch.

7
X im Jelinek getroffen, wir tauschen unsere Bücher, tauschen uns aus (wobei ich meine Neugierde offensichtlich nicht so rauslasse wie andere. Ist mir schon im Waldviertel aufgefallen, Fragen nach dem Geldverdienen [lebe von den Sparbüchern meiner Oma in ihrer Mietwohnung mit altem Vertrag] sind natürlich legitim und realistisch, kommen mir nie so leicht oder selbstverständlich über die Lippen). Wie viele Lesungen, wie zufrieden/oder nicht mit dem Verlag etc. X hat die Theorie, Lesen vor Publikum korrumpiere einen, weil man natürlich geliebt werden will und je mehr man versteht, wo die Leute lachen, desto gezielter schreibe man darauf hin. Peter z.B., der doch die meisten (viele jedenfalls) seiner Texte unmittelbar vor Lesungen verfasst, scheint komplett auf diese Lacher hinzuschreiben. Bei unseren ersten Lesungen hatte ich immer Angst, dass nach all der Heiterkeit für ihn keine Aufmerksamkeit für mich mehr übrigbleibe, dass das Gefälle (zu meinen damals doch noch viel ernsteren oder auch trockenen Texten) allzu arg sein könnte. Ergebnis war damals, dass Peter meist als zweiter las und dann so lange, bis die Zuhörer auf ihren Sitzen einschliefen oder umfielen oder er selber nach mehreren Bieren einsah, dass es dann doch jetzt genug sein könnte. An meine Sachen konnte sich da schon seit Stunden niemand mehr erinnern. So ungefähr. Heute ist es anders und als ich nach unserer letzten Lesung in Linz Peter sagte, seine Texte seien mitunter redundant, man merke ihnen die Geschwindigkeit an, aber eher als Vorbeirauschen, da gefiel es ihm gar nicht, dass ich ihn überhaupt kritisiere, ist der Grund, warum ich seine Texte nie mehr zu lesen bekomme – u. ja, gelacht wurde auch diesmal. Dass Peter derart um die Sympathien buhlen könnte, war mir lange nicht bewusst. (Und ist es ihm vielleicht auch nicht.)
Beim Lesen vor Publikum kann man ja tatsächlich zu Erkenntnissen über den eigenen Text gelangen, wie das beim Selberlesen offenbar nicht möglich ist. Es gibt einen elementaren Unterschied zwischen dem ersten Lesen nach vielen Überarbeitungs- und Korrekturphasen und dem Lesen vor Publikum, kann’s nicht präzisieren, bin aber davon überzeugt.
Mit Ćosić und Özdamar (in Lenzburg) redeten wir über die Erkenntis und das Lachen, das ist jetzt natürlich etwas anderes. Die beiden sind sehr erzählerische AutorInnen, mit lange gespannten Bögen mitunter. Özdamar, die ja auch Schauspielerin ist, verzog beim Lesen witziger Stellen immer ihre Lippen – wenn das Lachen einsetzte – und erinnerte mich dabei viel eher an eine japanische Geisha (ich hab zwar keine Erfahrungen mit ihnen, auf die sich die Erinnerung, diese Katze E. stützen könnte, aber…), die grimassierend sich dennoch an ein strenges Ritual hält, diszipliniert. War auch gleich verliebt, das hat mir so gut gefallen. Und da war es eben so, dass ich mich freute über die Lacher, die ich (auch) hatte und was heißt das dann? Ich denke, sind es gute Lacher, könnte etwas hängen bleiben im Zuhörer, das nachwirkt. Und bei mir: ich bin unkorrumpierbar, das schon u. natürlich will ich geliebt werden. Alles zusammen geht nicht, deshalb wird’s bei vereinzelten Lachern bleiben.

8
Nun doch die Herzzeit – Briefwechsel Bachmann-Celan (doch – war ich skeptisch oder habe ich nur einfach, ohne sehr darüber nachzudenken, Jessica zugestimmt, dass man so viel Pathos nun wirklich nicht mehr brauche?) bis zum Ende gelesen, Kommentare und Nachwörter sind ja ebenso ausführlich wie der Briefwechsel selbst. Natürlich (naturgemäß) ist vieles enigmatisch, es hat mich auch ganz eingehüllt die Lektüre (in kalten, trüben Tagen mit wenige Muße und viel Kränkeln), so vertraut all die Gedichtzitate, auch die Umstände des Lebens und Schreibens – und das dann all ZU vertraut. Wie enggeführt auch die herausgeberische Interpretation sein mag oder doch eher ist und wie wahr auch: in mir sträubt sich doch das Meiste, es ist ja nicht einfach Pathos (das auch, aber das liegt auch an der Entstehungszeit), das mich abschreckt, es ist v.a. dies immer wieder sich im gleichen Kreis bewegen und zwar auf germanistische Art und Weise, das ich gar nicht mehr mag. Eine Germanistin war ich eh nie (wollte ich nicht sein, das sah ich aber erst später), aber auch keine Jüngerin, ich kann es nicht, kann auf Zeit in einer Literatur mich aufhalten und die Haltung dahinter wahrnehmen, das ja; aber einem Autor/einer Autorin verfallen für immer?!) Es wird auch das stets Gleiche abgeweidet, abgegrast, ohne die Gesellschaft von Neuem, so in der Art. Die Kreise (aber das liegt höchstwahrscheinlich einfach in meiner Wahrnehmung) werden nicht weiter, es bleibt immer Bachmann, Bernhard, Stifter und ein bisschen Améry. (Nicht bös sein HH, ich bewundere es dennoch.)
Auf dem Geburtstagsfest von Alexandra (viele Germanistinnen, viele mir Unbekannte, ein paar Kolleginnen) ist alles nett und lustig und nur traurig, dass der Wirt keine Kerzen für die Torte hat; der Juror raucht Zigarre und hat wohl beschlossen, mich demonstrativ zu ignorieren – dass er kindisch ist, okay, seine Sache und abgehackt, wöchentlich in seiner kindischen Befindlichkeitskolumne nachzulesen, soll sein, aber so eine minimale Professionalität, ach (vielleicht ist er einfach kurzsichtigst).

9
auf dem Grund, auf dem der Turnertempel stand (eines der fast 50 jüdischen Gebetshäuser in Wien, die niedergefackelt wurden), fand heute eine Gedenkveranstaltung statt. Da ist nur ein kleines Stück Wiese, eine Straßenecke Turnergasse/Dingelstedt. Klasnic als Präsidentin des sog. österr. Zukunftsfonds erinnert mich an irgendwelche weinerlichen Pfarrer (hab doch so viele von ihnen gehört), es kommt natürlich nur (Polit-)Schaum, alles ultraweichgespült, blablabla, aus ihrem Mund, sie missbraucht die spielenden Kinder, (mich als) anwesende Mütter/Jungeltern, für ihr Geplänkel, das natürlich Hoffnung heißt. Redet von „bitterer Zeit“ und bittet um Verzeihen. Die Worte Schuld und Täter und Opfer fallen aber nicht, es graust mir und gleichzeitig habe ich ein schlechtes Gefühl auf dem Grund des ehem. Turnertempels. (Dass sie in manchen – wie vielen? – vielen? – Schulen zwar irgendwas vom Zweiten Weltkrieg lernen, aber nicht, was mit den Juden passiert ist, dass es Jugendliche gibt mit Schulabschluss, die noch nie das Wort Holocaust gehört haben, das hat genau damit zu tun. „Bittere Zeit“: da muss ich an Schicksal denken ¬– Subtext: die Hoffnung/Zukunft besteht für diese Leute doch in Wahrheit einfach darin, dass „es“ vorbei sein möge.)
In der Herklotzgasse 21 haben sie eine Ausstellung organisiert, es gab Führungen durch das unbekannte jüdische Viertel, in dem auch der Storchentempel lag (die orthodoxe Storchenschul – in einem Interview sagt die Tochter des letzten Rabbiners Weiss: „Wir waren orthodoxe Juden, natürlich, wir haben uns an alle Gesetze gehalten, aber wir waren natürlich auch modern, nicht so wie heute. Wir haben in Wien gelebt, wir sind ins Theater …“), zwei Häuser neben unserem Bäcker, dem sie vor ein paar Jahren die Autos angezündet haben. Der Storchentempel ist in der Hand von Spekulanten (Kultusgemeinde hat ihn vor einigen Jahren verkauft) und verfällt. Seit ein paar Wochen hängt ein Plakat mit der nicht funktionierenden Internetadresse einer Baugesellschaft an der Fassade, bin neugierig, ob sie endlich etwas damit machen. (Sehr detailliert der entsprechende Wikipedia-Eintrag.)
Das Brick-5-Gebäude, in dem sich die Turnhalle des jüd. Turnvereins Makabi XV (bis 1938) befindet (auch ein Waisenheim war untergebracht, ein Kindergarten – der erste Montessori-Kindergarten in Wien – und eine Ausspeisung), ist seit Jahren einer der wenigen Orte hier im Kiez (bin ja schon lange nicht mehr in Berlin, wenn das auch eines meiner Lieblingsworte, auch aktiv, ist) vulgo Grätzel, an denen konsequent unterschiedliche Kunst und Kultur stattfindet (Horst hatte eine Ausstellung da, früher versuchte Ruth Horak eine Fotogalerie zu installieren, jetzt mit Salon 5 Theater usw.) und ich freue mich jedes Mal wieder aufs Neue.
Danach sind wir (Familie) noch in eine aufgelassene Spenglerei in der Kranzgasse, Ausstellung im Fotomonat von Akademieabsolventinnen. Richtiger Off-Space, wow. Der Raum ist so großartig, dass er fast in allen Beiträgen direkt vorkommt, am neugierigsten machte mich der Text einer Künstlerin über das Beginnen in der Mitte (ja sicher, das ist ja auch mein Plan, ich behauptete es letztens, beim aktuellen Erzählprojekt finge ich einfach in der Mitte an – das ist irgendwie nicht ganz wahr, weil ich nicht weiß im Moment, wo Anfang Mitte Ende sein werden bzw. sind). Die Reflexion der eigenen Position fand statt auf einer Leiter stehend, die Künstlerin, die den Text spricht, der der Text zuzurechnen ist, fotografiert einen Hut, der auf dem Boden liegt, und einen Schirm. Muss noch den Namen eruieren. Beim Titel bin ich nicht so entschieden, wie gut der ist: Weit in der Mitte. (Doch. Eher gut.) Ob gentrifiziert oder nicht. So ein guter Nachmittag. Hier lebe ich.

10
Lesezirkel. Eine Frau beginnt mit den Worten: Ich habe auch Germanistik studiert …, die nach ihr: ich habe natürlich nicht Germanistik studiert. Sind sich (wir uns) einig, dass Trojanow zu viel recherchiert hat und zu wenig literarisiert. Wie immer gediegene, freundliche Damen, die wohlwollend kluge Sätze sagen bzw. manche kommen wirklich, weil sie plaudern wollen. Leider sind die wenigsten wirklich exzentrisch, immer wieder gibt’s die eine oder andere mit einer gewissen Tendenz dazu. Der Bibliothekar stellt mich als eine der erfolgreichsten österreichischen Autorinnen vor (nachdem er in medias res ging und ich ihn unterbrach, um mich und readme.cc kurz vorzustellen), ein bisschen peinlich. Mir sind aber die gutsituierten Bildungsbürgerinnen lieber als die scheinbar so intensiven, die nicht literarische, sondern generell-naiv Fragen stellen, in den Raum hinein. Immer wieder gibt’s ja dieses Mutter-, vielleicht auch Großmutterphänomen, die tun dann so, als sei ich ein junges Mädchen, dem man ein bisschen was aus dem Leben erzählen kann. Einmal sagte eine in der Runde: Ich verstehe schon, was Sie meinen. Meine Tochter sieht das auch so! (Aber es ging um Geschichte und darum, wie sehr man die österreichische Geschichte des 20. Jahrhunderts ad acta legen kann.)
Den halben Tag als Sekretärin und Touristikerin zugebracht. Wie schön, dass die Taghelle Gegend auf Kroatisch erscheint, aber nach Pula zu kommen ohne daraus eine insg. viertägige Reise werden zu lassen und die Kosten fürs Kulturforum erträglich zu halten, gestaltet sich echt aufwändig. Klar redeten sie im Sommer von einer mehrteiligen Lesereise, davon sind die Präsentation und ein Pressefrühstück, beides in Pula, übriggeblieben.

11
nach dem Abendessen im Mill singt M den ganzen Weg zum Bus (und im Bus dann einigermaßen leise: Ottos Mops kotzt, ogottogott; er kann nicht erfassen, wie sich die Episode im öffentlichen Tagebuch seiner Autorinnenmutter liest, die eigentlich dachte, sie wegzulassen – das ist schließlich so was von aufgelegt, zu viel des Guten etc. – aber dann: wenn das nicht den Weg hier hereinfindet, was dann?) das „neue“ Laternenlied, unterhält die Passanten, zuhause schreit er das Martinslied so halbwegs ins Telefon, seinem Onkel (der jetzt schon eine geraume Zeit der heilige Martin ist) entgegen (quasi Namenstagsgeschenk). Nur beim Laternenfest selber überkommt ihn wie fast alle Kinder so eine plötzliche Schüchternheit, alle singen ganz leise und die verstimmte Gitarre der Pädagogin hilft da auch nicht sehr.

13
amphibisch durch den Keller, aber ich kann mich nicht verkriechen in diesem Text, es ist nicht angenehm, nimmt Gestalt an – und es „gefällt“ mir gar nicht, was natürlich nicht der Punkt ist. Bemerke einen Hang zum Mich-Abschwächen im Schreiben, wieder die Frage nach dem Radikalen. Wie sehr kann, wage ich es, das, worum es mir wirklich geht, anderen zuzumuten. Meistens war ich ja viel zu dezent, da fanden sich für die meisten noch einige Auswege, genug jedenfalls. Das hier soll anders werden.
(In einer Erschöpfungspause dann nach Ferienhäusern im Internet gesucht und ein mittelgroßes Jahrhundertwendehaus eine Minute von unserem Lieblingswirt entfernt gefunden. Der Gedanke der Vorfreude ist wahrscheinlich das Beste daran. Ich komme mir gleich viel erwachsener vor, wenn ich mir vorstelle, ein Ferienhaus zu besitzen.)

14, Z.
es hat sichtbar heruntergeschneit, der Tag trüb, war mit M am Vormittag in der Stadt einkaufen, alles ganz unspektakulär gemütlich, keine Touristen auf den Straßen, das ist ganz eigenartig. Den halben Nachmittag geschlafen, den restlichen mit Zeitungen verbracht, M hat Spaß mit den Großeltern, lässt sich wie jedesmal Socken und – diesmal auch – einen Pullunder von der Großmutter stricken (in der Schweiz nannten sie den „dépardeur“ [hab jetzt nachgeschaut, stimmt: Pullunder, aber auch „Schauermann“, was immer das ist], aber von den Romanisten kennt niemand das Wort, M hat ja schon ein paar, kein schlechter Bestand für einen noch nicht Dreijährigen. Man sieht, während M Apfelspalten isst, Lego spielt oder den Opa durch das ganze Haus jagt, den dépardeur wachsen, was friedlich wirkt).

15, Z.
W hatte gestern Abend seine Buchpräsentation (Innergebirg), waren fast alle Autorenkollegen aus dem Innergebirg da, jedenfalls die Netten, geselliger Abend, im Anschluss dann aber: der Musikredakteur E redet und redet und redet zu viel – wie auch der junge Wirt, der ein Philosophiestudium absolviert hat, aber der kann sich zumindest zwischendurch einmal zurücknehmen. Wir reden über Zeitschriften, der Wirt hat verschiedene Abos, kannte aber – wie die anderen Salzburger auch – das Datum nicht, und: nein, kein Zeit-Abo, so der Wirt ganz strikt, aus Neid: schließlich habe er selber keine Zeit für die Zeit, also gönnt er sie auch nicht seinen Angestellten und Gästen, fand ich keinen unsympathischen Ansatz.
Jetzt trifft schon die restliche Familie ein und es ist grade nicht besonders freundlich, hab mich nach oben zurückgezogen (und M malt jetzt auf der rechten Seite des Tagebuchs bzw. hat er sich schmollend verzogen und W versucht ihn zu versöhnen – dabei ist unser Sohn naturgemäß der Familien-kompatibelste, sehr kommunikativ und offen); und werde jetzt noch die letzte Erzählung aus Die durchsichtigen Hände von Xaver Bayer fertig lesen.
(Ein paar Seiten später.) Die Texte haben mich ja in ihrer Einfach- und Klarheit einigermaßen überrascht, ein paar ragen wirklich heraus, ich mag die Beiläufigkeit, das philosoph. Konstrukt hat mich meistens weniger interessiert und ein bisschen enttäuscht bin ich auch darüber, dass mir die meisten Erzählungen so ähnlich konstruiert scheinen – das ist zwar nicht ungewöhnlich (hat mich diesen Sommer auch bei Miranda July enttäuscht, deren Texte mir grundsätzlich sehr gefallen haben – der Blick auf die Welt schräger, auch sehr im Alltag verhaftet, was ich ja sehr mag), stört mich aber dennoch, wenn zu offenbar. Gar nicht mochte ich die Sci-Fi-artige Geschichte, die hab ich auch schlicht nicht verstanden und am schönsten fand ich die Höhenstraßengespräche (beginnt schon beim Titel). Bayer ist aber, anders als July – die eigentlich sehr negativ – ziemlich neutral, was mich fast überrascht, aber – um mit Sperl zu sprechen – das Zen, eine totale Neutralität wird dennoch nicht erreicht, was diese Erzählungen aber, so glaub ich, doch wollen.
Ich stelle immer wieder fest, wie erstaunt ich bin über fast jede andere Lebenswelt, -erfahrung usw. Auch die „Milieus“ der sog. Kollegen (sollte es nicht besser heißen: über die sog. Milieus der Kollegen?!) überraschen mich immer wieder. Und ich, ich denke ja gerade über die Tatsache des immergleichen Textes nach, des Immerbekannten, das in meinen Sachen auftaucht, (aber hingeschrieben stimmt es schon wieder nicht, es liegt nur daran, dass ich einfach langsam bin, in allem. Mein Interesse selber ist ja nicht langsam, aber die Beschäftigung mit diesem und jenem dauert und so vergeht Zeit und eine andere hätte schon mehreres abgehandelt, in der Zeit, so in der Art). Klar, mein Selbstbewusstsein ist diesbezüglich nicht so gut ausgeprägt und ich plage mich öfters damit, dass ich keine Berechtigung habe oder dass es sich eigentlich nur um einen Irrtum, ein Versehen handeln kann, dass ich es bin, die da schreibt, die auf sehr unterschiedliche Arten darin verstärkt wird und ja auch unterstützt. Nur wenn mich mein Vater wie letztens fragt, ob ich wahrscheinlich eher nicht eine Anstellung anstrebe, in der nächsten Zeit – dass ich gerade das dreijährige Musilstipendium erhalten hab diesen Sommer, daran wird er sich in dem Moment wahrscheinlich nicht erinnern usw. –, dann empört mich das. War aber doch auch immer so, dass ich im Durchsetzen und -kämpfen (v.a. ihm gegenüber) am klarsten wusste, was ich will kann muss. In der Verteidigung des Geistes gegenüber der Gleichgültigkeit, dem Analphabetismus, dem Stummen hab ich immer meine Worte gefunden, musste sie gar nicht suchen. (Und jetzt sitze ich hier und die „andere“ Familie schweigt unten miteinander, findet auch keine Worte füreinander, da weht es eisig herauf ins Zimmer mit bester Aussicht auf den See, es ist das Arbeitszimmer des Hausherrn. Nur mit dem Enkelkind funktioniert’s, der Rest hat und ward aufgegeben.)

16, wieder in Wien
am Irrsee vorbeigefahren, es hätte Material abgeholt werden sollen für die kommende Buchmesse, aber Thomas war, wie er abends dann am Telefon sagte, „heute nicht wach“. Kommt also alles mit der Post (hoffentlich). Dieser Rest an Organisation, an Krimskrams, der bleibt mir, ich schaffe es immer, mich irgendwo einzuklinken (einklinken zu lassen), so dass das reine In-den-Tag-Schreiben nie lange möglich ist (es ist nicht ganz wahr, weil ich mich im rechten Moment dann schon wieder herausnehme, aber nicht eben im Umfeld des Schreibens, während des langen Hinstrebens, Anfangens). Hinzu kommt mein Automatismus zum Sparen im Projektbereich, da bin ich programmiert. Mir gelingt – außer wenn’s ums Feiern oder Trinken geht und mit meinem Geld – Verschwenden einfach nicht bzw. ist das, was ich mache, sowieso weit weg davon. Mehr Aufwand, weil vordergründig Geld gespart werden könnte. Aber dass meine Zeit ja auch in Geld verrechnet werden könnte, vergesse ich meist.
Auf der Autofahrt vom Text geträumt, ein paar Momente lang wirkte es, als hätte sich etwas aufgetan/geklärt – auch diese Bewegung bringt etwas, sogar motorisiert? Bin erstaunt.
Die Berlin-Träume aus/in Z. hatte ich zwischenzeitlich schon wieder vergessen, bleiben Fragmente vom ehemals besetzten Haus und seinen Kita-Räumen. Mir werfen sie vor, darin zu rauchen (wir sind da untergebracht), das empört mich. Außerhalb des Hauses ist aber eine mediterrane Idylle, barocke Plätze fast und Christoph, der Fotograf, führt mich touristisch durch Berlin. Das Ziel ist eine Art Albert-Speer-Disneyworld im Westen (Moabit? Wedding?), aber wir haben die anderen verloren und müssen aus dem Bus aussteigen. Unser kleines Auto ist ein Mittelding zwischen Kinderwagengestell und Roller, es sieht so lächerlich aus, dass ich mich sogar vor den ehemaligen Hausbesetzern dafür schäme (vielleicht gerade vor denen …). Man kann es zusammenklagen und im Bus mitnehmen, was mir irgendwie zu denken gibt, ich nehme mir vor, W nach dem Aufwachen vorzuschlagen, doch ein größeres Auto zu kaufen.

18
Days like this. Dabei ist eh noch alles okay, geschlafen bis halb neun, aber da ich mit Kindergartenbringen dran war, saß ich erst gegen halb elf am Schreibtisch, okay. Hab jetzt einfach einen Seitenausgang (aus dem Keller) genommen, in eine Höhle, an die frische Luft jedenfalls, egal wie hoch die Feuchtigkeit darin auch sein mag. (Ist eine Short story gworden/Die Berghaltung.) Fragmente eines halbtheoretischen, ganz stark alltagsbezogenen Textes für Zintzens Salon literaire entstehen, da mag auch mit Cavell- und Rinck-Lektüre zu tun haben (und mit dem Aufschlagen eines Priessnitz-Bandes, wie immer). Nur dann: für die Messe (morgen Aufbau) sollte ich ein Stehtischchen und einen Laptop auftreiben, was Stau und Checkerei bedeutete und der Laptop kommt angeblich zu Mittag und es sind eh alle zuverlässig, aber die Sache mit dem letzten Moment, die find ich mühsam und gar nicht so lässig oder cool.
Taschenbuch-Vorschau kam heute und parallel dazu die kroatische Ausgabe der Taghellen Gegend. Hurra! Den ganzen Abend mit Post verbracht (natürlich: E-Mail). Ich erwarte mir ja auch oft etwas Besonderes, trifft natürlich selten ein, trotzdem muss ich meistens gleich nach dem Nachhausekommen schauen, ob Post da ist. (Ein verspäteter Aprilscherz von meinem Serverteam ging cirka so: da es doch so mühsam sei, permanent auf der Lauer, immer bereit sein zu müssen bzw. für manche einfach auch störend, hätten sie sich entschlossen, E-Mails ab nun nur mehr zweimal täglich zuzustellen. Ich las das und konnte es nicht recht fassen, ging davon aus, irgendetwas daran einfach nicht verstanden zu haben. Andere regten sich total auf bis zur Panik ging das – na ja, war schon ein guter Scherz. Und ist ja auch wahr. Immer auf der Lauer liegen ist eh blöd. Die meisten wirklich guten Nachrichten kommen per Telefon.)
Alle Kreise, die M zurzeit malt, sind „für die kleine Selina“, er hängt so ein Bild dann auch zuhause auf, aber dennoch.
Bin wieder in die Morawische Nacht zurückgekehrt, bin da gut aufgehoben.

G schrieb mir heute, dass es ihn so „zerreiße“, er habe erst heute kapiert, dass Sabine Achleitner gestorben ist und Fredi Kolleritsch im Wachkoma liege. Das letzte Mal am Telefon hatte Alfred von dem Routine-Eingriff gesprochen, weswegen er auch nicht zum Schmidt-Dengler-Begräbnis kommen könne. (Wir blödelten eigentlich, weil er nicht auf den Friedhof könne, sondern ins Krankenhaus und dass das die richtige Reihenfolge sei usw.) Dann las ich seinen Namen im Literaturhausprogramm und beschloss einfach, dass es ihm wieder gut gehe. Das half aber nicht so viel. Ich wollte ihn längst anrufen, sollte ihn von Hans Eichhorn grüßen, jetzt erreicht der Gruß eher nur die Antwortmaschine, was hilft das jetzt. Kolleritsch ist so alt wie mein Vater, aber der hat nie etwas zu mir gesagt wie: es ist gut, was du tust, mach unbedingt weiter. Und mich mal angerufen, einfach so und nachgefragt: schreibst du eh? Gs Dilemma (Trauma) mit Kolleritsch kann ich zwar verstehen, es wird sich wohl nie auflösen. Es ist auch im Entferntesten nicht vergleichbar mit dem, was danach kam. Ich traf ja zum Beispiel im Sommer in Stockholm Brigitte, die mich als eine Nach-Nach-Nachfolgerin von G. im Forum unmöglich machte, die mir totale Unfähigkeit und so weiter vorwarf, das war ja nicht besonders nett. Aber nach relativ kurzer Zeit war mir schon klar, dass sie eher zufällig auf mich loshaute, ihre Attacken viel mehr mit ihrer unglücklichen Situation auf der Uni (Mobbing und Frauendiskriminierung, Katschnig-Fasch) zu tun hatten als mit mir. Wir trafen uns und konnten eigentlich ganz normal miteinander reden. Aber gut, ich war zwar fertig, als ich aus Graz abhaute, aber traumatisiert wohl nicht.

20
die Herkunft der Texte liegt öfter im Peripheren, man weiß ja nicht immer, warum man etwas schreibt, man weiß vor allem zuerst nicht, was man schreibt. Zum Beispiel Fragmentierung: Sennett beschreibt in einigen Büchern Mechanismen, die auch in meinen Erzählungen vorkommen (oder deren Ergebnisse, Folgen werden aufgezeigt, dargestellt, spielen eine Rolle) – aber ich schreibe ja nicht den Soziologen nach, sondern stelle so eine Übereinstimmung erst später fest, die Thematiken berühren sich; der Verlust einer durchgehenden Biografie, einer lesbaren Bio ist prägend – parallel dazu könnte man die Art und Weise, wie ich erzähle, sehen. Auch wenn es nur ein Teil, v.a. eben der nacherzählbare, ist.
Wie die Gedanken entstehen im Gehirn – und in welcher Umgebung dieses Gehirn zu existieren hat – das geht gegen Stumm- und Stumpfheit, wird ausgedehnt (das Bild des Räumlichen, der weiten Ebene, als die ein Text anfangen kann und dann erst, im Laufe der Erzählung schälen sich Wege heraus) auf Wahrnehmung, Erinnerung, Raum + Zeit (also auch Ortlosigkeit).
Fragmente bzw. eine konsequent stark strukturierte Form der Fragmentierung einerseits und Maßlosigkeit und Unbändigkeit/Ausufern andererseits. So viele reden vom großen Roman, aber der ist abgeschlossen nach allen Seiten, alles zu und eng in Wirklichkeit. Meine Figuren lassen sich gar nicht einsperren. Die tauchen plötzlich wieder auf in einem Text und man kann gar nicht sicher sein, ob oder wie sehr sie die gleichen sind, wirken plötzlich anders, oder verstellen sich.

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Zwei Lesungen in zwei Tagen, wie so oft zwei Welten.
Gestern eingebettet in ein geschmeidig-intelligentes Gespräch mit Alexandra Millner in der Schmiede, sie stellte Fragen zu Raum und Figuren, zum Textuniversum (die exakte „Antwort“ finde ich erst Stunden später – und vorher: die Figuren wandern in meinen Texten aus und ein wie es ihnen gefällt. Sie gehen umher jedenfalls, weil es mir um offene Texträume geht, weil die Offenheit komplett gewahrt werden soll, evt. könnte man an das Esterházy’sche Erzählsystem denken, gibt’s da eine entfernte Verwandtschaft. Weiterhin uninteressant bleiben: vorgeblich große Storys, Romane/Stoffe, die in Wahrheit abgeschlossen sind in diesem schlechten Sinn, hermetisch (das Wort stimmt nicht), so eng und scheuklapprig, quasi kleinster Raum total vollgeräumt – streben, wenn dann ein Äquivalent an, ich war mir während des Redens nicht mehr sicher, ob Tableau vivant, wie es mir vor einer Weile für einige Erzählungen passend erschien und erwähnte es nicht; die Lesesituation (obwohl bei mir als Vierter in der Reihe am wenigsten Leute waren, viele in die ungewohnt gemütliche Schmiede-Bar abgetrieben wurden) sehr konzentriert, gut. Das musste nachher auch noch nachgeholt werden, mit Andrea Grill und Klemens Renoldner bis drei in einer Bar in der Köllnerhofgasse, weil das Altwien um zwei schon zumachte, erschütternd (früher war alles besser). Renoldners sonore Stimme betörte (zu geschmeidig?), sein Buch gleich bei den Folio-Verlegern bestellt. Christine Pitzke ist zurzeit in Wien und kam extra wegen mir in die Schmiede, ging dann aber während der ersten Lesung (Palla) und während der zweiten (Flor) schaute sie noch einmal herein und war dann endgültig weg. Schien es irgendwie nicht auszuhalten. Bemerkenswert fand ich ja, das Verleger Krüger bei „seinem“ Autor Palla zuhört, um dann bei „seiner“ Autorin Flor abzuhauen. Beide sind bei Zsolnay. In der Literaturzentrale in der Grünangergasse gute Stimmung, schöne Atmosphäre (na ja, eigentlich total verstaubt, arbeiten würde ich dort nicht wollen, aber mit einer Bar drinnen sieht doch alles gleich anders aus), Valerie Besl kredenzt Schnaps, mein Programmleiter Hasibeder darf schlafen gehen. Ich muss jetzt meistens nach der Lesung in dieser Ich-mag-noch-nicht-nachhause-Stimmung an die große (großartige) Emine Özdamar denken, wie sie mir immer wieder Weißwein einschenkte und an ihre Worte. „Trink! Trink! Ich muss nach dem Lesen immer trinken!“ Wie froh mich das gemacht hat und deshalb – Andrea Grill erkannte das richtig – bin ich da ganz streng, wenn ich sage: lasst uns jetzt noch ins Altwien! Wir können doch nicht nach der Lesung nachhause gehen!
Heute in Wartholz (inmitten von all dem Deko-Wahnsinn, aber wenn man dann da ist, sagt man auch nicht zu den Schlossleuten oder ihrem Adlaten, dass man diesen Kitsch ja keinesfalls aushält, sondern ist freundlich, weil sie sind es ja auch, und sagt nur: das Haus sieht man ja schon vom Ort aus! Und sie sagen dann: ja, ist doch gut, oder?). Aber die Wortlosigkeit nach meiner Lesung hat mich einigermaßen befremdet ins Auto steigen lassen. (Reinhard Winkler würde wahrscheinlich „wunderlich“ sagen.) Wenn gar keine Reaktion kommt, fühle ich mich auch wunderlich und leer. Selten ist aber dieses Gefühl, die Zuhörer während der Lesung gar nicht zu spüren, als würde ich gegen einen Wand anlesen. (Vielleicht wars aber einfach nur der Restalkohol oder mein Vorurteil Frauen mit ondulierten Haaren gegenüber. Hm.)
Wem die neue Wiener Messe etwas bringt, ist noch nicht klar. Wahrscheinlich den Schlenderern, weil es mehr Platz gibt als im Rathaus und weil auch Verleger da sind, nicht nur Bücher (überhaupt die alle auf einem Haufen, das hat mir schon gefallen, hab auch beim Rausgehen gestern Mittag zwei Stunden gebraucht, weil einem ständig jemand übern Weg gelaufen ist). Hab die Lesungen auf der Messe direkt in der Halle einmal mehr als das Deprimierendste im Autorinnendasein empfunden und beschlossen nie mehr auf einer Messe zu lesen (okay, im Dezember in Pula). Wie ich überhaupt mich als Autorin – außer vielleicht beim vereinbarten Termin am Haymon-Stand – gleich wieder völlig überflüssig, jedenfalls komplett fehl am Platz fühlte. Dagegen kein Problem, für readme.cc ein bisschen „Standdienst“ zu machen.
M sagte gestern, als ich zur Lesung aufbrach: „Ich will nicht immer zuhause bleiben.“ Heute, als Linda zum Babysitten kam, war das dann kein Thema, mit ihr wollte er doch lieber Lego spielen. In der Kindergartengarderobe meinte er am Nachmittag: Vinzenz ist meine Freundin. – Ich: Dein Freund oder deine Freundin? – Meine Freundin! (Aber zu W: Du bist nicht meine Freundin, du bist mein Papa.) Dran denken, den Satz auf dem Nachhauseweg (M. saß auf meinen Schultern und hatte die Hände auf meinem Kopf: „Ich halte dich fest, damit du nicht umfällst.“) im großen Buch festzuhalten.

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Kurzbesuch von SE auf, sie konferierte in Wien zur Barrierefreiheit im Netz (mittlerweile eine Koryphäe auf dem Gebiet). SE hat sich kaum verändert, alte Wunden sind geblieben und immer existente Freund-/Feindschaften auch. Ihre Fröhlichkeit, ihr ausuferndes schallendes Lachen und diese Grundtraurigkeit, gepaart mit exzessiver Theoriegläubigkeit, alles sofort da. Dass sie aber in den drei oder vier Stunden gar nicht fragte, wie es mir so geht mit diesem und jenem, hat mich denn doch irritiert. Aber auch das war immer so.
Flöss/Dürre Jahre in einem Zug gelesen. Gut und großteils schwer zu ertragen die Anorexia-nervosa-Thematik, aber funktioniert durch die Klar- und Knappheit in der Sprache gut. Hat natürlich nichts von dem Schwelgen über die blassen Fräuleins (oder Gören oder Vamps), für die Männer vor allem schwärmen. Die Melancholie (die ja auch etwas – historisch – mit der Hysterie zu tun hat) ist dabei ja ein großes Thema, aber Magersucht ist halt kein so schönes literarisches (romantisches) Thema allein.

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den ganzen Tag mit M auf dem Sofa verbracht, nachdem er gestern, als im Alten Fassl die Hauptspeise serviert wurde (vorher!), das ganze Essen wieder hergab, das er noch gar nicht zu sich genommen hatte (aber er schaffte es noch aufs Klo), heute früh leichtes Fieber, der Magen erholt sich nur langsam. Waren mit R und A zum Abendessen (W und M fuhren im Taxi nachhause), das war sehr (wie sagt man) flüssig. Mit den beiden ist es meistens lustig und spannend gleichzeitig, nach Ms Abgang überlegten sie immer wieder, ob es an ihnen liegen könnte, er sich bei A angesteckt habe (aber sie hat einfach nur Schnupfen), an dem Saft, den er als Aperitif in der Wohnung von ihnen bekam usw. Wenn wir zusammenkommen, immer das Gefühl, es gibt Unmengen zu besprechen, ich mag die anwesende Offenheit – wir kennen uns schließlich nicht so gut, es gibt aber keinen Grund, etwas (sich) darzustellen, manchmal darüber unsicher, ob Naivität in Sachen Karriere oder besser „späte Karriere“ Reinhards vorherrscht, ich weiß es nicht. Viel über die Psychoanalyse und über Herkunft gesprochen (Salzburger Bauernfamilie, A bekam mit 18 ihre Tochter; der instrumentalisierte Akademikersohn, der die Stelle des Vaters an der Seite der Mutter einnehmen sollte und die seit Rs Psychoanalyse-Beginn höllische Angst hat); der Gedanke, über A. einen Film zu machen bzw. meine Idee von ihr als eine meiner Lieblingsheldinnen bleibt. Sie ist so bezaubernd, aber auch so real und alltäglich, pragmatisch, hat ihren Laden/ihr Handwerk, verschlingt die Bücher, lebt voller Genuss und liebt die Kultur vollends, lebt ein sehr daseinsbezogenes, intensives bildungsbürgerliches Leben (aber eigentlich noch viel mehr. Auch ihr Kulturkonsum ist wohltuend im Sinne von: auf jeden Theaterbesuch bereitet sie sich intensiv vor – liest Žižek, bevor sie sich Pollesch anschaut etc.) und spricht dann wieder ernsthaft von sich als einfachem Menschen.
Wir haben den halben Tag geschlafen, hab nur die Zeitung gelesen und ein Mail von Susanne aus Zürich mit dem Aufsatzentwurf zur Stimme/Cavell. Schon im Frühling zieht sie nach Berlin und nachdem sich ihr Mann aus Verzweiflung oder Perspektivlosigkeit vor ein paar Wochen abgesetzt hat, sind sie jetzt wieder neu verliebt. Eh schön. (Aber die Wochen als Alleinerzieherin eines Kindes, das mit dreieinhalb nicht sprechen mag oder eben ganz spät anfängt und das deshalb für die meisten Kindergartenpädagoginnen eine Überforderung ist und keine Fremdbetreuung genießt – vielleicht ist auch Susanne diejenige, die sich da nicht wirklich lösen kann, mag wohl hinzukommen –, diese Wochen kann ich mir ganz und gar nicht vorstellen. Sie hat einige Stunden an der Uni, als ich sie besuchte, war ihr Vater da um auszuhelfen, auch eine schwierige Situation. Sie sagte: ich muss jetzt eigentlich in den nächsten paar Tagen eine vollständige Betreuung organisieren, ich weiß gar nicht, wie ich das machen werde. Ihr Mann rechnet es sich wahrscheinlich schon sehr hoch an, dass er mit ihr mitgegangen ist, dass er seine Anstellung bei den Ungarndeutschen in Budapest aufgegeben hat ohne eine neue zu haben. Aber er wollte das ja und – umgekehrt ist es eher unwahrscheinlich, nämlich dass eine Frau (Susanne) nach einer Weile sagen würde: ich finde hier einfach nichts, ich werde noch wahnsinnig, den ganzen Tag in der Wohnung, ich geh jetzt nach Berlin, lass dich und das Kind allein, schau du nur, wie du zurecht kommst.
Am frühen Abend kamen Conny und Elisabeth, später noch Peter. Krankenbesuche, die teils stoisch, teils mit glühenden Backen ertragen werden, abends dann sogar ein bisschen Suppe, geht wohl bergan.

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der zweite Tag auf dem Sofa macht mich dann schon etwas mürbe; sicher auch erleichtert, weil M schon wieder halbwegs gut zusammen; hatte nur am Vormittag zwei Stunden und nach Krimskrams blieb wenig Zeit, Katschnig-Fasch/Das ganz alltägliche Elend, weiterzulesen. Meine Protagonistin ist ja auch so eine, die verschwindet von der organisierten Oberfläche der Arbeitswelt und Gesellschaft (im ersten Teil), ihren Raum, ihren Platz verliert. Sie zieht sich vollends zurück – aber dann gibt’s ja noch die David-Lynch’sche Wende hin zu der Frau zu ebener Erd.
In der FAZ erscheint der „neue Bernhard“ als Vorabdruck; so ein Sachbuch-Sonderling (einer von der Sorte: fragt dich, was du machst, dann fragt er dich nach deinem Namen und dann nervt er dich damit, dass er dich nicht kennt und du willst auch nur sagen, dass es so ja eh viel besser ist und hast aber noch einen Rest Grundfreundlichkeit und also hört er nicht auf, dich zu nerven und du wirst sie schwer los) nötigte mir letzte Woche in der Literaturzentrale (Potyka heute im Kulturjournal zur Messe befragt: „sind überwältigt vom Erfolg“ – es wird wohl weitergehen, die großen deutschen Verlage, auf die sie alle so scharf sind, werden kommen/richtig mit eigenem Stand oder ganz wegbleiben – ein Gemeinschaftsstand sei verpönt) zwei FAZ-Schnipsel auf. Heute las ich den wie erwartet witzigen Auftakt (Bernhard geht wenige Stunden vor der Preisverleihung noch einen Anzug kaufen und trifft dann seinen Lebensmenschen, der den Anzug, vor allem die Qualität der Wolle, für gut befindet, und dann mit dem Sir-Anthony-Sackerl mit den alten Sachen in die Preisverleihung), aber bei der zweiten (also vierten) Folge war ich mir plötzlich nicht sicher, ob nicht irgendein Oberbernhard, so ein übereifriger Lektor o.ä. ein paar Notizen aus dem Nachlass genommen und einfach ausformuliert hat auf besonders Bernhard’sche Art, weil Suhrkamp jetzt wieder einmal eine „Sensation“ braucht, als Antwort auf den Celan-Bachmann-Briefwechsel bei Piper vielleicht, wer weiß.

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gestern mit K in Football under Cover (Titel na ja), unterhaltsam und berührend der Film über eine Berliner Frauenfußballmannschaft (! Fußballfrauschaft? Frauenmannschaft geht eigentlich überhaupt gar nicht, aber bitte) aus Kreuzberg, die sich (oder eine der Spielerinnen oder ein befreundeter iranischer Filmemacher) das Ziel setzt, gegen die iranische Frauennationalelf zu spielen – weil die noch nie gegen jemand gespielt hat. Also noch gar nie nämlich, was natürlich schon sehr traurig ist, eine Mannschaft, die nie spielt, sondern immer nur trainiert. Auf wie vielen Ebenen da Themen angesprochen werden, obwohl es fast ständig „nur“ um das Kopftuch geht, quasi ohne dokumentarischen Fingerzeig, gefiel mir. Da taucht die Mutter einer Spielerin auf, eine riesige dicke Matrone, die erzählt vom Training, dass mit Chomeinis Islamischer Republik natürlich eingestellt wurde, und sie kickt auch ein bisschen mit der Tochter, die jetzt eben im Nationalteam trainiert. Da gibt’s Probleme für eine der iranischen Spielerinnen, die unter fadenscheinigen Gründen letzten Endes nicht mitspielen darf (sie sei zu dünn und schwach!), was möglicherweise mit den Interviews zu tun hat, die sie für den Film im Vorfeld gab. Beim Spiel in einem ziemlich heruntergekommenen Teheraner Stadion, für das nur Zuschauerinnen zugelassen sind – auch der Berliner „Präsident“ türkischer Herkunft, der mit seinen Fußballerinnen mitgereist ist, darf nicht hinein –, sind Sittenwächterinnen anwesend und die Frauen beschweren sich ordentlich, dass man ihnen alles verbietet, was männlichen Anhängern selbstverständlich ist. Bisschen wehmütig an das Training in dem Park in Prenzlauer Berg gedacht mit Konstanze und Dagmara und Simone und den andern. Damals wollte mich der Trainer für das Team anwerben, aber leider … Hier in Wien hab ich nur so Gruppen mit recht eigenwilligen Namen gefunden (Ballerinas zum Beispiel), alle haben eine bestimmte ideologische, politische Ausrichtung. Ich hätte aber gerne nur einfach eine Frauenmannschaft (sic!), die Fußball spielt. Wer weiß, ob das noch jemals etwas wird..
Wie viele Freunde in den letzten Wochen Geld verloren haben, wird mir erst nach und nach klar (weil sie es auch erst nach und nach erzählen). Unterschiedlich geerntet als Erbe oder heftige Arbeit-Spar-Kombinationen, verursacht das Finanzloch zwar schlaflose Nächte oder Aufschrecken zumindest, aber totale Verzweiflung hab ich nicht beobachtet. Bin jetzt in dem alltäglichen Elend angekommen, interessante Geschichten, die gleich zu neuem führen. Oft ist es nur ein Satz oder Bild, wie die Verkäuferinnen nach Kassenschluss in einer H&M-Filiale (wahrscheinlich) alle Klamotten durch die Luft fliegen lassen (schmeißen), schweben; oder: „Der Chef hat angerufen. Super Umsatz. Kauft euch ein Eis.“ Das muss man sich einmal vorstellen.
Bayer hat die Frauen in Vasen kritisiert, einiges gefällt ihm, aber Klammern sind ihm zu ambitioniert, so was in der Art. Bin recht fröhlich darüber – in Wahrheit kommt ja so gut wie keine Kritik direkt, macht fast keiner (und auch ich habe ihm nur zu dem einen Text geschrieben, der mir gefällt, Auseinandersetzung findet schon statt, aber man möchte doch immer mehr. Es muss auch nicht jede Befindlichkeit mitgeteilt werden und viele Menschen gibt’s auch nicht, auf deren Meinung man sehr großen Wert legt, ich würde mich über mehr differenzierte Kritik schon freuen, finde das gut. Vielleicht reiß ich mich auch selber mehr zusammen, Höflichkeit ist da echt mühsam).

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jetzt geht dieser halböffentliche Tagebuchmonat seinem (öffentlichen) Ende entgegen. Und für mich war/ist ja – Blogzeit hin und her – es gerade wichtig, das Tagebuch eben nicht am Computer zu verfassen, sondern handschriftlich. Oft abends geschrieben, im Bett, da muss ich an meine Tagebuchanfänge denken, die jetzt auch schon weit zurückliegen, sagen wir ein Vierteljahrhundert (tatsächlich das erste von Muttern geschenkt bekommen. Ganz stilgerecht mit Schloss, auch wenn ich den kleinen Schlüssel nie um den Hals getragen hab); später habe ich Einträge unter dem Verdacht verfasst, dass mitgelesen würde, derartige Erschütterungen sind ja nicht gerade positiv für Mutter-Kind-Verhältnis. Zwischendurch war ich selber erbost über mich u. derartige Unterstellungen, heute weiß ich, dass sie wohl gestimmt haben. Weil ich vorhin beim Wäscheaufhängen Cohens Suzanne hörte, kam ich wohl darauf. Es gab (Cohens Song, so Frau Schmidtkunz, ist auch schon 40 Jahre alt) diese pathetische Phase (zog sich ein paar Jahre dahin), da ging’s ja meistens um Leben und Tod und jeder Eintrag hätte der letzte sein können, schwer war das Leben hmhm.
Im Oktober 1989 erstand ich in irgendeiner tschechischen Kleinstadt nahe der Burg Karlstein ein dickes Heft mit ganz dünnem Papier und schrieb auch über die Stimmung, wir hatten mit dem Schulchor im Museum am Wenzelsplatz ein Konzert gegeben und waren in Gastfamilien untergebracht. Birgit u. ich in einer Plattenbausiedlung, bei unserer Ankunft weit nah Mitternacht sollten wir Schnitzel essen, in rauhen Mengen. Über die vielen amerikanischen Flaggen war ich irritiert, mit denen die enge Wohnung über und über beflaggt war – jede einzelne wurde ja mit einem gewissen Stolz präsentiert; und ganz in der Nähe, hieß es, sei die Villa von Karel Gott.
Ein Jahr später schon war das dicke Heft voll geschrieben, war ein heftiges Jahr, die Maturaklasse mit Heidrun-Entführung und meiner ersten ernsthaften Liebesgeschichte, die ja versehentlich begann, aber mit Sartre’schem Engagement zu Ende ausgetragen wurde, und ich bastelte mir ein neues großes Tagebuch, das etwas länger vorhielt, aber die Tragik nahm in der Zeit nicht ab. Cirka 94/95 hörte ich dann mit dieser sehr wortwörtlichen Form des Tagebuchschreibens auf.

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heute wollte ich mir die Herklotzgassen-Ausstellung zu Ende anschauen, nachdem ich gestern zwei Stunden da war, evt. Horst treffen, nachmittags in ein Symposium Feminismus und Medien (aus Anlass 25 Jahre an.schläge) gehen. Horst traf ich gleich auf dem Weg vom Kindergarten, okay, wir saßen länger als vorgehabt im Sperl, wenig über Projekte, mehr über dies und das und über Trennungen und Privatfehden gesprochen, jedenfalls rief mittags der Kindergarten an, M habe Durchfall und Husten. Zuhause war von Krankheit im engeren Sinn dann keine Spur, ein weiterer Nachmittag im Umkreis der Couch (habe Conny, die M abholen wollte, damit ich ins Symposion kann, abgesagt; W in Linz bei Stifter), es wurde viel geschnitten, gestempelt, Lieder gehört, ein paar Seiten Katschnig-Fasch gelesen, immerhin. Nicht ungemütlich zwar, aber so gemütlich müsste es echt nicht sein im Moment. Conny kam zum Tee und blieb zum Abendessen.
In den letzten Wochen treffe ich in der Stadt (vor allem im 4. Bezirk, Naschmarkt) den erfolgreichen Autor K – aber er kennt mich ja gar nicht, das heißt also, ich sehe ihn öfters. Im Sommer habe ich mir sein Opus magnum als Hörbuch reingezogen (warum eigentlich? Wollte einmal was von ihm lesen, aber das ging dann doch nicht und dann hab ich angefangen, es zu hören und in der Zeit war ich ja auch regelmäßig im Fitnessstudio und das alles hat dafür gesorgt, dass Eisenhuber mich für halbwegs unzurechnungsfähig erklärt hat – jedes für sich, und beides zusammen ist denn doch zu viel für eine edle Seele wie ihn. Aber er weiß, denkt gar nicht, dass ich keine solche bin, sondern ein wildes Gewächs, das in alle Richtungen ausufern, austreiben kann), jedenfalls wurde ich von mehreren Seiten gescholten – und sie haben ja Recht! Das ist schlechter Stil und würde man derweil auch schreiben, so ist die Gefahr ziemlich groß, dass das abfärbt, dass sich da was drüberschmiert über die eigenen edlen Sätze, sicher. Dann hab ich aber auch noch ein Taschenbuch von K., das ich vom Verlag bekam, gelesen und das ist wirklich schlecht und jedesmal, wenn ich ihm jetzt über den Weg laufe: das Gefühl, ihn ja einigermaßen zu kennen, gut sogar, will beinahe schon grüßen und dann ist mir immer so, als sei dies Aufeinandertreffen eine Bestrafung für mich (mich braucht niemand schelten, das besorg ich schon am besten selber).
Nach fünf am Markt – eine Lieblingszeit; über der Brücke bei der U-Bahn Margaretengürtel der Himmel knallrot und knallorange, das passiert mir an der Stelle relativ häufig, ein Aufeinandertreffen von knalligen Himmelsfarben, wenn die Sonne verschwunden ist (Dunkelheit, komm!) und diese Stelle, Brache, Wienfluss, der Burgerking usw. ist ein guter Ort, aus beiden Richtungen kommend, bunt die Mischung von Menschen, immer viel Verkehr und dann auch gleich der Park. Ich mag es hier.

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Toussaint, Der Fotoapparat gelesen. Begeistert wie schon beim Badezimmer. Das Gute: die Kombination aus schlichtem Plot und absurdem Verlauf der Geschichte, wobei: sie verläuft eigentlich gar nicht. Einer betritt eine Fahrschule, will sich zum Führerscheinunterricht anmelden. Gleich hat er alles beisammen, außer Passfotos. Schon am nächsten Tag quartiert er sich quasi ein in der Fahrschule ein, eine symbiotische Beziehung zwischen ihm und der jungen Frau entsteht (später werden sie ein Paar), die Kommentare (mitunter) in Klammer, aber immer beiläufig, sind nie fehl am Platz und erstaunlicherweise gar nicht so frontal wie sie aufgrund von Anrede (manchmal) und Aussage (meistens) sein könnten. Erst als er – auf einer Fährenüberfahrt von England nach Frankreich – einen Fotoapparat findet und mitnimmt, ist er in der Lage, die Passfotos zu machen. Es geht dabei recht exemplarisch um Wirklichkeit bzw. um die Abbildung (die ja auch eine Vergewisserung von Wirklichkeit ist) derselben. Der Ich-Erzähler sucht regelmäßig und auch rücksichtslos (Rückzugs-)Orte auf, um zu denken. Man weiß sowieso nicht, welcher Profession er nachgeht, aber er streunt plötzlich beruflich durch Venedig und plagt sich mit einem Schuh, der ihn drückt. Er setzt sich auf einer Tankstelle z.B. zum Nachdenken aufs Klo, obwohl er und die Fahrschulangestellte (die immer friert) eigentlich eine Gaskartusche kaufen wollten; auch in der Kabine, in der man selber via Automat Fotos von sich machen lässt, lässt er erst einmal den Gedanken freien Lauf. Surreale Momente hier wie da (weniger vielleicht als im Badezimmer) und eine unerwartete „Pointe“, möchte man fast sagen. Zum Schluss zieht er sich nämlich in einen Telefonzelle zurück, Pascale, die Fahrschulangestellte, ruft nicht zurück. Er ist irgendwo in der Provinz, nachts, sie meldet sich wohl deshalb nicht, weil sie wahrscheinlich gleich wieder eingeschlafen ist (was sie fast immer tut – bei ihr wechseln lebendige Betriebsamkeit und unmittelbares, totales Schlafbedürfnis ab) und er übernachtet da. Und stellt am nächsten Morgen erleichtert fest, dass er am Leben ist. Da wird dann also diese Versuchsanordnung Wirklichkeit/Realität zu einer über das Leben. Fast zu sinnvoll, dieser Schluss.
Und dann: Toussaint, Sich lieben. Von einigen Kritikern als sein bestes Buch bewertet (das mag ich, konzertiert an zwei Tagen zwei Romane eines Autors) – es ist jedenfalls das mit der stringentesten Story, auch mit der am einfachsten nachvollziehbaren. Ein Paar trennt sich, sie tun das in Tokio, wo die Frau eine Ausstellung und Modeschau vorbereitet, der Ich-Erzähler kommentiert das so: als sich mich fragte mitzukommen, dachte ich, sie will wirklich unsere letzten Liebesreserven verheizen. Das offensichtlich melancholischste Buch Toussaints, denn hier ist ja der Grund das Ende einer Liebe. Und ja: wunderbar gemacht, diese letzte Explosion, Jetlag, ein leichtes Beben und ein schwereres Nachbeben und dann fängt es auch noch zu schneien an. Die beiden Liebenden/Trennenden irren frühmorgens wie Narren durch die Umgebung ihres Hotels (Stadtautobahn, bald Animierlokale und Nachtbars, japanische Hausmannskost etc.), sind nur mit Hotelschlappen und Hose und T-Shirt gewandet (er), bzw. in eine nachtblaue Robe mit Dekolleté und ausladend usw. aus ihrer Luxuskollektion (sie). Musste doch das eine oder andere Mal an moderne, zeitgenössische Unterhaltungsfilme (S. Coppola) denken, Japan als die denkbar beste Kulisse, so ein passendes Ambiente für den postmodernen Menschen. Etwas Grell-Bizarres im Zusammenspiel zu dem Fremden, das vorausgesetzt wird, wenn etwas in Japan situiert ist. Aber weil eben der Grund der Geschichte so offen da liegt, ist es eben auch vorhersehbar, nachvollziehbarer, banaler, finde ich. Da gefällt mir eben der nicht wirklich explizite Vorsatz, ab nun in der Badewanne sein Leben zu verbringen (auch wenn der gar nicht durchgehalten wird), noch besser. Dennoch mochte ich die Stimmung, sehr vergnüglich, sehr melancholisch.
Abends dann bei Thomas und Sabine (wo es in einem Quasi-Vegetarier-Haushalt einen großartigen Schweinsbraten gab), plötzlich ein Schreck, als hätten wir auf den Adventkalender vergessen, der wird morgen geliefert, das geht sich noch aus für den 1. Dezember und jetzt ist der Tagebuchnovember schon zu Ende, ich denke, ich suche mir ein neues Begleitprojekt (oder schreibe einfach weiter), denn es hat Lust gemacht (und sehr regelmäßig bin ich von dem roten Tagebuchheft ins andere, ins blaue hinübergeschwenkt und hab die Notizen für den Keller weitergeführt und den Computer eingeschaltet und paar Sätze verfasst, die wo hinführen, mich vor allem, scheint’s, in die Geschichte hinein, in den Text, der jetzt zu schreiben ist).

Montag, 17. November 2008

Dass es rockt.

Dieser Tag begann für mich vor fünfzehn Stunden in S., als mir jemand am Telefon sagte : steig in ein Taxi. Und fahr zum Flughafen.
(Cécile sieht ein bisschen aus wie P.J. Harvey.) In ihrem schmalen hellblauen Kleid wirkt sie schick, ein wenig scheu und etwas unsicher mit dem Pokal in der Hand : wer wäre es nicht in ihrer Situation?
Du kannst : heranzoomen und wieder weg/flanieren, mittendrin, solche Sachen. (Manchmal ist nur ein Ich anwesend und alles wird unscharf; was ist dieses Ich, in einem Text, einer Ebene oder irgendwo im Weiten, der engen Kammer etc.) In ihm ein- und ausgehen, das magst du.

Da war es sehr angenehm, auf dem Weg hierher schon die Bilder herzustellen, wie das sein wird. Also ich habe die komplette Story schon gedreht : auf dem roten Teppich, die Fotografen, all die Sachen. Wie sich das anfühlen wird.
(Manchmal ist Cécile ein bisschen Mondrian, umgeben von klaren Formen, selber Form und Klarheit und dann sagt sie blumige Sachen, kommen bunte Farben aus ihrem Mund.)
Manchmal willst du : Bilder aufnehmen, um zu überprüfen, was die Oberfläche kann. (Verdecken oder abdecken und gleichzeitig für Projektionen herhalten. Ist sie fragil, hat sie ein Ende?) Du könntest dich aufraffen, hinaus auf die Straße, die schon wieder trocken ist, nur auf dem Spielplatz steht das Wasser noch in kleinen Seen, darin schwimmt Papier, wahrscheinlich Gratiszeitungen. Du kennst die Menschen, die um diese Zeit aus dem Supermarkt kommen, ihre Hunde ausführen, vor dem Haus herumstehen. Die stehen da und schauen ungefähr an dir vorbei. Denn das ist der Unterschied zwischen dir und Cécile. Würde sie hier wohnen, dann würde sie nicht nur den kalten Rauch aus der Wohnung der fahlen dürren Frau aus dem dritten Stock kennen, wenn die mit ihrem rotblonden Hund ins Stiegenhaus tritt. Sie würde wissen, warum die Frau nicht mehr im Videoverleih arbeitet und sie hätte auch eine Theorie, warum sich solche Läden in Gegenden wie dieser nicht halten.

Was ich zeigen will, ist diese komplizierte spezifische Wahrheit, so dass du weißt : es ist echt. Leben, wie es sich für mich anfühlt.
(Dann wieder sieht sie aus wie deine erste Lehrerin, wenn die sich mit den Hippies solidarisiert und Schuhe mit hohen Absätzen getragen hätte. Bei Cécile ist alles gleich auf ihrer MySpace-Seite archiviert und hängt ein paar Monate später in einer Einzelausstellung in Detroit oder Istanbul.)
Du könntest Wahrnehmungs- und Realitätsschichten durchqueren oder freilegen. Erzählen und Erzähltes überblenden vielleicht. Überhaupt alles, was da ist und da sein könnte. (Trotzdem fühlt sich es so an wie Stillstand). Weil es kein Nacheinander gibt, nur die Ebenen des Möglichen und deren Auswirkungen auf die Sprache (ach, wäre sie : weder verbraucht noch vorgefunden, poetisch und präzise).
Du solltest zu einem öffentlichen Raum der Wahrnehmung und Artikulation werden.

Alles, was ich machen wollte, ist ein Archiv unwichtiger Dinge.
(Du wärst so gerne wie sie. Sie ist die einzig Befugte im Umgang mit Pathos. Die Menschen lieben sie, filmen sie und veröffentlichen die verwackelten Videos dann in ihren Blogs oder auf YouTube. Sie hängen an ihren Lippen, und Frauenzeitschriften, Feuilleton und Jugendsender sagen über sie : alles an ihr ist zart und frei und cool und auch noch anarchisch. Sie sagt bei der Präsentation ihres ersten Buches über ihr Liebesleben : it rocks.)
Dich aussetzen oder die anderen aufreißen. Ich sag es ungern : du musst dich jetzt bald einmal entscheiden. Du kannst dich auch hinstellen/darstellen/einstellen auf alles, was drumherum ist, ach, nein : mach das nicht.

Sie wissen wahrscheinlich alle, worüber ich spreche.
Du könntest dich mit den Schlafwandlern beschäftigen, die ein bisschen verwundert sind über das, was ihnen passiert. Die sind voller Angst, völlig passiv, wenn man sie zuerst sieht, aber in Wahrheit entwickeln sie sich/auf ihre Art und unternehmen waghalsige Dinge, ohne zu wissen, dass sie dazu imstande sind. Verwegene Charaktere. Sie kommen vom Rand her, du kennst sie/Ränder. (Cécile steht neben einem Filmemacher und Dichter, er trägt eine Sonnenbrille. Sie ist eine darstellende Künstlerin, sie ist eine Intellektuelle, eine Autorin. Cécile ist schön. Sie ist quasi perfekt.)
Du weißt nichts über Pathos, bewirkst nichts, dein Archiv ist lückenhaft und deine Sexszenen sind dürftig. Und überhaupt : fühlst du dich wie das Leben an?
Darüber solltest du einmal nachdenken.
Über das richtige oder falsche, aber eigentlich über das bloße Leben (und was darüber hinausgeht). Verfremdungen, Parallelwahrnehmungen, Assoziationen, über das Schweigen und den Ton der Welt/diese Sachen.
Du beginnst immer wieder von vorne. Und heute hast du beschlossen, dass die anderen wahrscheinlich wissen, was du meinst. Da bist du wie Cécile.

Mittwoch, 15. Oktober 2008

nichts davon

ein Kopfwäsche.

[ Amelie ] Haben Sie schon einmal gesehen, wie durch ein Haus hindurch die Lichter einer Verkehrsampel blinken und leuchten?
Rot und Gelb und Grün wechseln in kürzester Zeit ab. Das geht ganz schnell immer : Rot. Gelb. Dann ist schon wieder Grün.
Manchmal übersiehst du’s, dann hast du grade noch die Idee von grünem Blinken, da ist’s schon wieder Rot. Das geht immer so weiter, auf einmal gehen zwei auf das Haus zu (oder auf das Leuchten) und einer greift nach der Hand des anderen.

Einer : ein junger Mann gibt dem Mädchen einen Strauß. Er ist blondgelockt und ist ein junger Mann mit einer Zukunft.
Mit einer schönen Zukunft; sagen wir einmal : er wird sein Architekturstudium abschließen, in einem Architektenbüro Häuser planen, in denen die Menschen leben mögen.
Heute trägt er eine feinfaserige dunkelblaue Jacke (steht ihm ausgezeichnet!).

[ Marija ] Wenn es zu warm ist oder zu kalt : dagegen ist leicht was einzuwenden.
Aber Hände in Gummi! Niemand hat jemals zu mir gesagt : zieh die Handschuhe aus, das ist mir unangenehm. Weil alle an die Lösungsmittel denken und niemand davon ausgeht, er hat ein Recht auf Haut auf Haut. Recht auf Haut?

[ Amelie ] Haben Sie auch so eine kleine Schwester, auf die Sie schon ein halbes Leben warten, ach was! Stimmt nicht : länger?
Wenn sie dann da ist, muss sie meistens gleich wieder weg.
Oder sie holt nachher ihren Lover ab oder muss den noch irgendwo hinbringen.
Oder sie bringt große Frauen mit, die sie erst mal lange küsst, ohne sie vorzustellen; manchmal entscheidet sich so eine, dass es jemanden gibt, der sie viel mehr braucht. Und das ist immer jemand anderer.

Ich habe gesungen, das hab ich immer gern gemacht. Natürlich mit den Großen.
Aber darüber redet man doch nicht, wenn man selber vorne steht.
Die Zeit ist heute eine andere. Irgendwer filmt heimlich, ist immer alles gleich auf YouTube zu sehen oder auf MySpace oder wie die Foren alle heißen.
Für mich ist das nichts.
Amelie versucht sich in Folk … Amelie gibt ein Privatkonzert … Ist das ihr Neuer? … Amelie übt jetzt schon öffentlich … Nein. Ist alles vorbei jetzt.


Der Blumenstrauß ist sich fremd in dieser waldigen Gegend.
Das Mädchen trägt auch blonde Haare, aber die will es gar nicht.
Hose Hemd sogar die Schuhe sind dem Mädchen viel zu groß.
Die Blumen will das Mädchen auch nicht haben, auf dem Weg nachhause wird es ihn den Hasen und Rehen als Futter anbieten und das ist : lächerlich.
Dabei : zirpende Grillen oder Frösche, die sich die Seele aus dem Leib schreien.
Nur weil es Bäume gibt oder Büsche, nur weil da ein Wasser ist.
Sumpf Moor schwarzes Nass.
Natur kannst du dir überall hin holen, musst nur aufpassen.
Musst doch nur hinhören oder hinschauen oder deinen Kopf hinhalten oder deinen Kopf unter Wasser tauchen.
Dann sich von der Musik wegbewegen oder auf sie zu.
Dann wissen Sie alles, was Sie wissen müssen.

Oder eine Mutter, die eigentlich immer Privatradio gemacht hat. Und hat das gehasst. Wollte das alles nicht.
Dann hören Sie : Mama ist eine Künstlerin. Macht Möbel Mode probiert immer wieder neue Sachen aus. Eine Entdeckerin.
Dass sie zum Beispiel reist, diese Mama, und wirklich unterwegs ist und Urlaub macht. (Tauchen surfen oder endlos in Secondhandläden chillen.)
Und dass das eine Mutter ist, die Spanisch spricht. Wow!

So mit vier hat sie ein Poster von mir in der Wohnung aufgehängt : ich trage ein Dirndl, was glaub ich eine Extraanfertigung für mich war; egal.
Meine Mum hängt dieses Poster auf. Ich konnte damals wohl schon meinen Namen schreiben, hab Autogrammkarten signiert : Love Aimée!
Meine Mum weinte ohne Ende.
Bald ist sie ausgezogen. Sie wollte das alles nicht.


Der junge Mann will ein Mädchen, das sich über die Blumen freuen kann.
Er will ja jetzt mit dem Strauß da seine Heftigkeit wieder gutmachen. Da ist Leichtigkeit drin und Ernstes auch; Blumen sind schließlich bunt.
Leid tut es ihm.
Er will eine liebe Freundin, die im richtigen Moment Schreikämpfe oder Wut wenigstens, das ja, und zur rechten Zeit so etwas wie Abstand zeigt oder empfindet.
Oder meinte er Anstand? Denn : einen Anstand soll das Mädchen auch haben, natürlich, der gehört zur Zukunft, die er sich denkt für sie zwei.

Dann kommt so ein Pepe ins Spiel.
In Interviews wird ja gerne immer gesagt, dass Pepe alles für sie getan hat. Dass er immer auf die Ausbildung geachtet hat. Auf Alternativen Standbeine was Fixes.
Und dann hat er das viele Geld, ja : ist es viel?
Darüber reden sie nicht so gern, weil wie schaut denn das aus. Oder : es kommt doch nicht auf Summen an!
Aber so ein Pepe ist ein Waschlappenvater, der sich drangehängt hat, weil ihm selber schon früh die Ideen ausgegangen sind.
Macht nichts, könnte ein Lehrer gewesen sein in seinem früheren Leben oder Studienabbrecher, einer, der immer mehr wollte als er sich hat vorstellen können und das heißt dann Ideale große Idee oder Glück.
Pepe, da wissen Sie gleich : wird als Licht wahrgenommen. Sonnenschein!
Oder sie sagen, dass sie gar nicht über ihn reden wollen.
So ein Pepe nimmt schon einmal selber das Mikro in die Hand oder eines stellt sich ihm in den Weg. Ist zurückhaltend von Natur aus. Einer, der gar nicht ins Rampenlicht will undsoweiter.
Sich eben kümmert. Um die Vermarktung, aber in Wahrheit natürlich : Seelenheil Entziehungskur Zweitvilla.

Manchmal hab ich das Gefühl, die Ampeln werden gar nicht ausgeschaltet.

[ Marija ] Die Farbe nicht ganz getroffen? Das macht nichts. Es wird bestimmt eine Nuance sein, die besser zum Teint passt, als man sich’s selber vorstellen kann. Es werden da die Grübchen betont oder die hohen oder breiten Wangenknochen, je nachdem.
Ist ein bisschen wie bei der Wurst. Darf’s ein bisschen mehr sein?
Kolleginnen sind schon verklagt worden, aber da ging’s immer um die Länge.
Bevor die Farbe zum Streitfall wird, kann man umfärben ohne Ende.

[ Amelie ] Annäherungsversuche im gemeinsamen Hotelzimmer : die muss das Mädchen aber abwehren. Nämlich abwehren wollen. Aber hallo!

Die anderen sind immer da.
Egal ob es Nacht ist oder Tag oder ob ich eine Woche lang nicht zuhause war. Die brauchen mich nicht zu suchen. Die wissen immer. Wo ich bin. Meinen Terminkalender kennen die besser als ich selber.
Zeit haben sie. Das ist ihr Job. Ich versteh das, kann ich akzeptieren. Dadurch verschwinden sie auch wieder.
Menschen sind wie du und ich. Unsichtbar. Die alle ihre Arbeit machen. Müssen. Stell dir vor, wie lange die dran sind an so einer Story.
Zum Beispiel du kommst aus einem Club nachhause und sie hängen vor der Tür rum. Manchmal ist es ja auch kalt, meistens ist es Nacht oder bewölkt.
Kommt nicht vor, die Sonne. Oder nur bei mir. Kommt kein Sonnenschein vor. Durch – muss es heißen.
Meine kleine Schwester sagte oft : bald kommt die Sonne durch, dann können wir wieder hinausgehen. Auch wenn wir draußen waren.
Dann können wir rausgehen.
Ich habe schon gewusst, dass es heißen muss : Sonne kommt nicht vor, nicht in dieser Straße. Sonne war nicht.


Er will doch nur, dass das Mädchen einsieht, dass es gut für sie ist, mit ihm zu sein.

Immer.
Immer tanzen sie besonders viel, immer, wenn ich es nicht mehr aushalte, schwingen sie ihre Arme, wie die Wilden, weiß nicht, ob die denken, ich krieg das nicht mit oder was. Was soll das denn für eine Hilfe sein!?
Aber so ist das.
So ist das nicht.
Immer wollen sie ablenken, von dem was passiert. Mit mir. Was passiert denn da. Weißt du das etwa?
Immer immer immer.


[ Marija/Amelie ] Wer dann die Rechnungen bezahlt : wen interessiert das!?
Ja eh, würden wir alle gerne wissen, von welchen Summen hier geredet wird, aber ganz im Ernst : dafür gibt es Listen.
Also wenn Sie das wirklich wissen wollen, blättern Sie sich halt durch, bitte!

[ Amelie ] Es wird dann geredet von kleinen Schwestern, denen der rosarote Infantinnenthron finanziert wurde und die nach all den Versteigerungen mit einer Ersatzmutter daherkommen.
Björn der Produzent erzählt auf irgendeinem Event die Geschichte seines Lebens. Im Moment ist er zwar Single, aber er will eine Familie, er will immer auf eine andere Party, wo vielleicht die Frau seines Lebens auf ihn wartet.
Natürlich ist er in seinem tiefsten Inneren Philosoph.
Macht sein Geld mit Shows (die seine Kinder niemals schauen dürften), die die Jugend verderben und hat noch ein paar andere Sachen laufen, Zigarettenindustrie Kreditkarten Internet.
Wenn sich die anderen gut fühlen können, weil er selber ein moralisches Arschloch ist, geht’s ihm gleich besser.
Dann hat Pepe jemanden bezahlt für das aufstrebende Sternchen und die haben zwar nicht geheiratet, aber eine Zeitlang waren sie zusammen. Oder war das nur für die Öffentlichkeit?
Auf einer Modenschau strahlen Tochter und die kamerascheue Mutter Seite an Seite, Mutterarm über der Tochterschulter, ganz vertraut. Ein paar Fotografen halten das kleine Glück fest, dieses eine Mal.

Was ich jetzt brauche ist Schönheit!
Also da will ich hin. Wenn du wirklich an die Schönheit herankommst, an die leuchtende, strahlende, wirklich wahre Schönheit : dann hast du es doch geschafft.


Ich dagegen. Ich schwitze. Da, vorne am Dekolleté, zwischen den Brüsten. Morgens nach dem Aufwachen ist die Haut zerknittert wie bei einer uralten Frau.
Ich muss mich immer umdrehen und umdrehen, mir das Wasser von der Brust wischen, es rinnt in Strömen.

Was er wahrscheinlich nicht wollte : dass alle den Satz, den er mit Bleistift in säuberlicher Architektenschrift vorne in Camus’ Pest geschrieben hat, als das Letzte betrachten, was von ihm im Leben des Mädchens übrigbleibt.

Dann decke ich den Tisch für alle.
[ Marija ] Wenn Sie durch das Geschäft durchgehen, kommen Sie in einen kleinen Aufenthaltsraum mit Sofa und Kaffeemaschine, und dann gehen Sie an der Toilette vorbei, der Gang führt direkt auf den Hof.
[ Amelie] Da kann man alles mit Kerzen ausleuchten oder ein Partyzelt aufstellen, dann sieht man die Mülleimer vielleicht nicht.
Eine große Tafel, das Silberbesteck ist echt. Diesmal ist es echt.
Über die Schläge, die dumpfen, die Beats und das Hämmern auf Nerven oder Bühnenbretter.
Über die Unverantwortlichkeit, mich oder uns überhaupt in die Welt zu setzen, das muss man sich einmal vorstellen!
Scheinargumente, man redet sich auf die Verwandtschaft aus, meistens auf ältere Geschwister oder Bekannte der Eltern, auf die vor allem!
In der Zwischenzeit leert sich der Tisch, was sonst.
Geschirr klirrt, Schweiß rinnt, ich versuche meine Haut zu glätten, aber so, dass es niemand sieht.
Auch die andern ziehen sich zurück : von denen ist keine Unterstützung zu erhoffen, auch diesmal nicht, gerade jetzt!
Unfug Verschwendung Fake, Mama.

Die Mutterrolle ist dabei nicht ganz eindeutig. Scheinbar auf meiner Seite, naja, aber sie spielt das wirklich nicht sehr überzeugend.

Achten Sie bitte einfach auf die Ampel.

[ Marija ] Sagen Sie, wenn Ihnen die Gummihandschuhe wehtun. Bei mir löst ja schon der Gedanke daran Schüttelfrost aus, Sie können mit Verständnis rechnen.

[ Amelie ] Wir waren doch ein Team, wir sind doch wie eine Familie!

Hemd Hose Schuhe und der Wunsch nach ein bisschen Schönheit. War das schon alles?
Wie viel Konzentration wohl notwendig ist um zu erkennen, wo genau die Vergangenheit und die Zukunft aufeinander stoßen?

Ich meine : es geht um den Moment. Du hast es oder hast es nicht.

In seiner zierlichen Architektenschrift steht da : die Hölle, das ist man selber.

Da regt sich was und ich sehe aus einiger Entfernung der Geburt eines Kindes zu. Das ist aber gar nicht so weit weg und in einem Kopfpolster hat es sich schon einmal aus der Fruchtblase befreit.
Es ist klein, es ist winzig und witzig, es kann schon reden. Es kann eigentlich alles und da schau : sind ja doch durch die Nabelschnur verbunden. Der Kindsvater wird nicht verständigt, der Termin ist ja viel früher eingetreten als erwartet. Kindsvater : hör ich zum ersten Mal, dieses Wort.
Ich warte auf die Hebamme, weil ich nichts finden kann, mit dem ich die Nabelschnur durchtrennen könnte. (Auf welcher Seite bin jetzt ich?)
Das Kind reißt aber dran.
Will sich das Haus anschauen.
Das Licht wird ihm wichtig sein oder die Schatten, da kenne ich mich nicht so gut aus. Gut, dass noch keine Fenster eingesetzt sind, so kann es alles besser sehen.
Das Kind kann ja schon gehen und umfallen, weil es doch noch nicht so stabil ist; es verletzt sich die ganze Zeit.

Rot Grün Gelb und Wiederholung.
Grün oder Rot Grün Grün.

Ich zeige dem Kind alles und dann liegen wir gemeinsam im Bett, und es will von meiner Brust trinken, schläft ein dabei, trinkt wieder und es hat blonde Haare und wird nicht bei mir bleiben und nichts davon. Ist lächerlich.

Montag, 23. Juni 2008

Grund oder Gewicht

Freundschaftsbaender, verknotet


Christine ist heute Fotografin, sie ist Mutter von drei oder vier Kindern, eine erfolgreiche, schoene Frau. Nach mehreren Jahren in Indien lebt sie seit einigen Jahren wieder in ihrer Heimatstadt. In unserer Heimatstadt. Wir hatten uns schon frueher aus den Augen verloren, liefen uns auf einer Vernissage ueber den Weg: Da war grosse Freude auf meiner Seite, ein bisschen Aufregung fast, als ich sie ansprach. Nach ein paar Saetzen sagte sie dann: Dass du den Laden hier leitest, wundert mich gar nicht, du warst schon als Kind ziemlich ehrgeizig.

Mit zwoelf und dreizehn Jahren hoerten wir dieselbe Musik, lasen dieselben Buecher. Wir hatten es wirklich schwer mit unseren Eltern, hielten spiritistische Sitzungen ab mit dem ganzen Drumherum. Wir hatten Plaene. Christine war die erste Vertraute, was Ideen fuer die Zukunft betraf; sie war – da sie aehnlich-anders war als ich – ein Garant fuer eine Zukunft. Wir verstaendigten uns ueber die Ungerechtigkeiten in der Familie und der Welt. Ihre Mutter arbeitete fuer meine Eltern. Vielleicht habe ich diese Zwangsgemeinschaft [im Sand spielen, in Gummistiefeln hinter den Muettern hertrotten, lauter Dinge, an die ich mich gar nicht mehr erinnern kann oder mag] als Beginn von etwas Gemeinsamem missverstanden.

Immer wieder schaue ich auf Verbindungen, die schon ewig dauern. Ein wenig neidisch. Die haben eine wirklich tiefgehende, unerschuetterliche Basis. Es spielt dabei natuerlich die Herkunft eine Rolle, die begruendende Abstammung oder wie immer man es nennen mag. Vielleicht aber entsteht dieser Wunsch nach einem Immer, das hinter einem liegt, aber nicht beschwert, sondern befluegelt und weiterhilft [ein Weiterhelfen im Sinne von: Wir sind alle irgendwo ankommen, es ging uns immer schon gut; jetzt kann es weitergehen] aus meiner Findelkind-Situation heraus. Stolz zu sein auf seine Herkunft: Was koennte aus diesem Gefuehl heraus entstehen? Sicherheit aufgrund dessen, woher man stammt: Wie fuehlt sich das an?

Wenn ich dann hoere, wie sich die alten Schulfreunde heute beziehungsweise immer noch anreden, als >Maeusefett<, >Fettsack< oder >Fettifrett<, kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass es das ist, was mir fehlt. Und dann: Seilschaften, Netzwerke, Kluengel. Sofort werde ich zum Outskirt [skeptisch und stur] und ich sehe: Das bin ich ja auch. Aussenseiterin von allem. Und damit bin ich doch nicht allein.

Als Autorin kann man nicht waehlen, ob man eine exemplarische oder eine existentiell-einzigartige Geschichte abliefert. Existenzielles kann exemplarisch gelesen werden, aber ich weiss nicht, wie sehr es exemplarisch gemeint sein sollte. Wenn ich von Familie spreche – so verhaelt es sich jedenfalls in meinem Roman >Taghelle Gegend< und in einigen Erzaehlungen, zum Beispiel in >Grillgut< –, dann kann ich nur davon ausgehen, wie eine Familie aussieht, in der niemand dazugehoert, in der sich die Mitglieder gegenseitig ausschliessen. Ich weiss also nicht, was das ist, das Gemeinsame.

Das Ausgeschlossen-Sein setzt sich ja fort in dieser Gesellschaft, die fast nur mehr von den Raendern her belebt, betrachtet, bespielt wird. Arm sind fast alle, die keine Anlagen, die nicht einmal Fonds besitzen, das ist nicht Ideologie, es ist aber eine Realitaet, die heute stattfindet. Zeitgeist in echt. Ich arbeite an den Moeglichkeiten des Sagbaren und die betreffen ja nicht nur eine ueberschaubare Clique urbaner Jungfamilien oder Kuenstler und solche, die es einmal werden wollen, sondern die Randstaendigen und deren Verwegenheit, die Aussergewoehnlichkeit scheinbar ach so banaler beziehungsweise gewoehnlicher Biografien. Alles, was das blosse Leben ausmacht, will gesichtet werden. Und was darueber hinausgeht, was aus dem nackten ein vollstaendiges Leben machen koennte, befragt.

Da ich auch mit Barbara nur mehr sehr sporadisch Kontakt habe, weiss ich mehr als zuvor: Waehrende Zuneigung baut weder auf Jahre [die druecken] noch auf den Augenblick allein [wegfliegen oder abheben mindestens]. Mit Barbara, einer Schauspielerin, Mutter eines halbwuechsigen Sohnes und einer schoenen Frau, naemlich verbanden mich wirklich existenzielle Fragen, die wir hauptsaechlich ueber die Literatur abhandelten, und auch ueber alle moeglichen und ein paar unmoegliche Rauschmittel, auch Liebe, ja sicher. Da waren wir so explizit Aussenseiter, dass es einem heute auch wieder unangenehm sein koennte. Aber wir waren jung. Und wir wurden erst erwachsen und jede vielleicht ein bisschen groesser als die andere es vertrug. Man will Alltag, will Gleichmut, will Geduld, lauter so Sachen, zu denen man wirklich nur in besonderen Faellen in der Lage ist. Muss die andere dann auch noch schaetzen oder wahrnehmen oder bekaempfen. Viel. Diese Freundschaftsbaender vertragen die [gemeinsam] besichtigte Ungerechtigkeit viel besser als die eigene. So ist das auch.

zuerst veröffentlicht auf : Berliner Gazette

Freitag, 13. Juni 2008

Dass es rockt.

Dieser Tag begann für mich vor fünfzehn Stunden in S., als mir jemand am Telefon sagte : steig in ein Taxi. Und fahr zum Flughafen. (Cécile sieht ein bisschen aus wie P.J. Harvey.) In ihrem schmalen hellblauen Kleid wirkt sie schick, ein wenig scheu und etwas unsicher mit dem Pokal in der Hand : wer wäre es nicht in ihrer Situation?
Du kannst : heranzoomen und wieder weg/flanieren, mittendrin, solche Sachen. (Manchmal ist nur ein Ich anwesend und alles wird unscharf; was ist dieses Ich, in einem Text, einer Ebene oder irgendwo im Weiten, der engen Kammer etc.) In ihm ein- und ausgehen, das magst du.

Da war es sehr angenehm, auf dem Weg hierher schon die Bilder herzustellen, wie das sein wird. Also ich habe die komplette Story schon gedreht : auf dem roten Teppich, die Fotografen, all die Sachen. Wie sich das anfühlen wird. (Manchmal ist Cécile ein bisschen Mondrian, umgeben von klaren Formen, selber Form und Klarheit und dann sagt sie blumige Sachen, kommen bunte Farben aus ihrem Mund.)
Manchmal willst du : Bilder aufnehmen, um zu überprüfen, was die Oberfläche kann. (Verdecken oder abdecken und gleichzeitig für Projektionen herhalten. Ist sie fragil, hat sie ein Ende?) Du könntest dich aufraffen, hinaus auf die Straße, die schon wieder trocken ist, nur auf dem Spielplatz steht das Wasser noch in kleinen Seen, darin schwimmt Papier, wahrscheinlich Gratiszeitungen. Du kennst die Menschen, die um diese Zeit aus dem Supermarkt kommen, ihre Hunde ausführen, vor dem Haus herumstehen. Die stehen da und schauen ungefähr an dir vorbei. Denn das ist der Unterschied zwischen dir und Cécile. Würde sie hier wohnen, dann würde sie nicht nur den kalten Rauch aus der Wohnung der fahlen dürren Frau aus dem dritten Stock kennen, wenn die mit ihrem rotblonden Hund ins Stiegenhaus tritt. Sie würde wissen, warum die Frau nicht mehr im Videoverleih arbeitet und sie hätte auch eine Theorie, warum sich solche Läden in Gegenden wie dieser nicht halten.

Was ich zeigen will, ist diese komplizierte spezifische Wahrheit, so dass du weißt : es ist echt. Leben, wie es sich für mich anfühlt. (Dann wieder sieht sie aus wie deine erste Lehrerin, wenn die sich mit den Hippies solidarisiert und Schuhe mit hohen Absätzen getragen hätte. Bei Cécile ist alles gleich auf ihrer MySpace-Seite archiviert und hängt ein paar Monate später in einer Einzelausstellung in Detroit oder Istanbul.)
Du könntest Wahrnehmungs- und Realitätsschichten durchqueren oder freilegen. Erzählen und Erzähltes überblenden vielleicht. Überhaupt alles, was da ist und da sein könnte. (Trotzdem fühlt sich es so an wie Stillstand). Weil es kein Nacheinander gibt, nur die Ebenen des Möglichen und deren Auswirkungen auf die Sprache (ach, wäre sie : weder verbraucht noch vorgefunden, poetisch und präzise).
Du solltest zu einem öffentlichen Raum der Wahrnehmung und Artikulation werden.
Alles, was ich machen wollte, ist ein Archiv unwichtiger Dinge. (Du wärst so gerne wie sie. Sie ist die einzig Befugte im Umgang mit Pathos. Die Menschen lieben sie, filmen sie und veröffentlichen die verwackelten Videos dann in ihren Blogs oder auf YouTube. Sie hängen an ihren Lippen, und Frauenzeitschriften, Feuilleton und Jugendsender sagen über sie : alles an ihr ist zart und frei und cool und auch noch anarchisch. Sie sagt bei der Präsentation ihres ersten Buches über ihr Liebesleben : it rocks.)
Dich aussetzen oder die anderen aufreißen. Ich sag es ungern : du musst dich jetzt bald einmal entscheiden. Du kannst dich auch hinstellen/darstellen/einstellen auf alles, was drumherum ist, ach, nein : mach das nicht.

Sie wissen wahrscheinlich alle, worüber ich spreche.
Du könntest dich mit den Schlafwandlern beschäftigen, die ein bisschen verwundert sind über das, was ihnen passiert. Die sind voller Angst, völlig passiv, wenn man sie zuerst sieht, aber in Wahrheit entwickeln sie sich/auf ihre Art und unternehmen waghalsige Dinge, ohne zu wissen, dass sie dazu imstande sind. Verwegene Charaktere. Sie kommen vom Rand her, du kennst sie/Ränder. (Cécile steht neben einem Filmemacher und Dichter, er trägt eine Sonnenbrille. Sie ist eine darstellende Künstlerin, sie ist eine Intellektuelle, eine Autorin. Cécile ist schön. Sie ist quasi perfekt.)

Du weißt nichts über Pathos, bewirkst nichts, dein Archiv ist lückenhaft und deine Sexszenen sind dürftig. Und überhaupt : fühlst du dich wie das Leben an?
Darüber solltest du einmal nachdenken.
Über das richtige oder falsche, aber eigentlich über das bloße Leben (und was darüber hinausgeht). Verfremdungen, Parallelwahrnehmungen, Assoziationen, über das Schweigen und den Ton der Welt/diese Sachen.
Du beginnst immer wieder von vorne. Und heute hast du beschlossen, dass die anderen wahrscheinlich wissen, was du meinst. Da bist du wie Cécile.

Dienstag, 31. Januar 2006

»ich« – meine stimme gewinnt an raum oder:

bei Betreten dieser Texte.

Ein paar Gedanken zu den Prosastücken von Reinhard Priessnitz

Ich habe also erzählerische Texte, wie ich sie verstanden habe, geschrieben.
Diese Aussage Thomas Klings gilt auch für die »5 Prosastücke« von Reinhard Priessnitz: weil diese den Erzählprozess offen halten und nicht zuletzt, weil Priessnitz einen Text explizit als »erzählung« ausgewiesen hat. Veröffentlicht wurden die Texte zuerst in den Protokollen (1970-1981), DIE EINGEBILDETEN ÄRZTE, PFLEGER, KRANKEN (FIGUREN IN DECKWEISS) – der letzte Text von Reinhard Priessnitz, den er vom Krankenhaus aus verfasste – erschien erstmals in der Prosasammlung, die zwar noch mit dem Autor abgesprochen war, aber erst nach seinem Tod erscheinen konnte. Wie alle Bände der Werkausgabe wird auch dieser Band immer wieder aufgelegt & ist verfügbar, mittlerweile im Droschl-Verlag.
Binnentextualität, Différance/Diskrimination, Verknüpfung von Poesie und Erkenntnis, Einbeziehung außerliterarischer Praktiken: die Prosastücke von Priessnitz weisen mitunter Parallelen zu seinen Gedichten auf, unterscheiden sich aber auch wesentlich, vielfach.
In einem Essay über H.C. Artmann vergleicht Priessnitz die Veränderung von »von ›anreiz‹ getragenen vokabeln nur« durch die Grammatik mit dem Filmschnitt. Dies ist ein wichtiges Indiz auch für seine Prosa: Überblendungen von Erzählen und Erzähltem (v.a. in SCHRAUBEN), Unterbrechungen, die das Erzählen nicht einfach dokumentarisch erscheinen (wie es ein Effekt von Montagetechniken sein kann), sondern zu einer eigenständigen Dokumentation werden lassen. Manchmal verhält sich ein Text wie die eigene Off-Stimme zum Geschehen, die aber vom Körper immer wieder eingeholt wird.
Mit sprachlich scheinbar einfachen Mitteln werden in dem Text LINZ, RINGL ETC. der Anlass (eine Lesung zu einer Ausstellungseröffnung) und die bereits inkludierte spätere Besprechung dieses Anlasses, die Anwesenden (Bekannte und für Priessnitz anonyme Gäste) heran- und weggezoomt. Davon ist auch der Text selbst, in dem das beschrieben wird, nicht ausgenommen. Der Blick auf das Geschehen ist zugleich retrospektiv und aktuell, erinnert an eine Kamera, an eine Person, die mitten durch die Anwesenden flaniert, an verschiedenen Stellen etwas aufschnappt, weitergeht, selbst von jemandem adressiert wird.
Darüberhinaus finden sich Verfremdungen (z.B. von Brecht in DER PROZESS: »erst das nötige . . . dann essen«), Parallelwahrnehmungen (LINZ, RINGL ETC.: »wir konsumierten; abgesehen von der landschaft, die mitgeliefert wurde«), er gibt ironische Hinweise auf die Kommunikationsproblematik in der Literatur/über die Literatur, wenn die Darstellung von Verständigungsproblemen selbst abbricht. Weder wird linear erzählt (was soweit bekannt ist), noch sind Querschnitte auszumachen, es ist komplizierter, v.a. komplexer: Um eine Aussage festmachen (d.h. offenlegen) zu können, muss der Gedanke offenbart werden, der ein Wort, einen Satz umreißt.

Das Priessnitz’sche »ich« wird in Anführungszeichen gesetzt. In dem Prosastück DER PROZESS steht allerdings auch der Autorname unter Anführungszeichen, »priessnitz«. Das ist beides gleichermaßen konstituierend, konstruiert und existenziell zu verstehen, möglicherweise auch so gemeint. Hineinspielt für mich die fortwährende Bescheidenheit des Dichters Priessnitz, die wohl Hinweis ist für eine tiefe Skepsis gegenüber der eigenen Existenz, auch der literarisch-schöpfenden. Das apostrophierte Ich ist aber bei aller theoretischen Einsicht in den Tod des Autors kein Indiz für den Tod des schreibenden Subjekts. Im Gegenteil. Wie spielerisch/verspielt Priessnitz mit dem Problem aber auch umgeht, zeigt eine Passage aus dem Radioessay »esels ohr«:

»ich – das heisst ich. ich heisse reinhard priessnitz, meine stimme gewinnt an raum und inklusive dieser sind das drei mitteilungen, und ich lese, was hier steht, auch wenn das ich meine stimme ist, die es ausdrückt. ja auch diesen satz im äther – wie man oft gesagt hat. ich wurde 1945 in wien geboren und das ist amtlich, wenn auch über funk, ja. ich bin tatsächlich ich, träger meiner stimme, informant meiner nachricht, auch wenn es nicht meine stimme ist, welche ich das sagen lasse, sondern eine, die gleichfalls behaupten kann, sie sei meine. wie geschrieben, ich wurde in wien geboren etcetera, etcetera, oder, um es anders auszudrücken:
ich heisse reinhard priessnitz undsoweiter undsofort wien ist mein geburtsort etcetera etcetera wohnort undsoweiter undsoweiter fort.«

Der Erzähler Priessnitz liefert in seinem Prosastück LINZ, RINGL ETC. einen Beweis dafür, »daß das ganze wahr war«: Das Erzähler-»ich« betritt nicht nur am Bahnhof, weil sie zu früh dran sind für die Rückfahrt nach Wien, den Fotoautomaten, es legt die Passbilder dem Text auch bei. Durchbricht die Textebene durch die eingefügte Kopie der Automatenfotos & bringt einmal mehr ein Indiz für jene Zweifelhaftigkeit des Ichs (des erzählenden, vielleicht auch des Erzählten), aber auch der Wirklichkeit.

Weg mit der Statik! lautet ein Anspruch/Ausspruch von Reinhard Priessnitz die Literatur betreffend. In seinen Prosastücken findet sich aber ein statisches Moment – der Raum – immer wieder: »sprache erfüllt den raum, sprache erfüllt die seite hier. mir scheint, die erfüllt überhaupt alles.« (SCHRAUBEN). Räume und Sprache vermischen sich kontinuierlich: »wie alle galerien war auch diese sehr licht – im gegensatz zu den eher gedämpft klingenden bemerkungen.» (LINZ, RINGL ETC.) Der Text selbst ebenso wie der beschriebene PROZESS setzen sich aus Schichten zusammen – immer ist sich Priessnitz der Möglichkeiten und der anderen Voraussetzungen erzählerischer Texte gegenüber der Lyrik bewusst und vermeidet vorausgesetzte Inhalte bzw. das unbewusste Gestalten derselben, um sich, wie eine handschriftliche Notiz aus dem Jahr 1977 mit dem »Muster nicht zu identifizieren«.
»der saal ist gerammelt ichvoll, sein licht trüb. (trübsaal).«: neben und mit diesen Raum-Wörtern-Sätzen bereitet Priessnitz mit dem sehr poetischen Text SCHRAUBEN seine Sprache aus, konstriuiert darauf eine Bühne, die natürlich gleichzeitig auch Welt ist (»sprache – haus des seins.«) Das Anagramm »erde/rede« aus diesem Prosastück ist grundlegend für die meisten Texte und taucht in verschiedenen Formaten/Formulierungen immer wieder auf: »gute alte erde. vertausche zwei buchstaben, und du bist, wo du sein wolltest: rede!«, das Reden ist hier ein »vorgebirge jeglichen verständnisses«; in LINZ, RINGL ETC. betritt das »ich« die Galerieräume wie Sätze: wenn es nur einen kurzen Blick hineinwirft, lesen wir auch nur »usw. usf.«
Im Nacherzählen und im Erzählen von Reinhard Priessnitz überhaupt ist die Raummetapher – die sich immer ausdehnen und alles ausfüllen (offen halten) kann – nicht statisch. Ist überhaupt kein Fall für die Statik! Denn es hat mit dem assoziativeren Denken des Autors zu tun, mit dem Gleiten der Priessnitz’schen Texte, mit der permanent sich bewegenden Beobachtung (der Beobachtung) und dem im Raum und der Welt präsenten Erzähler- und Autor-Ich, dass diese Prosastücke dynamisch sind – und offene Textzimmer, die man immer wieder betreten möchte.

Montag, 19. September 2005

Dürfen die das?!

Ein paar Gedanken zur Diskussion »Autorinnen und große Themen«

Ein Thema!!
»Frauen und erzählende Literatur« ist Titel eines Aufsatzes von Virgina Woolf. Sie schreibt über die absichtliche Doppelsinnigkeit (»denn wo es um Frauen als Schriftstellerinnen geht, ist so viel Elastizität wie möglich wünschenswert«): der Titel „kann sich auf Frauen beziehen und die Romane, die sie schreiben, oder auf Frauen und die Romane, die über sie geschrieben werden“. So war das ja auch immer wieder mit dem Topos Frauenliteratur an sich. Literatur von Frauen, Literatur über Frauen. Ausschlaggebend ist die Subjekt- oder Objektrolle, die verliehen oder eingenommen wird.
Da frage ich mich, »Autorinnen und große Themen«: Lässt sich dieser Titel, diese Frage ebenso doppelsinnig interpretieren wie Woolfs Aufsatz aus dem Jahr 1929? Als Bezug auf die großen Themen, mit denen Frauen sich beschäftigen, aber eben auch als Reflexion über jene großen Geschichten, die (von den Männern?) über Frauen erzählt werden.
Die Antwort, vielleicht war sie auch schon vor der Frage anwesend, lautet nein.
Wir reden davon, wie sich die schreibenden Frauen einbringen können, nennen einige Schlagwörter (Globalisierung, Terror, Krieg, Armut etc.), dann folgt unmittelbar die Reflexion über die Außenwahrnehmung: was wird den Autorinnen (von wem – von anderen Frauen, von der Gesellschaft, die dann doch wieder eher nur aus Männern/Literaturkritikern/Verlegern besteht?) zugetraut, sowohl was die inhaltliche als auch die künstlerische/literarische Umsetzung betrifft.
Immer wieder nahm sich ein Autor eine weibliche Protagonistin, stellen Autorinnen Männer in den Mittelpunkt ihrer Texte (Gesine Cresspahl, Madame Bovary); interessant kann nur die subjektive Rolle sein, die schreibende Frauen einnehmen. Objekt waren auch sie lange genug, sind sie immer noch, immer wieder. Und wird nicht in und mit dieser Fragestellung wiederum eine eher passive Position eingenommen? Folgende Indizien seien genannt: Bedeutet nicht schon die Konzentration, der Fokus auf die Frage nach sog. großen Themen a priori eine Einschränkung?
Unterstellt die Kombination von „Autorinnen“ und „großen Themen“ nicht eine potenzielle bzw. sicher angenommen Distanz zwischen beiden?
Was war Ausgangspunkt für dieses Thema: Etwa die herkömmlichen, bekannten »Frauenthemen« (jene, die auch Woolf den Autorinnen des 18. und 19. Jahrhunderts unterstellte, als sie hoffnungsfroh voraussah, dass der Roman nicht weiterhin ein »Abladeplatz für die persönlichen Gefühle« sein werde?), die klein, unwichtig, persönlich und privat sind?
Das Bewusstsein darüber, Autorinnen schrieben nicht über große Themen? Ich nenne an der Stelle Margerite Duras/Hiroshima mon amour, Ilse Aichinger/Die größere Hoffnung, Christa Wolf/Der geteilte Himmel, Kathrin Röggla/really ground zero.
Die Liste lässt sich natürlich chronologisch und inhaltlich fortsetzen. Angedeutet werden sollte auch nur, dass sich Autorinnen immer schon mit angeblich großen Themen (Krieg, Terror etc.) literarisch auseinandergesetzt haben, es weiterhin tun, ich nehme an, Tendenz steigend.
Impliziert unser Thema, dass endlich zum großen Thema übergegangen werden soll und: gemeinsam überlegen wir uns, wie das gehen kann. Was große Themen sein mögen, wie wir an sie herankommen, wie wir uns mit ihnen und über sie behaupten. Es erinnert mich ein wenig an die immer wieder aufkeimende Diskussion, die deutschsprachige Literatur sei zu wenig erzählend (im Vergleich v.a. mit der amerikanischen, auch englischen). Und ich frage mich: Was ist das anderes als ein Verkaufsargument? Auch lässt sich eine Paralelle ziehen nach dem Ruf (des Feuilletons) der letzten 15 Jahre nach dem deutsch-deutschen oder auch dem großen deutschen Roman? Die geschrieben wurden und sich damit auseinandersetzten, haben aber nicht automatisch – weil nach der Wiedervereinigung gefragt – auch eine große LeserInnenschaft nach sich gezogen, die Meinungen über Qualität und Relevanz gehen naturgemäß auch dabei in verschiedene Richtungen.
Und: katapultiert uns unsere Frage nicht zurück in eine Zeit, in der sich Frauen für ihr Schreiben und ihr Thema, ihre Themen rechtfertigen mussten? In der sie zwischen »Frauenideal« & »Autorenstatus« standen und neben der äußeren nicht zuletzt auch die innere Zensur ihr Schreiben behindert hat: (Frauen-)Literaturgeschichten oder eine Autorin wie Woolf berichten von der Schwierigkeit, der Unvereinbarkeit, gleichzeitig Autorin und Frau zu sein – Woolf nennt dieses Phänomen den »Engel im Haus«: voll inniger Einfühlsamkeit, unendlich liebenswürdig, gänzlich selbstlos, aufopfernd, immer mit den Wünschen anderer übereinstimmen wollend (vgl. Woolf, Berufe für Frauen).
Und doch: »Frauen sind Frauen, das ist eine unumstößliche tautologische Wahrheit. Sie müssen es sich nicht erstreiten, daß sie sie selber sein dürfen, im Gegenteil, sie dürfen nichts anderes als sie selber sein. Aber dieses Sein ist gleichzeitig eine Enteignung um sich selbst, eine Verweigerung, und zwar nicht nur eine um Geld, um Räume, um Möglichkeiten aufzutreten, sondern die Verweigerung von allem, was über dieses bloße Sein hinausgehen könnte. Es kommt mir so vor, als müßten die Frauen sogar, immer und immer wieder, ihre eigene Enteignung erstreiten, die immerhin auch ein Ereignis ist, wenn auch ein negatives, denn sie müssen sich ja erstreiten, als Frauen überhaupt ihrer selbst gewiß sein zu dürfen, und sie müssen sich dann erstreiten, irgendwo dazugehören zu dürfen, ein Irgendwo, das, und das ist das Äußerste, auch nicht viel mehr als ihre eigene Existenz als Frau ist.« (Elfriede Jelinek, Frauen)

Private Zimmer
Der Ruf nach sogenannten großen Themen löst bei mir die Frage auf, wie sehr die Dichotomie öffentlich-privat (die sowohl als Zuschreibung von Räumlichkeit wirkt als auch räumliche Praktiken begründet wie die Konzentration von Frauen auf das Haus/von Autorinnen auf private oder kleine und der Autoren auf die wesentlichen, großen Themen) immer noch aufbrechen muss. Dabei dachten doch einige von uns, das sei ein alter Hut, oder? »Also das Offene bleibt sowieso verweigert, denn die Frau ist zu dem, was sich im öffentlichen Raum abspielt, nicht zugehörig, daher muß sie immer auf sich verweisen, indem sie dauernd an s ich selbst zurückverwiesen wird, vielleicht kann man sagen zurückgeworfen. Im Fall des Raums, den sie da bekommen und schon wieder beinahe genommen bekommen hat, wenn nicht ein Wunder geschieht, kann man auch sagen: hinausgeworfen, enteignet.« (Elfriede Jelinek, Frauen)
In der feministen Geschichtsschrebung sind öffentlich und privat zwei Grundkategorien für die dichotome Konstruktion von Gesellschaft und – darin eingeschrieben – von Männlichkeit und Weiblichkeit im 19. und 20. Jahrhundert, mit einer großen Formkraft, einer weit reichenden Mächtigkeit. Die Fragestellung große Themen/kleine Themen perpeutiert das Verständnis von Öffentlichkeit und Privatheit weiterhin als zwei quasi natürlich und getrennt. Die Frauen sollen sich endlich »auch« um große Themen kümmern (wie es die Männer schon die ganze Zeit tun)! Es gab aber immer wieder eine Vielzahl von miteinander konkurrierenden Öffentlichkeiten und: Frauen und Männer bewegten sich als historische Akteurinnen und Akteure immer auch zwischen den durch Dichotomien und Klassifikationen gesetzten Grenzen. Frauen kämpften mannigfach gegen ihren Ausschluß aus den politisch-rechtlichen und ökonomischen »Öffentlichkeiten« des modernen Staates, der freien Marktwirtschaft und Produktion an. Die Beziehungen zwischen »Öffentlichkeit« und »Privatheit« sind komplexe, sich wandelnde; der Grenzbereich dazwischen sollte, verstärkt als identitätsformierender Ort erkannt werden (vgl. Leonore Davidoff, Alte Hüte, in L’Homme 2/1993). Große Themen, kleine Themen: Wie privat und also klein ist die Biografie einer Textilarbeiterin in China oder die private und gleichzeitig berufliche Krise eine westeuropäischen Akademikers. Wie eindeutig können in allen Bereichen dies Zuschreibungen getroffen werden? Wie uninteressant kann dagegen große Geschichte als Literatur sein… Das Spannungsfeld zwischen den Bereichen wird auch ein Thema der Literatur sein, identitätsstiftend sind auch hier eher die Ränder als die Zentren.
Sicherheiten über große und kleine Themen gibt es nicht – ebensowenig wie eine Garantie für private und öffentliche Genres (das Liebeslied/-gedicht, das politische Gedicht etc.): „Die Liebe zur Lyrik im Osten ist kein schöner Mythos. Sie ist aus Angst entstanden. Gebrauchslyrik im engsten Sinn des Wortes.“ (Herta Müller, Und noch erstickt unser Herz) Es gibt gute Literatur, es gibt notwendige Literatur und innerhalb aller möglichen Zuschreibungen eine Unzahl von Zwischenräumen.

Exkurs: Dürfen die das?
Die Auseinandersetzung und Auffassung von Kunst als einem Raum sozialen Austauschs und politischer Artikulation ist – ein Paradigmenwechsel in der bildenden Kunst, in den neuen Medien – setzte sich nach den KünstlerInnen und TheoretikerInnen in den neunziger Jahren auch in maßgeblichen Institutionen durch. Angesichts verschärfter Lebensbedingungen nach 89 sollten auch mit den Mitteln der Kunst Analsysen formuliert werden und aktiv an gesellschaftlichen Auseinandersetzungen teilgenommen werden. Es geht dabei, so Stella Rollig und Eva Sturm, um »einen verstärkten Dialog zwischen Kunst und Öffentlichkeit, eine Vermittlung der künstlerischen Intention, auch als legitimatorischer Reflex angesichts der eigenen drohenden Marginalisierung« (Rollig/Sturm, Dürfen die das?).
Wenn es auch in der Literatur ähnliche Tendenzen gibt, von einzelnen AutorInnen viel stärker, konsequenter als vom schreibenden Rest, so ist auf jeden Fall das Bewusstsein von Schreibenden und RezipientInnen in der Literatur weniger ausgeprägt als in anderen Künsten.
Aber wir sind ja bei »großen Themen». Ich möchte einen Vergleich anführen: Die deutschen KollegInnen nennen immer wieder Günter Grass, wenn es um einen außergewöhnlich großen epischen Bogen gehen soll – wahrscheinlich, weil er Literaturnobelpreisträger ist, aber ist Grass als Autor nicht ein Mann-Mann, der sich um die Politik kümmert, und die wird immer noch von Männern gemacht. Also erzählt er so und aus dieser Perspektive. Aufzeigen, was ist (wie es gewesen ist) – in der Geschichtsforschung nennt man dies Historismus. Wie gut haben es da wir österreichische AutorInnen und LiteraturwissenschaftlerInnen, können wir doch an der Stelle Jelinek nennen – gestehe ich natürlich auch allen deutschen KollegInnen zu, die ein Vorbild suchen…
Ich erinnere an die unglaublichen Jelinek-Beschimpfungen aus Anlass der Verleihung des Literaturnobelpreises – allen voran der Spiegel (eine Analyse der Unterstellungen und Anfeindungen würde die Erfolge in der Frauenfrage gehörig ins rechte Licht stellen) –, Jelineks Literatur sei zu österreichisch, zu regional, zu sehr Frauenliteratur (oder, wollen wir doch zitieren, dieses geifernde Ressentiment: »Quoten-Nobelpreis … Kaschmirschal-Alpen-Antifaschismus … austriakische Sentenzen, in denen Alpinisten, Faschisten und Geschlechtsorgane durcheinander purzeln … schwer verdauliche Sado-Maso-Schinken, … pornographische Edelschocker …« oder schlicht »degenerativ« nannte es die Zeitung des Vatitkan) undsoweiter. In der Begründung der Nobeljury heißt es dagegen (u.a.): »Für den musikalischen Fluß von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen.«
Bei Jelinek ist die Perspektive der Protagonistinnen nicht eine leidende, die anrührt und traurig macht, sondern die Zumutungen werden in der vollumfänglichen Perversion be- und geschrieben. Nicht eingeschrieben, sondern in der Schrift aufgefasst und erfasst. Dazu ist eine weibliche Perspektive in der Lage – wenn auch nicht immer in der Jelinek’schen Genialität und grausamen Präszision.

Perspektiven
In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts sagte Virgina Woolf: »Wir nähern uns einer Zeit, falls sie noch nicht erreicht ist, da ihr Werk [das der schreibenden Frau] nahezu oder gänzlich frei von fremdem Einfluß ist, der es trübt. Sie wird imstande sein, sich ohne äußere Ablenkung auf das von ihr geschaute Bild zu konzentrieren« (Woolf, Frauen und erzählende Literatur).
Das größte Thema für schreibende Frauen, die Sache, mit der sie sich auseinandersetzen sollen, ist für mich die Perspektive, die uns zu interessieren hat, vorrangig!
Nämlich in einem wörtlichen Sinn. Immer noch ist in Texten von Frauen der Blick ein männlich-verstellter, ebenso bestechlich wie lauernd auf die Geschlechtsgenossinnen und die Männer gerichtet wie von männlicher Seite. Dass Frauen anders lesen und anders schreiben, gilt heute als Konsens. »Frauen sind Frauen, das ist eine unumstößliche tautologische Wahrheit. Sie müssen es sich nicht erstreiten, daß sie sie selber sein dürfen, im Gegenteil, sie dürfen nichts anderes als sie selber sein.« (Jelinek, Frauenraum) Es kommt also darauf an, sowohl sein Selbstbwusstsein als schreibende Frau, Autorin zu stärken und dann auch wieder darauf zu pfeifen, sich nicht beschränken lassen, einsperren, in diesen Frauenraum, zurückwerfen lassen auf die innere Zensur, weil die immer noch leichter möglich ist.
Meiner Meinung nach wird dies weiterhin zu wenig selbstbewusst vollzogen: weil Kolleginnen (eine nachvollziehbare?) Angst davor haben, als „schreibende“ „Frau“ wahrgenommen und diffamiert zu werden. Was passiert und auch weiterhin passieren wird. Aus der selbstbewussten weiblichen Perspektive kann denn auch natürlich jedes Thema beleuchtet werden, wie groß oder klein es angeblich sein mag.

„Ich habe eine Perspektive“ bezieht sich auf die Möglichkeit, das Wissen darum, wie es weitergeht (oder anfängt). Ich weiß, was ich will, ich weiß, wie ich das erlangen kann. Ich bin mir bewusst, dass es Schwierigkeiten, gläserne Decken, scheinbar unüberwindbar gibt. Hier, finde ich, sollte auch ein Forum für Autorinnen ansetzen: Ist-Zustände hinterfragen. Perspektiven entwickeln. Aus der gleichzeitig schwachen und starken Position heraus, die aber nicht zusätzlich von uns Autorinnen geschwächt, heruntergemacht, auf den kleinen, privaten Raum beschränkt werden darf. Was ich immer wieder als sehr große Herausforderung empfinde

Siehe http://www.autorinnenforum.de/

Literatur
Elfriede Jelinek: Frauen; Frauenräume http://ourworld.compuserve.com/homepages/elfriede/.
Hiltrud Gnüg/Renate Möhrmann (Hg.): Schreibende Frauen. Frauen – Literatur – Geschichte, Frankfurt 1989.
Herta Müller: Hunger und Seide, Essays, Reinbeck 1997.
Ilma Rakusa: Farbband und Randfigur, Graz 1994.
Stella Rollig/Eva Sturm (Hg.): Dürfen die das? Wien 2002.
Virgina Woolf: Frauen und Literatur, Essays, Frankfurt 1992.

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